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„Wenn das nicht reicht, dann ist eh alles verloren“

Zwei große Kritikpunkte gab es in der Gemeinderatssitzung in Künzelsau vom Dienstag, 13. September 2022, an einem grünen Wohnbauprojekt auf Schloß Stetten (GSCHWÄTZ berichtete). Der erste Punkt war die Sorge, ob auf der Höhe von Schloß Stetten bei einem eventuellen Brand genügend Löschwasser für die bestehenden Gebäude, das Medizinzentrum und die zusätzlich geplanten Häuser zu Verfügung steht. Diese Sorge konnte Christian von Stetten – er sprach nicht als Gemeinderat sondern in seiner Rolle als Investor – den Gemeinderät:innen rasch nehmen: Drei Wasserreservoirs stehen auf dem Gelände zur Verfügung, in denen zum Beispiel das Oberflächenwasser von den Gebäudedächern aufgefangen wird. Dazu käme noch ein 10m x 20m großes Schwimmbad: „Wenn das nicht reicht, dann ist eh alles verloren“, meinte von Stetten.

„Green Village“

So stellt sich Christian von Stetten das „Green Village“ vor. Inzwischen sind sogar bis zu 11 Häuser geplant. Foto: Sitzungsunterlagen

Westlich des bisher bebauten Gebietes und südlich des Ärztehauses plant Christian von Stetten ein „Green Village“ mit im Endausbau elf Häusern und maximal 121 Wohneinheiten. „Green“ unter anderem deshalb, weil die Häuser an die bereits bestehende Fernwärmeversorgung aus einem Hackschnitzelkraftwerk angeschlossen werden sollen und weil die Stromversorgung komplett durch die bereits bestehende Solaranlage geplant ist. Außerdem soll die Wohnanlage oberirdisch von Autoverkehr frei werden und intensiv begrünt werden.

Umfangreiche Gutachten

Mehr als 200 Seiten Gutachten und Anmerkungen der „Träger öffentlicher Belange“, etwa bezüglich Fauna und Flora, zum Artenschutz, der Verkehrssituation, der Geräuschimmission oder der Entwässerung, wurden dem Gemeinderat vorgelegt. Da alle kritischen Anmerkungen in den Bauantrag eingearbeitet waren, blieb nur noch der letzte Kritikpunk übrig:

Es fehlt in Künzelsau an bezahlbarem Wohnraum

„Die Wohnungen dort sind für Wohlhabende“, stellt Rainer Süßmann unwidersprochen fest. Das Thema bezahlbarer Wohnraum gehe bei den aktuellen Themen leider unter, meint er und fordert, „großes Augenmerk darauf zu legen, sonst gibt es richtig Ärger“. Eine „Durchmischung von Betuchten und weniger Betuchten“ fordert Hans-Jürgen Saknus und schlägt vor, 30 Prozent der Wohnungen mietpreisgebunden zu errichten. Robert Volpp springt seinem Fraktionskollegen Christian von Stetten bei: „Man muß doch froh sein, wenn Wohnraum geschaffen wird. Wenn die Stadt ein Gebiet plant, dann ist das sinnvoll, aber doch nicht bei einem privaten Investor.“

Bauprojekt in Mäusdorf

Von Stetten kann den Gemeinderat beruhigen: Er plant bereits in der alten Molkerei in Mäusdorf den Bau von etwa 30 preiswerten oder sozialgebundenen Wohnungen. Das Gebäude hat seine Gesellschaft bereits gekauft.

Abstimmung

Ohne Gegenstimme wird der Antrag, den Bebauungsplan in der vorgelegten Form mit den eingearbeiteten Änderungen zu beschließen, bei sechs Enthaltungen angenommen. Die Verwaltung wird ermächtigt, die öffentliche Auslegung durchzuführen.

Text: Matthias Lauterer




„Da stimmt die Reihenfolge nicht“

Ein weiteres Bauprojekt beschäftigte den Künzelsauer Gemeinderat am 18. Januar 2022: Die Firma Merz Objektbau, die auch das ehemalige Mustang-Gelände projektiert, präsentiert eine Planung, die zwei noch unbebaute städtische Grundstücke auf Taläcker mit Wohnraum und einem Verbrauchermarkt bebauen soll. Eine auf den ersten Blick bestechende Lösung: Ein Verbrauchermarkt auf Taläcker wird von der dortigen Bevölkerung gewünscht, Wohnungen sind in Künzelsau ohnehin Mangelware. Darüber hinaus will der Investor 80 Prozent der Wohnungen im Rahmen des „sozialen Wohnungsbaus“ errichten, einzig die oberen Penthousewohnungen – aus denen man eine wunderbare Aussicht nach Osten über die Stadt haben dürfte, sollen auf dem freien Wohnungsmarkt angeboten werden.

Blau umrandet: Die mögliche Baufläche. Foto: Sitzungsunterlagen

Genaugenommen handelt es sich bei der Fläche um zwei Grundstücke, das südliche hat rund 3.000 Quadratmeter, das nördliche ist doppelt so groß. Auf diesen Grundstücken will Jannis Merz, Architekt und Geschäftsführer der Merz Objektbau, drei zusammengehörige Gebäude erstellen: Im Süden ein L-förmiges Wohngebäude mit 3 Vollgeschossen und einem Penthousegeschoß, in der Mitte einen Verbrauchermarkt, dessen Dach – das Grundstück hat ein Gefälle – begrünt werden und als Park und Begegnungsort genutzt werden soll sowie eine weitere Wohneinheit mit 3 Stockwerken plus Penthouse im Norden.

Verwaltung will die Grundstücke an Investor veräußern

Der Antrag der Verwaltung lautet nun, die beiden Grundstücke an die Merz Objektbau zu veräußern, um das geplante Projekt verwirklichen zu können.

Die Vision von Jannis Merz: Blick von Südwest in die Max-Beckmann-Strasse. Foto: Sitzungsunterlagen

Ernüchterung für den Architekten

Auch diese Diskussion beginnt mit großer Ernüchterung für den Architekten – hat doch Hans-Jürgen Saknus herausgefunden, dass der Südteil des Grundstücks ursprünglich für einen Kindergarten vorgesehen ist und bereits Baurecht für einen Kindergarten vorliegt.

Zusammenhang mit dem Streitpunkt Kinderhaus?

Da gerade vorher über die umstrittene Erweiterung des Kinderhauses am Fluß um 2 Gruppen diskutiert wurde, denkt der unbefangene Beobachter sofort an einen Zusammenhang: Sollen die beiden zusätzlichen Gruppen für das Kinderhaus am Kocher etwa die Kinder aus Taläcker aufnehmen, damit das Projekt der Firma Merz Objektbau dieses Projekt umgesetzt werden kann?

Die Fraktion von SPD und GRÜNEN sieht auf jeden Fall die Belange von Familien mit Kindern durch das Projekt hintenangestellt und setzt eine klare Bedingung: sie will nur zustimmen, falls auf dem Gelände sowohl ein Verbrauchermarkt als auch ein Kindergarten verwirklicht werden – denn genau das seinen die Anforderungen der Bevölkerung.

Bürgermeister Neumann herrscht Saknus an „Was wollen Sie eigentlich bezwecken?“ und wirft ein, dass das Projekt doch 80 Prozent Wohnungen für den sozialen Wohnungsbau bereitstellt, was eines der gemeinsam beschlossenen Ziele der Stadt sei. Er bezeichnet das Vorpreschen von Saknus als „unfair“ und betont, dass für den Kindergarten weitere Grundstücke bereitstünden – welche, sagt er nicht.

Inhalte alter Protokolle werden durch den Raum geworfen

Und wieder, wie auch beim Kinderhaus, gehen zwischen Verwaltung und Räten Zitaten aus alten Protokollen hin und her.
Neumann wirkt angegriffen, es „geht lediglich um die Sicherung der Grundstücke“, sagt er – das entspricht allerdings nicht dem Antrag aus seiner Verwaltung, der von „Veräußerung“ spricht.

Jannis Merz schüttelt von Zeit zu Zeit den Kopf.

„Ich komme langsam nicht mehr mit“

Robert Volpp (CDU) zeigt sich überrascht: „Wir wollten mietpreisgebundene Wohnungen und jetzt haben wir diese. Ich komme langsam nicht mehr mit, was dieser Gemeinderat will.“ Und Erhard Demuth (SPD/GRÜNE) fühlt sich gar als ein „gebranntes Kind“, wenn er bei Merz Objektbau ans Mustang-Areal denkt.

Auf die Sachebene zurück kommt endlich Reintraud Lindenmaier mit ihrer Forderung „Vor einer Veräußerung muss geklärt sein, wo ein Kindergarten hinsoll“. Da ist sie einer Meinung mit Boris d’Angelo (UBK), der sagt: „Die Reihenfolge stimmt nicht. Erst müssen wir die Kindergartenplanung fertigstellen. Es ist schwierig, anderswo Baurecht für einen Kindergarten zu schaffen.“ Was Boris d’Angelo mit der falschen Reihenfolge meint: Die Planung für eine eventuelle Erweiterung der beiden bestehenden Kindergartenstandorte, die in mehrerlei Hinsicht nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind, ist zwar im Gang, aber Stefan Neumann kann aber noch keinen Zeitpunkt nennen, bis wann ein Konzept auf dem Tisch liegen wird. Trotzdem liegt ein möglicherweise schnell realisierbarer Vorschlag auf dem Tisch, der den Verlust des möglicherweise einzigen Alternativstandorts bedeuten würde.

„Wir sind keine Haie, die sich das ganze Grundstück krallen wollen“

Jannis Merz. Bild: Merz Objektbau

Schließlich bringt Jannis Merz selbst einen Vorschlag ins Spiel: „Wir sind keine Haie, die sich das ganze Grundstück krallen wollen.“ Er will Sicherheit, dass die bereits investierte Zeit und die folgenden Arbeiten nicht fruchtlos sind: „Unser Ziel ist es, ein Grundstück zu sichern, egal wie groß. Wir brauchen Sicherheit. Und die größte Sicherheit ist, dass der Gemeinderat hinter dem Projekt steht.“  Ursprünglich hat er auch nur das nördliche, größere Grundstück geplant. Er betont, dass aus Kreisen der Stadt Künzelsau die Anregung gekommen sei, beide Grundstücke zu planen. Für ihn sei wichtig, eine konkrete Zusage des Gemeinderates zu haben, da er die Verhandlungen mit dem Discounter finalisieren wolle.

Kompromißlösung

Auf dieser Grundlage kann sich der Gemeinderat darauf verständigen, das größere Grundstück an die Merz Objektbau zu verkaufen – unter der Voraussetzung, dass Merz bis Ende des zweiten Quartals eine Vertrag mit dem Unternehmen NETTO sowie eine detailliertere Planung vorlegen kann – auch der Gemeinderat braucht Sicherheit. Merz sichert die Erfüllung dieser Bedingungen zu. Sollte er die Bedingungen erfüllen, steht einem Verkauf zum Ende des zweiten Quartals 2022 nichts mehr im Wege.

Verständigung, aber keine Einigkeit

Einig war sich der Gemeinderat allerdings nicht: Der Beschluß erging mit 13 Ja-Stimmen, 7 Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen.

Text: Matthias Lauterer