„Die Scham ist da“
Biljana ist 52 Jahre, sie wurde in Künzelsau geboren, die meiste Zeit hat sie im Hohenlohekreis gelebt. Die Frisörmeisterin hat nach ihrer Ausbildung immer gearbeitet, teilweise in mehreren Jobs gleichzeitig. Sie fühlt sich hier im Ländle beheimatet, nur einen deutschen Pass hat sie bis heute nicht.
Biljanas unglaubliche Geschichte mit der deutschen Bürokratie
Das erfüllt sie mit Scham, aber auch mit Wut über die deutschen Behörden und mit Trauer. „Ich fühle mich heimatlos“, sagt sie mit Blick auf ihren bosnischen Pass, den sie quasi durch ihren Vater, der Bosnier ist, bekommen hat, nachdem in Deutschland damals vor 52 Jahren die Gesetzeslage so war, dass man nicht per Geburtsrecht deutsch war. Das hat sich bis heute, zumindest formell, bei ihr nicht geändert.
Der deutsche Pass ist einer der wertvollsten Ausweise der Welt
Sie stutzt immer wieder, wenn sie in den Medien Geschichten von Hinzugezogenen liest, die nach wenigen Jahren ihren deutschen Ausweis in den Händen halten. Sie, die naturgemäß, da hier geboren, fließend und aktzentfrei deutsch spricht, hat sich in den vergangenen Jahren, als sich die Gesetzeslage geändert hat, ebenfalls bemüht, um einen der wertvollsten Ausweise der Welt. Doch der deutsche Bürokratismus brachte sie an ihre Grenzen.
Insgesamt 13 Seiten mit einer Liste an einzureichenden Dokumenten
Unter anderem sagte ihr die Sachbearbeiterin laut eigener Aussage, dass sie ihre Anwesenheitslisten an ihrer Meisterschule von vor über 30 Jahren an einreichen müsse. Der Meisterbrief reiche nicht aus. Des Weiteren müsse sie die Gehälter ihrer volljährigen und bereits ausgezogenen Kinder einreichen, obwohl sie und ihr Mann beide seit Jahrzehnten Vollverdiener sind. Der Fragebogen und die Bogen mit den benötigen Dokumenten umfasst insgesamt 13 Seiten.
Gefühlt heimatlos
Auch sei es so, dass nachdem man alle Unterlagen eingereicht habe, nochmal eine Wartezeit vorläge von 18 Monaten, in dieser Zeit könne sie sich dann nochmal überlegen, ob sie tatsächlich den deutschen Pass und damit die doppelte Staatsbürgerschaft möchte. „Diese Bedenkzeit brauche ich nicht“, sagt Biljana. Doch das ist laut der Sachbearbeiterin des Landratsamtes egal. Diese müssten eingehalten werden. Danach könne es dann sein, dass die eingereichten teilweise notariell beglaubigten Dokumente nicht mehr aktuell genug seien. Diese müssten dann nochmal neu beantragt und eingereicht werden. Für Biljana eine Farce.
Traumatisches Erlebnis
Bis heute darf sie in ihrer Gemeinde Ingelfingen bei keiner Bürgermeisterwahl teilnehmen. Durch den bosnischen Pass darf sie manche Länder nicht bereisen, die für Deutsche normale Urlaubsziele sind. Sie erinnert sich noch an eine Begebenheit, die den Stein ins Rollen brachte, mit 17 Jahren nahm sie an einer Frisörmeisterschaft teil, sie schaffte es von Baden-Württemberg nach Berlin. Dort reiste sie alleine hin. Für ihre Elternwaren die rund 2.000 Euro Kosten für Flug und Unterkunft sehr viel Geld, aber sie unterstützten sie so gut es ging. Dort angekommen sollte sie ihren deutschen Ausweis vorlegen, den sie nicht hatte. Und wurde disqualifiziert. Noch heute kämpft sie mi den Tränen, wenn sie daran zurückdenkt. „Ich habe nur diese eine Heimat“, sagt sie. Doch momentan fühlt sie sich nahezu heimatlos.
Wir haben das Landratsamt des Hohenlohekreises um eine Stellungnahme gebeten und warten derzeit noch auf eine Antwort.
Hier geht es direkt zum Videointerview:
(1) Biljanas unglaubliche Geschichte mit der deutschen Bürokratie – YouTube


