1

„Kein Mensch braucht so eine Veranstaltung“

„Ich bin seit 50 Jahren ein politischer Mensch. Diese Problematik war vor 50 Jahren schon da und ist heute immer noch aktuell. Deswegen bin ich heute hier“, erklärt Manfred Schlegel am vergangenen Montag in der Nobelgusch-Halle in Pfedelbach. Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) hat hier unter dem Motto „Weibliche Arbeit weniger wert? Hürden und Wege zur Gleichstellung“ eine Gesprächsrunde organisiert. Teilnehmerinnen sind Bundestagsabgeordneten Leni Breymaier, der Leiterin der Kontaktstelle Frau und Beruf in Heilbronn-Franken Simone Rieß und Kupferzeller Gemeinderätin Kim Alisa Wagner. Moderiert wird das Gespräch von der Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Monika Pfau.

‚Die Oma erzählt mir etwas vom Krieg‘

„Wenn ich jungen Frauen heute erzähle, sie seien benachteiligt, dann denken die: ‚Die Oma erzählt mir etwas vom Krieg‘“, stellt Leni Breymaier klar. „Zumindest ist das so, bis das erste Kind kommt.“ Dass gesamtgesellschaftlich das Bewusstsein für Gender Pay Gap, mangelnde Betreuungsmöglichkeiten und steuerlich systematische Benachteiligung von verheirateten (in den meisten Fällen) Frauen nicht so hoch ist, wie man annehmen könnte, zeigt ein Beispiel aus Daniel Vogelmanns Alltag.

Gender gap gibt es auch heute noch

Der 36-Jährige ist Vorsitzender des SPD Ortsvereins Bretzfeld-Pfedelbach. „Sicherlich kennt ihr alle WhatsApp-Statusmeldungen. Darin habe ich vergangenen Samstag die Einladung zu dieser heutigen Veranstaltung gepostet. Rund 80 meiner Kontakte haben sich das angesehen – man kann das ja nachvollziehen, wer das war. Ich bekam tatsächlich, unerwartet, Rückmeldung von vier männlichen Bekannten. Alle etwa in meinem Alter und äußerst kontrovers: Von ‚Kein Mensch braucht so eine Veranstaltung‘ und ‚Was hast du mit Frauen zu schaffen?‘ bis ‚Gute Frauen machen auch so Karriere‘. Keine davon, bin ich überzeugt, war wirklich böse gemeint, sondern eher unüberlegt und impulsiv. Sie zeigen aber alle, wie sehr sich Männer bedroht fühlen, wenn Frauen – und Männer – einmal offen über Gleichstellung sprechen und diese auch einfordern.“

soziale Berufe: a) meistens von Frauen gemacht b) schlecht bezahlt

„Kim, du arbeitest ja selbst bei der AWO. Warum werden denn diese wichtigen Arbeiten der Fürsorge a) meistens von Frauen gemacht und b) so schlecht bezahlt?“, fragt Monika Pfau im Laufe des Gesprächs. Kim Alisa Wagner antwortet: „Also da müssen wir erst einmal in die Geschichte der sozialen Arbeit gucken. Es ist einfach von jeher der Rolle der Frau zugeschrieben, dass sie sich um die Familie kümmert. Sie ist diejenige, die erzieht und die pflegt – in ihrer Familie und über ihre Familie hinaus, also auch Nachbarschaftshilfe betreibt. Wenn wir dann später gucken: Frauen, die der bürgerlichen Schicht angehörten, die durften ja auch gar nicht arbeiten. Da war es dann anerkannt, wenn sie sich sozial irgendwo engagiert haben. Tatsächlich hat es dann erst die Frauenbewegung Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts geschafft, da etwas Schwung hereinzubringen. Sie haben darauf bestanden, dass es nicht einfach einer Frau in die Wiege gelegt ist, sich um alte und um kranke Menschen zu kümmern und die Kinder einfach so zu erziehen, vor allem, wenn die Kinder Probleme mit sich bringen, weil sie irgendwelche Benachteiligungen und Handicaps haben.Und dann haben sie sich stark dafür gemacht, dass wir eine Ausbildung für den Bereich bekommen dürfen.“

Gender Pay Gap

„Es gibt verschiedene Zahlen beim sogenannten Gender Pay Gap – zwischen 20 und sieben Prozent. Was denken Sie, woher kommt das?“, fragt Monika Pfau Simone Rieß. „Es gibt da ganz ganz viele Untersuchungen dazu“, erwidert diese. „Frauen gibt es in manchen Bereichen viele, in manchen Bereichen fehlen sie. Sie haben ja schon vorhin das Thema IT und ProgrammiererInnen angesprochen. Ich denke aber auch, Frauen fehlen in manchen Karrierestufen oder sind da unterrepräsentiert. Dann ist natürlich ein Thema, dass Frauen ihre Erwerbsbiografie für Kinder häufiger und länger unterbrechen als Männer, das spielt da auch eine Rolle. Und dann sind da noch die Themen Aufwertung von frauentypischen Berufen, sprich bessere Bezahlung und Berufswahl, Rollenstereotype. Wenn wir mal schauen: welche Berufe wählen Mädchen und Jungs. Wie sind schon diese Themen in der Erziehung angelegt, also rosa und hellblau als Stichwort. Und das zahlt da alles eben leider auf diesen Gender Pay Gap mit ein.“

„Das Ziel dieses Abends ist auch vor allem die Männer mitzunehmen“

„Das Ziel dieses Abends ist auch vor allem die Männer mitzunehmen“, erklärt Pfau. „Ich denke, es geht nur gemeinsam. Da gehe ich gleich mit der Soziologin Jutta Allmendinger, die hat ein ganz tolles Buch zu dem Thema geschrieben: Es geht nur zusammen mit den Männern. Wir müssen uns mit den Männern Gedanken darüber machen, wie wir Vollzeitarbeit definieren. Reichen nicht vielleicht 30 Stunden für beide und der Rest ist dann Kinderbetreuung und Pflegearbeit von Angehörigen? Wie kriegen wir das gemeinsam hin, dass beide zufrieden sind mit dem, was sie tun?“

Text: Priscilla Dekorsi

Daniel Vogelmann, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Bretzfeld-Pfedelbach. Foto: GSCHWÄTZ

Simone Rieß, Leiterin der Kontaktstelle Frau und Beruf Heilbronn-Unterfranken. Foto: GSCHWÄTZ

Kunsthistorikerin, Kulturwissenschaftlerin und Moderatorin des Abends Monika Pfau. Foto: GSCHWÄTZ

Kupferzeller Gemeinderätin Kim Alisa Wagner. Foto: GSCHWÄTZ

Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier. Foto: GSCHWÄTZ

Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier. Foto: GSCHWÄTZ

Kim Alisa Wagner (von links), Leni Breymaier, Simone Rieß und Monika Pfau. Foto: GSCHWÄTZ

Kim Alisa Wagner (von links), Leni Breymaier, Simone Rieß und Monika Pfau. Foto: GSCHWÄTZ




„Frau sitzt da mit dem Baby auf dem Schoß und macht Homeoffice – dass das nicht funktioniert ist inzwischen einfach klar“

„Kinder, Küche, Homeoffice – Frauen zwischen Ermüdung, Armut und Aufbruch“ titelt am vergangenen Donnerstag, den 18. Februar 2021, ein Polit-Talk der besonderen Art. Dafür holt die ASF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen) die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier und Kim Alisa Wagner, Zweitkandidatin der SPD Hohenlohe zur Landtagswahl, an einen virtuellen Tisch. Entgegen dem Klischee der Polit-Manier, über die Menschen, statt mit ihnen zu sprechen, glänzt die ASF mit einem offenen Micro und dem ehrlichen Versuch, die rund 35 Teilnehmer des Online-Talks einzubinden. Monika Pfau, stellvertretende Vorsitzende der ASF, moderiert das Gespräch. Es geht unter anderem um Wege aus der strukturellen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, Erklärungen, warum Frauen einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt sind und um ein neues Selbstverständnis der Geschlechter.

„Frauen tragen nach einer Scheidung nach wie vor das Armutsrisiko“

Breymaier stellt gleich zu Beginn des Gesprächs klar: „Frau sitzt da mit dem Baby auf dem Schoß und macht Homeoffice’ – dass das nicht funktioniert ist inzwischen einfach klar.“ Die Bundestagsabgeordnete fährt fort: „Wenn Fußballer Sonderregeln kriegen, um ihre Werbe- und Fernsehverträge zu erfüllen und die Industrie ganz normal weiter läuft, da kommt dann schon ein komisches Gefühl auf. (…) Also diese Sachen, Brot und Spiele, das läuft.“

„Fußballer kriegen Sonderregeln“

Breymaier fordert eine neue Definition von Vollzeitarbeit, die weniger Stunden umfasst als bisher. Das sei nur durch Tarifverträge zu stemmen. Außerdem plädiert die 60-Jährige für die Abschaffung der Steuerklasse 5 und von 450 Euro-Jobs.

Leni Breymaier fordert eine neue Definition von Vollzeitarbeit, die weniger Stunden umfasst als bisher

Alisa Wagner zitiert „Studien, die einhellig zu dem Entschluss kommen“, dass die geringere Bezahlung von sozialen Berufen daraus resultiere, „dass es ein Arbeitsbereich ist, der nach wie vor von Frauen dominiert wird. Es gibt auch eine Studie, die zeigt, dass es Arbeitsbereiche gibt, die sehr männerdominiert waren, wo dann ein Wechsel stattgefunden hat und eine Frauendominanz eingekehrt ist, wo es dann sogar einen Rückwärtswandel gab. Das waren besser bezahlte Jobs, die dann nach unten gefallen sind, weil sie dann frauendominiert waren. Das ist wirklich ein großer Knackpunkt in unserer Gesellschaft.“ Die 32-Jährige plädiert: „Wir brauchen auch die Männer für unseren Kampf für Gleichberechtigung. Es geht nicht darum, dass wir Frauen den Männern irgendetwas wegnehmen wollen, sondern es geht um Gemeinschaft.“

Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Berufen

„Ich mache jetzt so lange Gleichstellungspolitik“, resultiert Breymaier. „Und es geht immer in eine Richtung, es geht immer nach vorne. Es geht mal schneller, es geht mal langsamer, aber es geht immer nach vorne.“

Text: Priscilla Dekorsi

Screenshot aus dem Politik-Talk.

Screenshot aus dem Politik-Talk.