Am 27. Oktober 2021 hatte Künzelsau prominenten Besuch. Michael Reh, der in den Vereinigten Staaten als erfolgreicher Modefotograf arbeitet, stellte im Rahmen einer Lesung sein Buch Katharsis in der gut besuchten Stadthalle vor. Darin verarbeitet er den sexuellen Missbrauch, den er in seiner Kindheit über Jahre durch seine Tante erfahren hat.

Ganz entspannt: Autor und Fotograf Michael Reh im Dialog. Foto: GSCHWÄTZ
GSCHWÄTZ: Michael, wie waren gestern die Reaktionen hier in Künzelsau auf dein Buch?
Arbeit als Aufklärer
Michael Reh: Es hat mir sehr gut gefallen. Es ist immer bei einer Lesung bei diesem Thema natürlich schwierig. Ich bin ein bisschen nervös, wenn es anfängt, weil ich ja nicht übers Wetter rede, aber das geht dann ganz schnell weg. Ich sage auch, es ist ein miteinander, ich rede ganz viel vorher, woher ich komme und was ich beabsichtige mit meiner Arbeit als Aufklärer.
„Ich frage nicht: Wer ist missbraucht worden?“
GSCHWÄTZ: Das heißt, es sind auch viele Menschen im Publikum, die selbst betroffen sind?
Michael Reh: in irgendeiner Form. Das habe ich auch vorher gefragt. Ich frage nicht: Wer ist missbraucht worden, weil es eine sehr persönliche Frage ist und viele Menschen das auch nicht öffentlich machen wollen. Aber es waren sehr viele Leute, die mit dem Thema arbeiten und Sozialarbeiter natürlich von Infokkoop in Künzelsau und vom Kinderdorf in Waldenburg.
8 Jahre Missbrauch
GSCHWÄTZ: Du wurdest ab deinem vierten Lebensjahr bis zum 12. Lebensjahr missbraucht. Das ist eine lange Zeit.
Michael Reh: Es hat immer wieder stattgefunden über die Jahre. Also nicht täglich natürlich. Aber jedes Mal, wenn ich in die Obhut meiner Tante gegeben wurde, was sehr oft passierte, dann wurde sie übergriffig und hat mich missbraucht mit allem, was dazugehört. Ich weiß nicht, inwiefern wir hier ganz offen reden können, aber vom Oralverkehr bis zur Interaktion als Mann hat alles stattgefunden. Die meisten Menschen können sich ja nicht vorstellen, wie eine Frau missbraucht. Wie das aussieht, sie hat ja keinen Penis und kann selbst nicht penetrieren. Aber da gibt es sehr viele andere Möglichkeiten, man kann mit Gegenständen penetrieren, Oralverkehr und so weiter. Das ist auch alles über die Jahre immer wieder vorgekommen.
„Wenn du darüber redest, bringe ich dich um“
GSCHWÄTZ: Du warst ja damals ein kleiner unschuldiger Junge, der vermutlich auch Vertrauen zu dieser Frau hatte. Wann kam der Punkt, als du überlegt oder gemerkt hast, dass das nicht normal ist, was da geschieht, dass möglicherweise Grenzen überschritten werden?
Michael Reh: Natürlich kannst du mit viereinhalb nicht erkennen oder benennen, was da gemacht wird. Du kannst es nur erfühlen, du weißt, dass das, was da gemacht wird gegen deinen Willen passiert, übergreifend ist, kriminell. Und wenn du dich dagegen wehrst, dann wird dir gesagt: Wenn du darüber redest, bringe ich dich um. So, das heißt, sofort wird der Deckel draufgehalten. Man kann sich nicht mitteilen. Man kann nicht sagen: Ich bin gerade sexuell missbraucht worden, weil du das noch nicht so in Worte fassen kannst als Kind. Du weißt nur, dass das, was passiert, vollkommen falsch ist, Angst auslöst.

„Ich hatte kein Vertrauen in meine Eltern“
Hast du trotzdem versucht, zumindest deinen Eltern zu vermitteln, dass du da nicht mehr hin willst?
Michael Reh: Bei mir ist es ja sehr lange her. Ende der 60er Jahre bis in die 70er Jahre hinein. Ich komme aus einem katholischen Elternhaus. Ich hatte kein Vertrauen in dem Sinne zu meinen Eltern. Das war ein sehr distanziertes Verhältnis. Kein emotionales Verhältnis also, wie man es von Familie kennt. Ich kenne das nicht. Familie, Liebe und Nähe, Vertrauen, Zuneigung. Ich finde es toll, wenn ich Eltern sehe, die mit den Kindern liebevoll umgehen. Das kenne ich nicht. Ich sehe das nur.
GSCHWÄTZ: Hast du aus diesem Grund auch keine Kinder? Aus Angst, etwa keine Liebe weitergeben zu können?
Michael Reh: Ja, ich glaube schon. Ich habe früher immer gedacht, denen gebe ich dann so viel Mist mit oder so viel unverarbeitete Geschichten. Heute denke ich, ich wäre ein guter Vater, heute bin ich jedoch 59. Aber ich arbeite ganz viel mit jungen Menschen zusammen, in meinem Job natürlich. Und da kann ich etwas weitergeben. Obwohl ich immer, wenn ich kleine Kinder sehe, denke, schade eigentlich. Also Eltern, Kinder, diese Liebe weiterzugeben, diese Liebe zu bekommen, ist natürlich Wahnsinn.
„Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Männer darüber sprechen“
GSCHWÄTZ: Aber dafür hast du jetzt auch irgendwo deine Rolle gefunden, indem du Missbrauchsopfern auf der ganzen Welt eine Stimme gibst und Mut machst, damit nach außen zu gehen.
Michael Reh: Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Männer über dieses Thema sprechen. Egal ob sie schwul sind oder hetero. Die Männer reden über das Thema nicht, weil sie entmannt wurden. Das passt in unsere Gesellschaft aber nicht rein. Du sagtest gerade Mut. Das wird auch so oft gesagt und dann denke ich Ja, Mut. Für mich ist das kein Mut in dem Sinne. Ich habe da auch nie drüber nachgedacht, sondern es ist eine Notwendigkeit. Ich muss das machen. Ich empfinde es als eine Aufgabe, das nach außen zu tragen und vielleicht anderen damit auch eine Stimme zu geben.
„Ich bin weggelaufen“
GSCHWÄTZ: Warum hat der Missbrauch bei Dir dann mit 12 Jahren aufgehört?
Michael Reh: Ich war zu alt. Wahrscheinlich kam in die Pubertät und ich war an einem Punkt, an dem ich mich gewehrt habe. Ich bin weggelaufen, als sie weg war. Das war an Ostern 1974. Meine Eltern hatten mich dahingegeben, bevor sie nach Rom gefahren sind. Und ich wurde bei dieser Frau, meiner Tante Hanne, abgegeben und sie hat es wieder probiert, dann bin ich raus vor ein Auto gelaufen auf der Straße und dachte, wenn ich vor ein Auto laufe, komme ich ins Krankenhaus, dann kann sie nicht ran. Und dann hörte es auf. Dann hat sie wahrscheinlich auch irgendwie mitgekriegt:Okay, da läuft nichts mehr. Der Junge fängt an, in anderen Dimensionen zu denken und sich zu wehren.
„Ich habe das verdrängt wie viele andere“
GSCHWÄTZ: Dann kam die Pubertät.
Michael Reh: Ich war ein Spätzünder. Ich habe mich weiterhin zurückgezogen und dann hatte ich das ganz, ganz große Glück in der neunten Klasse sitzen zu bleiben, wegen Mathematik. Aber Mathe war nicht das eigentliche Problem. Ich musste aus dieser Klasse raus, in der ich gemobbt wurde. Ich musste aus dieser Situation raus, in der ich immer drin war und bekam eine ganz wunderbare Klasse und lernte wunderbare Mitschüler kennen, wurde Klassensprecher und hatte eine Clique und die haben mich getragen, mit denen bin ich teilweise heute noch befreundet. Und da merkte ich, wie ich allmählich aus dieser Vereisung und aus dieser Isolation rauskam. Das Trauma des Missbrauchs. Ich habe das verdrängt, wie viele Missbrauchte oder Überlebende von Missbrauch. Erst mit Mitte 20 kamen die Erinnerungen wirklich extrem zurück. Dann habe ich angefangen mit Therapie und Arbeit. Dann brach das Ganze ganz extrem Anfang der 90er auf, als meine Mutter starb, was mich sehr traumatisierte. Dann war alles wieder da.
„Eine Therapie ist extrem wichtig“
GSCHWÄTZ: Was rätst Du Missbrauchsopfern und Angehörigen?
Michael Reh: Eine Therapie ist extrem wichtig, das kann ich nur jedem empfehlen. Ich fand immer, in Deutschland ist manchmal Therapie ja noch so ein bisschen verpönt. Ich habe in New York eine Therapie gemacht und hatte eine wunderbare Therapeutin. Eva Welsh hieß sie. Sie hat mir sehr, sehr geholfen. Therapie ist eine Lebensschule. Sie hat mir Sachen erklärt oder mich auf Dinge hingewiesen, die ich selber nicht erkannte. Sie hat immer gesagt: Das bist du und ich zeige dir dich selbst aus unterschiedlichen Perspektiven. Das heißt, du kannst deine Geschichte anders sehen und anders leben und fühlen. Sie hat mich sehr behutsam an diese Missbrauchserinnerungen, die ja extrem negativ und sehr stark waren, herangeführt.
„Ich schlafe total schlecht“
GSCHWÄTZ: Hattest Du Albträume davon?
Michael Reh: Ja, ich habe schon seit 30 Jahren nicht geschlafen. Ich schlafe total schlecht. Es hat sich jetzt verändert, seitdem ich das Buch geschrieben habe, Katharsis, und meine Erinnerung in einer Romanform erzählt habe. Als ich das im Februar 2020 bei Bettina Böttinger im Kölner Treff vorgestellt und öffentlich gemacht habe, seitdem habe ich eine sehr große Veränderung erlebt in mir selbst und meine Albträume sind weniger geworden. Ich schlafe immer noch nicht so gut, aber es ist besser geworden. Der Missbrauch begleitet dich dein ganzes Leben. Ich lese diese Berichte in der Zeitung. Mann missbraucht Kind, es kommt eventuell zu einer Verhandlung. Man wird meistens auf Bewährung ausgesprochen, weil Missbrauch ein Vergehen und kein Verbrechen war – bis zum letzten Jahr in der deutschen Rechtsprechung. Man braucht Zeugen, es gibt eine Verjährungsfrist und so weiter und so fort. Aber anyway, wenn er dann trotzdem verurteilt wird, zahlt er meinetwegen noch ein bisschen Geld und Schluss. Das ist der große Unterschied und das wissen die meisten Leute nicht. Wie oft habe ich diesen Spruch gehört: Nun ist doch mal gut. Nein, es ist nie gut.
Mit 40 Jahren beruft Michael Reh ein Familiengericht ein
GSCHWÄTZ: Mit 40 Jahren hast du dein eigenes Familiengericht einberufen. Das war auch keine einfache Sache, weil du ziemlich isoliert dastandest. Dieses Glaubwürdigkeitsproblem haben ja viele Überlebende [Michael Reh legt Wert darauf, dass man nicht von Opfer spricht, sondern von Überlebenden], die sich erst einmal rechtfertigen oder andere überzeigen müssen. Das ist ja auch ein Riesenproblem bei Missbrauchsopfern, dass sie erst einmal Angst haben, dass ihnen gar nicht geglaubt wird.
„Ich habe nicht mit dieser Frau geschlafen, sie hat mich vergewaltigt“
Michael Reh: Ich kann nur zustimmen zu allem, was du gesagt hast. Du bist schuld, du hast was falsch gemacht, du kommst an und störst die Ordnung. Es ist nicht die Frage im Falle eines Missbrauchs. Na ja, du hast mit dem Hintern gewackelt, oder? Die hatte dich nur am Hintern getätschelt oder so. Das Problem ist, dass ein Verbrechen stattfand – egal wie lange es zurückliegt. Und das hat etwas mit dir gemacht. Jemand hat etwas mit mir gemacht, ich nicht mit ihr. Ich habe nicht mit dieser Frau geschlafen, die hat mich vergewaltigt. Und deswegen sage ich: Nennt euch nicht Opfer, nennt euch Überlebende, sonst bleibst du in der Opferrolle auch innerlich, emotional.
Das war der 1. Teil des Videointerviews von GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann mit Michael Reh. Der zweite Teil, indem es unter anderem um das von Michael Reh einberufene Familiengericht und die Rolle seines Vaters geht, folgt in Kürze.
Bücher von Michael Reh
Michael Reh hat bislang zwei Bücher geschrieben. Das erste heißt Katharsis. Darin verarbeitet der Fotograf den sexuellen Missbrauch in Romanform. Das zweite Buch von ihm heißt Asta. Es ist ein Kriminalroman, der ebenfalls innerfamiliäre Beziehungsebenen beleuchtet.

Der zweite Roman von Michael Reh, Asta, ist ein Krimi.