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Das Schlimmste, was Eltern passieren kann

Sie hat das Schwerste erlebt, was Eltern passieren kann: 2009 starb Daniela Beckers Sohn Balduin mit nur drei Monaten im Krankenhaus. Die Trauer war unendlich groß. Aus diesem Erleben heraus gründete die Potsdamerin den Verein Balduins Box. Eine Baby-Erste-Hilfe-Beraterin hatte sie auf die Idee gebracht. Der nach ihrem Sohn benannte Verein gestaltet und verschickt sogenannte Trauerboxen.

Tod und Trauer sollten nicht verdrängt werden

„Wenn wir negative Gefühle zulassen, können wir diese auch wieder loslassen“, ist die zweifache Mutter überzeugt. Man müsse sich mit der Trauer auseinandersetzen, was viele Menschen nicht gerne tun würden. Tod und Trauer sollten aber nicht verdrängt werden, denn erst durch Verdrängung entstünden anschließend Probleme zum Beispiel psychischer Art. Und genau hier setzt Balduins Box an: Die Kiste will Mut machen, die Trauer zu leben, und dazu eine Hilfestellung geben. Und sie zeigt auch: Hier denkt jemand an dich. „In großen menschlichen Krisen kann man selbst nicht viel tun, als da zu sein“, glaubt Daniela Becker. Viele Menschen stellten sich bei einem Trauerfall die Frage, was sie tun könnten, um die Trauerenden zu unterstützen, und wie sie das richtig machen. Mit so einer Box könne man nicht viel falsch machen. „Sie ist eine Form des Kondolierens, die individueller ist als eine Karte, für die man selbst aber nicht so viel tun muss“, erklärt die gebürtige Rheinländerin.

„Dinge, die der Trauer helfen“

In die Kiste aus Karton, etwas kleiner als ein Schuhkarton, kommen Dinge, „die der Trauer helfen“: Lieder, Texte, ein CD-Booklet mit Songtexten, die man sich herunterladen kann, Kerzen und Pergamentpapier, ein Büchlein zum Malen und Schreiben, Engelsflügel, Stifte, Rosenquarze und Postkarten mit Sprüchen. Es können auch persönliche Dinge hinzugefügt oder anderes herausgenommen werden. „Das Wichtigste liegt oben drin: eine Anleitung zur Box“, erklärt die Vereinsgründerin.

Jede Box ein Unikat

„Bei einem Kindertrauerfall gibt’s Kinder-Erwachsenenboxen, aber hauptsächlich sind sie für Erwachsene und Jugendliche ab etwa 13 Jahren gedacht“, sagt sie. Jede ist ein Unikat, wird individuell bemalt. Der Verein bestellt die Zutaten und verteilt sie als Packsets an Schulen oder Familien, die sie liebevoll anmalen und bestücken. Anschließend gehen sie an den Verein zurück, der sie dann wiederum weitergibt. Oder der Verpacker verschickt sie direkt an Trauerende. Abnehmer sind Krankenhäuser, Altenheime, Bestatter, Hebammen oder Privatpersonen. Auch Seelsorger von der Polizei nahmen solche Boxen mit, wenn sie Angehörigen eine schreckliche Nachricht überbringen müssen.

„Wir haben eine sehr gute Resonanz“

Rund 10.000 Boxen wurden so im Laufe der Zeit verschickt, schätzt die 46-Jährige. Sie werden bundesweit vergeben, so manche sei aber auch schon ins europäische Ausland wie Belgien, Frankreich oder die Schweiz gegangen. Eigens dafür will der Verein nun die Texte, die in die Box kommen, übersetzen lassen. „Wir haben eine sehr gute Resonanz“, freut sie sich. Erst in jüngster Zeit habe sich eine Dame, die selbst eine Box bekommen hatte, dazu entschlossen, den Verein mit ihrer Hilfe zu unterstützen.

„Wir brauchen dringend Spendengelder“

Der Verein bestreitet seine Arbeit nur über Spendengelder. Zehn Jahre lang bezuschusste Daniela Becker Balduins Box aus privatem Eigenkapital. „Doch wenn der Verein groß werden soll, geht das natürlich nicht mehr“, sagt sie. Das Bestellen der Packsets kostet zunächst einmal nichts. Aber es entstehen Kosten von 18 Euro pro Box. Außerdem beschäftigt Daniela Becker neben drei ehrenamtlichen Helfern noch drei geringfügig Beschäftigte. Gerne würden sie und ihre Mitstreiter noch mehr machen, dafür sei aber ein regelmäßiger Geldzufluss nötig: „Wir brauchen dringend Spendengelder.“ Deshalb denkt die Potsdamerin jetzt an den Aufbau eines Systems auf Share-Basis mit Leuten vor Ort, die die Kisten verteilen. „Das ist nachhaltiger und regionaler und außerdem ist der Bedarf da“, hat sie festgestellt.

Corona-freundliche Anteilnahme

Auch in der momentan schwierigen Corona-Situation sei die Box ein ideales Mittel, um Mitgefühl zu zeigen, denn „alle sitzen zu Hause und niemand soll sich treffen“. Mit der Box aber gehe Anteilnahme Corona-freundlich.

Hilfe bei der Organisation des Trauerfalls

Daniela Becker ist überzeugt, dass ihr eine solche Box auch geholfen hätte, als ihr Sohn starb: „Man hat sich damals nicht wirklich mit der Trauer auseinandergesetzt.“ Außerdem könne die Kiste auch bei der Organisation des Trauerfalls helfen, zum Beispiel Ideen geben für die Trauerfeier.

Der Verein Balduins Box hat seinen Sitz in Potsdam. Für Spenden und weitere Informationen: https://balduinsbox.org/.

Text: Sonja Bossert

 

Daniela Becker gründete den Verein Balduins Box 2009. Foto: Balduins Box gemeinnütziger e.V.

Die Boxen werden liebevoll und individuell von Hand bemalt. Foto: Balduins Box gemeinnütziger e.V.

 

In die Boxen kommen Dinge, die bei der Trauerarbeit helfen können. Foto: Balduins Box gemeinnütziger e.V.