Wenn sich in amerikanischen Spielfilmen Autos in die Luft schrauben, Busse ins Wasser stürzen, ein Haus explodiert und sich der Superheld durch mannshohe Wellen kämpft, hat des Öfteren Gerd Nefzer aus Schwäbisch Hall mitsamt seinen Mitarbeitern die Finger im Spiel. Der gelernte Landwirt betreibt mit dem Schwiegervater und Schwager seit über drei Jahrzehnten eine Firma, die anfänglich Autos für Filmdrehs verliehen hat. Mittlerweile ist erhebliches Know-how unter anderem für Explosionen, Feuer, Wetter und Kugelhagel dazugekommen. Und so haben sich die Nefzers einen internationalen Namen gemacht, weshalb jetzt schon mal große Regisseure aus Hollywood bei Nefzers im beschaulichen Schwäbisch Hall durchklingeln, wenn es um Projekte wie „Chroniken von Narnia“ oder „Tribute von Panem“ geht. Doch damit nicht genug: Spezialeffektemacher Nefzer samt Team müssen ihre Arbeit wohl so gut gemacht haben, dass die Filmjury sie für ihre Spezialeffekte in ‚Blade Runner 2049‘ mit einem Oscar ausgezeichnet hat.
GSCHWÄTZ-Videoreporter Dr. Felix Kribus hat Gerd Nefzer im Haller Büro getroffen und mit ihm über die Nacht der Oscarverleihung, sein Leben zwischen Hall und der weiten Welt sowie über die Zukunft gesprochen – der kleine, große goldene Oskar immer in Sichtweite.
GSCHWÄTZ: Sie sind studierter Landwirt. Wie kommt man dann zu Spezialeffekten im Kino?
Nefzer: Ich bin sozusagen Quereinsteiger. Man muss ganz einfach die richtige Frau kennenlernen, deren Vater schon länger beim Film arbeitet (lacht). Mein heutiger Schwiegervater, Karl Nefzer, hat in den 60er Jahren mit der Filmarbeit angefangen. Er hat damals noch historische Autos, Uniformen und Filmwaffen verliehen. Ich habe meinen Berufsabschluss als Agrartechniker gemacht. Dann stand die Bundeswehrzeit an. Mein Schwiegervater fragte mich, ob ich drei Monate Zeit hätte, in München bei der Serie ‚Die rote Erde‘ – eine Bergbauserie – nach den Fahrzeugen und den Requisiten zu schauen. Und ich dachte mir – das kannste ja mal übergangsweise machen. Der Übergang dauert jetzt 31 Jahre.
„Man hat dann Familie extrem“
GSCHWÄTZ: Wo verbringen Sie die meiste Zeit Ihres Lebens?
Nefzer: Fern der Heimat. Aber man hat auch zwischen den Filmen drei bis acht Wochen Zeit. Da ist man viel zu Hause, wobei man sich auch wieder an das Zuhausesein gewöhnen muss. Das ist auch nicht immer einfach. Man hat dann Familie extrem, da braucht man ein paar Tage, um sich wieder einzugewöhnen (lacht).
GSCHWÄTZ: Wie haben Sie die Oscar-Nacht erlebt?
Nefzer: Es war einfach nur Wahnsinn. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man nicht dort war. Schon allein, in das Kino oder das Theater reinzugehen, dieser rote Teppich, hunderte von Fotografen und Fernsehteams. Das ist schon mal irre und dann kommt man in diesen riesigen Raum und ist umgeben von der Crème de la Crème der Visual- und der Special-Effect-Leuten. Auch die ganze Atmosphäre und diese Glitzerwelt, die mir eigentlich nicht so liegt, ist der Wahnsinn. Das kann man schwer in Worte fassen.
„Es hat auch bei mir danach noch ein bis zwei Monate gedauert, bis ich es fassen konnte, was ich da gewonnen habe.“
GSCHWÄTZ: Wie war die Atmosphäre zu Beginn? Hatten Sie schon eine leichte Vorahnung?
Nefzer: Nein, man weiß da nichts. Eine Vorahnung kann man haben oder auch nicht, aber es hilft einem nichts. Es gibt schon Tendenzen. Wir hatten aber auch eine unheimlich starke Konkurrenz. Es waren im Visual-Effect-Bereich fünf wirklich sehr tolle Filme. Im tiefsten Innern wünscht man sich natürlich, so eine goldene Statue in der Hand zu halten. Aber man glaubt da bis zum Schluss nicht dran. Es hat auch bei mir danach noch ein bis zwei Monate gedauert, bis ich es fassen konnte, was ich da gewonnen habe. Es ist ein Oscar. Der Oscar ist neben dem Nobelpreis der bekannteste Preis, den es weltweit gibt. Das war mir bei der Verleihung abends nicht bewusst. Mittlerweile ist es mir bewusst. Man merkt, wie faszinierend dieser goldene Mann auf die Menschen wirkt – egal ob hier in Schwäbisch Hall, in Deutschland oder weltweit.
GSCHWÄTZ: Als auf der Bühne gesagt wurde: Der Gewinner ist… und Ihr Name fiel. Was geht einem durch den Kopf?
Nefzer: Der erste Gedanke ist natürlich: Wow – man freut sich riesig. Der zweite Gedanke ist: Sitzt der Smoking richtig? Ist der Knopf zu? Lauf vorsichtig, dass du nicht hinfällst. Aber sonst geht einem nicht mehr viel durch den Kopf. Man ist furchtbar aufgeregt. Das ist eine riesen Halle, in der viele Leute sitzen und alle starren einen an. Es sind auch Fernsehkameras auf einen gerichtet und man weiß, dass man jetzt auch noch was sagen muss. Ich habe mich ganz bewusst nicht darauf vorbereitet. Ich habe zwar ein paar Namen zusammengeschrieben, bei denen ich mich bedanken wollte, aber dazu kam es ja nicht, weil John Nelson, unser erster Redner, schon die ganze sehr knapp berechnete Redezeit aufgebracht hat. Man hatte nur 45 Sekunden, um sich zu bedanken. Vor einem war eine riesige digitale Uhr. Sobald wir die Bühne betreten haben, fing die Uhr an zu ticken. 45… 44 … 43… und als der erste von uns vieren fertig war, war die Uhr auch schon auf null. Beim zweiten wurde dann schon die Musik eingespielt und ich konnte dann nur ganz kurz was sagen, denn als wir auf die Bühne gelaufen sind, meinte John zu mir, dass ich unbedingt noch was Deutsches sagen müsse. Ich hab dann nur noch ein oder zwei Wörter auf Deutsch gesagt. Es blieb mir einfach keine Zeit mehr. Aber es war vorher schon klar mit Jimmy Kimmel ausgemacht: Ihr habt 45 Sekunden. Nach den 45 Sekunden kommt Musik und wenn ihr nicht aufhört, dann drehen wir euch den Ton ab. Es war mir aber auch nicht ganz unrecht, dass ich keine Zeit mehr hatte. Man ist dann so aufgeregt und denkt sich: Mein Gott, hoffentlich vergesse ich jetzt nicht diesen oder jenen Namen. Aber ich wollte mich als allererstes bei meiner Familie bedanken, die das Wichtigste in meinem Leben ist.
„Man geht in einen Raum und da sitzen über 300 Fotografen.“
GSCHWÄTZ: Als Sie die Bühne mit dem Oscar verlassen und sich gesetzt haben, steht er vor Ihnen auf dem Boden oder haben Sie ihn im Arm?
Nefzer: So einfach ist das nicht. Ich dachte mir auch, dass ich einfach mit dem Oscar von der Bühne gehe. Das Ding wiegt übrigens 3,8 Kilogramm. Aber nein. Sie gehen nicht von der Bühne. Sie gehen hinter die Bühne und da bricht der Wahnsinn über sie herein. Das ist etwas, das ich mir nie habe vorstellen können. Man kriegt erstmal ein Glas Champagner, aber man nimmt gleich zwei, weil man so aufgeregt ist. Dann denkt man, dass einen die Damen wieder auf den Platz geleiten. Nein. Die erste Station ist das Oscar-Interview. Man sitzt zu Dritt in einem Raum und Kameras sind auf einen gerichtet. Bei der zweiten Station werden Fotos gemacht. Man geht in einen Raum und da sitzen über 300 Fotografen. An jedem Stern, der auf dem Boden ist, einmal stehen bleiben, nach oben schauen und lächeln. Man hat fünf oder sechs Sterne, bis man das durch hat. Dann gibt es nochmal einen Champagner und danach geht man zur schreibenden Presse. Zum Schluss kommt dann der Wahnsinn: ein Raum mit drei Kameras und 120 Reportern. Es war auch eine deutsche Reporterin da, die eine Frage stellen durfte. Sie hat auf Deutsch gefragt und ich habe auf Deutsch geantwortet.
GSCHWÄTZ: Dann geht es zurück in den Zuschauerraum?
Nefzer: Genau. Ich bin als erstes zu meiner Frau. Wir haben uns beide richtig gefreut. Klar, mit Küsschen und wir haben das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht gekriegt. Dann bin ich kurz raus und habe meine Tochter angerufen. Die war nur am Weinen und ich habe ein bisschen mit ihr mitgeweint.
„Aber ich kann alle beruhigen, die denken, dass man mit dem Oscar viel Geld machen kann.“
GSCHWÄTZ: Da fällt bestimmt ein großer Druck von einem ab, wenn man den Oscar bekommen hat?
Nefzer: Ich hab mir nie Druck gemacht. Denn, was soll ich verlieren? Alleine schon die Oscar-Nominierung ist ein Erfolg. Das andere ist dann einfach nur noch eine Zugabe. Natürlich fällt dann vieles von einem ab. Die 31 Jahre lange harte Arbeit fällt von einem ab und man denkt: Ja, das hat sich gelohnt.
GSCHWÄTZ: Wo steht der Oscar jetzt?
Nefzer: Im Moment steht er neben mir. Aber sonst ist er verschlossen in einem Raum, bis sich der ganze Hype beruhigt hat. Eigentlich wollte ich ihn bei uns in der Wohnung ganz einfach auf den Kachelofen stellen. Aber ich kann alle beruhigen, die denken, dass man mit dem Oscar viel Geld machen kann. Der reine Materialwert von ihm ist 380 oder 400 Dollar und ich glaube auch, dass es nicht so einfach ist, so einen Oscar zu verkaufen. Es ist auch eine Nummer eingraviert. Jeder, der einen Oscar bekommt, unterschreibt einen Vertrag. Ich darf ihn weder verkaufen, noch verschenken, noch sonst irgendwas.
GSCHWÄTZ: Sind Sie ein waschechter Hohenloher?
Nefzer: Das kann man auf jeden Fall sagen. Das hat unsere Firma auch so weit gebracht – dass wir einfach anpacken und nicht diskutieren. Schaffe und ned schwätze – das steht bei uns ganz groß auf der Fahne. Auch das Sparsame kommt in Hollywood sehr gut an. Das sieht man zum Beispiel auch an einem Roland Emmerich, der seinen ersten Film in der Fabrik von seinem Vater gedreht und versucht hat, manche Dinge einfach günstiger zu machen als in Hollywood. Deshalb sind Roland Emmerich und auch wir bei den Filmproduzenten beliebt. Wir versuchen einen anderen, sparsameren Weg zu gehen. In der ganzen Filmgeschichte gab es noch nie so gute und günstige Wellenmaschinen wie im Film Blade Runner – mit drei gemieteten Abrissbaggern mit Bauarbeitern, die sie bedient haben. Drei alte und gebrauchte Gastanks als Schwimmkörper – auf so etwas muss man erstmal kommen. Man hat dann aber auch mal Ideen, die nicht funktionieren. Aber das gehört dazu. Bei deutschen Projekten ist ein Oscar aber schon fast hinderlich, weil viele meinen: Haja, der hat ja jetzt einen Oscar. Der ist so eingebildet und so teuer, den müssen wir nicht mehr holen.