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Die Guten gehen

Im vergangenen Jahr schrieb das Nachrichtenmagazin Spiegel noch ein fulminantes Portrait über die neue Familienministerin Anne Spiegel. Nun hat die 41-Jährige ihren Rücktritt erklärt. Bedauerlich ist das vor allem für Deutschland.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann

Man erinnere sich an das Jahr 2020 zurück. An die so genannte Maskenaffäre von CDU-Mitgliedern, die teilweise Millionen verdient haben an den so genannten Maskendeals. Welche Köpfe rollten da nochmal? Richtig. Keine. Es gibt zahlreiche solcher Beispiele, die man nun weiter anführen könnte, bei denen es keine Rücktritte zu verzeichnen gab, die aber ein weit größeres Fehlverhalten darstellten als den Urlaub, den Anne Spiegel mit ihrer Familie verbrachte. Wie etwa Korruption, Lügen, Verleumdung.

Konnte dem politischen Druck nicht länger standhalten

Anne Spiegel konnte oder wollte dem politischen Druck um sie herum nicht länger standhalten. Schade. Deutschland verliert damit viel, um es mit den Worten von Aussenministerin Anna-Lena Baerbock zu sagen: „Die Bundesregierung, wir als Kabinett, verlieren eine unglaublich tolle Familienministerin, die mit Leidenschaft für Familien, für Kinder, für Frauen in diesem Land brennt und die vor allen Dingen eines der größten Reformprojekte dieser Koalition auf den Weg gebracht hat: die Kindergrundsicherung.“

Gute Politiker:innen gibt es leider nicht wie Sand am Meer. „Ich habe mich heute aufgrund des politischen Drucks entschieden, das Amt der Bundesfamilienministerin zur Verfügung zu stellen“, begründete Spiegel laut einer Mitteilung ihres Ministeriums ihren Rücktritt.

Emotionaler Auftritt

Spiegel war in die Kritik geraten, weil sie als damalige rheinland-pfälzische Umweltministerin zehn Tage nach der Flut zu einem vierwöchigen Familienurlaub nach Frankreich aufgebrochen war und diesen nur einmal für einen Ortstermin im Ahrtal unterbrochen hatte. Bei einem emotionalen Auftritt hatte Spiegel den Urlaub nun als Fehler bezeichnet und sich dafür entschuldigt. Dabei räumte sie auch ein, dass sie sich anders als ursprünglich mitgeteilt nicht aus den Ferien zu den Kabinettssitzungen zugeschaltet hatte.

„Persönlich unglaublich schwere Zeit“

Annalena Baerbock zeigte sich bewegt vom Rücktritt: „Anne Spiegel ist durch eine extrem harte, persönlich unglaublich schwere Zeit gegangen“, sagte die Grünen-Politikerin. „Mit dem heutigen Tag ist für sie nicht nur politisch, sondern auch persönlich ein Weg beschritten worden, der glaube ich deutlich macht, wie brutal Politik sein kann.“ Dies sei „eine Mahnung für uns alle in der Politik.“

Hexenjagd

Es sollte auch eine Mahnung an die Presse und die Bürger:innen sein, vorher zu überlegen, welche Alternativen Deutschlands Politiklandschaft hat und ob dieser Grund nun etwa tatsächlich einen Rücktritt nötig gemacht hätte. Wir verlieren eine weitere sehr gute Politiker:in, die einfach keine Lust mehr hat auf diese Hexenjagd.




„Wir wissen noch, wie es ist, Hunger zu haben und zu frieren“

„Wir wissen noch, wie es ist, Hunger zu haben und zu frieren“, erinnert sich ein 85-Jähriger aus dem Hohenlohekreis an den 2. Weltkrieg zurück. Damals war er ein kleiner Junge, als Deutschland nicht nur Kriegspartei war, sondern kriegsführend.

Trauma in der Kriegsgeneration steigt wieder hoch

Ein Trauma steigt in diesen Wochen in vielen Köpfen derer hoch, die in einem ähnlichen Alter sind wie der 85-Jährige. Ein Kriegstrauma, das man nie vergisst. Wie es ist Hunger zu leiden, zu frieren, wie es ist, wochenlang im Bunker zu sitzen, wie es ist, wenn Bomben fallen, das wissen hierzulande nur noch die wenigsten. Zum Glück. Aber eben diese Wenigen haben deutlich mehr Angst vor dem Krieg in der Ukraine nun, weil sie wissen, was es heißt, im Krieg zu sein. Und Deutschland, Arm in Arm mit den anderen europäischen Staaten, ist auf dem besten Wege dorthin.

Deutschland im Krieg

Wer Waffen liefert, Panzer, Munition und Geld, nimmt nicht nur Anteil am Schicksal der leidenden ukrainischen Bevölkerung und hilft mit humanitärem Engagement, sondern ist aktiver Kriegsteilnehmer. Nur will das derzeit anscheinend noch keiner wahrnehmen.

„Wir sollten das Risiko, das wir eingehen, nicht unterschätzen“, sagte Adam Tooze gegenüber dem Spiegel unlängst in einem Interview. Der britische Wirtschaftshistoriker erklärt: „Mich erinnert das Vorgehen des Westens ein wenig an Anfang 1941. Damals haben die USA noch nicht am Weltkrieg teilgenommen, aber Großbritannien und anderen Gegnern der Achsenmächte kriegswichtiges Material geliefert. Hitler hat das nicht akzeptiert und den USA den Krieg erklärt.“

Hitler hat das nicht akzeptiert

So sehr die europäischen Staaten und die NATO immer wieder nach aussen beteuern, die Ukraine lediglich im Krieg zu unterstützen, aber selbst nicht aktiv teilzunehmen, desto lächerlicher wirkt es angesichts der rollenden Panzer auf Deutschlands Autobahnen. Ursula von der Leyens Zeichen nun, der Ukraine schnellstmögliche EU-Beitrittshandlungen zu gewähren, löscht vermutlich auch nicht den Flächenbrand, sondern gießt noch zusätzlich Öl ins Feuer. Wladimir Putin wird es als eine weitere Provokation auffassen. Bleibt zu hoffen, dass er nicht schon bald als Antwort anderen Staaten den Krieg erklärt – und wenn es „nur“ in Form eines Energiestopps wäre.

Es würde verdammt kalt werden. Sind wir dazu wirklich bereit?

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann




Fräulein Smilla schläft in der Küche

Die Frau*, die Fräulein Smilla* (63, der Name ist der Redaktion bekannt) seit rund zwei Wochen bei sich zu Hause beherbergt, spricht GSCHWÄTZ-Redakteurin Dr. Sandra Hartmann an, als diese von Hohenlohern gespendete Kleidung an ukrainische Familien verteilt.

Sie kann doch jetzt nicht mit dem Bus nach Ellwangen fahren, um sich dort registrieren zu lassen

Ob sie ihr vielleicht helfen könne, Fräulein Smilla sei aus der Ukraine geflüchtet und bräuchte eine eigene Unterkunft. Derzeit wohne sie bei ihr, aber das sei eher ein Notlösung. Ob sie im ehemaligen Krankenhaus ein Zimmer haben könne, fragt sie.

Wir von der Redaktion GSCHWÄTZ möchten der Frau helfen, wissen aber im Zuge unserer ehrenamtlichen Kleidersammelaktionen und Verteilung unter den Flüchtlingsfamilien und in ständiger enger Absprache mit dem Landratsamt, dass derzeit lediglich größere Gruppen (aktueller Stand, kann sich aber laufend ändern) von Flüchtlingen, die über die Aufnahmelager in Ellwangen, Heidelberg und Karlsruhe hier her nach Künzelsau gebracht werden, auch im Krankenhaus wohnen dürfen. Das wurden den beiden Frauen wohl auch schon gesagt, denn die Deutsche lächelt uns sagt: Sie kann doch jetzt nicht mit einem Bus nach Ellwangen fahren, um sich dort registrieren zu lassen. Aber so wäre es vermutlich für deutsche Behörden akzeptabel. Registriert sei sie zudem schon beim Landratsamt und zeigt ein Dokument vor, der ihren Flüchtlingsstatus anerkennt.

Wer soll das bezahlen?

Wer nicht über die Aufnahmezentren kommt, sondern quasi privat in den Hohenlohekreis als ukrainischer Flüchtling einreist, muss sich laut einer Aussage einer Mitarbeiterin* der Stadtverwaltung Ingelfingen (der Name ist der Redaktion bekannt), bei der Stadt melden, wo er Unterschlupf gefunden hat. Sie habe zwar viele private Wohnangebote in Ingelfingen von Einwohner:innen vorliegen. Aber für Frau Smilla könne sie nichts tun, da die nicht in der Gemeinde Ingelfingen gastiert. Sie meinen, bei einer Bekannten in der Küche schläft, korrigiere ich sie. Wenn Frau Smilla in Ingelfingen Unterschlupf gefunden hätte, könnten Sie ihr dann ein Zimmer oder eine Wohnung anbieten?, hake ich nach. „Nein“, derzeit nicht. Warum nicht? Weil derzeit noch Wohnungen, die angeboten wurden, renoviert werden müssen. Es steht also derzeit noch kein einziges Zimmer zur Verfügung, und das, obwohl Bürgermeister Michael Bauer in der vergangenen Gemeinderatssitzung noch davon geschwärmt habe, wie viele private Wohnungsangebote seine Einwohner:innen der Stadt bereits unterbreitet haben?, möchte ich weiter wissen. Nun sagt die Mitarbeiterin, ws vermutlich der wahre Grund für ihre Zurückhaltung ist: Die Kostenübernahme sei noch nicht geklärt. Sprich: Wer soll das bezahlen? Die Stadt, das Land oder der Landkreis? Solange wird auch nicht vermittelt?, frage ich sie. Soll ich das dann so der Frau, die in der Küche schläft, mitteilen? Schweigen am anderen Ende der Leitung. Der Krieg dauert bereits 5 Wochen und es ist noch nicht klar, wer welche Kosten übernimmt. Aha. Anscheinend baut das Landratsamt derzeit eine Online-Wohnungsbörse laut der Frau von der Stadtverwaltung in Ingelfingen auf. Wann die in Betrieb geht, war ihr aber nicht bekannt.

Familien haben Vorrang vor Einzelpersonen

Die Stadtverwaltung Künzelsau hat veröffentlicht, dass sie als Stadt die Miete für die Flüchtenden übernimmt und damit quasi als Mieter auftritt. Versuchen wir hier einmal unser Glück. Bei der zuständigen Sachbearbeiterin bekommen wir erklärt, dass die Listen zwar lang seien, die angeboten worden seien von Einwohner:innen Künzelsaus bezüglich der Zur-Verfügung-Stellung privaten Wohnraums, aber die Liste mit den Flüchtlingsfamilien anscheinend fast ebenso lang. Diese gelte es zunächst abzuarbeiten und da haben Familien mit Kindern Vorrang. Sie werde sich bei uns melden.

Solange schläft Fräulein Smilla weiterhin in der Küche bei der Frau, die sie dankenswerterweise aufgenommen hat, und wartet, bis die Kostenübernahme geklärt ist.

Text: Dr. Sandra Hartmann

*alle Namen der Beteiligten in diesem Text sind der Redaktion namentlich bekannt. Um die Personen zu schützen, haben wir sie jedoch anonymisiert.




„Das ist kein Gedöns“ | Vergewaltigung im Krieg – Mehr Schutz und Rechte für Frauen gefordert, doch diverse Männer scheinen das nach wie vor zu belächeln

Was für eine starke Rede für alle Frauen

Was für eine starke Rede. Die deutsche Aussenministerin Anna-Lena Baerbock (die Grünen) hat den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz und Alexander Dobrindt (CDU) in ihre Ecken verwiesen. Und das schlicht und ergreifend damit, dass sie öffentlich während einer Ukraine-Rede noch einmal aufgegriffen hat, was hinter den politischen Kulissen in Berlin offensichtlich noch nicht von allen Geistern begriffen worden ist. Warum eine „feministische Aussenpolitik“ wichtig ist und warum es auch hier starkes politisches Handeln bedarf.

Es geht etwa um Vergewaltung von Soldaten während eines Krieges. Es geht darum Frauen und Kinder besser zu schützen und wenn man das im Krieg nicht immer kann, dann doch danach bei der Verurteilung von Kriegsverbrechen.

Vergewaltung ist nicht nur ein Kriegsverbrechen, sondern generell ein Verbrechen und gehört dementsprechend abschreckend bestraft.

Peinlich genug, dass es Jahrzehnte auch in Deutschland bedurft hat, bis Vergewaltung in der Ehe erst 1997 [!] eine Straftat wurde. Dieses Gesetz wurde massiv von den Grünen eingefordert. Unlängst grassierte darüber ein Video auf Twitter. Darin kam auch von Wolfgang von Stetten (CDU) mit einem Statement im Bundestag vor. Er sagte inhaltsgetreu, es sei etwas anderes, wenn der Ehemann die Vergewaltigung ausübt als ein Fremder (hier gäbe es „graduelle Unterschiede“), also das sei quasi als nicht ganz so schlimmt zu erachten. Das war 1995, kurz vor dem Beschluss des Gesetzes. Vielleicht hat er heute seine Meinung darüber geändert.

Erzwingen des Beischlafes in der Ehe war bis 1997 auch in Deutschland erlaubt

Damals galt es offensichtlich als halbwegs akzeptabel, den Beischlaf in der Ehe zu erzwingen. Dabei ist es sogar noch schlimmer, wenn dies innerhalb einer Familie geschieht. Ähnlich verhält es sich mit sexuellem Missbrauch bei Kindern. Ist es nicht viel perverser, wenn Kinder diesem Missbrauch von Personen ihres Vertrauens ausgesetzt sind, etwa dem lieben Onkel?

„Es geht um Rechte, Repräsentanz und Ressourcen“

Wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht gleichberechtigt beteiligt, repräsentiert oder auch bezahlt ist, sind Demokratien nicht vollkommen“, nach diesem Kredo will die Grünen-Bundesaußenministerin Annalena Baerbock die deutsche Außenpolitik stärker an feministischen Zielen ausrichten. Ihr Ministerium werde eine „Strategie für eine feministische Außenpolitik“ ausarbeiten, kündigte Baerbock heute in einer Rede im Bundestag an. „Manchen fällt es schwer, den Begriff auszusprechen“, sagte sie. „Aber eigentlich ist es ganz simpel: Es geht um Repräsentanz, es geht um Rechte, und es geht um Ressourcen.“ Es sei derzeit weltweit zu erleben, „dass der Abbau von Rechten von Mädchen und Frauen ein Gradmesser für das Erstarken von autoritären Kräften ist“, sagte Baerbock. „Das gilt in ganz besonderer und furchtbarster Weise für Afghanistan.“Das alles sagte Baerbock im Januar 2022, also noch vor Beginn des Ukraine-Krieges am 24. Februar 2022.

Wir von Deutschland sind auch im 21. Jahrhundert nicht da angekommen, wo wir sein müssten, wenn es um den Schutz von Frauen und Kindern geht. Auch der Ukraine-Krieg wird zeigen, als wie wichtig wir diesen Schutz erachten.

Text: Dr. Sandra Hartmann

 




Jeder Kindergeburtstag besser organisiert

„Die Flüchtlinge brauchen erst einmal Ruhe“, hießt es bei der Vorstellung der Bewältigung der Flüchtlingsströme an der Kreistagssitzung. Allein an diesem Satz merkt man, wie weit das Landratsamt von dem Tagesgeschehen rund um das Eintreffen der ersten Flüchtlinge von den Aufnahmestellen in Baden-Württemberg ins ehemalige Krankenhaus Künzelsau entfernt ist.

Die Ukrainer:innen wollen weitermachen

Denn wer, wie etwa die Ehrenamtlichen, derzeit täglich nach den Flüchtlingsmamas und ihren Kindern im ehemaligen Krankenhaus schaut,  sie bei Alltagsfragen unterstützt, bei Behördengängen begleitet, nebenher auch noch Kontakt mit den Familien hat, die nicht im Krankenhaus untergebracht sind, sondern verstreut im Hohenlohekreis, der weiß, dass die Ukrainer:innen kein Volk sind, dass sich erst einmal nach einem Sabbatical sehnt. Was sie brauchen sind oftmals in erster Linie Basisdinge: Wasser, Kleidung, Babynahrung, Tiernahrung für ihre Hunde und Katzen, die sie nicht selten auf ihre Flucht mitgenommen haben. Danach: eine Wohnung, Arbeit, Schule für ihre Kinder, einen Kindergartenplatz. Sie wollen weitermachen, sie lassen sich nicht unterkriegen. Sie möchten in keinem Fall lethargisch auf ihren Zimmern wochenlang sitzen.

Entwicklungen kamen auch für die Lokalpolitik eigentlich nicht völlig unerwartet

Zahlreiche Ehrenamtliche aus dem Hohenlohekreis haben sich bereits gemeldet und ihre Hilfe gegenüber der Stadtverwaltung Künzelsau und des Landratsamtes angeboten. Das geht vom Dolmetschen über Sachspenden bis hin zu Betreuung der Flüchtlinge. Sie alle sind startbereit, sie möchten helfen. Aber wie so oft stolpern sie dabei bereits zu Beginn der nun heranrollenden Flüchtlingswelle über zahlreiche bürokratische Hürden – und das, obwohl der Krieg nun bereits seit 5 Wochen dauert und man die Entwicklungen hätten kommen sehen und sich dementsprechend auch in den Ämtern rüsten hätte können, planen, vorbereiten. Nun schaut es derzeit eher so aus, wie wenn die Planungen jetzt erst beginnen – nachdem die ersten Flüchtlinge bereits da sind und viele weitere bald folgen werden.

Deutschlands Bürokratie

Mit einem Satz hat das Landratsamt bei der Vorstellung des Flüchtlingsmanagements bei der Kreistagssitzung in Weißbach absolut Recht: Es herrscht derzeit noch ein absolutes Verwaltungschaos. Die Vermittlung von Privatwohnungen an Flüchtlingsfamilien, die von Hohenlohern ebenfalls zahlreich angeboten wurden, scheitert teilweise an Unwissenheit der Sachbearbeiter:innen (wir berichteten), an Standortproblemen, an Fragen der Finanzierung (wer bezahlt das Ganze) oder schlicht und ergreifend daran, dass die dafür vorgesehenen Wohnungs-Plattformen noch nicht fertig sind. Auch hier springen Ehrenamtliche ein und vermitteln hinter den Kulissen Wohnraum. Das Problem: Wer privat einreist, dem verweigert derzeit das Landratsamt die einfachste Möglichkeit: die Aufnahme in ein Zimmer des ehemaligen Krankenhauses Künzelsau, das derzeit als Flüchtlingsunterkunft dient. Denn: Nur wer über die Landeserstaufnahmestellen Ellwangen, Karlsruhe und Heidelberg anreist, darf hier derzeit aufgenommen werden. Wissen tut das natürlich nicht automatisch jeder ukrainische Flüchtlinge (woher auch). Logisch ist das auch nicht wirklich. Aber zumindest gibt es ein System. Das ist ja bekanntlich wichtig in Deutschland. Regeln, Ordnung. Systematische Registrierung. Diese Punkte stehen aber oft im Widerspruch mit schneller und manchmal nötiger flexibler Hilfe.

Stadtverwaltung möchte die Ehrenamtlichem im Einsatz bislang nicht finanziell unterstützen

Eine Kleiderausgabe, trotz dringenden Bitten der Ehrenamtlichen, direkt am Standort des alten Krankenhauses, also dort, wo auch die Flüchtlinge wohnen, wurde bislang nicht realisiert. Es würde damit aber den Ehrenamtlichen vor Ort einiges erleichtern.

Derzeit werden dringend benötigte kleinere Dinge für die Flüchtlingsfamilien wie ein Rollstuhl für ein behindertes Kind, Nachttopf oder Medikamente von den Ehrenamtlichen selbst organisiert und mitunter selbst bezahlt, weil oft auch die zuständigen Sachbearbeiter:innen in den Behörden mangels Zeit und Wissen nicht weiterwissen. Geschweige denn die ganzen Fahrten zu den Familien, zum Dolmetschen, zu Behörden – auch angesichts der explodierenden Spritpreise, es ist nicht nur ein Ehrenamt, sondern auch ein Drauf-Zahl-Amt.

Es wäre ein positives Zeichen an die Ehrenamtlichen gewesen

Eine Anfrage bei der Stadtverwaltung Künzelsau, ob denn nicht ein Teil der Spenden, die die Stadtverwaltung für ukrainische Flüchtlingsfamilien bei den Künzelsauer Einwohner:innen eingesammelt wird, hierfür verwendet werden kann, wurde abgelehnt. Begründung: Das Geld diene lediglich für die Einrichtung der Wohnungen für Flüchtlinge. Schade. Es wäre auch ein positives Zeichen für das Ehrenamt gewesen und hätte sich um einen Kleinstbetrag von 100 oder 200 Euro gehandelt.

Mehr Wertschätzung für Ehrenamtliche

Am Freitag, den 01. April 2022 nun der große Pressecoup mit dem Hohenloher Landrat Dr. Matthias Neth und Vertretern der Lokalpolitik zur Eröffnung des Welcome Points für die Flüchtlingsfamilien in Künzelsau. Die Kinder der Flüchtlingsfamilien dürfen sich auf ein Spielzimmer, die Mamas auf Computerarbeitsplätze freuen. Wichtiger aber wären zunächst einmal Kleidung, Beratung, Sprache, Kontakt. Denn wer Kleidung und Nahrung hat und sich willkommen fühlt, der schaut auch gerne nach Jobs oder Wohnungen.

Es wird auch hier weiterhin stehen und fallen mit den Ehrenamtlichen, ob diese größte Flüchtlingswelle, die wir je erlebt haben im Zweiten Weltkrieg, erfolgreich gemeistert werden kann.

Das Mindeste, was hier auch die Lokalpolitik leisten kann, ist die Wertschätzung und Unterstützung dieser bedeutsamen Arbeit.

Treffen

Am Donnerstag, den 07. April 2022, 09 Uhr, ist ein großes Treffen zwischen hauptamtlichen Mitarbeiter:innen von der Stadt Künzelsau und dem Landkreis sowie mit allen interessierten Ehrenamtlichen im ehemaligen Krankenhaus in Künzelsau geplant, um sich künftig besser abzusprechen sowie eine sinnvolle Struktur zu schaffen.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann




Lasst uns nicht mit wehenden Fahnen in den Krieg ziehen

Der 24. Februar 2022 wird als Wendepunkt in die Geschichte eingehen. Nach fast 80 Jahren rollen deutsche Panzer wieder Richtung Osten oder es fliegen Bomben in Europa. Es scheint die Geschichte von David gegen Goliath zu sein, unter anderem deshalb steht die westliche Welt hinter der Ukraine. Aber auch weil uns eine ähnliche Kultur verbindet, weil die Ukraine doch nicht so weit weg ist (nur rund 1.000 Kilometer) wie Syrien oder andere Kriegsländer.

David gegen Goliath

Die Medien bedienen derzeit dieses Narrativ. David gegen Goliath in extremen Ausmaß, unter anderem weil hier auch von ukrainischer Seite Medienprofis am Werk sind wie die Klitschkobrüder oder der ehemalige Schauspieler und jetzige Regierungschef Selenski.

Etwas „Gutes“ mit Krieg bewirken

Nicht nur Russen, auch wir Deutsche erleben eine Kriegspropaganda, ohne es zu merken. Eine Kriegspropaganda kennzeichnet sich dadurch aus, dass sie ein extremens Schwarz-weiß-Denken zeichnet (etwa die Tagesschau, die relativ einseitig die Beweggründe des Westens darstellt), ein Bild Gut und gegen Böse entwirft („Putins Krieg“, wie das Nachrichtenmagazin Spiegel immer wieder auf seinem Titel schreibt) und den Krieg dadurch legitimiert, dass wir etwas „Gutes“ damit bewirken, indem wir mit Waffen für unsere Werte eintreten oder diesen Krieg mit Waffen unterstützen („Verteidigung unserer Werte“). Vor zwei Monaten hätte bei einer Umfrage die Mehrheit der Deutschen eine Krieg in jedweder Form abgelehnt. Nun, innerhalb so kurzer Zeit, hängen an Deutschlands Fenstern mehr blau-gelbe als deutsche Fahnen, dass Deutschland sich nun mit militärischen Mitteln am Krieg beteiligt, wird von einer breiten Bevökkerungsmehrheit unterstützt. So schnell manipulierbar ist der Mensch.

Man bekämpft Feuer nicht mit Feuer

Dabei ist es doch so: Man bekämpft kein Feuer mit Feuer. Das hat noch nie in der Geshichte funktioniert, sondern nur noch größeres und längeres Leid ausgelöst. Ein Bürger hat Hohenlohes Dekan Ingo Kuhbach die Idee nahe gebracht, anstatt mit Waffen, Putin mit Blumen entgegenzutreten. Kuhbach habe diese Aussage „nicht nachvollziehen können“. In der aktuellen Situation könne er derartiges pazifistisches Gedankgut nur in einem bgrenztent Maße nachvollziehen, so erzählt er es öffentlich an der Friedensdemo in Künzelsau am Freitag, den 18. März 2022. Aber warum? Wenn schon nicht mehr Kirchenvertreter, wer tritt dann noch für Frieden ein? Frieden ist immer die beste aller Lösungen. Lasst die Ukrainer fliehen, gewähren wir ihnen im Herzen Europas eine neue Heimat, zurück bleibt ein Land ohne Volk. Damit kann auch Putin nichts anfangen. Russlands Regierungsoberhaupt wird sicher kein Nato-Mitglied angreifen. Daher wird die rote Linie dort sein, wo der ukrainische Boden endet. Daher möchte Putin verhindern, dass die Ukraine Nato-Mitglied wird. Weil er sich eben nicht mit der Nato anlegen wird.

Für Frieden und Freiheit

Wir dürfen in diesen Zeiten vor allem eines nicht: unsere Werte über den Haufen werfen. Wir sind die vergangenen 80 Jahre für Frieden und Freiheit eingetreten und das muss auch künftig unsere höchste Prämisse sein, wollen wir nicht ebenfalls auf der schwarzen Seite der Geschichte stehen.




„Man kann ja nicht nur meckern und nichts tun“

Dr. Sandra Hartmann hat Klaus Schmitt zum Videointerview in Ingelfingen getroffen. Der Bürgermeisterkandidat, der den amtierenden Bürgermeister Michael Bauer herausfordert, möchte in Ingelfingen einiges verändern und hat dafür auch schon konkrete Pläne.

„Das hat mir richtig gut getan“

GSCHWÄTZ: Heute habe ich mich im Kurpark in Ingelfingen verabredet, mit Klaus Schmidt. Der zweifache Familienvater und Unternehmer hat seinen Hut in den Ring geworfen um das Amt des Bürgermeisters in Ingelfingen.

Klaus Schmitt: Ich grüße Sie.

GSCHWÄTZ: Sie haben ja am Samstag, den 5. März, den Briefumschlag eingeworfen zur Wahl. Wie ging es Ihnen dabei bei diesem Augenblick?

Klaus Schmitt: Das mir richtig gut getan, weil jetzt diese ganze Anspannung, die vorher da war, weggefallen ist. Die ganzen Überlegungen sind jetzt auf einmal abgefallen. Das Kuvert war drin und ich habe mich an dem Tag richtig gefreut, dass es jetzt losgeht in den Wahlkampf.

GSCHWÄTZ: Wie lange haben Sie denn überlegt, ob Sie kandidieren sollen?

Klaus Schmitt: Ach, da habe ich mir schon einige Monate den Kopf zerbrochen. Aber letztendlich ist es so: Man kann ja nicht nur meckern und nichts tun. Wenn man was bewegen will, muss man halt auch Verantwortung übernehmen.

Wichtig ist den Bürger:innen der Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen vor Ort

GSCHWÄTZ: Kommunikation ist ja ein großer Begriff Ihres Wahlkampfes, der jetzt nun anläuft, auch wenn es mit Corona etwas schwieriger ist, diverse Veranstaltungen zu machen, diverse Menschen zu treffen. Aber sie haben schon die Fühler ausgestreckt, sie haben mit diversen Bürger:innen gesprochen, auch mit Unternehmern von hier . Gestern haben Sie zu einem digitalen Frühschoppen eingeladen, mit Gemeinderäten und mit Ortsvorsteher. Was konnten Sie denn bisher heraushören, was die Bürger:innen sich von Ihrem künftigen Bürgermeister erwarten?

Klaus Schmitt: Die Themen sind natürlich sehr breit gestreut, aber Stabilität, Erhalt und Schaffung neuer Arbeitsplätze war ein ganz wichtiger Punkt, der sich da herauskristallisiert hat. Das wird ein Riesenthema sein, das voranzubringen. Und die zweite Sache, das sind eher so diese Lebensumstände in Ingelfingen. Wir sind ja hier im Stadtpark. Die Bürger:innen sind ein bisschen traurig, dass der Stadtpark nicht mehr dieses Ambiente bietet, wie es früher mal war. Und ich glaube, da hat man ganz viel Potenzial, noch was Neues zu schaffen. Angefangen von der Bewirtung, dass man hier auch mal verweilen kann, dass man hier mal einen Kaffee trinken kann bis hin zu einem Spielplatz für die Kinder, wo man den Bachlauf nutzen könnte, um hier auch für die Kinder und ihre Eltern hier einen Platz zu schaffen, wo man länger sich aufhält, wo man einfach auch den Park genießen kann. Es ging um die Boule-Bahn, wie man die noch beleben kann, auch mit Veranstaltungen und bis hin zu Platzkonzerten, die es früher mal gab.

Mariannenstraße muss angegangen werden

GSCHWÄTZ: Nur unweit von diesem Stadtpark befindet sich ja die schöne Mariannenstraße. Auch die war gestern Thema bei dem digitalen Frühschoppen. Es gibt ja auch viele Gemeinderäte, die noch ein Geschäft in Ingelfingen haben sich dementsprechend auch Gedanken machen um, ja, man könnte schon fast sagen, eine Wiederbelebung der Mariannenstraße.

„Das muss jetzt was passieren“

Klaus Schmitt: Absolut. Das ist, ich habe es gestern schon mal erwähnt, ein Thema, wo ich glaube, da muss man mittelfristig denken, es gibt bestimmt Dinge, die kann man sofort angehen. Aber bei der Mariannenstraße muss man eher mittelfristig denken. Was ich aber so vom Gefühl her sagen würde, ist, dass vieles auf Eis liegt, weil man auf Fördergelder wartet. Da frage ich mich, ob das die richtige Strategie ist für die Wiederbelebung ist, weil das ja eigentlich schneller gehen muss. Je länger so ein Geschäft leer steht, umso geringer die Chancen, dass da noch jemand reingeht. Und wenn ich jetzt an Frau Turber denke, wo absehbar ist, dass sie nur noch bis Ende 2022 ihr Geschäft betreibt, müsste man sich jetzt um die Nachfolge kümmern, auch um die Räumlichkeiten, die eigentlich gar nicht mehr gehen. Da gibt es nur Elektroöfen und dann friert man sich vorne an der Theke die Füße ab. Das sind so Dinge, wo ich sage, da kann ich doch nicht warten, bis Fördergelder da sind. Da muss jetzt was passieren.

GSCHWÄTZ: Viele Altbauten in der Innenstadt sind ja stark sanierungsbedürftig. Auch das Thema Spielplätze bewegt die Ingelfinger.

Klaus Schmitt: Im Neubaugebiet auf dem Lipfersberg, wo ich wohne, gibt es gar keinen Spielplatz mehr. Das ist so ein Beispiel, wo die Schaukeln verschwanden und am Schluss dann gar nichts mehr da war.

Thema Spielplätze

GSCHWÄTZ: Woran liegt das? Wissen Sie das?

Klaus Schmitt: Es ging wohl auch um die Bewirtschaftung und dass die Geräte alt waren und man hätte neue kaufen müssen oder platzieren müssen. Und dann hat man gesagt, wegen den paar Kindern brauchen wir das nicht. Das Gelände wurde ja zur Verfügung gestellt von einem, der das sogar gemäht hat. Ich finde es einfach schade. Bei anderen Spielplätzen gibt es wohl ähnliche Situationen, dass die Geräte einfach nicht gewartet und zu alt sind. Das kann man doch mal anpacken. Was mir aber sehr am Herzen liegt, dass diese Ideen nicht nur von mir kommen, sondern auch von dern Bürger:innen der Stadt.

GSCHWÄTZ: Seit 22 Jahren leben Sie mit Ihrer Familie schon hier in Ingelfingen. Wo sehen Sie denn das Kocherstädtchen in fünf Jahren?

Ausbau Gewerbegebiet Stachenhausen

Klaus Schmitt: Zum einen ist es, glaube ich, als Bürgermeister ganz wichtig, die Arbeitsplätze auszubauen. Wir haben das Industriegebiet in Stachenhausen, wo Leute gerne was eröffnen würden oder könnten, wenn man nicht so passiv abwarten würde, bis genügend da sind, sondern vielleicht auch mal in Vorleistung gehen würde, das Gebiet erschließen und dann die Bauplätze auch progressiv anbieten. Das wäre ein ganz wichtiges Thema, dass man Arbeitsplätze schafft und dass man natürlich auch den Menschen, die hier arbeiten wollen, Wohnraum zur Verfügung stellt. Das sind so Themen, die mich antreiben, die mich interessieren und wo ich aber nicht alleine lösen kann, da braucht es die Mitwirkung der Bürger. Und das ist mir ein ganz, ganz großes Anliegen, die Leute abzuholen, zu involvieren in den Prozess. Wie kann man das voranbringen? Ich bin ja nicht Jesus, ich habe nicht alle Antworten parat, aber gemeinsam, da bin ich mir sicher, kriegen wir da gute Lösungen hin.

Teilorte mehr einbinden

GSCHWÄTZ: Es gibt ja diverse Teilorte hier, die manchmal auch das Gefühl hatten, in den vergangenen Jahren so ein bisschen auf eine Nebenstraße zu fahren. Ist es auch ihr Wunsch, diese wieder besser an die Kernstadt anzubinden?

Klaus Schmitt: Auf jeden Fall. Ich kriege ja in den Gemeinderatssitzungen mit, dass da Entscheidungen gefällt werden, wo Tatsachen geschaffen werden und die Leute das einfach dann hinterher schlucken müssen. Und das finde ich katastrophal. Das geht gar nicht. Wir haben das Beispiel in Eberstal, wo Bäume gefällt wurden und der Ortsvorsteher von nichts wusste. Das ist ein No Go.

Bessere Kommunikation mit den Nachbargemeinden Künzelsau und Niedernhall

GSCHWÄTZ: Auch mit den Nachbargermeinden hat Ingelfingen derzeit nicht allzu viel zu tun, mit Künzelsau, mit Niedernhall, mit Weißbach. Sie waren jetzt letztens erst mit Bürgermeister Bernd Herzog von Waldenburg im Gespräch.

Klaus Schmitt: Ja, weil mich das Thema interessiert hat mit einer gemeinsamen Kläranlage. In einer Gemeinderatssitzung habe ich gehört, dass man vielleicht mit Kupferzell und Waldenburg was machen möchte. Da habe ich mich gefragt: Kann das Sinn machen, dass man Abwässer über so viele Kilometer pumpt? Da würde ich gerne mit den Nachbarbürgermeistern nochmal ins Gespräch kommen wollen, ob es hier nicht eine bessere Lösung geben könnte.

TSV

GSCHWÄTZ: Auch sportliche Kooperationen mit den Nachbargemeinden gab es früher wesentlich mehr, Stichwort Fußball oder TSV im Allgemeinden. Zudem gibt es unvorteilhafte Wege für Kinder und Jugendliche, um auf den Sportplatz zu kommen und dann wieder zurück zu den Umkleidekabinen. Da gilt es, die Landesstraße zu überqueren. Ein neues Sportheim, das ja schon seit Jahren gewünscht wird, aber nicht erfüllt wird. Sind das alles Projekte, die relativ einfach von der Umsetzung sind oder denken Sie, dass es schon auch schwierig wird, diese Projekte anzugehen?

Klaus Schmitt: Ich denke, dass es schwierig wird, aber lösbar und man muss sie halt anpacken. Man muss den Willen haben, hier eine Lösung zu finden und sich mit den Leuten an einen Tisch setzen. Denn es gibt ja auch durchaus hier Interessenskonflikte und da gilt es, die Leute an den Tisch zu holen. Da sehe ich meine Rolle als Bürgermeister. Ich muss derjenige sein, der die Initiative ergreift, der sagt: Kommt, Fakten auf den Tisch, was brauchen wir? Wo hängt es, wo hapert es jetzt und wie können wir das lösen? Dann bin ich sicher, gibt es da auch Lösungen zu finden.

Kochen und Gärtnern gehört nicht zu seinen Stärken

GSCHWÄTZ: Jetzt haben wir lange über Ihre Kompetenzen gesprochen. Aber sicher haben Sie doch auch ein paar Schwächen.

Klaus Schmitt: Also Sie meinen jetzt so Dinge wie, dass ich nicht kochen kann und dass ich keinen grünen Daumen habe (lacht).

GSCHWÄTZ: Wer kocht denn bei Ihnen zu Hause?

Klaus Schmitt: Ich habe eine Frau, die kocht so gerne und es ist ihr so ein großes Vergnügen und eine Freude. Ich habe richtig Glück.

GSCHWÄTZ: Ihre Frau ist auch sehr sozial engagiert, abe ich gehört von einigen Bürger:innen.

Klaus Schmitt: Genau. Sie hat zehn Jahre Theater gespielt auf Schloss Stetten. Sie war im Vertrauensrat bei Würth und ist überall, wo Hilfe gebraucht wird, mit dabei. Und was ich zu dem Thema Schwächen noch sagen wollte Ich weiß von mir, ich bin jetzt nicht gerade der geduldigste Mensch. Bei mir muss alles irgendwie in einem überschaubaren Rahmen auch abgeschlossen sein.

Lieblingsplatz Ruine

GSCHWÄTZ: Ihr Lieblingsplatz in Ingelfingen ist die Ruine.

Klaus Schmitt: Ja, denn ich habe sehr schöne Erinnerungen daran, weil wir hier das eine oder andere Fest schon gefeiert haben und auch die Genießertour hier oben war immer sehr schön. Ein fantastischer Ausblick hat man von der Runie, da kommt bei mir immer so ein bisschen Wehmut auf, dass man da nicht mehr draus macht, weil man könnte ja beispielsweise auch in den Sommermonaten das Bewirtschaften, hier eine Art Besenkneipe reinmachen, dass man zumindest in den Sommermonaten hier diese schöne Aussicht genießen kann, wenn es noch lau ist abends und man da ein bisschen beisammensitzen kann.

 




Knochenmarkspender für Nhomsai aus Ingelfingen gesucht

Vor kurzem haben wir über Nhomsai aus Ingelfingen berichtet, die an akuter myeloischer Leukämie erkrankt ist und derzeit im Diak in Schwäbisch Hall behandelt wird. Ihren ersten Chemoblock hat die Apothekerin und Mutter einer kleinen Tochter gut hinter sich gebracht, im zweiten befindet sie sich gerade. Allerdings ist nun klar, dass sie defintiv einen Knochenmarkspender braucht.

So schreibt sie in ihrem Blog Influcancer:

„Meine Blutwerte aktuell sind ziemlich gut und bei der Knochenmarkspunktion kam 2% Blasten raus – Ziel war unter 5%. Insofern hat die erste Chemo-Therapie sehr gut angeschlagen. Allerdings habe ich heute bei der Visite erfahren, dass man wohl auch eine Fibrose (Vernarbung) im Knochenmark bei mir entdeckt hat– vermutlich war die als erstes da und daraus hat sich die AML entwickelt. Somit ist wohl die Stammzelltransplantation für mich doch notwendig, auch wenn ich bezüglich AML sehr gut auf die Chemo-Therapie anschlage.

Während meiner Zeit zu Hause war ich zusammen mit meinem Bruder ja in Stuttgart zum prophylaktischen Vorgespräch für eine allogene Stammzelltransplantation – das Gespräch war wirklich gut, die Ärztin hat alles toll erklärt und sich viel Zeit für uns genommen. Ich denke da bin ich dann ganz gut aufgehoben.

Leider hat sich mittlerweile herausgestellt, dass mein Bruder als Spender für mich nicht richtig passt, insofern schaut man jetzt nach einer/m Fremdspender*in in der Datenbank. Hier nochmal der Aufruf: Rettet Leben und registriert euch bei der DKMS!!!! Ist wirklich ganz einfach und erstmal total schmerzlos! Und ich habe bei meinem Besuch in Stuttgart auch nach den Gefahren für meine/n potentiellen Spender*in gefragt – das ist wohl wirklich sehr gering und klang durchaus machbar – so dass ich es auch ohne allzu schlechtem Gewissen einer anderen Person zumuten würde und die Spende dann wirklich seeeehr gerne und wahninnig dankbar annehmen werde!!!!! Ihr rettet damit nicht nur das Leben einer einzelnen Person, sondern helft auch deren ganzem Umfeld – Kinder können mit ihren Eltern aufwachsen, Ehepartner bleiben zusammen, Geschwister, Eltern, Freunde verlieren keine Lieben…..“

Anbei der Link, wo man sich einfach und kostenfrei registieren kann, um Leben zu retten: https://www.dkms.de/aktiv-werden/spender-werden

Wer Nhomsai folgen möchte, kann dies auf unterschiedliche Weise tun:

https://www.influcancer.com/blogs/blog-autoren/leukaemut/

https://leukaemut.blogspot.com/2022/02/babysteps-aber-steps.html

https://www.instagram.com/p/CZ7S9Q9NJGK/?utm_medium=share_sheet

 

 

 

 




„Fehlende Kommunikation zwischen Stadt und Firmen“

Zunächst waren die zehn Zoom-Teilnehmer wohl ziemlich überrascht, wenn nicht sogar beeindruckt, über den fein angerichteten Frühstücksteller, den Klaus Schmitt in die Kamera zeigte. Seine Frau habe diese leckeren Häppchen für ihn vorbereitet. Schmitt hatte schließlich nicht umsonst zu einem virtuellen Frühschoppen am Sonntag, den 07. März 2022, Ortsvorsteher und Gemeinderäte von Ingelfingen eingeladen. Die Teilnehmer sollten dabei auch etwas essen und trinken. Mit Tee, Kaffee oder einem Gläschen Wein ging es los, während der Unternehmer und zweifache Familienvater aus Ingelfingen-Lipfersberg sich erst einmal vorstellte, bevor es ans Eingemachte ging.

Schmitt möchte den Informationsfluss verbessen

Und damit war nicht etwa das Essen gemeint. Dem 58-Jährigen wollte hören, was die Menschen in Ingelfingen und den Teilorten bewegt, was ihnen wichtig ist in der Gemeinde und auch, was fehlt.

Eines betonte Schmitt gleich zu Beginn: Er möchte, wenn er denn gewählt werden würde am 08. Mai 2022 zum neuen Rathauschef, den Informationsfluss verbessen. „Wichtig wäre mir ein reger Austausch zwischen Ortschaftsräten, Gemeinderäten und den Bürgern“, etwa in Form von Bürgersprechstunden oder das zu Beginn einer jeden Gemeinderatssitzung Bürger:innen Fragen stellen können. Er trete den Menschen mit viel Wertschätzung entgegen, könne zuhören und möchte die Einwohner:innen bei Entscheidungen mitnehmen anstatt vor vollendete Tatsachen zu stellen, wie unlängst beim Abholzen der Bäume rund um den Grillplatz in Eberstal, das diverse Rentner:innen schockiert hat, die den Grillplatz jahrelang in Eigenregie gepflegt hatten.

Frau Turber hört auf, Biancas Bastewerkstättle als Nachfolge?

Schmitt höre auch immer wieder von Bürger:innen, das sie ausgebremst werden würden, sei es beim Thema Photovoltaik oder bei Restaurants in der Innennstadt. Dabei müsse man Ingelfingen vor allem in der Innenstadt wieder attraktiver machen. Klaus Schmitt sprach in diesem Zuge auch die bevorstehende Schließung von Frau Turbers Schreibwarenladen Ende des Jahres an. Möglich wäre etwa, Biancas Bastelwerkstättle, das derzeit auf dem Lipfersberg beheimatet ist, im Stadtkern eine neue Heimat zu geben. Eine Wiederbelebung der Mariannenstraße, in der bis vor einigen Jahren noch einige kleinere Einzelhändler ihre Läden hatten, wünschen sich ebenfalls einige Zoom-Teilnehmer. „Mein Vater sagt immer: Keine Stadt ist so tot wie Ingelfingen“, sagt Gemeinderat Markus Hammel.

Dr. Sandra Hartmann in der Mariannenstraße in Ingelfingen 2019, als Bürgermeister Bauer daraus eine Einbahnstraße machen wollte, dies aber nicht durchsetzen konnte. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Auch beim Stichwort „Geselligkeit“ und Veranstaltungen gebe es noch „viel Potenzial in Ingelfingen“. Da habe Schmitt auch schon die „ein oder andere Idee“.

Teilweise in die Jahre gekommenen Spielplätze

Ein großes Thema beim virtuellen Frühschoppen waren auch die mancherorts in die Jahre gekommenen Spielplätze in Ingelfingen und den Teilorten. Die seien teilweise ziemlich veraltet, so der Eindruck der Gemeinderätin Kathrin Ehrmann. Ein Wasserspielplatz wäre schon, fehle aber in Gänze. Auch in Lipfersberg etwa, wo Klaus Schmitt selbst wohnt, sei der Spielplatz immer kleiner geworden, obwohl immer mehr Familien in dem Neubaugebiet bauen.

Kunst und Kultur fördern

Ein weiteres großes Thema war der Kurpark, quasi das Herz der 5.500 Einwohner großen Gemeinde. Der Park sei, so Susanne Schmetzers Eindruck, „in einem furchtbaren Zustand“. Als ehemaliger Galerist in Schwäbisch Hall könnte Klaus Schmitt sich vorstellen, Skulpturen in den Kurpark von örtlichen Unternehmern zu stellen, ein Parkcafé würde die Attraktivität steigern und Veranstaltungen mit der Kulisse des Schlosses würden sich hier anbieten. „Kunst und Kultur fördern“, auch das liegt dem Bürgermeisterkandidaten am Herzen, um die Menschen auch von ausserhalb wieder nach Ingelfingen locken. Dies sei bereits mit kleinen Mitteln möglich. So werde die neue Minigolfanlage im Ort, die weit und breit einmalig sei, nach aussen kaum beworben. Neue Bücher für die Stadtbücherei wären ebenfalls von Nöten. Um den Bouleplatz Kurpark bespielen zu können, wären Boulekugeln zum Ausleihen praktisch.

Ingelfingen. Foto: Gülay Sween.

Auch eine Plattform „Ingelfingen hilft Ingelfingen“ könnte sich Kommunikationstrainer Schmitt vorstellen. Bürger:innen helfen Bürger:innen, Einkäufe zu erledigen, mit dem Hund Gassi zu gehen. Eine Plattform des Austausches und des Miteinanders solle so entstehen.

Für Gewerbetreibende hat das Baugebiet in Stachenhausen viel Potenzial

Gemeinderätin Karin Hagdorn warf kritisch ein, dass das nun alles ja „soft skills“ seien und wollte von Klaus Schmitt wissen: „Wo würden Sie die Entwicklung in Ingelfingen sehen hinsichtlich der Arbeitsplätze?“ Der gelernte Maschinenschlosser Schmitt antwortete: Den teilweisen Wegzug von Gemü finde ich sehr schade. Das sollte nicht einreissen.“ Hier sollte es mehr Gespräche, mehr Angebote an Firmen geben. Gemeinderätin Susanne Schmezer warf ein: „Wir haben hier ja ein Baugebiet für Gewerbetreibende, das viel Potenzial hat: in Stacehenhausen“, auch und vor allem für kleinere Unternehmen. Auf diesem Gebiet verweilen tatsächlich bereits seit Jahren lediglich eine Handvoll Firmen, weil die Stadtverwaltung Ingelfingen es noch nicht weiter erschlossen hat. Auch sei „eine fehlende Kommunikation zwischen Stadt und Firmen“ festzustellen, so Markus Hammel.

„Fehlende Kommunikation zwischen Stadt und Firmen“

Schmezer ergänzt in diesem Zug: „Die Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen hat in den vergangenen Jahren stark gelitten. Hier wären Synergien zwingend notwendig.“ Schmitt erwiderte darauf hin, dass er bereits Gespräche mit Waldenburgs relativ neuem Bürgermeister Bernd Herzog geführt habe.

Weitere Themen waren die Digitalisierung, die vorangetrieben werden müsse, das innerörtliche Bauen und die dringende Sanierung der Bestandsgebäude im Stadtkern, Umwelt (wie kann Ingelfingen klimaneutral werden?), Kommunikation, Bürgernähe, Sanierungsbedarf bei diversen Kindergärten wie etwa am Breter, das lang ersehnte neue Vereinsheim mit Umkleidekabinen für den Fußballverein des TSV. Fazit: Es gibt viel zu tun. Aber es gibt auch viele Menschen, allen voran Klaus Schmitt, die Lust haben, diese Themen anzugehen.

Bis Montag, den 11. April 2022, 18 Uhr, können sich Interessierte noch bewerben um das höchste Amt in Ingelfingen.

Text: Dr. Sandra Hartmann

Ingelfingen. Foto: Gülay Sween.




„Ich bin dankbar“

Den 12. Januar 2022 wird Nhomsai Hagen aus Ingelfingen wohl nie vergessen. An diesem Tag erhielt die 33-Jährige die Diagnose akute myeloische Leukämie (AML). Das ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems (Blutkrebs), bei der eine frühe Vorstufe einer myeloischen Zelle entartet und sich unkontrolliert vermehrt. Zu den myeloischen Zellen gehören die roten Blutkörperchen, Blutplättchen und ein Teil der weißen Blutkörperchen. Dr. Sandra Hartmann hat mit Nhomsai ein Interview in der Redaktion GSCHWÄTZ in Künzelsau geführt, als sie zwischen zwei Chemoblöcken Ende Februar 2022 zu Hause in Ingelfingen war. An die Verkündung der Hiobsbotschaft erinnert sie sich noch gut zurück.

„Mir war klar, dass etwas absolut nicht stimmt, aber ich habe wirklich sehr lange nicht an Krebs gedacht“

Nhomsai: Einige Ärzt:innen kamen in mein Zimmer, die eine hat sich als Oberärztin der Onkologie vorgestellt und gesagt, dass sie leider keine guten Neuigkeiten hat. Bei dem Wort „Onkologie“ bin ich in Tränen ausgebrochen. Das ging mir schon ziemlich nahe. Vorher habe ich tatsächlich immer gedacht, das ist „nur“ ein akuter Eisenmangel oder ein akuter Vitamin-B-Mangel. Mir war klar, dass etwas absolut nicht stimmt, aber ich habe wirklich sehr lange nicht an Krebs gedacht, dieser Gedanke kam tatsächlich erst kurz vor der Diagnose.

Nhomsai ist approbierte Apothekerin, verheiratet und hat eine 1,5-jährige Tochter. Geboren ist sie in Zimbabwe, ihre Eltern, besonders ihre Mutter, ist dort bis heute sehr engagiert. „Nhomsai“ bedeutet „Dankbar sein“.

Auf dem einen Auge begann sie, schwarze Flecken zu sehen

Bevor Nhomsai die Diagnose im Krankenhaus in Schwäbisch Hall bekam, gingen Monate der Ungewissheit voraus. Sie fühlte sich nach ihrem Zimbabwe-Urlaub im Oktober 2021 alles andere als fit, ging aber zunächst von einem „Winterblues“ aus. Im Dezember 2021 verschlechterte sich ihr Zustand, das Treppenlaufen fiel ihr zunehmend schwer, sie war blass. In ihrem Blog schrieb sie dazu: „Ich musste nach einem Stockwerk Pause machen, um zu Atem zu kommen. Habe nachmittags zwei bis vier Stunden zusätzlich geschlafen. Keinen Appetit. Als hätte man mir den Stecker gezogen.“ Auf dem einen Auge begann sie, schwarze Flecken zu sehen. Ihr Augenarzt tippte auf Netzhauteinblutungen. Als ihre Hausärztin aus dem Urlaub zurück war, wurde ein Blutbild gemacht, das sehr auffallend war. Nach den ersten Blutergebnissen ging es direkt ins Krankenhaus. Zwei Tage später erhielt sie die Diagnose. Danach rief sie erst ihren Mann an, danach ihren Bruder, der Arzt ist.

Nhomsai: Es war für alle ein Schock. Aber es war auch gut, dass nun Klarheit herrschte, was mit mir los ist. Ich bin  im Krankenhaus und jetzt wird etwas dagegen unternommen. Diese Woche nach Silvester, als meine Hausärztin im Urlaub war und ich aber einfach wusste, es stimmt was nicht, diese Ungewissheit war schlimmer.

„Egal was rauskommt oder wie das ausgeht, ich muss schauen, dass es zumindest nicht umsonst war“

GSCHWÄTZ: Du bist auch sehr rational an die Sache rangegangen beziehungsweise das machst du ja immer noch. Liegt es daran, dass Du berufsbedingt auch vieles einfach auf medizinischer Ebene betrachtest?

Nhomsai: Ich bin vom Typ her sehr rational und mein Mann auch. Ich habe ja Pharmazie studiert und er Elektrotechnik. Mein erster Gedanke nach der Diagnose war tatsächlich: Jetzt habe ich wenigstens eine Diagnose und es kann losgehen mit der Behandlung. Tatsächlich war auch einer meiner ersten Gedanken, egal was rauskommt oder wie das ausgeht, ich muss schauen, dass es zumindest nicht umsonst war.

GSCHWÄTZ: Dass es einen Sinn hat. Du hast ja daraufhin auch begonnen, einen Blog zu schreiben, der heißt „Leukaemut“ auf der Seite Krebsblogger-Seite Influcancer. Damit informierst Du ja nicht nur über diese Krankheit, sondern bist bestimmt auch ein Vorbild für viele, weil du so eine unglaublich starke, positive Einstellung hast. Unter anderem hast Du dort etwas sehr bewundernswertes geschrieben, nämlich, dass Du dankbar bist. (Anm. d. Red.: Nhomsai bedeutet ebendies: dankbar sein).

„Bei jedem Eintrag Rotz und Wasser geheult“

Nhomsai: Ja, der Hintergrund zu dem Blogschreiben ist, dass eine Stufenkameradin vor Jahren einen Blog angefangen hat, als sie ihr todkrankes Kind palliativ begleitet hat. Das habe ich mitverfolgt und bei jedem Eintrag immer Rotz und Wasser geheult und gedacht: Mein Gott, wie gut geht es mir eigentlich? Zu dem Zeitpunkt war ich schwanger. Ich bin so dankbar, ein gesundes Kind zu haben. In meinem Leben lief alles bislang immer reibungslos, toller Mann, tolles Kind, toller Job, tolles Haus. Ich wusste, irgendetwas muss jetzt kommen und habe einfach nur gehofft, dass es nicht meinen Mann oder mein Kind trifft.

Nhomsai war bereit, auch relativ neue Medikamente auszuprobieren, die erst seit vier Jahren in Europa zugelassen sind

Nach der Diagnose ging es direkt nahtlos über in die Chemotherapie. Nachmittags erhielt Nhomsai die Diagnose, abends startete die Chemo im Diak in Schwäbisch Hall. Parallel dazu lief die Diagnostik, um welche Art Blutkrebs es sich genau handelte, um die Behandlung besser anzupassen. Knochenmarkspunktion, Laborauswertung, genetische Untersuchungen. In den vergangenen Jahren hat sich viel getan in der Krebstherapie. Auch im Bereich der Leukämie. Nhomsai war bereit, auch relativ neue Medikamente auszuprobieren, die erst seit vier Jahren in Europa zugelassen sind, aber auf ihren spezifischen Mutationstyp passen.

Ihre kleine Tochter hat sie während ihres ersten Krankenhausaufenthaltes fünf Wochen nicht gesehen

ine klassische Chemotherapie richtet sich gegen alle sich schnell teilenden Zellen. Abericht nur Krebszellen teilen sich schnell, sondern eben auch andere Zellen, wie Zellen der Schleimhäute. Daher werden diese ebenfalls bei einer Chemotherapie angeriffen. Nhomsai erhielt nun zusätzlich auch eine gezieltere Krebstherapie, die sich nur gegen die Krebszellen richtet. Nhomsais erster „Chemoblock“ dauerte drei Wochen. In der ersten Woche bekam sie rund um die Uhr Infusionen mit Medikamenten (klassische Zytostatika, spezifisch für sie, auch hinsichtlich ihrer Größe und ihres Gewichts, in der Apotheke am Krankenhaus hergestellt), die sich gegen alle schnell teilendend Zellen, unter anderem die Krebszellen richten. Die anderen beiden Wochen musste sie relativ große Kapseln morgens und abends schlucken. Eine derartige Krebstherapie richtet sich gezielt an die Krebszellen und ist erst seit ein paar Jahren in Deutschland auf dem Markt. Diese Therapie kostet, so Nhomsai, fast 600 Euro am Tag, was die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland übernehmen. Die befürchtete Übelkeit blieb aus. Ihre schulterlangen, hellbraunen Haare verlor sie. Als sie die ersten Haarbüschel in den Händen hielt, bat Nhomsai ihren Ehemann, ihre Haare komplett abzurasieren. Die Mundschleimhaut war entzündet und sie bekam Blutbläschen unter der Zunge. Im Februar 2022 war sie zwei Wochen zu Hause. Anfang März 2022 kommt der zweite Chemoblock. Während der Zeit zu Hause haben wir das Interview mit Nhomsai in der Redaktion geführt. Sie kam mit dem Elektrofahrrad von Ingelfingen nach Künzelsau geradelt und fühlte sich viel besser, als vor der Chemo. Ein erster großer Erfolg. Ihre kleine Tochter hat sie zuvor während ihres Krankenhausaufenthaltes, auch als ihr Immunsystem zu schwach war, fünf Wochen lang nicht gesehen.

Nhomsai: Wir haben dank WhatsApp jeden Tag per Video miteinander telefoniert, das hat auch gut funktioniert und das war sehr schön.

GSCHWÄTZ: Aber es war schon auch hart für dich beziehungsweise euch, so lange getrennt zu sein, oder?

„Ich hatte manchmal das Gefühl, ich muss mich zum Teil fast schon rechtfertigen, dass ich so positiv da rangehe“

Nhomsai: Das war schon hart, aber es ging nicht anders und es klappte auch ganz gut. Anfangs haben wir zweimal täglich miteinander telefoniert. Ansonsten kriege ich halt Videos. Da waren zum Glück auch alle ganz, ganz toll. Mein Mann, meine Schwiegereltern und meine Eltern, die sich dann viel um meine Tochter gekümmert haben und von ihr für mich viele Videos gedreht haben.

GSCHWÄTZ: Du hast eine unglaublich positive Einstellung.

Nhomsai: Es bleibt mir nichts anderes übrig (lacht). Ich hatte manchmal das Gefühl, ich muss mich zum Teil fast schon rechtfertigen, dass ich so positiv da rangehe. Oder viele denken: Na ja, das kann doch nicht sein. Aber ich denke: So lange es mir jetzt gerade gut damit geht, nehme ich das auch so mit. Mir ist bewusst, dass noch harte Tage kommen können. Es waren auch schon zwei, drei tränenreiche Tage dabei, da war ich nicht ganz so optimistisch. Aber nach diesen Erfahrungen ist das auch in Ordnung, das habe ich dann auch einfach zugelassen.

Einen zentralen Venenkatheter wurde ihr am Hals gelegt

Nhomsai bekam kurz vor ihrem ersten Chemoblock einen zentralen Venenkatheter am Hals gelegt. Darüber bekam sie die Infusionen. Auch das Blut abnehmen ist darüber einfach und unkompliziert möglich.

Da Frauen nach einer Chemotherapie nicht selten unfruchtbar sein können, bekam Nhomsai eine spezielle Spritze, die sie quasi in die Wechseljahre versetzt. Damit werden ihre Eierstöcke geschützt. Man weiß jedoch nicht, ob sie dadurch ausreichend geschützt werden. „Aber es ist eine Chance“, sagt Nhomsai. Darüber hinaus bekommt sie eine hoch dosierte Antibabypille, um Blutungen zu vermeiden.

Unfruchtbarkeit vermeiden

Nach dem ersten Chemoblock sehen die Blutwerte von Nhomsai wesentlich besser aus, als noch unmittelbar vor der Chemo. Auch das Treppensteigen klappt wieder. Sie fühlt sich fit. Bei einem optimalen Heilungsverlauf müsste Nhomsai rund ein halbes Jahr lang mehrere Chemoblocks „durchlaufen“, bis sich ihr Blutbild stetig wieder erholt. Nicht selten brauchen Leukämiekranke darüber hinaus noch eine Stammzellenspende. In den zwei Wochen, in denen sie zu Hause ist, hat sie prophylaktisch schon mal einen Termin in Stuttgart bezüglich einer allogenen Stammzellen-Transplantation.

Nhomsai: Für den Fall, dass ich es bräuchte – derzeit bin ich im intermediären Risiko. Es kann sein, dass ich eine Stammzellenspende brauche. Ich hoffe es nicht. Das entscheidet sich wohl nach dem zweiten Chemozyklus.

„Bei den Prognosen war ich selber auch ein bisschen erschrocken“

Damit eine Stammzellenspende von einem Fremdspender vom Körper angenommen wird, muss das eigene Immunsystem dabei mit einer hoch dosierten Chemotherapie zunächst heruntergefahren werden. Als erstes braucht man aber einen passenden Spender, sonst ist die Gefahr einer Abstoßung zu groß.

||| Jeder Bundesbürger kann sich ganz leicht registrieren auf dkms.de und schauen, ob er als Spender in Frage kommt und einem anderen Menschen damit eventuell das Leben retten kann |||

GSCHWÄTZ:  Wenn man so etwas durchstehen muss, wächst man vermutlich auch als Familie noch mehr zusammen.

Nhomsai: Ja. Meine Mutter war zum Zeitpunkt der Diagnose gerade noch in Simbabwe für ihr Kindergartenprojekt und mein Bruder war mit seiner Lebensgefährtin in Argentinien auf Weltreise. Beide sind daraufhin tatsächlich heimgekommen. Ich habe zu ihnen gemeint, dass wir auch zoomen können, wenn sie weiterhin in Zimbabwe oder in Argentinien sind. Aber sie wollten jetzt hier sein. In der Nähe, um uns besser unterstützen können. Das war schon auch schön, das so zu sehen. Bei meinem Bruder hat es tatsächlich den Vorteil durch die Zeitverschiebung gehabt, dass ich auch nachts immer einen Ansprechpartner hatte. Dadurch dass er Arzt ist, hat er mir sehr viel geholfen.

GSCHWÄTZ: Hast Du auch selbst nach Verlauf und Prognosen bezüglich deiner Krankheit gegoogelt oder vermeidest du das?

„Mir ist klar, dass es die Möglichkeit gibt, dass es vielleicht auch nichts wird“

Nhomsai: Ja, zum einen aus pharmazeutischer Neugier. Ich muss aber tatsächlich sagen, bei den Prognosen war ich selber auch ein bisschen erschrocken. Da habe ich bewusst schnell weiter gelesen oder irgendwie versucht, das nicht wirklich an mich ran zu lassen, weil sie auch zum Teil einfach so widersprüchlich sind. Es gibt ja sehr viele Formen und unterschiedliche Verläufe bei Leukämie. Prognosen sind halt Prognosen. Und wie es dann letztendlich bei dem einen oder anderen ausgeht, ist nochmal eine ganz andere Sache. Ich bin auch hier wieder zu rational, dass ich jetzt sagen würde: Ich überstehe das hundertprozentig. Das kann ich irgendwie nicht. Mir ist klar, dass es die Möglichkeit gibt, dass es vielleicht auch nichts wird. Aber ich kann in der Hinsicht etwas machen dagegen, und zwar, dass ich trotzdem eine positive Einstellung habe. Ansonsten muss ich es halt so hinnehmen, wie es kommt. Und gucken, dass ich mich einigermaßen damit abfinde, vorbereite und auch für meine Familie vorbereite. Ich habe auch mit meinem Mann darüber gesprochen, was wäre, wenn das jetzt nicht klappt und ich sterben würde. Also wie will ich, dass es weitergeht oder was mit mir passiert. Ich habe mich damit schon auseinandergesetzt, habe aber versucht, diesen Dingen nicht allzu viel Raum zu geben.“

1.000 Kraniche für Nhomsai

Bis Anfang März haben Nhomsai und Freunde von ihr insgesamt 1.000 Kraniche gebastelt als Zeichen der Hoffnung. Dahinter verbirgt sich die Geschichte von Sadako. Im August 1945 wurde eine Atombombe über Hiroshima in Japan abgeworfen. Sadako überlebte diese Katastrophe. Doch einige Jahre später erkrankte sie an Leukämie, aber Sadako wollte leben, deshalb faltete sie 1000 Papierkraniche. In Japan ist der Kranich ein Symbol des Glücks und der Langlebigkeit.

1.000 Kraniche für Nhomsai. Foto: privat

Der Verein Eisvogel hilft speziell Leukämie- und Lymphknotenkrebs-Erkrankten sowie deren Angehörigen und gibt ihnen den für die Genesung so wichtigen Impuls für neuen Kampfgeist, Lebensmut und Lebensfreude. Wir sorgen für Beistand und realisieren dies im Speziellen durch Patenschaften.

Text: Dr. Sandra Hartmann