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Verborgene Winkel in Künzelsau entdecken

Erneut lädt die Stadtverwaltung Künzelsau am Samstag, 2. April 2022, 11 Uhr, zu einer Führung durch die Gassen der Kernstadt Künzelsaus ein. Gleichermaßen an Neubürger und Alteingesessene richtet sich dieses Angebot. Dieses Mal wird Friederike Spieles den anderthalbstündigen Spaziergang mit ihren Erläuterungen begleiten.

Von der Burgsiedlung zur Kreisstadt

Der Ort steht im ersten Jahrtausend seiner Geschichte. Aus einer Burgsiedlung entwickelte er sich zu einer pulsierenden Handels- und Handwerkerstadt, die einst von mehreren Herren regiert wurde. Seit 1806 gehörte sie zu einem Königreich und wurde schließlich vor 70 Jahren zu einem Bestandteil des Bundeslandes Baden-Württemberg.
Hier stellt sie sich als Hauptstadt eines der 35 Landkreise, des Hohenlohekreises dar. Durch aktives Engagement der Stadtverwaltung wurde die Altstadt saniert, findet Förderung von Existenzgründungen und Leerstands-Management statt.

Mehrere Gebäude die eine besondere Geschichte aufweisen werden in der Führung gezeigt. Einige bedeutende Persönlichkeiten sind in Künzelsau geboren. Ereignisse wie Bachhochwasser, Feuersbrünste, Umzüge und Feste prägten sich im Gedächtnis der Einwohnerinnen und Einwohner ein.

Anmeldung

Anmeldungen sind möglich bis Freitag, 1. April, 18 Uhr unter stefan.kraut@kuenzelsau.de oder 07940 129-117. Die Teilnehmergebühr beträgt drei Euro pro Person. Treffpunkt ist am Samstag, 2. April, um 11 Uhr beim Alten, Rathaus, Balustraden-Seite, Hauptstraße 41, Künzelsau.
Die nächste Stadtführung ist am Samstag, 7. Mai 2022 geplant.

Pressemitteilung Stadt Künzelsau




Mitternachtsshopping in Künzelsau

Am Freitag, 11. März 2022 findet in Künzelsau endlich wieder das Mitternachtsshopping statt. Viele Einzelhändler der Werbegemeinschaft Künzelsau laden an diesem Abend ihre Kunden bis 24 Uhr ein. Nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zu einem Abendspaziergang durch die Innenstadt oder um ihre Kunden mit dem ein oder anderen kulinarischen Highlight zu verwöhnen. Einige Geschäfte bieten besondere Aktionen an: Gutscheine, Rabatte und vieles mehr erwartet die Besucher. Daneben sorgt ein Rahmenprogramm für Unterhaltung. Mit einem kreativen Beleuchtungskonzept wird die komplette Hauptstraße in Szene gesetzt. Speziell ab Einbruch der Dunkelheit entsteht ein großes Farbenspiel in der Künzelsauer Innenstadt, welches bei dem Shopping-Erlebnis für gute Stimmung sorgt. Mit bunten Lichtkegeln erstrahlt die Hauptstraße in einem stimmungsvollen Licht. Besucher des Mitternachtsshopping erleben die Künzelsauer Innenstadt in einem ganz anderen Flair.

Neben dem faszinierenden Shopping-Erlebnis kommt das kulinarische Angebot beim Mitternachtsshopping nicht zu kurz. Für das leibliche Wohl wird auf alle Fälle gesorgt sein.

Ein Besuch in Künzelsau lohnt sich immer. Künzelsau und die Einzelhändler der Werbegemeinschaft freuen sich jetzt schon auf zahlreiche Besucher beim ersten Mitternachtsshopping in diesem Jahr.

Pressemitteilung Stadt Künzelsau

 

 




Erster Preis für Künzelsaus Fair-Trade-Aktivitäten

Zehn baden-württembergische Kommunen wurden im Rahmen der landesweiten Initiative Meine. Deine. Eine Welt. für ihr besonderes Engagement für eine nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet, darunter auch Künzelsau. Die Kommunen mit ihren Bürgerinnen und Bürgern haben bewiesen, dass jede und jeder etwas für eine gerechtere und zukunftsfähige Welt tun kann.

Besonderes Engagement für eine gerechtere Welt

Mannheim, Heidelberg, Freiburg, Fellbach, Konstanz, Lahr, Künzelsau, Engen, Landkreis Reutlingen und der Landkreis Enzkreis: Das sind die zehn baden-württembergischen Kommunen und Landkreise, die bei der neunten Runde der Initiative Meine. Deine. Eine Welt. für ihr besonderes Engagement für eine gerechtere Welt ausgezeichnet wurden und Preisgelder in Höhe von insgesamt 35.000 Euro als Anerkennung erhielten. Mit ihren Aktionen und Veranstaltungen während der landesweiten Eine-Welt-Tage im September und Oktober machten sie auf ihre entwicklungspolitischen Initiativen aufmerksam und motivierten Andere, sich dem Netzwerk der Engagierten anzuschließen. Die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) lädt alle zwei Jahre Kommunen zu diesem Projekt ein. Das Projekt wurde zum wiederholten Mal durch die Unterstützung der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global mit den Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ermöglicht.

Jury aus entwicklungspolitischen Expertinnen und Experten

Trotz der Pandemie hatten bei der kommunalen landesweiten Initiative Meine. Deine. Eine Welt. 2021 16 Kommunen aus Baden-Württemberg mit 165 Veranstaltungen teilgenommen. Eine aus entwicklungspolitischen Expertinnen und Experten zusammengesetzte Jury hat nun die preistragenden Kommunen des Wettbewerbs von Meine. Deine. Eine Welt. 2021 ausgewählt.

5.000 Euro Preisgeld soll für Fairtrade-Aktionen verwendet werden

Künzelsau belegte in der Kategorie „Kleine Kommunen“ den ersten Preis und erhält ein Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro. Dieses Preisgeld soll im Jahr 2022 nun für Fairtrade-Aktionen in der Stadt Verwendung finden.

Unterstützung von Wirtschaft und Organisationen

Künzelsau nahm mit dem Programm „Zukunft fair gestalten in Künzelsau“ teil und realisierte für Interessierte ein niedrigschwelliges interaktives Angebot, das zur Beschäftigung mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen im Alltag einlud. So gab es in Künzelsau eine Stadtrallye unter Beteiligung zahlreicher Geschäfte und Institutionen mit Mitmach-Aktionen wie Rätseln, Quizfragen und Schaufenstern rund um Nachhaltigkeit und Fairen Handel. Organisiert wurde die Aktion in Kooperation mit der Stadt Künzelsau von Stefanie Lotter und Angela von Reventlow, den beiden Geschäftsführerinnen der Übungsfirma Fabiro GmbH in der Kaufmännischen Schule Künzelsau. Folgende Geschäfte und Institutionen haben sich beteiligt: Stadtbücherei, Weltladen, Kaufmännische Schule Künzelsau, St. Paulus Kirche, Buchhandlung Lindenmaier & Harsch,, Brüder-Grimm-Schule, Second&More, Tafel Künzelsau, Klimabeirat, Vesperstube und Volkshochschule.

Kurzfilme auf youtube

Bei der Kaufmännischen Schule konnten die Teilnehmenden zwei Kurzfilme über QR-Codes zum Thema Nachhaltigkeit und Fairtrade ansehen (https://www.youtube.com/watch?v=VP41Guc7_s4 sowie https://www.youtube.com/watch?v=JDzUh7WpGmY), Anregungen aus dem Klima-Sparbüchle entnehmen und Vorschläge auf Kärtchen notieren, wie die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN in den Alltag integriert werden können. Eine große Plakatwand an der Fensterfront neben dem Haupteingang der Kaufmännischen Schule entstand so im Laufe einer Woche mit den Zielen und den Handlungsvorschlägen unter dem Motto „Tu du’s – Jede Tat zählt“. Passend zum Thema Nachhaltigkeit nahmen die Mitarbeiter*innen der Fabiro GmbH in der Woche zudem an einem Workshop zum Thema „Plastikfrei – sei dabei“ teil, das von GEPA digital angeboten wurde.

Stefan Neumann dankt den Schülerinnen und Schülern sowie den beiden Lehrerinnen für ihr Engagement. Foto: Stadt Künzelsau

Die Jury lobte besonders, dass ein Brief mit konkreten Empfehlungen an den Bürgermeister und den Gemeinderat geschickt wurde, der ausführlich beantwortet wurde. So möchte die Stadtverwaltung unter anderem bei der Anschaffung von neuen Mülleimern auf die Größe und eine Ablagefläche für Pfandflaschen achten oder bei der Vergabe von Reinigungsleistungen an städtischen Einrichtungen möglichst eigenes Personal einstellen und faire Arbeitsbedingungen bieten.

„Ich bin stolz auf das großartige Engagement für den fairen Handel in Künzelsau und freue mich besonders über den Einsatz der der Kaufmännischen Schule, die eine klasse Aktion auf die Beine gestellt hat. Und es zeigt sich immer wieder: Engagement zahlt sich aus“, so Bürgermeister Stefan Neumann.

Feierliche Preisverleihung pandemiebedingt ausgefallen

Da die feierliche Preisverleihung im Neuen Schloss in Stuttgart in diesem Jahr pandemiebedingt leider ausfallen musste, wurden die Preise schriftlich übermittelt. „Wir bedanken uns herzlich für das Engagement aller Kommunen, die 2021 an Meine. Deine. Eine. Welt. teilgenommen haben. Durch ihren Einsatz haben sie Menschen in Baden-Württemberg gezeigt, dass globale Verantwortung und Nachhaltigkeit vor der eigenen Haustür beginnen müssen“, so Philipp Keil, Geschäftsführender Vorstand der SEZ.

Hintergrund

Die alle zwei Jahre stattfindende Initiative Meine. Deine. Eine Welt. wird von der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) organisiert und findet statt in Zusammenarbeit mit der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global mit den Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Meine. Deine. Eine Welt. leistet einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen und ihrer 17 Nachhaltigkeitsziele in den Kommunen, indem vorhandene Potenziale für mehr globale Verantwortung in den Kommunen Baden-Württembergs entfaltet, gestärkt und weiterentwickelt werden. Kommunen mit ihren Städten, Schulen, Volkshochschulen, Vereinen und Weltläden sind zentrale Orte menschlicher Begegnungen, wo es jeden Tag aufs Neue möglich wird, das Bewusstsein für globale Themen zu schärfen und partnerschaftliche Netzwerke zu stärken.

Pressemitteilung Stadt Künzelsau

 

 




„Wenn Politik schon am Versagen ist, dann müssen wir Bürger jetzt endlich liefern.“

Nachdem sie im ersten Teil des GSCHWÄTZ-Interviews über soziale Ökonomie gesprochen hat, gibt Sina Trinkwalder im zweiten Teil ganz viel von ihren inneren Überzeugungen preis, wenn sie über „Heimat“, die Entwicklung der bundesdeutschen Gesellschaft und die Möglichkeiten des Einzelnen spricht – und sie zeigt dabei Emotion.

GSCHWÄTZ: Ich würde ganz gerne noch auf deine Bücher, die das ja auch widerspiegeln…

Sina Trinkwalder: … ich schreibe grade schon wieder eines …

GSCHWÄTZ:  Um was geht es diesmal?

Sina Trinkwalder: Ein Plädoyer fürs Unternehmen. Und ich habe es extra so weit gefasst, weil Unternehmen das  Gründen mit einbezieht, aber auch wirklich, privat etwas zu machen. Einfach rauskommen aus dem Quark.

GSCHWÄTZ: Einfach etwas anderes machen?

Einfach nur etwas unternehmen

Sina Trinkwalder: Ja, denn die meisten Gründer … Du kannst auch im Beruf etwas unternehmen, die meisten machen ja nicht wirklich was, unternehmen nichts. Und wir wissen alle, wir würden so gerne, aber sie tun es dann nicht. Und da kann man sehr schön darüber philosophieren, wie es vielleicht doch geht. Aber das ist oft etwas, was, was mich die Menschen fragen: Mensch Meier, du machst jeden Tag was anderes und vor allen Dingen, Du machst es. Wie denn? Ja, es ist eigentlich nicht schwer, etwas zu machen. Du musst es halt tun.

GSCHWÄTZ: Jetzt sind wir doch schon wieder bei der Psychologie gelandet.

Sina Trinkwalder: Sind wir, genau.

Buchtitel Sina Trinkwalder

GSCHWÄTZ: Dein letztes Buch – also zumindest das letzte, von dem ich etwas gelesen und gehört habe – geht um die Heimat. Da hast du ja auch einen etwas erweiterten Heimatbegriff und nicht nur das eigene Dorf, sondern?

Ich habe kein eigenes Dorf, ich bin heimatlos

Sina Trinkwalder: Ja, ich habe überhaupt kein eigenes Dorf, das ist vielleicht das Interessante, weil ich im traditionellen Sinne heimatlos bin, so oft ich umgezogen bin als Kind. Also wie kann ich überhaupt nicht irgendwie dokumentieren, dass irgendein Landstrich meine Heimat geworden wäre. Ich sitze auch nicht diesen tradierten Begriff aus, Heimat ist da, wo man … ach, diese Kalendersprüche, sondern ich glaube einfach, dass Heimat wirklich der Raum ist, wo man sich begegnet, in Würde begegnet, wo auch Würde gedeiht. Wo wir wirklich auf auf dieser viel besagten Augenhöhe, was ich ja ganz furchtbar finde, dieses Wort aber in großem Respekt und in der Anerkennung der anderen Persönlichkeit begegnet.

GSCHWÄTZ: Aber du wohnst jetzt in Augsburg?

Sina Trinkwalder: Ich wohne in Hamburg

GSCHWÄTZ: In Hamburg, und die Firma ist in Augsburg, Und in Hamburg würdest du nicht eine Heimat im klassischen Sinn sehen für dich selber?

Sina Trinkwalder: Nein, ich kann auch morgen nach Amsterdam ziehen oder nach Tansania. Ich mache Heimat eben überhaupt nicht so fest an einer Lokalität.

GSCHWÄTZ: Dieser Heimatbegriff ist laut dem Klappentext eines Buchs oder dem, was der Verlag dazu schreibt, ist genau diese Fairness: Da steht „Menschen geben sich wechselseitig Heimat, wenn sie sich mit Wertschätzung und Fairness begegnen. Das funktioniert regional wie national und global“. Sagt der Verlag.

Sina Trinkwalder: Nein, das sage auch ich. Du wirst dich wundern, aber Klappentexte kommen meistens auch vom Autor.

GSCHWÄTZ: Ich habe noch kein Buch selber geschrieben. Ich fange das erst an mit der Schreiberei.

Sina Trinkwalder:  Ja, sehr gut.

GSCHWÄTZ: Diese Heimat ist ja auch ein Sinnbild für unsere heutige Gesellschaft in Corona-Zeiten. Das Buch ist geschrieben worden vor Corona, rausgekommen glaube ich 2020, in Corona oder vielleicht noch kurz davor. Und im Moment sieht unsere Gesellschaft nicht so aus, als würde man sich gegenseitig diese Heimat geben. Kriegen wir das wieder hin?

„Nicht einer völlig romantisierenden Vorstellung von Heimat oder von Gesellschaft aufsitzen“

Sina Trinkwalder: Na, ich bin kein Prophet, ich wünsch mir von Herzen, dass wir es wieder hinkriegen und ich gebe alles dafür und tu auch alles und mache alles dafür, dass wir wieder auf einen guten Weg kommen. Man muss, glaube ich, auch unterscheiden, dass wir nicht einer völlig romantisierenden Vorstellung von Heimat oder von Gesellschaft aufsitzen. Es gibt viele Individuen und alle Individuen haben ihre eigene Vorstellung ihres Lebensraums, ihrer, ihres Lebens überhaupt von allen. Was uns fehlt momentan, ist eine gemeinsame Basis, ein Wertesystem, wo wir alle zusammen sagen „so machen wir das jetzt“. Das nennt man übrigens auch Demokratie, lustigerweise. Das ist auch ein Wertesystem, eine Basis.

Gesellschaftliche Freiheit vs Freiheit eines Einzelnen

Wir müssten uns mal committen zu sagen „ich bin auch der Meinung, dass die individuelle Freiheit nicht ganz so viel wert ist wie die gesellschaftliche Freiheit und die Unversehrtheit eines Einzelnen“. Das ist ja unser Problem, was wir momentan haben. Und das bedingt, dass natürlich sehr viele Menschen sehr wütend werden. Wütend bin ich beispielsweise in der aktuellen Situation. Das Interview heute findet statt mit 65000 Coronafällen pro Tag, mit Übergriffen von Querdenkern auf Ärzte, mit Morddrohungen an Virologen. Wir haben auch das Gefühl, wir sitzen in einem völligen Kessel. Und ich bin nicht wütend, sondern ich bin wirklich verwundert, dass es Menschen gibt, die in einer ausentwickelten Industriedemokratie, wie es Deutschland ist … ja, wie soll ich sagen … intelligenztechnisch so abrutschen können. Es ist aber auf der anderen Seite tröste ich mich dann immer wieder und sage, gut in Ordnung, das gab es glaube ich immer und wir müssen das auch aushalten, auch wenn es momentan eben – und das ist eben das, was uns so schwer fällt – die Gesamtgesellschaft gefährdet.

Diejenigen, die aufs Gemeinwohl achten, müssen dagegenhalten

Umso mehr müssen wir, diejenigen, die aufs Gemeinwohl wirklich achtgeben, dagegenhalten und weiter mit Vernunft  agieren. Auch mir fällt es unglaublich schwer, mir fällt es wahnsinnig schwer. Wir haben auch beispielsweise bei manomama zwei, drei Leute, die Hygienemaßnahmen für den  Arsch und Masken völlig bescheuert finden und totale Impfgegner sind etc. Es ist wirklich sehr, sehr schwer. Wenn es nur um mich ginge, beispielsweise, man würde denken, rutsch mir den Buckel runter. Aber ich habe die Fürsorgepflicht für all die anderen, die bei uns sind. Und auf einmal bist du in einer Zwickmühle. Und beispielsweise, was mich wütend macht, ist die Politik, die total versagt, massiv versagt. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Jegliche Entscheidungsprozesse, alles, was irgendwie Konsequenzen haben könnte, wird abgewälzt, auf Ärzte, auf Unternehmer.

„Es wird alles abgewälzt. Verantwortung wird total externalisiert.“

Es wird alles abgewälzt. Verantwortung wird total externalisiert. Und das geht halt nicht. Das funktioniert nicht. Das ist das einzige, was mich wütend macht. Aber ich bin nicht derjenige, der so negativ blickt. Weil vor Corona hatten wir auch schon eine Gesellschaft, die auseinander gedriftet ist. Da gab es die Geflüchtetenkrise, dann gab es die Ökokrise, dann gab es …. Es gibt immer irgendwas, warum Gesellschaften auseinanderdriften. Wichtig ist, dass wir genügend sind, die sie zusammenhalten.

GSCHWÄTZ: Wir hatten in der Geschichte der Bundesrepublik viele, viele Krisen …

Sina Trinkwalder: Aber wir leben noch.

GSCHWÄTZ: Das wollte ich gerade sagen. Die Gesellschaft hat sich doch immer wieder zusammengerauft in irgendeiner Form, teilweise wirklich gerauft. Ja, wir erinnern uns an Kernkraft-Demos, wo wirklich gerauft wurde. Aber siehst du da vielleicht im Moment eine andere Qualität als früher?

„Die Qualität, die wir momentan sehen in den Medien, die finde ich erschreckend.“

Sina Trinkwalder: Das kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Es steht mir auch nicht zu, es zu beurteilen, weil ich für Kernkraft, also Wackersdorf etc., da war ich fast zu jung. RAF, daa habe ich fast noch nicht gelebt. Ich kann das einfach nicht beurteilen. Ich kann nur für mich oder mir ein Bild machen zu sagen, die Qualität, die wir momentan sehen in den Medien, die finde ich erschreckend. In meinem Umfeld, im unmittelbaren Umfeld und im erweiterten Umfeld gefällt sie mir nicht, die Qualität. Aber sie ist nicht so, wie es in den Medien sehe. Trotzdem bin ich gnadenloser Optimist und sage, wir kriegen das trotzdem hin. Vielleicht nicht mit 100 prozent, aber mein Gott, wer muss denn immer 100 Prozent einsammeln. Angela Merkel wurde mit 20 Prozent der Bevölkerung Bundeskanzlerin. 16 Jahre. Also ich glaube, wir müssen uns auch von unserer Absolution irgendwann mal verabschieden. Wenn wir mehr als die Hälfte Menschen sind, die Gemeinwohl und Gesellschaft leben, dann ist das viel und das ist gut so. Und dann ist es stabil. Und wenn wir über 70 Prozent sind, ist es richtig super. Ja, nur die Quote könnte höher sein, da braucht man auch nicht diskutieren. Und dafür braucht es dann einfach auch mal Mittel, die politisch notwendig sind. Dann muss halt mal eine Impfpflicht her für alle. Bums aus, Amen, Fertig.

GSCHWÄTZ: Ich habe gerade gestern einen Beitrag veröffentlicht, der in die Geschichte geht, nämlich so die Zeit des ersten Impfgesetzes von 1874. Da ging es um die Pocken und das Interessante war, dass die Argumente der Impfgegner, die es damals auch gab und …

Sina Trinkwalder: Es gibt die immer.

GSCHWÄTZ: … die im Prinzip auch die damaligen sozialen Medien, nämlich alle möglichen Printprodukte, verwendet haben, genau die gleichen sind wie heute.

Ein Teil der Menschen hat augenscheinlich nichts gelernt

Sina Trinkwalder: Ja, aber dann kannst Du Dir natürlich deine Frage, ob der Mensch nicht gelernt hat, beantworten: augenscheinlich ein Teil nicht. Ich kann auch wirklich verstehen, wenn jemand sagt, ich weiß nicht, was da passiert oder ich bin mir da nicht sicher. Und ich kann auch nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die aus eigener Kraft nicht über dieses Stöckchen springen können. Ich habe Angst und muss da jetzt drüber und muss mich impfen.

Massives und andauerndes Versagen der Politik

Ja, ich glaube auch, dass unheimlich viel versäumt wurde an guter Kommunikation, einfach, auch wirklich massiv versäumt. Ich möchte ein schönes Beispiel geben, oben bei uns im Norden ist ja die Welt noch so halb in Ordnung im Vergleich zum Süden, wo ich ursprünglich herkomme. Ich pendel jede Woche oder jede zweite Woche zwischen Wahnsinn und Normalität momentan. Und wenn wir es hier sehen,  Bremen hat eine Impfquote bei den Erwachsenen über 90 Prozent. Aber wirklich an jeder Ecke hängen auch Plakate in 20 verschiedenen Sprachen. Lasst euch impfen, tut nicht weh. Bei uns in Bayern habe ich noch kein einziges Plakat gesehen. Doch: Es ist hochdeutsch, aber nicht ein einziges in Arabisch, auf Türkisch nichts. Warum? Ja, die Amtssprache in Bayern ist Deutsch. Was für ein Bullshit. Nehmt doch die Leute mit.

Was für ein Bullshit. Nehmt doch die Leute mit.

Ich selbst habe es bei mir in der Firma gemerkt. Wir hatten zunächst auch gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund einen großen Zweifel, ob das gut ist, was man da machen soll, in vielen einzelnen Gesprächen. Ich habe Menschen mit begleitet zum Impfen oder habe sie mit Kolleginnen hingeschickt, die deren Sprache sprachen. Die haben sich dann überzeugen lassen, weil sie einfach informiert wurden. Da ist viel kaputtgegangen. Und das ist mit Sicherheit und mit ganz großer Wahrscheinlichkeit wirklich der Politik anzulasten, dass sie damals sauber am Versagen waren. Und nach wie vor sind.

GSCHWÄTZ: Ich nehm das jetzt mal als Schlusswort …

„Wir müssen es halt selber in die Hand nehmen“

Sina Trinkwalder: Und dann kriegst Du mein finales Schlusswort: Wenn Politik schon am Versagen ist, dann müssen wir Bürger jetzt endlich liefern. Ja, gesellschaftlich, auch ökonomisch. Wir müssen es halt selber in die Hand nehmen, bis die Politik sich mal sortiert und sondiert hat und wir gucken, was da rauskommt.

GSCHWÄTZ: Eine kleine Revolution ist das, was du jetzt forderst.

Eine kleine Revolution reicht nicht

Sina Trinkwalder: Da brauchen wir schon eine große, momentan.

GSCHWÄTZ: Okay, aber DAS nehmen wir jetzt wirklich als Schlusswort. Und dann bedanke ich mich für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte Matthias Lauterer