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„Wenn man den Menschen nur erzählt, es ist für das Gute, sind sie zu fast allem bereit“

Eine zentrale Frage, die angesichts des harten Shutdowns, den Deutschland derzeit erlebt, lautet: „Sind die Eingriffe verhältnismäßig angesichts der Schäden, die sie erzeugen?“ Das fragt unter anderem der Sender Arte in seiner deutsch-französischen Dokumentation: „Corona – Sicherheit kontra Freiheit.“ Die Doku ist noch bis zum 07. Januar 2020 online abrufbar:

https://www.arte.tv/de/videos/098118-000-A/corona-sicherheit-kontra-freiheit/?fbclid=IwAR2sfN6H3dwmXQHOQL3BN3A8CugCOKvUWNb0JV4-Gh5nSWOPA9YDhpVSq4s

„Worin läge der Vorteil, wenn wir 40.000 oder 50.000 mehr Tote hätten?“

In mehreren Beiträgen widmen wir uns von der Redaktion GSCHWÄTZ den Inhalten dieser Dokumentation, weil wir sie anhand der befragten hochkarätigen Personen als sehr aussagekräftig halten. Teil 1 beschäftigt sich mit den Mechanismen der Angst im Coronajahr 2020.

Sicherheit versus Freiheit – Waren beziehungsweise sind die harten Coronaßnahmen nötig?

„Wir müssen davon ausgehen, dass wir soziale, bildungspolitische, finanzielle Nebeneffekte haben, die sehr groß sein werden“, sagt etwa Ulrike Guerot, Soziologin an der Donauuniversität Krems.“ Der Immunologe Jean-Francois Delfraissy ist sich wiederum sicher: „Der Lockdown war die einzige Möglichkeit, das Virus zu stoppen angesichts seiner explosionsartigen Verbreitung in der gesamten Bevölkerung.“Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fragt völlig ironiefrei: „Worin läge denn der Vorteil, wenn wir ohne Lockdown nun 40.000 der 50.000 Tote hätten?“ Der Epidemiologe Laurent Toubiana verweist wiederum auf Schweden und darauf, dass dieses Land ohne Lockdown keine höheren Sterberaten aufweise als Frankreich. Zwischen Frühjahr und Herbst 2020 sind in Frankreich laut der Dokumentation über 37.000 Menschen an Corona gestorben. Das ist eine der höchsten Todesraten in ganz Europa.

Sicherheit versus Freiheit – Waren beziehungsweise sind die harten Coronamaßnahmen nötig, fragt der Arte-Beitrag und lässt die Diskussion, die sich bald im Kreis zu drehen scheint, beginnen. Dabei zeigt sich schnell: Letztendlich kann man alles mit diversen Zahöen, Studien und Statistiken begründen. Das Für, aber auch das Wider der Maßnahmen, die es so (einheitlich) noch nie in Deutschland und auf der Welt gegeben hat.

Schweden gegen den Rest der Welt

Auch in Frankreich gibt es, ähnlich wie in Deutschland, Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen. In Frankreich gehen auch Ärzte und Pfleger:innen auf die Straße, um auf den Personal- und Materialmangel aufmerksam zu machen. Auch vor der Coronakrise gab es im französischen Gesundheitssystem massive Sparmaßnahmen – ähnlich wie in Deutschland, auch im Hohenlohekreis (wir berichteten). Hier in Deutschland bewegte sich der Protest der Mitarbeiter des Gesundheitswesens allerdings auf eher wütende Facebook-Posts. Um 21 Uhr applaudieren diverse Bürger für die Krankenschwestern und Pfleger, das soll erst einmal reichen.

Viele Schweden blieben einfach freiwillig zu Hause

Anders als Frankreich und Deutschland setzt Schweden bei den Coronamaßnahmen auf Selbstbestimmung der Bürger setzte. Viele Schweden seien auf dem Höhepunkt der Krise freiwillig zu Hause geblieben, so die Arte-Doku. Bereits im Frühjahr 2020 sagte die schwedische Regierung, dass man lange mit dem Virus werde leben müssen. Daher setzte die Regierung auf Maßnahmen, die die Bürger auch lange mitmachen können und würden. Die Todeszahlen schnellten allerdings erst einmal in die Höhe. 2020 gab es in Schweden bis November 2020 fünfmal so viele Coronatote wie in Deutschland, wenn man die Zahlen auf die Einwohnerzahlen herunterbricht. Allerdings scheint die Psyche der Schweden, so zeigt es der Film, durch die milderen Maßnahmen stabiler zu sein nach den Coronamonaten. Demos blieben aus.

So einfach gehorchen Menschen

Angela Merkel vergleicht die derzeitige Coronakrise indes mit dem Zweiten Weltkrieg, so schwierig sei die derzeitige Lage. Die Soziologin Guerot erklärt die breite Akzeptanz der harten Maßnahmen in Deutschland mit Psychologie: „Wenn man den Menschen nur erzählt, es ist für das Gute, sind sie zu fast allem bereit.“ Die Maske sei dabei die symbolische Aufladung. Der soziale Druck, sie zu tragen, dementsprechend groß.

Die deutsche Regierung setzt auf Disziplin, Angst und Emotionen

Ein internes Papier aus dem Innenministerium vom April 2020 lässt darauf vermuten, dass die deutsche Regierung vor allem auf Disziplin, Angst und Emotionen bei ihren Bürgern setzt, um die Coronamaßnahmen umzusetzen: „Der worst case ist mit allen Folgen für die Bevölkerung in Deutschland unmissverständlich zu verdeutlichen. […] Um die gewünschten Schockwirkungen zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden.“ Wenn nichts getan werde, prognostizieren die Experten über eine Million Tote in Deutschland im Jahr 2020 – durch Corona. Letzten Endes wären es wesentlich weniger gewesen, wenn man an die Zahl denkt, die Karl Lauterbach zu Beginn des Beitrages genannt hat – 30.000 bis 40.000. Das sind immer noch viele Tote – aber kein Vergleich zu der Zahl, die vor rund einem Jahr genannt wurde. Die Frage ist: Kann man sich wirklich so verkalkulieren oder war das vielleicht doch Taktik?

„Menschen, die Angst haben, lassen sich in Krisen besser steuern“

Weiter heißt es in dem Papier: Man müsse klarmachen, dass viele Menschen um Luft ringend zu Hause sterben. Kinder würden Eltern anstecken. Der Psychologe Professor Gerd Gigerenzer vom Max-Plack-Bildungsinstitut für Bildungsforschung, erklärt: „Menschen, die Angst haben, lassen sich in Krisen besser steuern, solange sie nicht zu viel Angst haben.“ Man könne vermuten, dass die Modellrechnugnen, die anfangs kursierten und die viel zu hoch waren, geholfen haben, dass Menschen genügend Angst bekommen haben und die Hygieneregeln befolgt haben.“

„Die Angst der Bevölkerung steht in keinem Verhältnis zu den Todeszahlen“

In Deutschland hatten im Herbst 2020 rund 37 Prozent Angst, an Corona zu erkranken, in Frankreich waren es 70 Prozent. Die Angst steht, so Arte, in keinem Verhältnis zu den Todeszahlen. Zum Vergleich: Etwa 20mal so viele Menschen starben in Deutschland an Krebs.

Nur wenig kritische Stimmen, als es um die starken Eingriffe in die Grundrechte ging

„Sind es die Angst und der Schock, den die Parlamentarier im März 2020 dazu veranlasst, nach nur 1,5 Stunden über eine epidemische Lage nationaler Tragweite zu entscheiden und dass es zu diesen starken Eingriffen in die Grundrechte lange Zeit nur wenige kritische Stimmen gab?“, fragt Arte.




„Gefahr der Vereinsamung, aber auch der Frustration, im schlimmsten Fall kann es zu häuslicher Gewalt führen, zum Beispiel wenn übermäßiger Alkoholkonsum im Spiel ist“

Über mehrere Wochen und Monate gab es in Deutschland eine Kontaktverbot zu anderen Haushalten. Auch vor Kontakt zwischen Enkeln und Großeltern sollte erst einmal eingestellt werden, um insbesondere Großeltern vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Schritt für Schritt heben die Landesregierungen diese Coronamaßnahmen nun wieder auf. Doch was bedeutet eigentlich die soziale Isoaltion über mehrere Wochen und Monate für viele Menschen?

GSCHWÄTZ-Redakteurin Sonja Bossert hat beim Klinikum am Weißenhof in Weinsberg nachgefragt. Privatdozent Dr. med. Daniel Schüpbach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Klinik für Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie (West), Klinikum am Weissenhof, Weissenhof, hat ihre Fragen beantwortet.

Kann zu vermehrtem Stress führen

GSCHWÄTZ: Wie wirkt sich soziale Isolation auf die Psyche der Menschen aus?

Schüpbach: Man kann davon ausgehen, dass die meisten soziale Isolation/soziale Distanzierung im Zusammenhang mit der Corona-Krise ohne nennenswerte Folgen für die Psyche überstehen können. In diesem Zusammenhang sprechen wir von so genannter Resilienz: Im psychologischen Sinn als die Fähigkeit definiert, Krisen zu überwinden, widerstandsfähig zu sein.

Überhandnehmen von Ängsten und Depressionen

Soziale Isolation kann auf der anderen Seite zu vermehrtem Stress führen, weil Quarantäne-Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nur bei denjenigen Personen durchgeführt werden, welche positiv auf das Virus getestet wurden oder welche im direkten Kontakt dazu standen. Somit sind nicht alle Bürger betroffen. Es besteht die Gefahr der Vereinsamung, der Hoffnungslosigkeit, ein Überhandnehmen von Ängsten und Depressionen. Zudem können sich Frustration, Ärger oder gar Wut manifestieren, und im schlimmsten Fall zu häuslicher Gewalt führen, zum Beispiel wenn übermäßiger Alkoholkonsum im Spiel ist.

GSCHWÄTZ: Hat sich dadurch auch die Zahl der Depressionspatienten am Klinikum am Weissenhof verändert?

Schüpbach: Das Klinikum am Weissenhof registriert im Moment keine Zunahme an depressiven Patienten. Vereinzelt sehen wir Menschen, die von Ängsten über das Corona-Virus überwältigt werden, vor allem, wenn sie sozial isoliert sind. Hinzu kommen vermehrt Ängste, an einer Corona-Virus-Infektion zu erkranken. In der Sprechstunde der psychiatrischen Institutsambulanz des Klinikums am Weissenhof stellen wir fest, dass das Thema Corona/dessen Gefahren bei vielen Patienten zur Sprache kommt, oftmals verbunden mit medizinischen Fragen. Kurzfristige Notfalltelefonate häufen sich.

Kurzfristige Notruftelefonate häufen sich

GSCHWÄTZ: Nach wie vielen Tagen/Wochen/Monaten in Quarantäne sind diese Auswirkungen spürbar?

Schüpbach: Es ist naheliegend, dass wir von keiner bestimmten Zeit ausgehen, in welcher sich psychische Symptome durch Quarantäne manifestieren können. Es ist ebenso einleuchtend, dass Menschen häufiger darunter leiden, je länger solche Maßnahmen bestehen. An dieser Stelle ist es vielleicht auch angebracht, zwischen Quarantäne-Maßnahmen und den allgemeinen Hygiene-Regeln zu unterscheiden, welche einen Mindestabstand von 1,5 bis 2m von Person zu Person vorschreiben.Vor allem unter Quarantäne können sich Risikofaktoren für eine Krise summieren: Ängste vor Erkrankung, Stigmatisierung/Diskriminierung, Furcht vor dauernder sozialer Isolation, existentiellen Ängste: Arbeits-/Wohnungsverlust, finanzielle Engpässe; und das Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgeliefert-Seins. Untaugliche Bewältigungsstrategien wie vermehrter Alkoholkonsum können sich manifestieren und zu gravierenden Folgen für den einzelnen Menschen und/oder seiner Umgebung führen: Gewalt gegen körperlich Schwächere wie Frauen und Kinder.

Ein besonderes Risiko für Krisen weisen Menschen auf, welche sich nicht oder nur unzureichend äußern können, welche keine Familien, Freunde, Verbände etc. haben, die ihre Bedürfnisse artikulieren: sozial Geschwächte und Benachteiligte mit Existenzsorgen auch ohne Corona, Kinder und Jugendliche aus solchen Familien, ältere/gebrechliche Menschen und solche mit psychischen Leiden/Suchtleiden.

Hilfe holen

Hilfe können Menschen laut Schüpbach bei folgenden Kontaktstellen holen:

1) In Baden-Württemberg existiert eine Telefon-Hotline für Menschen mit psychischen Belastungen/in schwierigen Situationen: Tel: 0800 377 377 6, Experten stehen von 8 bis 20 Uhr zur Verfügung.

2) Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter der Rufnummer 08000 116 016 rund um die Uhr und in 17 Sprachen erreichbar.

3) Das Frauen- und Kinderschutzhaus im Hohenlohekreis ist erreichbar unter Tel: 0 79 40 / 58 95 4.

4) Auf der folgenden Internetseite der Polizei finden sich Informationen: https://www.polizei-beratung.de/opferinformationen/haeusliche-gewalt/

5) Auf der Internetseite des Sozialministeriums Baden-Württemberg ist eine Übersicht zu den Einrichtungen für von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Mädchen in Baden-Württemberg

 

Wie stärkt man das Wohlbefinden bei sozialer Isolation?

Das Deutsche Ärzteblatt (Petzold et al., 2020) schlägt laut Schüpbach folgende Maßnahmen zum Erhalt des Wohlbefindens unter sozialer Isolation vor (modifizierte und ergänzte Wiedergabe):

– Körperliche Aktivität wie Krafttraining und Yoga, dazu Entspannungsübungen wie Atemübungen

– Aktiv sein mit Spielen, Sudoku, Kreuzworträtsel, Lesen von Büchern/Magazinen

– Gesunde, achtsame Ernährung: regelmäßige Mahlzeiten, angereichert mit Salat und Früchten, ausreichend Proteinen, Begrenzung der Kohlenhydrate. Ausreichende Einnahme von Flüssigkeit (mindestens 2 Liter pro Tag): neben Wasser, zum Beispiel ungesüßter Tee. Mäßiger Koffeinkonsum, empfehlenswert maximal drei Tassen Kaffee/Tag. Vermeidung von übermäßigem Alkoholkonsum.

– Reduktion des Medienkonsums, vor allem bedrohliche Inhalte, nur noch zweimal täglich

– Reduktion der Beschäftigung mit Gerüchten

– Informationsbeschaffung nur aus zuverlässigen Quellen, 1 bis 2mal täglich, nicht stündlich

– Gefühl der Kontrolle herstellen durch das Setzen von Zielen (etwas Neues lernen, Tagebuch schreiben etc.)

– Humor behalten, Lachen und Lächeln à hilft Stress zu reduzieren

– Extreme Emotionen wie Ängste, Unsicherheit, Wut akzeptieren

– Schlafhygiene: feste Zeiten, in welchen man zu Bett geht und aufsteht, kein Medienkonsum vor dem Einschlafen, wenn Mittagsschlaf, nur kurz (20 Minuten), Tag-Nacht-Umkehr verhindern

„Hygieneschutzmaßnahmen können leben retten“

Daniel Schüpbach betont, dass die meisten Menschen  nach Beendigung der Quarantäne-Maßnahmen wieder zurück in den Alltag finden werden und ein normales Leben führen können; dies unter dem Aspekt der Resilienz, der Widerstandsfähigkeit. Andere benötigen Unterstützung und professionelle Hilfe. Aber wie auch immer, die Corona-Krise führe dazu, so der Chefarzt, „dass wir im Umgang mit uns selbst und Mitmenschen achtsamer sein müssen, weil die Hygieneschutzmaßnahmen (Abstandsregeln, Mund-Nase-Schutz, Händewaschen, Hustenetikette) Krankheiten vermeiden helfen und Leben retten können“.

Text: Sonja Bossert

Daniel Schüpbach ist Chefarzt am Klinikum am Weißenhof in Weinsberg. Quelle: Screenshot von der Internetseite des Klinikums

Soziale Isolation kann Ängste und Depressionen begünstigen. Symbolfoto. Quelle: adobe stock

 




Wenn einem der Nachbar Angst macht

„Drei Beamte gelangen mit stark leuchtenden Taschenlampen über das Nachbargrundstück in den Garten und vor das Fenster des Mannes. Dieser brüllt weiter lautstark und läßt sich gar nicht stören. ,Ist mir doch egal‘, sagt er immer wieder, als die Polizeibeamten ihn darauf hinweisen, dass seine Nachbarn schlafen wollen und dass das Ruhestörung sei, was er hier betreibe. ,Hör jetzt endlich auf und sei ruhig‘, fahren ihn die Beamten an. ,Ich kann nicht aufhören, ich muss das tun‘, lautet seine Antwort und der Singsang geht weiter. ,Komm runter, wir wollen mit dir reden‘, versuchen es die Beamten noch einmal. ,Mach ich nicht‘, ist seine Antwort.

,Wenn du nicht runterkommst, kommen wir rauf.‘
,Ich komm nicht runter. Macht doch!‘
,Wenn du jetzt nicht endlich Ruhe gibst, nehmen wir dich mit in die Zelle!‘
,Mir doch egal.‘ Es folgen Beschimpfungen, die nicht neu für die Nachbarn sind. Unter anderem ,Motherfucker‘ schreit der Mann immer wieder.“

Was sich wie eine Polizeiparodie anhört, ist bittere Realität für die Anwohner eines Stadtviertels in Ingelfingen geworden. Es handelt sich hierbei um eine Schilderung einer Ingelfingerin. Es ist eine wahre Begebenheit, die sich im Mai 2019 in Ingelfingen – unweit der katholischen Kirche und der Firma Bürkert – zugetragen hat.

 

Anwohner in Ingelfingen klagen über nächtelange Lärmbelästigung. Foto: privat

Ist es ein boshafter Wahn oder werden wir hier alle gesegnet und beschützt?

 

Seit mehreren Monaten fällt ihr Nachbar J. durch massive Lärmbelästigung auf. Teilweise stundenlang stimmt er fremdartige Gesänge an und schreit Schimpfwörter aus seinem Fenster, so dass die Nachbarn nachts kaum schlafen können. Manchmal singt und brüllt er von 02.30 Uhr bis morgens um 7 Uhr, berichtet Anwohnerin Daniela Müller (alle Namen der Nachbarn in diesem Artikel wurden auf Wunsch geändert). Und fragt sich: „Warum wird der Mensch nicht heiser dabei?“ Auch tagsüber sei das permanente Geschrei nicht angenehm. Manchmal brülle er auf Englisch: „Ich sehe dich. Ich tue es für meinen Vater. Das Ende ist nahe.“

„Ich halte es für einen schweren religiösen Wahn“, schätzt Daniela die Situation ein. „Die Frage ist nur: Ist es ein boshafter Wahn oder werden wir hier alle gesegnet und beschützt?“, fragt Lara, eine weitere Nachbarin.

 

„Der hat ein Messer!“

 

Die Anwohner sind sich einig: J. ist vermutlich psychisch krank. Sie vermuten, sein Verhalten und seine Gesänge drücken aus, dass er hier irgendetwas Böses sieht und das will er bekämpfen, spekuliert Daniela, die einen gepflegten Garten hat, in ihrem Esszimmer steht eine Dürrenmatt-Lektüre. Menschen wie Müller sind es nicht gewohnt, in einem sozialen Brennpunkt zu leben.
Zu Beginn, als J. von Kupferzell nach Ingelfingen gezogen ist, sei J. lediglich drei- oder viermal im Jahr durch ungebührliches Verhalten aufgefallen. Die übrige Zeit sei er vermutlich gut mit Medikamenten eingestellt gewesen, schätzen die Nachbarn. Ab Mitte Februar 2019 sei er nun wieder deutlich auffälliger. Als er einmal mit einem Messer in der Hand in Nachbars Gärten unterwegs war, habe Nachbarin Belinda geschrien: „Der hat ein Messer!“ Bis die Polizei kam, sei er aber längst wieder bei sich in der Wohnung gewesen.

Die Nerven der Anwohner liegen mittlerweile blank – auch weil J. es nicht dabei belässt, die Gesänge aus seinem geöffneten Fenster seiner Wohnung in Ingelfingen anzustimmen und herumzubrüllen. J. geht auch tagsüber in die Gärten der Nachbarn, nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Wasserflasche und spuckt überall in den Gärten herum. Einmal haben ihn die Nachbarn dabei gefilmt, wie er vor seinem Haus in eine Flasche uriniert, einen Schluck daraus genommen und diesen ausgespuckt hat. Autos, die in der Nähe seiner Wohnung parken, bespuckt J. ebenfalls, so die Anwohner. „Verbale Drohungen finden auch statt“, berichtet Anwohnerin Daniela. Einmal habe er zu einer Nachbarin von Daniela Müller geschrien: „Du fehlst demnächst. Das sag‘ ich dir. Bald.“ Und: „Ich bring euch alle um. Scheiß Deutschland!“
Die Nachbarn haben ihn bei seinen irritierenden Aktionen gefilmt und fotografiert. GSCHWÄTZ liegen die Videos und Fotos vor. Als wir selbst mit J. sprechen wollen, sagt uns eine Polizeibeamter, dass wir das lieber lassen sollen. Man wisse nicht, wie J. reagieren würde.

So ein Küchenmesser habe J. in der Hand gehalten, berichten Nachbarn. Foto: privat

Wenn J. seine Medikamente nehmen würde, dann klappt es auch wieder mit dem Nachbarn.

 

Die Polizei Niedernhall hat schon des Öfteren ausrücken müssen und ermahnen J. zur Ruhe – mit mäßigem Erfolg, wie die Anwohner berichten. Auch einige Nächte in Gewahrsam hat sein Verhalten bereits zur Folge gehabt, ebenfalls ohne länger anhaltenden Erfolg.
Auch der Polizei sind die Hände bis zu einem gewissen Grad gebunden. Gerald Olma, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn, erklärt gegenüber GSCHWÄTZ: „Die Person ist der Polizei bekannt. Es gab Einsätze. Er ist verhaltensauffällig. Aber zu einer körperlichen Gewalt ist es bislang nicht gekommen.“ Man sei in direktem Kontakt mit den Behörden, betont Olma. „Jeder Einsatz wird genauestens geprüft, was rechtlich möglich ist und was medizinisch angeregt werden kann.“ So würden alle Fälle an das Gesundheitsamt weitergeleitet werden. Gutachter würden dann wiederum entscheiden, was zu tun sei. „Wenn eine Person sich oder andere gefährdet, können wir ihn zu einem Arzt fahren und in Gewahrsam nehmen.“ Aber, so Olma, J. habe laut seinem Wissen nur einmal ein Messer mitgeführt. Auch beim wiederholten Einschreiten der Polizei habe es nie Probleme geben. Eine zwangsweise Einweisung sei nur möglich, wenn etwas passiert ist. Man könne eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch erstatten, aber man habe keine Rechtsgrundlage, den Mann dauerhaft wegzubringen.
Auch Anzeige haben die Anwohner schon erstattet. Bislang ohne Erfolg.
Die Anwohner sind sich sicher: Wenn J. seine Medikamente nehmen würde, dann klappt es auch wieder mit dem Nachbarn.

Schon diverse Dinge seien laut den Nachbarn unternommen worden, um dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Sie haben neben den Polizeieinsätzen die Stadt Ingelfingen um Hilfe gebeten. Auch das Landratsamt wisse Bescheid. Dieses weist psychisch auffälligen Menschen wenn nötig einen Betreuer zu. Doch auch Betreuer sind nicht rund um die Uhr da. In der Regel haben sie einen festen Stundensatz. Wer der Betreuer von J. ist, ist GSCHWÄTZ nicht bekannt. Das Landratsamt wollte sich zu dem Fall nicht äußern und verwies auf die Persönlichkeitsrechte von J..

 

„Meine Schwiegermutter geht nicht mehr in den Garten, sondern auf den Spielplatz.“

 

Das Problem: Die Anwohner sind verunsichert und wissen nicht: Wie gefährlich ist beziehungsweise kann J. werden?

Daniela Müller: „Keiner von uns traut sich mehr recht in den Garten oder eine Tür aufzulassen. Als ich an einem Sonntag mit meinem dreijährigen Enkel am Sandkasten war, ist er plötzlich auf meiner Stützmauer aufgetaucht und hat uns zu Tode erschreckt. Die Kinder in der Siedlung trauen sich nicht mehr alleine drei Häuser weiter zu den Großeltern.“ Nachbarin Belinda ergänzt: „Meine Schwiegermutter geht nicht mehr mit den Enkeln von meiner Schwägerin in den Garten, sondern auf den Spielplatz.“ Der Spielplatz ist weiter entfernt. In ihrem eigenen Garten hätten sie hingegen Angst, dass der Mann plötzlich auftauche mit seinem merkwürdigen Verhalten. Eine Jugendliche traue sich gar nicht mehr vor die Tür, nachdem sie von J. bedroht worden sei. Ansprechbar sei J. bei seinen Ausflügen nur sehr eingeschränkt. Er scheine dann in seiner eigenen Welt zu leben. Belinda berichtet bei einem persönlichen Vor-Ort-Gespräch mit GSCHWÄTZ, dass J. sich schon mal auf dem Pflaster vor ihrer Einfahrt gewälzt habe.

„Ich habe Angst. Er braucht Hilfe“, sagt Julia. Sie wohnt ebenfalls in der Nachbarschaft. „Ich fühle mich gerade nicht mehr so sicher und wohl. Ich möchte mein Grundstück wieder für mich haben. Aber ich möchte auch, dass man ihm hilft.“ Darüber sind sich alle einig.
Was also bleibt den Anwohnern übrig?

 

„Muss denn erst etwas passieren?“

 

Allmählich macht sich Frustration im betroffenen Stadtviertel breit. Und ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Sie fühlen sich nicht gehört von den betreffenden Behörden. „Irgendwie scheint sich keiner zuständig zu fühlen. Der Fall wird wie eine heiße Kartoffel herum geschoben“, so ist der Eindruck der Anwohner, erzählt Daniela. „Muss denn erst etwas passieren?“, fragen sie.

„Ich merke, wie unsere Nerven schwächer werden“, sagt Daniela und Belinda stimmt ihr zu: „Absolut. Man weiß nie, ob er nicht gleich vor einem steht. Ich habe Angst, das Haus zu verlassen. Wenn ich von meiner Arbeit nach Hause nach Ingelfingen fahre, rufe ich meinen Mann an, damit er zu Hause an der Garage auf mich wartet.“