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So wird das nix mit dem Bahnverkehr

Es ist Dienstag, 9. August 2022. Eine Fahrt mit dem 9€-Ticket in die Landeshauptstadt Stuttgart steht auf dem Programm. Es ist ungefähr 07:45  am Morgen, der Bahnsteig 2 im Bahnhof Schwäbisch Hall-Hessental füllt sich. Pendler sind unter den Wartenden, aber auch viele offensichtliche Ausflügler. Alle, es werden um die 100 Menschen sein, warten sie auf den Regionalexpress RE90 um 08:03 nach Stuttgart, als die elektronische Anzeige informiert, dass sie noch etwas länger warten müssen. Genauer: Der Zug ist voraussichtlich 50 Minuten verspätet. Grund sei „eine verspätete Bereitstellung“.

Fahrplanaushang verwirrt

Am Fahrplanaushang ist verwirrendes zu lesen: Von Schienenersatzverkehr von und nach Gaildorf ist die Rede und von Bauarbeiten im Stuttgarter Tunnel, die den Fahrplan durcheinanderwürfeln könnten. Der Umstieg in die S-Bahn wird empfohlen. Welche Züge vom Schienenersatzverkehr betroffen sind, ist nicht leicht herauszufinden. In altbewährter Manier hat man einfach einen Gesamtfahrplan für alle Haltepunkte ausgedruckt, in dem einzelne Felder rot markiert oder durchgestrichen sind – die Bedeutung dieser beiden Kennzeichnungen, Ausfall oder Ersatzverkehr, ist nicht erklärt. Und wirklich lesen kann man diesen Fahrplan auch nicht, so tief ist er aufgehängt. Eine klare, deutliche und zielgerichtete Kommunikation sieht anders aus.

Ein einfacher Zettel würde schon reichen

Wie einfach wäre es doch, wenn man einen Zettel, der die vom Ersatzverkehr betroffenen Züge und deren Abfahrtszeiten klar und deutlich und nur für den jeweiligen Haltepunkt nennen würde. Man hat den Eindruck, dass jemandem das zu einfach wäre … aber: Wer in Hessental einsteigen will, den interessiert hauptsächlich, was er in Hessental vorfindet und interessiert sich kaum für den Haltepunkt in Fornsbach.

Die Hohenlohebahn war pünktlich

Ein Lichtblick ist, dass wenigstens die Hohenlohebahn pünktlich eintrifft, die ja auch schon des Öfteren wegen Personalmangels ausgefallen ist. Sie bringt weitere Menschen, die ebenfalls nach Stuttgart reisen wollen und die sich jetzt den Wartenden anschließen.

So fördert man den ÖPNV nicht

Ein leicht nutzbarer ÖPNV sieht anders aus. Einerseits ergibt der bundesweite Großversuch mit dem 9€-Ticket deutlich, dass ein Bedarf für den Bahnverkehr vorhanden ist und viele Menschen gerne den Zug nutzen würden, wenn das Angebot attraktiv wäre.
Andererseits sind die Bahnbetreiber, die Landesregierung als Auftraggeber der Bahnbetreiber und die DB Netz AG – ein Unternehmen der Deutschen Bahn, die zu 100% im Besitz des Bundes ist, überhaupt nicht auf einen höheren Bedarf vorbereitet.

Elfmeter verschossen

Zuverlässigkeit ist für einen ÖPNV essenziell. Wenn Pendler sich nicht auf die Verfügbarkeit und die Pünktlichkeit der Verkehrsmittel verlassen können, dann nutzen sie eben weiterhin das Auto. Die Chance, Menschen vom Auto auf den ÖPNV zu bringen, wird gerade von der Politik vergeben.

Eine Stunde wollten wir auf dem Bahnhof Hessental, der wirklich nicht zum Verweilen einlädt, dann nicht warten. Die Fahrt nach Stuttgart fiel aus.

Text: Matthias Lauterer




Das 9€-Ticket: Ideal für Digitalnomaden

Viele Menschen verbringen heute ihr Büroleben in Coworking-Spaces und nicht mehr an einem festen Arbeitsplatz in einer Firma. Nachteil des Coworking-Konzepts ist für viele Berufsstarter der Preis: Ein paar Hundert Euro monatlich muss man in Ballungszentren schon rechnen für einen Platz im Coworking-Space. Man bekommt dafür gerade mal einen eigenen kleinen Schreibtisch und rund um sich herum befinden sich „kreative Umgebungen mit einer dynamischen Business-Community“. Das ist eine nette Umschreibung für „ewig dieselben Hipsterbärte, die ihre Erfolge lautstark feiern, der Typ gegenüber nervt den ganzen Tag und im Kühlschrank stehen nur seltsame Getränke und ein 6er pack Sushi“.

Vorher: Ein Schreibtisch im CoWorkingSpace.  Screenshot von www.spacesworks.com, einem Anbieter von Coworking Spaces.

Nahverkehrsanbieter bieten erstmals wirklich mobile Büros an

Die Alternative bieten nun die deutschen Nahverkehrsbetreiber: Für offiziell nur 36 Euro im Monat können sich Digitalnomaden in einem Viersitzerabteil des Nahverkehrs einmieten und bequem einrichten und dann im wahrsten Wortsinne mobil arbeiten. Die wirklich selbstbewußten Sparfüchse unter den Digitalnomaden zahlen allerdings selbst zu Stoßzeiten nur 9€ monatlich.

Nachher: Bequemes und mobiles Digital-Leben im Nahverkehrszug. Foto: GSCHWÄTZ

Den eigenen Schrank zur sicheren Aufbewahrung der Habseligkeiten bringt man selber mit, die Aussicht ist abwechslungsreich und inspirierend: sie wechselt zwischen grüner Landschaft und der Rückseite von Industriegebieten. Der größte Vorteil des Angebots dürfte aber sein, dass man bei der Arbeit nicht nur Hipster kennenlernt, sondern einen fast repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft, dass man dem wahren Leben begegnet und sich intensiv mit den Sorgen und Nöten der Mitreisenden beschäftigen kann.

Dieses Angebot ist allerdings nur noch bis Ende August 2022 gültig.

Text: Matthias Lauterer




Es gibt Menschen, die sich so eine Fahrt gar nicht leisten können

Seit dem Start des 9-Euro-Tickets fährt unser GSCHWÄTZ_Redakteur kreuz und quer durch das Ländle, um den öffentlichen Nahverkehr zu testen.

Eine kurze 9€-Ticket-Reise war es diesmal. Es ging einfach nur von Künzelsau mit dem NVH-Bus nach Schwäbisch-Hall. Aber auch eine kurze Busfahrt von etwas mehr als einer halben Stunde kann erlebnisreich sein.

35 Minuten – nicht viel länger als mit dem Auto

Am Bussteig 5 ist der SpaceBus nach Andromeda gelandet. Das 9€-Ticket gilt im SpaceBus nicht! Foto: GSCHWÄTZ

Gut 35 Minuten benötigt der Bus vom Künzelsauer Bahnhof zum ZOB in Schwäbisch-Hall – viel weniger Zeit benötigt man mit dem Auto auch nicht von Parkplatz zu Parkplatz. Voll war der Bus außerhalb der Stoßzeiten nicht. Allerdings ist das Auto bequemer – die Sitze des Busses sind eher für Menschen mit kleineren Konfektionsgrößen dimensioniert.

Es wird geratscht

Die Enge wird aber kompensiert durch den Unterhaltungsfaktor. Die Menschen reden im Bus miteinander und wenn eine Gruppe auf den Vierersitzen beisammen sitzt und ratscht, dann erfahren auch die Mitfahrer so Einiges über ihre Mitmenschen. Vielleicht ist sogar das ein oder andere dabei, was die Menschen, über die geredet wird, selber noch gar nicht über sich wissen. Da Hohenlohe klein ist, ahnt man schnell, um wen es geht.

Eine Busfahrgemeinschaft hält zusammen

Und dann war da noch … der Mann, der ohne Maske in den Bus einsteigen wollte. Nicht etwa, weil er ein politisches Statement setzen wollte – er hatte die Maske einfach vergessen. Er hätte sogar auf der Stelle eine Maske beim Fahrer gekauft, aber dieser Service ist wohl nicht vorgesehen. Aber noch bevor er den Bus wieder verlassen mußte, hielt ihm eine Mitfahrerin eine frische Maske hin. Es geht doch nichts über Hilfsbereitschaft.

Der Preis

Die Einzelfahrt von Künzelsau nach Schwäbisch Hall kostet 6 Euro. Wir waren zu zweit unterwegs, hätten also hin und zurück im Einzeltarif 24 Euro bezahlt. Das ist bereits mehr, als die Autofahrt inklusive Parkgebühr kostet und mit jedem weiteren Mitfahrer wird die Fahrt mit dem Bus teurer. Das Tagesticket für diese Strecke kostet für zwei Personen 20,60 Euro und damit ungefähr gleichviel wie die Fahrt mit dem Auto.

Ein Anreiz, das vorhandene Familienauto stehenzulassen und einfach spontan auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen, ist dieser Preis wirklich nicht – dazu hat das Auto den Vorteil, dass man mit vier Personen fahren kann, seine Einkäufe bequem im Kofferraum unterbringen kann und nicht auf einen Fahrplan angewiesen ist.

Politik muss handeln

Es gibt Menschen, die sich so eine Fahrt gar nicht leisten können.
Die Politik muss hier dringend eingreifen, wenn die geforderte Verkehrswende nicht nur eine leere Worthülse sein soll.

Die Verkehrsunternehmen können die Preise nur in einem engen Korsett anpassen, sie sind an gesetzliche Vorgaben gebunden, die nur die Landesregierung anpassen kann.

Dazu müßte sich die Politik zuallererst für die Meinung und die Anregungen der Menschen, die den Nahverkehr wegen des 9€-Tickets ausprobieren, interessieren. Bisher zeigt Verkehrsminister Winfried Hermann (GRÜNE) dieses Interesse nicht.

Text: Matthias Lauterer

 




Und mit jedem Bahnhof wird es voller, bis der Zugführer durchsagt, dass es zu voll ist und der Zug nicht weiterfahren kann, wenn sich nicht einige Fahrgäste erbarmen und aussteigen

Samstag vormittag, den 04. Mai 2022, kurz vor acht Uhr am Bahnhof Hessental. Der Bahnsteig ist gut gefüllt, alle schauen nach links, ob der Zug von Stuttgart nach Nürnberg nicht bald kommt. Manche sind mit schwerem Gepäck und mit der ganzen Familie unterwegs. Es herrscht eine freundliche Atmosphäre, jemand warnt uns vor Scherben auf der Treppe zur Unterführung.

In loser Folge berichtet GSCHWÄTZ-Redakteur Matthias Lauterer über seine Erlebnisse beim Reisen mit dem 9€-Ticket. Im Zentrum sollen dabei die Menschen stehen, die ihm begegnen, aber auch seine ganz subjektiven Eindrücke und die kleinen Splitter am Wegesrand.

 

Der Bahnhof in Hessental ist bunt geworden. Foto: GSCHWÄTZ

Trinkwasser gibt es hier nicht mehr. Foto: GSCHWÄTZ

Ausgequetschtes Wortspiel: Das 9€-Ticket in vollen Zügen genießen

Und dann kommt der gelbe Zug in Sicht – und beim Einfahren werden die Gesichter der Wartenden länger und länger: Der Zug ist ja schon voll. Sitzplätze sind nicht mehr zu erwarten. Der Zug ist wirklich voll, selbst beim Stehen findet nicht mehr jeder einen Halt. Die Idee, nach Nürnberg zu fahren, hatten wohl auch andere – kein Wunder: an diesem Wochenende findet in Nürnberg auch das Festival „Rock im Park“ statt.

Aber, so die trügerische Hoffnung: In Crailsheim werden bestimmt viele aussteigen. Weit gefehlt: Immerhin, es steigen drei Fahrradfahrer aus, wir ergattern zumindest einen Klappsitz. Und mit jedem Bahnhof wird es voller, bis der Zugführer durchsagt, dass es zu voll ist und der Zug nicht weiterfahren kann, wenn sich nicht einige Fahrgäste erbarmen und aussteigen. Nach ein paar Minuten geht es weiter.

Ein alter Liedtext von Mike Krüger kommt in den Sinn: „Und wenn man richtig was erleben will, dann darf man nicht sparn, dann muss man Samstag fahrn, wenn alle fahrn.“ Er sang damals ironisch vom Vergnügen des Ferienstaus auf der Autobahn.

Mitreisende beobachten kann auch Spaß machen

Gespräche mit Mitreisenden kommen nicht in Gang, jeder ist mit sich selber und seinem Gleichgewicht beschäftigt. Aber das Beobachten der Fahrgäste ist auch amüsant:
Die Gruppe junger Männer, die über den ganzen Wagen verstreut ist, läßt Bier durch den Waggon weiterreichen. Alle sind freundlich und hilfsbereit, aber die freundlichen Menschen kriegen nichts ab. Nur einer nimmt sich wohl seinen Teil, denn plötzlich gibts Gelächter und von weiter vorne brüllt einer: „Der hods klaut!“. Kein Problem, eine neue Flasche geht auf die Reise, es ist noch genug da. Zumindest für die Gruppe.
Oder die in diesem Umfeld etwas deplatziert wirkende Frau um die 50, gestylt, mit schickem Kamelhaarmantel, darunter modisch-zerfetzte eng anliegende Hosen, und den überlangen grünen Fingernägeln. Sie versucht zu telefonieren, aber in der fränkischen Landschaft findet sie kein Netz. Das SMS-Schreiben bereitet ihr sichtlich Schwierigkeiten, die Fingernägel stören doch erheblich. Wer schön sein will, muss leiden, sagt das Sprichwort.
Interessante Gespräche ergeben sich erst in der Stadt:

Rose und Bill aus Indiana

Rose und Bill aus Indiana. Foto: GSCHWÄTZ

Beim Kaffeetrinken auf dem Hauptmarkt, fragt ein älterer Herr, ob er sich auf einen freien Stuhl setzen darf. Es ist Bill aus Indiana, seine Frau Rose kauft derweil am benachbarten Stand schonmal ein Crêpe. Sie erzählen, dass sie mit einer Flußkreuzfahrt unterwegs sind. Bill schwelgt in Jugenderinnerungen und berichtet davon, dass er in seiner Jugend mit seinem Vater schon einmal in Nürnberg war. Die beiden teilen sich mit Genuß das Crêpe mit Schokocreme, immer wieder findet der Pappteller den Weg von ihm zu ihr und zurück. Sie strahlen innere Zufriedenheit aus. Man wird traurig, wenn man sich überlegt, ob es wohl ihre letzte große gemeinsame Reise sein wird? Wie alt sie sind, sagen sie nicht – nur soviel: Sie sind seit 65 Jahren verheiratet.

Der Nachtzug von Helsinki

Als ich ihm vom übervollen Zug erzähle, kann Bill das noch toppen: Er berichtet von einem Nachtzug aus Helsinki, in dem er schlafen wollte – aber die ganze Zeit stehen mußte. Dass es sowas wie ein 9€-Ticket gibt, erstaunt ihn – von so etwas habe er noch nie gehört.

Die beiden können nicht mehr allen Unternehmungen der Gruppe folgen, zwischendurch kommt der Reiseleiter und stimmt mit ihnen ab, dass er sie nachher hier zum Mittagessen abholen wird, nachdem die Gruppe noch etwas besichtigt hat. Wir können weiterplaudern.

Ob ich zum Abschluß ein Bild machen darf, fürs GSCHWÄTZ? Aber natürlich, die Tochter sei schließlich auch Journalistin, in Detroit. Und wieder kommt Bill ins Erzählen: Da wollte die Tochter zwar nie hin, aber nun sei sie da und es gefalle ihr gut.

Später sehen wir die beiden noch einmal aus der Entfernung, als sie mühsam die Treppen zu einem Restaurant steigen. Es bereitet ihnen Mühe, aber sie machen immer noch denselben zufriedenen Eindruck.

Nürnberg – Stadt der Gegensätze

Auffällig in Nürnberg sind die sozialen Gegensätze. Immer wieder sind Bettler zu sehen, liegen Menschen auf Parkbänken und versuchen zu schlafen, ihre Habseligkeiten neben sich. Direkt nebenan sind Kaufhäuser, teils aus dem hochpreisigen Segment, Cafés mit hippen Getränken. Der Kontrast scheint hier symbolhaft zusammenzugehören: Das Event liegt direkt neben der Armut.

Event und Armut liegen in der Nürnberger Innenstadt dicht beieinander. Foto: GSCHWÄTZ

 

In der gesamten Stadt betteln Menschen um Almosen. St. Klara. Foto: GSCHWÄTZ

Der Kontrast ist auch architektonisch das eigentliche Wahrzeichen Nürnbergs: Nachdem im zweiten Weltkrieg kaum ein Stein auf dem anderen blieb, sind in der Altstadt nur wenige Gebäude noch im Original erhalten. Stattdessen findet man ein Architekturgemisch, in dem alle Strömungen der Architektur seit den 50ern erkennbar sind – und man muss nicht alles schön finden, was damals gebaut wurde.

Das Nürnberger Rathaus ist ein typischer Verwaltungsbau aus den 50er Jahren, das Hotel links nimmt die Form eines mittelalterlichen Lagerhauses auf.  Foto: GSCHWÄTZ

The Brezn Concept Store. Ein hipper Glasbau. Foto: GSCHWÄTZ

Die Rückfahrt verläuft ereignislos

Als der Zug zur Rückfahrt in Nürnberg einläuft, steigen wir an der vordersten Tür ein und setzen uns in Fahrtrichtung. Was hinter uns los ist, sehen wir nicht. Erst beim Aussteigen in Hessental – der Zug war pünktlich! – merken wir, dass auch jetzt Menschen stehen mussten – wenn auch bei weitem nicht so viele wie auf der Hinfahrt.

Die Scherben auf den Stufen liegen immer noch.

Text: Matthias Lauterer

 




„Vielen Dank für Ihre Anfrage. Bitte wenden Sie sich jedoch damit an das Bundesverkehrsministerium.“

Nun kann das 9€-Ticket genutzt werden kann: In den Monaten Juni, Juli und August wird es möglich sein, den Öffentlichen Personennahverkehr im gesamten Bundesgebiet mit einem einheitlichen Ticket, welches für neun Euro pro Monat erhältlich ist, zu nutzen. Das Ticket gilt während dieser Zeit in allen Nahverkehrsverbünden, also auch in den Zügen der Eisenbahnbetreiber, sofern diese dem Nahverkehr angehören.

Die Deutsche Bahn informiert, was zu beachten ist:

  • Das 9-Euro-Ticket kann bundesweit auf allen Strecken und in allen Verkehrsmitteln des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) für beliebig viele Fahrten genutzt werden.
  • Das Ticket ist nicht in den Zügen des Fernverkehrs (z.B. IC, EC, ICE) und in Fernbussen gültig.
  • Die Fahrradmitnahme ist nicht generell im 9-Euro-Ticket inkludiert. Grundsätzlich gelten die kostenpflichtigen Mitnahmeregelungen der teilnehmenden Verkehrsverbünde.
  • Bitte beachten Sie: Von Juni bis August werden die Züge sehr voll werden, daher kann die Mitnahme Ihres Fahrrads nicht garantiert werden.
  • Für Hunde kann grundsätzlich kein 9-Euro-Ticket erworben werden. Hunde können aber, wie sonst üblich, gemäß der regulären Tarifbestimmungen, je nach Verbund ggf. mit einem separaten Ticket, mitgenommen werden. Dies gilt auch für Blinden- und Assistenzhunde, hier gelten, die bestehenden Regelungen weiter.

Gute Gelegenheit

Das 9€-Ticket wäre eine gute Gelegenheit, die Meinungen der Nutzer dieses Tickets zu erforschen. Denn die Nutzer dieses Tickets sind potentielle Kunden der Verkehrsbetriebe, die bisher aus mehr oder weniger guten Gründen den ÖPNV nicht nutzen. Es handelt sich dabei um die Menschen, die man möglicherweise ohne großen Aufwand zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel bewegen könnte.

Offene Fragen, die zu einer Verbesserung des Angebots führen könnten

  • Was sind die Gründe, warum diese Menschen bisher den ÖPNV nicht genutzt haben?
  • Gibt es neue Verkehrsflüsse, die bisher im Angebot nicht abgebildet sind?
  • Welche Voraussetzungen müßte der ÖPNV bieten, um Nutzer dauerhaft an sich zu binden?

Das sind nur einige der Fragen, deren Beantwortung den Verkehrsplanern, den Verkehrsbetrieben oder den Landratsämtern als Verkehrsträger für die zukünftige Erfüllung ihrer heutigen Aufgaben und den Zielen des Landesverkehrsministeriums weiterhelfen könnten.

Bisherige Nutzerbefragungen nur bedingt aussagekräftig

Nutzerbefragungen von Verkehrsbetrieben bringen oft sehr positive Ergebnisse: Die Nutzer sind meist sehr zufrieden mit dem Angebot und die Verkehrsbetriebe veröffentlichen diese Aussagen meist gern. Dass aber eine überwiegende Mehrheit der potentiellen Nutzer gar nicht von dieser Art von Befragungen erfasst werden, fällt ebenso gerne unter den Tisch. Denn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung nutzt den ÖPNV regelmäßig.

Verkehrsminister Hermann war von vornherein skeptisch

Verkehrsminister Hermann sieht das 9€-Ticket bekanntlich ohnehin kritisch, er hat dies in der vorbereitenden Diskussion oft zum Ausdruck gebracht: „Neben der Freude, dass man so eine Idee hat wie ein 9-Euro-Ticket, gibt es das Ärgernis, dass die grundsätzlichen Probleme nicht gelöst werden“, läßt er sich zitieren und spricht von einer chronischen Unterfinanzierung des ÖPNV.

Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen

Es ist allerdings ureigene Aufgabe des Verkehrsministers, die grundsätzlichen Probleme des ÖPNV zu lösen. Diese einmalige Gelegenheit, mit genau den Menschen zu sprechen, die den ÖPNV durchaus gerne nutzen würden, Probleme des ÖPNV zu erkennen oder gar Lösungsvorschläge zu erhalten, werden Minister und Ministerium nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Sollte man jedenfalls meinen. GSCHWÄTZ hat daher beim Verkehrsministerium des Landes Baden-Württemberg konkret angefragt, ob es in Baden-Württemberg begleitende Forschungsprojekte zum 9€-Ticket gibt. Und auch, falls nicht, warum man diese Chance nicht nutzt.

Überraschende Antwort kommt postwendend

Die Antwort kam postwendend und ist in Ihrer Klarheit kaum zu überbieten:  „Vielen Dank für Ihre Anfrage. Bitte wenden Sie sich jedoch an das Bundesverkehrsministerium“.

Das kann man gar nicht anders interpretieren, als dass der Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg, Winfried Hermann (DIE GRÜNEN) kein Geld für die wissenschaftliche und politische Begleitung des 9€-Tickets steckt. Dabei hat er sich doch selbst hohe Ziele gesteckt:

Passagierzahl im ÖPNV soll bis 2030 verdoppelt werden

Es sei, so Hermann, Konsens, die Zahl der Passagiere im ÖPNV bis 2030 zu verdoppeln. „Mit dem Status Quo werden wir das Ziel nicht erreichen und damit auch das Klimaschutzziel im Verkehrssektor verfehlen“, sagte Hermann. Die Chance, zusammen mit genau den Menschen, die man mit wenig Aufwand für den ÖPNV gewinnen könnte, Ideen für den Ausstieg aus dem Status Quo zu entwickeln, hat der grüne Verkehrsminister wohl vertan.

Hermann hätte das 9€-Ticket beinahe noch verhindert

Stattdessen hat er sogar kurz vor der Abstimmung wegen der Kosten noch ein Bund-Länder-Kompetenzgerangel vom Zaun gebrochen, das das 9€-Ticket beinahe noch verhindert hätte.

Text: Matthias Lauterer


 




Urlaub auf der Schiene: das 9€-Ticket kommt

Bundestag und Bundesrat haben es beschlossen: In den Monaten Juni, Juli und August wird es möglich sein, den Öffentlichen Personennahverkehr im gesamten Bundesgebiet mit einem einheitlichen Ticket, welches für neun Euro pro Monat erhältlich ist, zu nutzen. Das Ticket gilt während dieser Zeit in allen Nahverkehrsverbünden, also auch in den Zügen der Eisenbahnbetreiber, sofern diese dem Nahverkehr angehören.

Die Deutsche Bahn informiert:

  • Das 9-Euro-Ticket kann bundesweit auf allen Strecken und in allen Verkehrsmitteln des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) für beliebig viele Fahrten genutzt werden.
  • Das Ticket ist nicht in den Zügen des Fernverkehrs (z.B. IC, EC, ICE) und in Fernbussen gültig.
  • Die Fahrradmitnahme ist nicht generell im 9-Euro-Ticket inkludiert. Grundsätzlich gelten die kostenpflichtigen Mitnahmeregelungen der teilnehmenden Verkehrsverbünde.
  • Bitte beachten Sie: Von Juni bis August werden die Züge sehr voll werden, daher kann die Mitnahme Ihres Fahrrads nicht garantiert werden.
  • Für Hunde kann grundsätzlich kein 9-Euro-Ticket erworben werden. Hunde können aber, wie sonst üblich, gemäß der regulären Tarifbestimmungen, je nach Verbund ggf. mit einem separaten Ticket, mitgenommen werden. Dies gilt auch für Blinden- und Assistenzhunde, hier gelten, die bestehenden Regelungen weiter.

Besonders leicht macht es der NVH

Das Ticket ist ab dem 23. Mai 2022 im Verkauf, genutzt werden kann es aber erst ab dem 01. Juni. Besonders einfach macht es dabei der NVH seinen Fahrgästen: Das Ticket kann direkt beim Einsteigen in den Bus gelöst werden. Aber auch im Kundencenter in Künzelsau und im Moritz in Öhringen kann das Ticket erworben werden.

Chance für den Nahverkehr

Ziel der Bundesregierung ist primär, mit diesem Ticket vielen Menschen ein Schnupperangebot zu machen, das Auto einfach mal stehenzulassen und mit dem ÖPNV zur Arbeit oder zum Einkauf zu pendeln. Viele Menschen haben mit dem Ticket aber ganz anderes im Sinn: Sie planen Ausflüge in der näheren Umgebung. Andere organisieren Reisen quer durch die Bundesrepublik, die sie ausschließlich mit Nahverkehrsmitteln durchführen wollen. Einige touristische Ziele, etwa die Insel Sylt, stehen dem befürchteten Ansturm höchst skeptisch gegenüber. Andere Ziele rechnen mit einem positiven Effekt auf die Übernachtungszahlen.

BW-Verkehrsminister Hermann ist nicht nur begeistert

„Das Neun-Euro-Ticket ist eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance, neue Fahrgäste für den ÖPNV zu gewinnen. Wir haben die Hoffnung, dass es eine wirksame Werbemaßnahme zum Umsteigen vom Auto und zum Einsteigen in den öffentlichen Verkehr ist.“ Deshalb habe Baden-Württemberg der entsprechenden Gesetzesänderung zugestimmt. Minister Hermann erklärte: „Wir müssen aber auch auf die Risiken hinweisen. Denn es kann auch abschreckend wirken, wenn Menschen, die zum ersten Mal den ÖPNV nutzen, am Bahnsteig stehen und nicht mitgenommen werden, weil der Zug schon voll ist.“

Begleitende Massnahmen fehlen

Minister Hermann spricht einen wichtigen Punkt an: Zumindest in den größeren Städten ist der ÖPNV in den Stoßzeiten bereits heute unterdimensioniert. Ob man potentielle „Neukunden“ von den Vorteilen des ÖPNV überzeugt, wenn sie sich wie die Sardinen in überfüllte Busse und Bahnen zwängen müssen? Auf der anderen Seite war die Planung dieses Tickets lange bekannt – auch das Verkehrsministerium in Stuttgart hätte Massnahmen treffen können, beispielsweise die Verstärkung einiger Linien. Aus Hermanns Aussagen mag man herauslesen, dass er von den Chancen, die der ÖPNV den Menschen, aber vor allem auch den Kommunen bieten kann, nicht wirklich überzeugt ist.

Idealer Zeitpunkt für Verkehrsbefragungen

Dringend nötig wäre es auch, die „Neukunden“ der ÖPNV-Anbieter nach ihren Erfahrungen und ihren Anforderungen zu befragen. Die Gelegenheit wäre günstig, denn niemals zuvor hatte man die Chance, zielgerichtet mit denjenigen Menschen zu reden, die den ÖPNV prinzipiell als Alternative zum Auto ins Auge fassen und ihn konkret ausprobieren. Die Erkenntnisse aus solchen Befragungen könnten, insbesondere auf dem Land, ganz neue Erkenntnisse über Verkehrsströme ergeben, die zu einer Verbesserung des Angebots führen könnten. Darüber, dass derartige Befragungen von den Verkehrsanbietern großflächig und eventuell mit finanzieller Unterstützung des Landes oder Bundes durchgeführt werden, ist bisher nichts zu lesen.

GSCHWÄTZ probierts aus

GSCHWÄTZ wird das 9€-Ticket ausprobieren: Sowohl innerhalb des NVH als auch in der weiteren Region werden wir das Ticket gezielt nutzen und über die Erfahrungen mit dem Ticket und über Erlebnisse während der Fahrten berichten.

Text: Matthias Lauterer