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„Ich wollte nicht, dass wegen mir andere Leute sterben“

„Ich wollte nicht, dass wegen mir andere Leute sterben.“ Das sagt eine Sechtsklässlerin in der Dokumentation von Arte: „Corona: Sicherheit kontra Freiheit“, die man noch bis 07. Januar 2021 online abrufen kann: https://www.arte.tv/de/videos/098118-000-A/corona-sicherheit-kontra-freiheit/?fbclid=IwAR2sfN6H3dwmXQHOQL3BN3A8CugCOKvUWNb0JV4-Gh5nSWOPA9YDhpVSq4s

Gleich zu Beginn der Pandemie wurden Kinder stigmatisiert

In der rund 50-minütigen Doku geht es unter anderem um die Angstschürung in Deutschland (wir berichteten https://www.gschwaetz.de/2021/01/06/wenn-man-den-menschen-nur-erzaehlt-es-ist-fuer-das-gute-sind-sie-zu-fast-allem-bereit/) und das Durchregieren ohne das Parlament (wir berichteten https://www.gschwaetz.de/2021/01/06/gesundheitsminister-jens-spahn-kann-zunaechst-fuer-ein-jahr-weitreichende-entscheidungen-treffen-ohne-das-parlament-konsultieren-zu-muessen/). Im dritten Teil nun geht es um die Kinder, die zu Beginn der Pandemie in Deutschland im Frühjahr 2020 als Überträger Nummer eins seitens der Politik kommuniziert wurden. Kinder sollten möglichst keinen direkten Kontakt mehr mit ihren Großeltern haben. Diverse Familien trennten die Kinder von ihren Großeltern daher über Monate. Sie sahen sich nur noch über Skype oder telefonierten. Manche an Corona erkrankte Kinder wurden zeitweise sogar in der Familie separiert – auf politisches Anraten hin – ohne an die psychischen langfristigen Folgen zu denken.

Kinder unter Generalverdacht, den Tod anderer zu verschulden

„Kinder standen unter Generalverdacht, den Tod anderer zu verschulden“, so Arte. Dabei war zu dieser Zeit noch nicht klar, wer sich wie warum ansteckte. Nur weil Kinder vermeintlich wenig bis keine Symptome haben, sind sie nicht ansteckender als andere Menschen beziehungsweise eine Studie Monate später kam sogar zu dem gegenteiligen Schluss, nämlich, dass Kinder weniger Covid-19 übertragen als andere Personengruppen, weswegen sich unter anderem die baden-württembergische Landesregierung daraufhin für konsequente Schulöffnungen und Präsenzunterricht stark machte.

Hendrik Streeck: „Schulen tragen nicht zum Infektionsgeschehen bei“

So verweist der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte darauf hin, dass „von Kindern nur selten Infektionen ausgehen“. So wie die schwedische Regierung, die die Eigenverantwortung auf diejenigen legt, die zu einer Risikogruppe zählen, sieht auch die Kinderärztin Karin Michael nicht das Ziel darin, dass jedes Kind eine Maske trägt, sondern nur diejenigen, die besonders gefährdet sind. Dadurch dass Kinder als Todesengel abgestempelt worden seien, sei ihnen eine Last auferlegt worden, so die Ärztin, die zu schweren psychischen Problemen führen können. Kinderärztin Nicola Fels stimmt dem zu: „Man muss sich das mal vorstellen: Wie gehen diese Kinder jetzt durch’s Leben? Mit dem Gefühl: ,Ich könnte dafür verantwortlich sein, dass jemand stirbt.'“ Unterstützung bekommen sie dabei von dem Virologen Hendrik Streeck: „Schulen wurden noch nie als ein Superspreading-Event beschrieben, so dass man relativ sicher sagen kann, dass Schulen nicht zum Infektionsgeschehen beitragen.“

„Wir können unsere Freunde nicht mehr umarmen“

Diese Erkenntnisse führen jedoch in der Politik zu keinem Umdenken. Auch im Januar-Shutdown bleiben die Schulen geschlossen. Auch die Verunsicherung unter den Schülern selbst bleibt: „Wir können unsere Freunde nicht mehr umarmen. Das finde ich nicht schön“, sagt eine Sechstklässlerin in dem Beitrag.

Kinder verpfeifen sich gegenseitig, wer sich nicht an die Coronaregeln hält

Corona verändert das soziale Miteinander. Die Kinder lernen nun ein a-soziales Verhalten sei gut. „Tiefes Misstrauen, Denunziantentum und den anderen verpfeifen, wenn er etwas nicht korrekt macht“, komme hinzu, so die Kinderärztin Karin Michael. Das Ordnungsamt der Stadt bestätigt dieses Verhalten auch bei Erwachsenen. So seien während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 rund 200 Hinweise eingegangen bezüglich eines vermeintlichen Corona-Fehlverhaltens von anderen Menschen. So hatte etwa ein Imbissbetreiber die Listen, in die sich die Gäste eintragen, nicht richtig geführt, und wird verwarnt. Für manche Gäste sind die Kontrollen nicht nachvollziehbar. „Ich habe mittlerweile keine Angst mehr vor Corona, sondern vor den Maßnahmen“, sagt ein Gast in dem Arte-Beitrag.

Riss durch die Gesellschaft

Hier gibt es mittlerweile zwei Lager: Menschen, die die Maßnahmen kritisch hinterfragen oder sich nicht regelkonform verhalten möchten und Menschen, die hinter den Coronamaßnahmen stehen. Eine Spaltung der Gesellschaft ist dadurch bereits eingetreten, findet Soziologin Ulrike Guerot. Die Frage sei, ob es der Gesellschaft gelinge, nach Corona diesen Spalt wieder zu schließen.

Menschen haben Angst, eine Meinung zu äussern, die abweicht von der öffentlich vorherrschenden Meinung

Der Philosoph Markus Gabriel sagt: „Es besteht derzeit die Neigung, dass die Gesellschaft Menschen, die eine andere Meinung als die öffentlich vorherrschende Meinung vertreten, zu Dissidenten machen. „Viele völlig vernünftige Menschen haben das Gefühl, dass es gefährlich geworden ist, eine Meinung zur Pandemiebekämpfung zu haben, die abweicht von der herrschenden Meinung.“ Viele Bürger haben indes kein Verständnis für die Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen. Für die meisten geht die Sicherheit vor. Selbst ein Hinterfragen wird oft nicht mal mehr geduldet.

Es herrsche eine „geschlossene Meinungsdecke“, urteilt die Soziologin Guerot. Gesundheitwissenschaftlerin Claudia Hanson pflichtet dem bei: „Covid ist ein weißer Elefant, der im Raum steht und wir können nicht diskutieren.“

 

 

 

 

 




„Gesundheitsminister Jens Spahn kann zunächst für ein Jahr weitreichende Entscheidungen treffen, ohne das Parlament konsultieren zu müssen“

Eine zentrale Frage, die angesichts des harten Shutdowns, den Deutschland derzeit erlebt, lautet: „Sind die Eingriffe verhältnismäßig angesichts der Schäden, die sie erzeugen?“ Das fragt unter anderem der Sender Arte in seiner deutsch-französischen Dokumentation: „Corona – Sicherheit kontra Freiheit.“ Die Doku ist noch bis zum 07. Januar 2020 online abrufbar:

https://www.arte.tv/de/videos/098118-000-A/corona-sicherheit-kontra-freiheit/?fbclid=IwAR2sfN6H3dwmXQHOQL3BN3A8CugCOKvUWNb0JV4-Gh5nSWOPA9YDhpVSq4s

„Worin läge der Vorteil, wenn wir 40.000 oder 50.000 mehr Tote hätten?“

In mehreren Beiträgen widmen wir uns von der Redaktion GSCHWÄTZ den Inhalten dieser Dokumentation, weil wir sie anhand der befragten hochkarätigen Personen als sehr aussagekräftig halten. Im ersten Teil ging es um Gehorsam durch Angst – die Coronapolitik der deutschen Bundesregierung. Teil 2 beschäftigt sich unter anderem mit den Notfallgesetzen unter Ausschaltung des Parlaments.

Jens Spahn muss keinen mehr um Erlaubnis fragen

So heißt es in der Doku: „Der Gesundheitsminister Jens Spahn kann zunächst für ein Jahr weitreichende Entscheidungen treffen, ohne das Parlament konsultieren zu müssen. Der bekannte Strafverteidiger Gerhard Strate gibt zu Bedenken: „Derart massive Eingriffe in Grundrechte bleiben nur erträglich, wenn sie zeitlich begrenzt sind.“ Monate später sei man nun in einer Situation, die nur noch „wenig verständlich“ und „kaum erträglich“ sei, denn ein Rechtsstaat lebe von den Grundrechten. „Wenn wir das hinnehmen, was wir jetzt im Moment an Einschränkungen haben, dann sind wir mit dem Rechtsstaat wirklich am Ende“, urteilt Strate.

Gerichte korrigieren die Maßnahmen

Inzwischen haben, so Arte, Gerichte festgestellt, dass Dutzende von Coronamaßnahmen rechtswidrig sind. Sie streichen oder reduzieren vom Staat verhängte Verbote oder Bußgelder.

Arzt sieht Maßnahmen als übertrieben an, weil mehr Menschen an einer Lungenentzündung sterben, als an Covid-19

Der Internist Matthias Schrappe sieht die Verhältnismäßigkeit zwischen der Schwere der Krankheit und den Grundrechtseinschränkungen nicht gegeben, denn „von Covid-19-Patienten, die ins Krankenhaus aufgenommen werden, sterben acht bis neun Prozent. Zum Vergleich: „Wenn Menschen mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kommen, sterben zwischen acht und 13 Prozent.“

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rechtfertigt hingegen die Maßnahmen, bis die Pandemie vorbei ist, damit es am Ende nicht „40.000 oder mehr Tote“ gibt.

Durchregieren per Verordnung, egal, aus welchem Grund, das lehnt die Martinne Wonner, Abgeordnete der Nationalversammlung Paris, ab. „Das bedroht unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere Grundrechte. Die Demokratie ist ernsthaft erkrankt – an Covid-19.“

Fixierung auf Infektions- und Todeszahlen

Mit Beginn der Krise beginnt, so Arte, eine „Fixierung auf Infektions- und Todeszahlen“. Soziologin Ulrike Guerot kritisiert den Fokus auf die Fallzahlen, denn „es macht keinen Sinn, weil es keine Referenzgröße und damit auch keine Relation gibt“ zu einem noch nie da gewesenen Ereignis. Sind 10.000 Infizierte viel oder wenig? Man weiß es eigentlich gar nicht. Es bewirkt lediglich Angst. Das Problem aber ist, zu wissen, wann ist der Punkt erreicht, wann es wirklich brenzlig wird, fragt der Virologe Hendrick Streeck und sieht die ständige Veröffentlichung der Fallzahlen daher ebenfalls eher kritisch.

„Coronamaßnahmen haben der Gesellschaft extremen Schaden zugefügt“

Viele Krankenhausbetten blieben in Deutschland trotz Warnungen leer. Ende Oktober 2020 geht es wieder in einen Lockdown-Light – obwohl mittlerweile viele Experten vor einem Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens warnten. John Ioannidis von der Universität Stanford erklärt: Zu Beginn der Pandemie seien die drastischen Maßnahmen gerechtfertigt gewesen, da man nicht gewusst habe, was da wirklich auf die Welt zukäme. Aber mittlerweile habe man festgestellt, dass „die Maßnahmen der Gesundheit und der Gesellschaft enormen Schaden zugefügt haben“. Es bekamen etwa Menschen mit ernsthaften anderweitigen Erkranken keine oder verspätete medizinische Hilfe. In Deutschland sterben beispielsweise jeden Tag 700 Menschen an Krebs. Bis November 2020 sind in Deutschland rund 10.000 Menschen an Covid-19 gestorben. Karl Lauterbach hingegen sagt, dass es ohne die Coronamaßnahmen rund eine halbe Million Coronatote in  Europa gegeben hätte.

Die Armen traf es besonders hart

Unbeachtet bleiben die psychischen Schäden, die die Coronamaßnahmen in der Gesellschaft hinterlassen. Arte zeigt eine französische Familie, die zu viert in einer 28-Quadratmeter-Wohnung lebt. Als die Quarantäne in Frankreich ihren Höhepunkt erreichte, war dies kaum auszuhalten auf so beengtem Raum, erzählt die Familie. „Der Lockdown hat die Verletzlichen besonders getroffen“, meint Cynthia Fleury-Berkins von der französischen Ethikkommission. Viele sowieso schon schlecht Verdienenden wie Minijobber und Menschen mit Zeitarbeitsverträgen hätten ihre Arbeit verloren. „All die Ungleichheiten in der Gesellschaft haben sich durch den Lockdown noch verstärkt“, findet Louis Cantuel, Leiter institutionelle Beziehungen der Tafel. Vor allem Frauen seien davon betroffen, die nicht selten in Geringverdiener-Jobs arbeiten und während die Schulen geschlossen waren, ausgefallen sind.