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Mindestlohn für alle – auch für Menschen mit einer Behinderung

Ein Kommentar von Nadja Fischer zu dem Artikel „Die Aussortierten“

Seit 2015 gibt es den Mindestlohn in Deutschland. Der Mindestlohn mauserte sich von 8,50 Euro (2015) auf 9,19 Euro (2019). Ausgenommen sind Praktikanten und Menschen, die eine von der Arbeitsagentur geförderte Maßnahme zum Erwerb einer Einstiegsqualifikation absolvieren.
Setzen wir unseren Fokus auf Menschen mit einer Behinderung, die in einer Werkstatt für Menschen mit einer Behinderung arbeiten und ihre erste Berufserfahrung sammeln. Es gibt Menschen mit einer geistigen, einer körperlichen oder mit einer geistigen und körperlichen Behinderung. Dimi, über den wir in unserer Juni-Ausgabe berichtet haben, hat eine körperliche Behinderung, hat aber geistig keine Einschränkung.

Dimi, wie auch alle anderen, stehen jeden Morgen auf, machen sich fertig und fahren zur Arbeit. Von 8 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags verrichten sie ihre Arbeit und sind ein kleines Zahnrädchen im System. Acht Stunden arbeiten. Ziehen wir einmal großzügig zwei Stunden Pause ab – bleiben noch sechs Stunden. Diese sechs Stunden Arbeitszeit verrichten die Menschen an fünf Tagen die Woche und das vier Wochen im Monat. Das sind ungefähr 120 Stunden im Monat und das für einen Lohn von 80 Euro monatlich. Ja, richtig gelesen – 80 Euro im Monat. Das wäre ein Stundenlohn von knapp 66 Cent. Angenommen Sie, lieber Leser, oder ich hätten uns das Bein und den Arm gebrochen und müssten trotzdem arbeiten gehen – Wer von uns würde denn für einen Stundenlohn von 66 Cent überhaupt erst aufstehen?

Warum beutet man Menschen mit einer Behinderung dermaßen aus? Selbst das Argument – ja, die brauchen doch Pflegekräfte und Hilfe – ist in meinen Augen nur eine Ausrede, die zum Teil nicht zutrifft. Dimi kann kein Auto fahren und wird von einem Fahrdienst abgeholt, solch einen Fahrdienst bieten große Unternehmen ihren Arbeitnehmern auch an.

Wie kann es sein, dass Deutschland so arm ist und nicht einmal genügend Geld aufbringen kann, um Menschen, die in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten, ordentlich zu bezahlen?




Die Aussortierten

„Seit ich sechs bin, weiß ich, dass ich an Muskeldystrophie Typ Duchenne leide. Meine Kraft hatte nachgelassen und ich tat mich schwer beim Treppen steigen“, erzählt Dimi. In der Schule ist er die Treppen runtergefallen: „Ein Aufzug in der Schule wäre gut gewesen.“ Seine Mitschüler hänselten ihn so lange, bis er die Schule wechselte. Mittlerweile arbeitet der Künzelsauer in einer Behindertenwerkstatt.

In der neuen Schule damals wartete Dimi auf einer Liege sitzend, als die Aufsichtsperson kurz das Zimmer verließ. Dimi verlor das Gleichgewicht und stürzte. „Ich habe mir den Oberarm und den Oberschenkel gebrochen, hatte am selben Tag noch eine
Notoperation und lag dann zwei Monate im Krankenhaus“, schildert der 24-Jährige, den der Gedanke an den Unfall von 2011 noch immer belastet. Ab hier änderte sich sein Leben komplett: „Seitdem habe ich keine Kraft mehr, irgendetwas alleine zu machen. Ich kann mich noch nicht mal alleine anziehen und bin nun Pflegestufe drei. Ich kann nicht mehr alleine stehen, weil ich mein Knie nicht belasten kann.“

Der Künzelsauer macht das Beste aus seinem Alltag. Er steht um 5.30 Uhr auf und sein Papa hilft ihm aus dem Bett, auf die Toilette und zieht ihn an. Um 7 Uhr geht es mit dem Treppenlift nach unten und sein Papa hilft ihm in den 150 Kilogramm schweren elektrischen Rollstuhl. „In der Wohnung habe ich einen anderen Rollstuhl“, erklärt Dimi. Dann wartet er auf den Transport zur Arbeit. Bis Ende 2018 hat er in den Krautheimer Werkstätten im so genannten Berufsbildungsbereich gearbeitet. Sascha Sprenger, Pressesprecher des Landratsamtes des Hohenlohekreises, erklärt: „Behinderte Menschen, die wegen Art oder Schwere ihrer Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden können, können in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten. Der behinderte Mensch beginnt in der Werkstatt im so genannten Eingangsverfahren (Dauer: drei Monate), anschließend folgt der Berufsbildungsbereich (zwei Mal zwölf Monate) und im Anschluss daran wechselt der behinderte Mensch in den Arbeitsbereich.“ Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und freitags bis 12 Uhr wiegt Dimi Schrauben ab, verpackt sie und klebt Etiketten auf die Verpackung. Mittwochs ist er in der Telefonzentrale, nimmt Anrufe an und verbindet den Anrufer. Sprenger bestätigte das Gehalt das Dimi für seine Tätigkeit bekommt: „Während des Berufsbildungsbereiches erhält der behinderte Mensch ein so genanntes Ausbildungsgeld. Im ersten Jahr des Berufsbildungsbereiches erhält der behinderte Mensch monatlich 67 Euro und im zweiten Jahr 80 Euro.“ Dimi ist nun in Frührente, denn nun hat er „im Monat um die 700 bis 800 Euro zur Verfügung“.

Landratsamt: „Der behinderte Mensch erhält im ersten Ausbildungsjahr 67 Euro im Monat.“

Künzelsau ist nicht immer einfach zu durchfahren im Rollstuhl. „In die Drogerie Müller kann ich nicht, weil ich mit dem Rollstuhl nicht durchpasse. In Künzelsau sind viele Schlaglöcher und die Autos parken einfach auf dem Bürgersteig und ich passe mit dem Rollstuhl nicht mehr durch“, erzählt er kopfschüttelnd. „Menschen mit Behinderung können das Eingangsverfahren und den Berufsausbildungsbereich im Hohenlohekreis in der Lebenswerkstatt in Ingelfingen, den Krautheimer Werkstätten in Krautheim und dem Therapeutikum in Öhringen absolvieren“, so Sprenger. GSCHWÄTZ-Redakteurin Nadja Fischer hat daraufhin die Krautheimer Werkstätten besucht. Die Krautheimer Werkstätten haben ungefähr 80 Beschäftigte. „Viele davon mit schwerster körperlicher Behinderung, die es ohne Pflege nicht über den Tag schaffen“, erzählt Stefan Blank, Geschäftsführer der Krautheimer Werkstätten.

In den Krautheimer Werkstätten können die Menschen mit Behinderung, laut Blank, Schrauben abzählen und verpacken, Gebrauchsanweisungen drucken oder Bücher sortieren und zum Verkauf online stellen. „Die Menschen verdienen monatlich um die 200 bis 300 Euro. Denn die 12.000 Euro Umsatz werden direkt in den Lohn umgelegt. Durch die gesellschaftliche Teilhabe fallen sie so vielleicht nicht in eine Depression, weil sie jeden Morgen aufstehen und eine Aufgabe haben“, meint Blank. Mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten sei auch immer wieder eine Herausforderung: „Um die Arbeit zu erleichtern und Fehler zu vermeiden gibt es zum Beispiel Zählbretter. Ein Mitarbeiter hat aufgrund seiner Erkrankung so stark zitternde Hände, dass er sehr lange braucht, um einen Lieferschein zu schreiben. Wir haben es geschafft, eine Augensteuerung von der Krankenkasse bewilligt zu bekommen. Nun kann er seinen Lieferschein mit den Augen schreiben. Mit seiner Pupille fixiert er für sechs Sekunden am Computer einen Buchstaben und dann wird dieser Buchstabe sozusagen getippt.“

„Zum 01. April 2019 hatten wir im Hohenlohekreis insgesamt 8.635 Personen mit einer Schwerbehinderung (= Grad der Behinderung ab 50 bis 100 Prozent), davon sind 2.038 Personen mit einem Grad der Behinderung von 100 Prozent“, so Sprenger.

Dimi genießt nun seine Frührente. Er möchte in Reha gehen und mehr Zeit in seinen Livestream bei YouNow investieren. Dimi schwärmt von Amerika: „Ich möchte einmal nach New York und Kalifornien. Ein Flug mit einem E-Rollstuhl wird zwar nicht einfach, aber vielleicht klappt es irgendwann.“ Er kämpft weiter und hofft, dass es vielleicht bald in Deutschland ein zugelassenes Medikament gegen seine Krankheit gibt.

Duchenne-Muskeldystrophie (DMD)

Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) ist eine schwere und lebensbedrohende genetische Erkrankung. Sie betrifft vorwiegend Jungen und ist selten: Einer von 3.600 bis 6.000 lebend geborenen Jungen erkranken. Kinder mit DMD verlieren fortschreitend Muskelgewebe. Dabei tritt in der frühen Kindheit, beginnend im Alter von zwei bis drei Jahren, eine Muskelschwäche in Erscheinung.
Der Muskelverlust im Rahmen der DMD führt dazu, dass die Kinder Meilensteine ihrer motorischen Entwicklung, zum Beispiel Gehen, verspätet erreichen. Dem natürlichen Krankheitsverlauf entsprechend verlieren Kinder mit DMD ihre Gehfähigkeit und sind im frühen Teenager-Alter auf einen Rollstuhl angewiesen. Nach dem Verlust der Gehfähigkeit folgt meist eine geschwächte Atemmuskulatur und der Funktionsverlust der Oberkörpermuskulatur. (Quelle: www.duchenne.de)

 




Hohenlohe: Manuela Dewald neue Behindertenbeauftragte

Manuela Dewald ist seit 1. November 2018 neue Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen (kommunale Behindertenbeauftragte). Das geht aus einer Pressemitteilung des Landratsamtes des Hohenlohekreises vom 08. November 2018 hervor.

Behindertenbeauftragte kümmern sich laut dem Landratsamt um die Umsetzung des Landesgleichstellungsgesetzes vom Dezember 2014.  Sie steht den Menschen mit Behinderung sowie ihren Angehörigen und Vertretern als auch Vereinen,  Verbänden und Selbsthilfegruppen als Ansprechpartnerin für Beratung und Information zur Verfügung.  Außerdem berät sie bei kommunalen Planungen sowie bei Belangen, bei denen Menschen mit Behinderung betroffen sind. Die Stelle ist dem Dezernat für Familie, Bildung und Gesundheit zugeordnet. „Ich freue mich sehr, dass die Stelle nun wieder besetzt ist und wir mit Manuela Dewald eine erfahrene Verwaltungsmitarbeiterin für die Aufgabe gewinnen konnten“, erklärt Landrat Dr. Matthias Neth. Als erste Amtshandlung besuchte Manuela Dewald zusammen mit Dr. Neth und Sozialdezernentin Ursula Mühleck den Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK e.V.) in Krautheim.

Manuela Dewald hat seit 1. Januar 2016 als Sachbearbeiterin für den Bereich Asylbewerberleistung im Amt für Ordnung und Zuwanderung im Landratsamt Hohenlohekreis gearbeitet. Zuvor war sie bei der Stadt Heilbronn tätig.

Quelle: Pressemitteilung des Landratsamtes des Hohenlohekreises vom 08. November 2018

Foto: Landratsamt Hohenlohekreis