„Wenn man den Menschen nur erzählt, es ist für das Gute, sind sie zu fast allem bereit“
Eine zentrale Frage, die angesichts des harten Shutdowns, den Deutschland derzeit erlebt, lautet: „Sind die Eingriffe verhältnismäßig angesichts der Schäden, die sie erzeugen?“ Das fragt unter anderem der Sender Arte in seiner deutsch-französischen Dokumentation: „Corona – Sicherheit kontra Freiheit.“ Die Doku ist noch bis zum 07. Januar 2020 online abrufbar:
„Worin läge der Vorteil, wenn wir 40.000 oder 50.000 mehr Tote hätten?“
In mehreren Beiträgen widmen wir uns von der Redaktion GSCHWÄTZ den Inhalten dieser Dokumentation, weil wir sie anhand der befragten hochkarätigen Personen als sehr aussagekräftig halten. Teil 1 beschäftigt sich mit den Mechanismen der Angst im Coronajahr 2020.
Sicherheit versus Freiheit – Waren beziehungsweise sind die harten Coronaßnahmen nötig?
„Wir müssen davon ausgehen, dass wir soziale, bildungspolitische, finanzielle Nebeneffekte haben, die sehr groß sein werden“, sagt etwa Ulrike Guerot, Soziologin an der Donauuniversität Krems.“ Der Immunologe Jean-Francois Delfraissy ist sich wiederum sicher: „Der Lockdown war die einzige Möglichkeit, das Virus zu stoppen angesichts seiner explosionsartigen Verbreitung in der gesamten Bevölkerung.“Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fragt völlig ironiefrei: „Worin läge denn der Vorteil, wenn wir ohne Lockdown nun 40.000 der 50.000 Tote hätten?“ Der Epidemiologe Laurent Toubiana verweist wiederum auf Schweden und darauf, dass dieses Land ohne Lockdown keine höheren Sterberaten aufweise als Frankreich. Zwischen Frühjahr und Herbst 2020 sind in Frankreich laut der Dokumentation über 37.000 Menschen an Corona gestorben. Das ist eine der höchsten Todesraten in ganz Europa.
Sicherheit versus Freiheit – Waren beziehungsweise sind die harten Coronamaßnahmen nötig, fragt der Arte-Beitrag und lässt die Diskussion, die sich bald im Kreis zu drehen scheint, beginnen. Dabei zeigt sich schnell: Letztendlich kann man alles mit diversen Zahöen, Studien und Statistiken begründen. Das Für, aber auch das Wider der Maßnahmen, die es so (einheitlich) noch nie in Deutschland und auf der Welt gegeben hat.
Schweden gegen den Rest der Welt
Auch in Frankreich gibt es, ähnlich wie in Deutschland, Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen. In Frankreich gehen auch Ärzte und Pfleger:innen auf die Straße, um auf den Personal- und Materialmangel aufmerksam zu machen. Auch vor der Coronakrise gab es im französischen Gesundheitssystem massive Sparmaßnahmen – ähnlich wie in Deutschland, auch im Hohenlohekreis (wir berichteten). Hier in Deutschland bewegte sich der Protest der Mitarbeiter des Gesundheitswesens allerdings auf eher wütende Facebook-Posts. Um 21 Uhr applaudieren diverse Bürger für die Krankenschwestern und Pfleger, das soll erst einmal reichen.
Viele Schweden blieben einfach freiwillig zu Hause
Anders als Frankreich und Deutschland setzt Schweden bei den Coronamaßnahmen auf Selbstbestimmung der Bürger setzte. Viele Schweden seien auf dem Höhepunkt der Krise freiwillig zu Hause geblieben, so die Arte-Doku. Bereits im Frühjahr 2020 sagte die schwedische Regierung, dass man lange mit dem Virus werde leben müssen. Daher setzte die Regierung auf Maßnahmen, die die Bürger auch lange mitmachen können und würden. Die Todeszahlen schnellten allerdings erst einmal in die Höhe. 2020 gab es in Schweden bis November 2020 fünfmal so viele Coronatote wie in Deutschland, wenn man die Zahlen auf die Einwohnerzahlen herunterbricht. Allerdings scheint die Psyche der Schweden, so zeigt es der Film, durch die milderen Maßnahmen stabiler zu sein nach den Coronamonaten. Demos blieben aus.
So einfach gehorchen Menschen
Angela Merkel vergleicht die derzeitige Coronakrise indes mit dem Zweiten Weltkrieg, so schwierig sei die derzeitige Lage. Die Soziologin Guerot erklärt die breite Akzeptanz der harten Maßnahmen in Deutschland mit Psychologie: „Wenn man den Menschen nur erzählt, es ist für das Gute, sind sie zu fast allem bereit.“ Die Maske sei dabei die symbolische Aufladung. Der soziale Druck, sie zu tragen, dementsprechend groß.
Die deutsche Regierung setzt auf Disziplin, Angst und Emotionen
Ein internes Papier aus dem Innenministerium vom April 2020 lässt darauf vermuten, dass die deutsche Regierung vor allem auf Disziplin, Angst und Emotionen bei ihren Bürgern setzt, um die Coronamaßnahmen umzusetzen: „Der worst case ist mit allen Folgen für die Bevölkerung in Deutschland unmissverständlich zu verdeutlichen. […] Um die gewünschten Schockwirkungen zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden.“ Wenn nichts getan werde, prognostizieren die Experten über eine Million Tote in Deutschland im Jahr 2020 – durch Corona. Letzten Endes wären es wesentlich weniger gewesen, wenn man an die Zahl denkt, die Karl Lauterbach zu Beginn des Beitrages genannt hat – 30.000 bis 40.000. Das sind immer noch viele Tote – aber kein Vergleich zu der Zahl, die vor rund einem Jahr genannt wurde. Die Frage ist: Kann man sich wirklich so verkalkulieren oder war das vielleicht doch Taktik?
„Menschen, die Angst haben, lassen sich in Krisen besser steuern“
Weiter heißt es in dem Papier: Man müsse klarmachen, dass viele Menschen um Luft ringend zu Hause sterben. Kinder würden Eltern anstecken. Der Psychologe Professor Gerd Gigerenzer vom Max-Plack-Bildungsinstitut für Bildungsforschung, erklärt: „Menschen, die Angst haben, lassen sich in Krisen besser steuern, solange sie nicht zu viel Angst haben.“ Man könne vermuten, dass die Modellrechnugnen, die anfangs kursierten und die viel zu hoch waren, geholfen haben, dass Menschen genügend Angst bekommen haben und die Hygieneregeln befolgt haben.“
„Die Angst der Bevölkerung steht in keinem Verhältnis zu den Todeszahlen“
In Deutschland hatten im Herbst 2020 rund 37 Prozent Angst, an Corona zu erkranken, in Frankreich waren es 70 Prozent. Die Angst steht, so Arte, in keinem Verhältnis zu den Todeszahlen. Zum Vergleich: Etwa 20mal so viele Menschen starben in Deutschland an Krebs.
Nur wenig kritische Stimmen, als es um die starken Eingriffe in die Grundrechte ging
„Sind es die Angst und der Schock, den die Parlamentarier im März 2020 dazu veranlasst, nach nur 1,5 Stunden über eine epidemische Lage nationaler Tragweite zu entscheiden und dass es zu diesen starken Eingriffen in die Grundrechte lange Zeit nur wenige kritische Stimmen gab?“, fragt Arte.



