„Sie steht halt doch auf Alpha-Männchen“
„Alice Schwarzer ergreift Partei für Putin“, schreiben Autoren des Handelsblattes. @UtePiper28 twittert: „Und die „Emma jubelt über den „tapferen“ Putin, der Frauen und Kinder töten lässt…„. Schaak@Stefan schreibt auf Twitter an das Magazin EMMA gar: „#Schwarzer will von Putin gef**kt werden? Im Ernst? Krass… alte weiße Fleischeslüste…So ein Krieg steckt voller Überraschungen…“ @AlfredNeumann14 schreibt: „Sie steht halt doch auf Alpha-Männchen.“
„Alte weiße Fleischeslüste“
Was war der Auslöser für die unzähligen Kommentare auf Twitter und in anderen sozialen Foren gegen Alice Schwarzer ? Emma. Genauer gesagt, die Frauenzeitschrift Emma, die vor vielen Jahrzehnten die Feministin Alice Schwarzer ins Leben gerufen hat und die nun im allgemeinen Mainstream-Kriegsgeheul ein anderes journalistisches Scheinwerferlicht auf den Krieg in der Ukraine wirft. Nämlich das der Sinnlosigkeit. Der Sinnlosigkeit, einen Krieg zu führen. Feuer ernsthaft mit Feuer bekämpfen zu wollen, was am Ende einfach zu noch mehr Leid und Tod führt.
Helden? Nein, danke
So lautet der Titel der gedruckten März-Ausgabe: „Frieden jetzt. Helden? Nein, danke.“ Neben dem Titel eine junge Frau mit blutbespritztem Gesicht, die in die Kamera des Fotografen schaut.
Vorneweg: Alle oben zitierten Kommentare sind inhaltlich falsch. Vemutlich haben – wenn überhaupt – nur die Autoren des Handelsblattes nicht nur den Titel der Frauenzeitschrift gelesen, sondern den gesamten Leitartikel von Alice Schwarzer.
Die 79-Jährige tritt darin für Friedensverhandlungen und Kompromisse mit Russlands Staatschef Wladimir Putin ein und erinnert völlig zu Recht dabei auch an die unglückliche amerikanische Geschichte, als George W. Bush in den Krieg gegen den Irak zog, weil dort angeblich Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, was sich im Nachhin als Märchengeschichte herausstellte, um den Einmarsch in den ölreichen Staat zu legitimieren. Wollte damals jemand Bush an den Pranger oder vor ein internationsles Gericht stellen? Mitnichten. Es geht hier nicht darum, dass Schwarzer die Verfehlungen Russlands mit den Verfehlungen des Westens neutralisieren möchte. Beides sind und bleiben schwer wiegende Menschenrechtsverletzeungen. Krieg ist immer keine Lösung. Es geht Schwarzer lediglich darum, aufzuzeigen, dass wir uns wieder einmal als der strahlend weiße Westen generieren, als die einzige gute Partie in diesem Schachspiel und der böse Bube hat nur einen Namen. Putin. So einfach ist es aber nicht. Wir messen wie so oft mit zweierlei Maß. Wir schauen und bekommen auch von den Medien nur eine Seite der Medaille zu sehen – unsere. Wir befinden uns selbst mitten in einer Kriegspropaganda, damit wir deutsche Waffenlieferungen legitmieren und uns nicht schlecht dabei fühlen. Nach dem Motto: „Wir haben ja keine andere Wahl.“
Doch das ist falsch und feige. Wir haben immer eine andere Wahl. Dazu gehört Kompromissbereitschaft seitens der Ukraine und seitens Russland. Und wenn man dafür auf den Nato-Beitritt verzichten muss, im Gegenzug aber Menschenleben rettet, dann muss man eben in diesen Apfel beissen. Es gibt Schlimmeres.
Was Schwarzer auch endlich einmal als führende Journalistin ausspricht, ist dieses unglückselige Merkel-Bashing, das seit Ausbruch des Krieges auch von führenden Politiker und Journaliten in Deutschland verübt wird. Als wenn Angela Merkel Schuld an diesem Krieg und an der Abhängigkeit von russischem Öl und Gase hätte. Fakt ist: Mit Merkel hatten wir Frieden in Europa. Fakt ist auch: Merkel hatte nicht nur Joe Biden auf der anderen Atlantikseite, sondern auch noch einen anderen Präsidenten. Das scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Wegen der Unberechenbarkeit Donald Trumps hat sich Deutschland gemeinschaftlich für die Annäherung an Russland entschieden, weil man das Gefühl hatte, dass Putin noch etwas berechenbarer war und ist als Trump. Merkel war noch nie ein Freund von Wladimir Putin, aber sie war bereit, manchmal lieber eine Kröte mehr zu schlucken als einen Krieg zu riskieren. Es sind sicherlich nicht die weiblichen Staatschefs auf der Welt, die Kriege führen. Dahingegen könnte der Hochmut von größenwahnsinnigen Männern mal wieder das Verderben Europas sein.
Text: Dr. Sandra Hartmann
