Es ist Montagmorgen, halb neun. Nach den heißen Tagen der vergangenen Wochen weht ein kühler Wind durch Mulfingen. Ich sitze auf der Mitfahrerbank in der Ortsmitte und warte darauf, dass eines der zahlreichen Autos, die vorbeifahren, mich mitnimmt. Als Zielort weist der Pfeil über mir Ailringen aus. Doch erstmal geschieht – nichts. Die Autofahrer schauen freundlich-neugierig, aber keiner hält an. Vielleicht liegt es am Ziel? Fährt niemand nach Ailringen?

Sonja Bossert hat die Mitfahrbank ausprobiert. Fazit: Von Mulmigen in die Teilorte zu kommen, ist kein Problem – nur zurück nach Mulfingen. Entsprechende Bänke sollen erst im Herbst aufgestellt werden.
Foto: GSCHWÄTZ
„Es kommt wohl auf das Erscheinungsbild an.“
Also ändere ich die Richtung. Nun will ich nach Buchenbach. Ich sitze kaum wieder, höre ich es schon rufen: „Wollen Sie mitfahren?“ Die nette Fahrerin, Carla Müller aus Buchenbach, hat noch nie jemanden auf der Bank sitzen sehen und deshalb ist es heute auch für sie das erste Mal, dass sie jemanden mitnimmt. Hätte sie auch für einen Mann angehalten? „Bei einem Fremden hätte ich mir das schon überlegt“, sagt sie. „Es kommt wohl auf das Erscheinungsbild an.“ Die Idee der Mitfahrerbank findet sie gut, „besonders für ältere Menschen ist das doch geschickt“. Allerdings hat sie das Gefühl, dass die Bank noch nicht so frequentiert wird. Das könnte aber auch an der Uhrzeit liegen.

Carla Müller aus Buchenbach nimmt Sonja Bossert mit.
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Wer eine Fahrgelegenheit sucht, dreht die Anzeigentafel mit dem Zielort nach oben und setzt sich dann auf die Bank.
Die Bank – die ihr leuchtendes Rot einer Farbe im Gemeindelogo verdankt – steht seit etwa einem Jahr in Mulfingens Ortsmitte an der Theresienwiese. Das Konzept dahinter: Wer von Mulfingen in einen der Teilorte möchte und weder Auto noch eine sonstige Fahrgelegenheit hat, dreht die Anzeigentafel mit dem Zielort nach oben und setzt sich dann auf die Bank. Sobald ein Autofahrer vorbeikommt, der in die gleiche Richtung will, kann er den Wartenden mitnehmen.
Es sollen weitere Bänke aufgestellt werden
Ideengeber war Dr. Horst Geiger, der ursprünglich aus Rheinland-Pfalz stammt und solche Bänke dort das erste Mal gesehen hatte. Als Mitglied vom Verein ProMu Gemeinsam Zukunft Mulfingen Gestalten e.V. fand er schnell Mitstreiter. „Wir haben die Bank mit Anzeigenpfosten und den Richtungstafeln selbst konstruiert und gebaut“, erzählt Vereinsmitglied und langjähriger erster Vorsitzender Fritz Korn. Auch die Finanzierung hat der Verein übernommen, die Volksbank beteiligte sich mit Spenden. „Die Stadt hat unsere Initiative positiv aufgenommen, die Kommune steht hinter uns“, so Korn weiter. Der Standort wurde mit dem Bürgermeister abgesprochen und gemeinsam mit Mitarbeitern vom Bauhof wurde die Bank aufgestellt. Um diese kümmert sich weiterhin der Verein, den Platz drumherum pflegt der Bauhof. Im Herbst sollen weitere Bänke in den Teilorten auf der Höhe aufgestellt werden, damit man von dort auch wieder zurückfahren kann.

Friedrich Korn auf der Mitfahrbank in Mulfingen.
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„Der Standort direkt in der Kurve ist nicht ideal.“
Natürlich hat Fritz Korn die Bank selbst ausprobiert. „Eine Viertelstunde war nötig, dann hat jemand angehalten“, erzählt er. Oft werde die Bank auch einfach als Sitzgelegenheit genutzt. Er habe beobachtet, dass Autofahrer genau im Blick hätten, ob sich an der Bank etwas tue.
Ein Manko gibt es: „Der Standort direkt in der Kurve ist nicht ideal.“ Autofahrer aus dem oberen Jagsttal sehen Mitfahrwillige erst im letzten Moment. Auch Anhalten ist hier schlecht. Deshalb gibt es Überlegungen, die Bank für Mitfahrer ins untere Jagsttal an den Brunnen in der Hauptstraße zu verlegen. Für jene, die ins obere Jagsttal wollen, soll es dann eine zweite Bank gegenüber vom jetzigen Standort geben.
Doch wie sieht es aus, wenn ein Unfall passiert? „Das Angebot setzt auf den Freiwilligkeitscharakter bei beiden Seiten“, sagt Fritz Korn. Das Ganze geschehe auf privater Basis, im Fall der Fälle springt die Fahrzeughaftpflichtversicherung ein. Außerdem sollen Mitfahrende mindestens 16 Jahre alt sein.
Auch in Künzelsau sollen noch in diesem Jahr Mitfahrerbänke aufgestellt werden. Und zwar in Zusammenarbeit mit der Hochschule im Bereich der oberen Hauptstraße und des Reinhold-Würth-Hochschul-Campus. Einen genauen Termin gibt es allerdings noch nicht.

Mitfahrbänkle in Niedernhall. Bürgermeister Achim Beck: „Es gibt keine Zahlen, wie oft die Bänke genutzt werden. Wir gehen aber davon aus, dass diese durchaus ihren Nutzen haben.“
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Erstes Mitfahrbänkle in Niedernhall
Die erste Mitfahrerbank in der Region steht seit Frühjahr 2016 in Niedernhall. Mittlerweile gibt es dort vier Standorte: am Jugendhaus Giebelheide, an der Ecke Hohenloher/Schöntaler Straße auf der Giebelheide sowie an der Lindenkreuzung im Städtle und vor dem Edeka in der Criesbacher Straße. Finanziert wurden sie aus Mitteln der Bürgerstiftung, für die ein Projekt gesucht wurde, welches innovativ und zugleich auch von Bürgern für Bürger ist. Aufgestellt wurden die Bänke vom Bauhof der Stadt, der auch für die Pflege zuständig ist. Die Beschilderung hat die Firma Graf gespendet. „Mit den Mitfahrerbänken sollen die Bürger sich gegenseitig bei Fahrten unterstützen und die Anbindung für junge und alte Menschen deutlich verbessert werden“, so Bürgermeister Achim Beck. „Es gibt keine Zahlen, wie oft die Bänke genutzt werden. Wir gehen aber davon aus, dass diese durchaus ihre Nutzer haben.“