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Ärztemangel // Übervolle Wartezimmer & Aufnahmestopps

// Jagsttal muss längere Wege in Kauf nehmen //

 

Das hat dem Jagsttal gerade noch gefehlt. Seit einigen Monaten hat die Hausarztpraxis von Dr. Rainer Freyburger in Dörzbach krankheitsbedingt geschlossen. Ob und wenn ja, wie lange der bereits im fortgeschrittenen Alter praktizierende Arzt überhaupt noch weitermachen kann, ist nicht sicher. „Das Jagsttal ist sowieso schon chronisch unterversorgt“, klagt Dr. Andreas Kühn, Vorsitzender der Ärzteschaft Künzelsau und verweist auf zahlreiche Praxen, die in den vergangenen Jahren geschlossen haben: angefangen bei Praxis Dr. Ganz, der 2011 aus persönlichen Gründen seine Praxis geschlossen hat. Einen Nachfolger für die Praxis hat er nicht gefunden.

Freyburgers Patienten versorgen derweil die umliegenden Ärzte, unter anderem Dr. Arno Hofmann. Aber auch er ist an seiner Leistungsgrenze angekommen. Wenn er Glück habe, beginne sein Arbeitsstag um sieben und ende zwischen 20 und 22 Uhr.

 

// Kinderärzte sind ungleich im Hohenlohekreis verteilt //

Bei Kinderarzt Dr. Marcel Monn in Künzelsau sieht es ähnlich aus. Seit Beginn seiner Tätigkeit 2003 bis heute hat er 80 Prozent mehr Patienten. Monn: „Nicht, dass ich nicht alle Kinder gerne auch medizinisch versorgen wollte. Jedoch kann ich es leider nicht leisten.“ Fragt man in der Kinder- und Jugendarztpraxis Dr. Baumann, Wagner und Hauser in Öhringen nach, bekommt man eine andere Antwort. Baumann: „Organisation ist alles. Wir haben drei Telefonleitungen, über die unsere erfahrenen Helferinnen Termine vergeben. Natürlich muss man auch Verständnis haben, dass wenn ein Kind erst seit einer Stunde Halsschmerzen hat, man vielleicht noch einen Tag warten sollte.“
In seiner Praxis werden pro Tag laut eigenen Aussagen zirka 130 Patienten behandelt. „Akute Fälle, sei es Fieber oder Schmerzen, erhalten noch am selben Tag einen Termin zur Behandlung. Bei chronischen Krankheiten kann es zu einer Wartezeit von 14 Tagen kommen.“ In der Praxis haben Patienten jedoch andere Erfahrungen gemacht. Als eine Mutter bei Dr. Baumann angerufen hat wegen Verdachts auf Scharlach bei ihrem Sohn und ihr eigentlicher Kinderarzt Dr. Monn über die Faschingsferien geschlossen hatte, wurde sie mit den Worten abgewiesen, dass die Praxis voll sei und sie zu einem anderen Arzt gehen müsse.

Seit zwei Jahren nimmt Dr. Hofmann keine zusätzlichen Patienten mehr an, nur noch in Notfällen. Die Praxis von Dr. Monn nimmt momentan nur noch Neugeborene aus Künzelsau neu auf, jedoch keine anderweitig versorgten Geschwisterkinder. Das Arbeitspensum senken konnten beide dadurch nicht. Denn: Immer mehr Bürokratie sei hinzugekommen. So gelte es etwa beim Ausstellen eines einfaches Rezeptes diverse Dinge zu beachten. Hofmann: „Wir müssen unter anderem das preisgünstigste Medikament heraussuchen.“ Beim Ausstellen eines Rezeptes für Krankengymnastik gebe es einen über 30 Seiten starken Katalog zur Vorgehensweise.

 

// zu viel Bürokratie lähmt die Praxen //

 

„Die Politik hat nicht verstanden, dass junges Blut fehlt. Das wurde bereits vor zehn Jahren bemängelt“, kritisiert Hofmann.
Heute gehen ausgelernte Mediziner lieber in eine Klinik mit geregelten Arbeitszeiten, als in eine eigene Praxis. Besonders für Frauen sei der Alltag in einer Praxis schwierig mit einer eigenen Familie zu vereinbaren, gibt Hofmann zu bedenken. „Der Beruf ist attraktiv, aber heute möchte keiner mehr 50 bis 60 Wochenstunden arbeiten, sondern jeder Familie und Beruf besser kombinieren können“, so auch die Einschätzung von Swantje Middeldorff, stellvertretende Sprecherin der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (kV). Wobei die Brisanz nicht nur im ländlichen Raum liege. „In Baden-Württemberg ist es mittlerweile nahezu überall möglich, eine Praxis aufzumachen, da überall Ärzte gesucht werden, auch in Stuttgart.“ Hofmann fordert, den Arztberuf zu entbürokratisieren und den Numerus Clausus herunterzusetzen, um wieder mehr Menschen in das Medizinstudium zu bringen. Middeldorff von der kV betont allerdings: „Wir haben mehr als genug Bewerber auf die Medienstudienplätze. Es müsste einfach generell mehr Plätze geben.“ Das Problem: Das kostet die einzelnen Universtitäten und damit Bundesländer mehr Geld. Aber nun sei dieses Mehr an Medizinplätzen wohl in derm derzeit vorliegenden vorläufigen Koalitionspapier von CDU/CSU und SPD endlich verankert.
Im Hinblick einer immer älter werdenden Gesellschaft werden langfristig generell wesentlich mehr Ärzte benötigt. Hinzu kommt eine steigende Zahl an psychosomatischen Erkrankungen. „Die Krankheitslast der Kinder verlagert sich zunehmend in den deutlich zeitaufwändigeren Bereich der Psychosomatik und Sozialmedizin, bei der man nicht in fünf Minuten eine Lösung aus dem Hut zaubern kann“, so Dr. Monn.

 

// Mehr Medizinstudienplätze muss es geben //

 

Bis das Mehr an Medizinern mit dem Studium fertig ist, vergehen allerdings zehn bis 15 Jahre. Bis dahin „müssen die Menschen bereit sein, längere Wege in Kauf zu nehmen und 30 Kilometer bis zum nächsten Arzt zu fahren“, so Hofmann. Seit 24 Jahren praktiziert er am Standort Dörzbach. Seine Tochter studiert Lehramt.

 

// Wo fehlen Ärzte besonders? Hier geht’s zur Landkarte //

Die Landkarte der Hausärzte der kassenärztlichen Vereinigung in Baden Württemberg ist bis auf ein paar wenige rote Flecken grün. Das heißt: Überall dort, wo es grün ist, gibt es freie Sitze, wo sich Ärzte niederlassen können: In Öhringen, Heilbronn oder Bad Mergentheim etwa. Künzelsau und Schwäbisch Hall sind dagegen rot markiert. Das heißt: Hier darf man derzeit keine neue Hausarztpraxis eröffnen, da es bereits genügend Ärzte dort gibt. Wie rechnet die kV? Ein Arzt auf 1.670 Einwohner ist der Verteilerschlüssel, so Swantje Middeldorff. Bei den Kinderärzten ist alles bis auf Biberach rot. Sprich: Eine weitere Kinderarztpraxis zu eröffnen, ist derzeit fast nirgends zulässig. Die Landkarte gibt es auf: http://www.kvbawue.de

Fotos // GSCHWÄTZ; adobe stock