Interne Querelen sorgten im Hohenloher Klinikalltag für Unruhe.
Was ist nicht alles gesprochen und diskutiert worden, warum der Krankenhausstandort in Künzelsau schließen muss. Hans-Wilhelm Köhler, Allgemeinarzt mit einer Praxis im Ärztehaus direkt neben dem Krankenhaus Künzelsau (HK), schildert nun seine Sicht der Dinge. Und es zeigt sich: Hinter den Kulissen des Klinikalltags gab es ganz schön viel Knatsch.
Der dreifache Familienvater ist seit 1980 in Künzelsau als Arzt tätig. Was er nicht verstehen kann: Warum Dr. Andreas Eckle ein „menschenverachtendes Verhalten“ seitens der lokalen Tagespresse vorgeworfen wurde [Hintergrund: Der ehemalige ärztliche Direktor des HK, Eckle, gab dem ehemaligen HK-Geschäftsführer Dr. Andor Toth eine (Teil-)Schuld für den Niedergang des Künzelsauer Krankenhausstandortes. Wir berichteten.] Köhler stärkt nun Eckle den Rücken: „Herr Toth hat auch menschenverachtend agiert. Da hätten Toth und der Landrat zurücktreten müssen.“
„Dem standen die Tränen in den Augen“
Köhler verweist auf den Umgang mit Dr. Kramer, den man Ende 2014 auf „unrühmliche Weise“ entlassen habe. Dr. Kramer war zum damaligen Zeitpunkt Chefarzt der Inneren des Krankenhauses. „Dr. Kramer wurde zum Geschäftsführer, Dr. Toth, zitiert. Ihm wurde von heute auf morgen gekündigt. Sie haben ab sofort Hausverbot, wurde ihm gesagt. Und: ,Packen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie das Gebäude.‘ “ Der Hausmeister habe die Schlösser sofort austauschen müssen. Kramer sei völlig überrumpelt gewesen. ,Dem standen die Tränen in den Augen‘ “, habe Köhler von einem Augenzeugen erfahren. 2015 gab es ein Gerichtsverfahren, Kramer gegen die HK. Man einigte sich. Am Ende verlies Kramer das Krankenhaus und erhielt zum Abschied laut internen Quellen 350.000 Euro. Kurz darauf verließ Bürgermeister Stefan Neumann den Aufsichtsrat: „Ich sehe mich nicht mehr in der Lage, meiner Aufsichtspflicht im Rahmen des mir erteilten Mandates gerecht zu werden“, erklärte Stefan Neumann sein Ausscheiden (Fränkische Nachrichten, 02. Oktober 2015).
Was ist geschehen, dass sich das HK nach nur sechs Jahren wieder einen neuen Chefarzt suchen musste? Auch Kramers Vorgänger, Dr. Wolfram Weinrebe, war nur ein Jahr im Amt, bevor er sich in die freie Wirtschaft verabschiedete (Heilbronner Stimme, 12. September 2009). Mit Kramer, der bis dato unter Weinrebe im HK gearbeitet hatte, sollte nun ein wenig länger Kontinuität einkehren, so der damalige Geschäftsführer Dieter Bopp. Kramer sei ein guter Arzt gewesen und ein Verlust für das Krankenhaus, sagt der Allgemeinmediziner Köhler heute rückblickend.
Doch dann dieses fulminante Aus mit einem Gerichtsverfahren, das vermutlich beide Parteien, Kramer und die HK, gerne vermieden hätten. Wie konnte es soweit kommen?
„Schwerste Dauerschäden nach Operationen“ – Gegenseitige Vorwürfe, Kündigungen und ein Penis, der keiner war
Dr. Kramer sei ein „guter Geriater“ (Altersmedizin) gewesen, sagen Mitarbeiter, spricht man sie heute auf Dr. Kramer an. Andreas Eckle, damals ärztlicher Direktor des HK, empfand dies nicht so. „Aber es war eine Stilfrage, wie man mit ihm umgegangen ist“, sagt er mit Blick auf die Art, wie Kramer von heute auf morgen aus dem Haus geflogen ist.
Einig sind sich diverse Mitarbeiter und Eckle darüber, dass Kramer, der zuvor Oberarzt im HK war, mit seiner Chefarzt-Position überfordert gewesen sei. Auch im Gerichtsverfahren war sein Verhalten als Chefarzt Gegenstand der Verhandlungen. Unter anderem soll er ein ungebührliches Verhalten gegenüber einer Patientin an den Tag gelegt haben, deren Röntgenbild einen vermeintlichen Penis zeigte.
Kramer soll daraufhin eine Mitarbeiterin gebeten haben, bei der Patientin nachzusehen, ob sie tatsächlich einen Penis habe. Rechtsanwalt J. Schultze-Mellting vom Marburger Bund vertrat Kramer damals und argumentierte gegenüber dem Arbeitsgericht Heilbronn: „Den Kläger traf geradezu die Pflicht, nicht nur eine denkbare Intersexualität, sondern auch eine denkbare Verwechslung von Röntgenbildern oder einen technischen Defekt der Anlage aufzuklären.“ Er plädierte dafür, die diesbezüglich ausgesprochene Abmahnung gegen Kramer wieder aus seiner Akte zu entfernen. Kramer wechselte 2015 als Chefarzt der geriatrischen Abteilung nach Gernsbach (Mediclin, 12. Oktober 2015).
Das Personalkarussel des Krankenhauses drehte sich immer schneller
Aber Kramer ist nicht der einzige in einem Personalkarussell, das sich die vergangenen Jahre immer schneller gedreht zu haben schien. 2011, also vier Jahre zuvor, hat sich Eckle, damals 63, nach 25 Jahren im HK in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet, weil er nach eigenen Aussagen mit dem damaligen Geschäftsführer
Dieter Bopp nicht zurechtkam. Dr. Bernhard-Eduard Wittner, Chefarzt der Unfallchirurgie, hat das HK in demselben Jahr verlassen (Bopp wiederum übte ebenfalls nur zwei Jahre sein Amt aus, bevor er 2013 in den Ruhestand ging). Noch heute kreiden manche Kreisräte und Ärzte Eckle an, dass Wittner gegangen ist. Eckle aber betont auf GSCHWÄTZ-Nachfrage: „Das hat mit mir nichts zu tun.“
GSCHWÄTZ liegt eine E-Mail von Dr. Wittner vor, in welcher Dr. Wittner die Beweggründe für seine Kündigung im April 2011 darlegt. Die E-Mail ging an HK-Betriebsleiter Helmut Munz und diverse andere Personen. Darin wird vor allem Munz stark kritisiert. Unter anderem heißt es: „Würden Sie Ihre umfassende Zugangsberechtigung zu Leistungsdaten des Hauses nicht nur dazu nutzen, nach Daten zu suchen, die geeignet erscheinen, die Leistungsfähigkeit meiner Abteilung zu diskreditieren […], wäre Ihnen sicher aufgefallen, dass die Leistungszahlen relativ konstant sind […].“
Wittner übte in seiner E-Mail massive Kritik an den hygienischen Zuständen bei Operationen im HK: „Nachdem ich über Monate die ungenügenden qualitativen Voraussetzungen organisatorischer und vor allem hygienischer Art für Operationen von Endprothesen bemängelte, hatten Sie versucht, mich durch Denunziation beim Gesundheitsamt einzuschüchtern. […] Es hatte sich dann aber im März der von Ihnen zu vertretenden und in unwahrer Weise mehrfach negierten Mängel leider realisiert: Innerhalb einer Woche trugen fünf Patienten schwerste […] Dauerschäden nach Operationen davon – was der Anlass zu meiner Kündigung im April diesen Jahres zum vertraglich frühestens Termin, dem 31.12.2011, war.“
Die E-Mail wurde am 19. Dezember 2011 von Wittner an Munz gesendet. Wittners letzter Satz: „Ihre Angriffe unter die Gürtellinie machen es mir zwar nicht leicht, mich zu motivieren. Aber ich werde mich auch die letzten Tage für die Abteilung und das Haus engagieren, trotz Ihrer Schmähungen und Verleumdungen. Sicher nicht, um mich Ihnen anzubiedern, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass ich dies den Mitarbeitern schuldig bin, die mir in den letzten zehn Jahren trotz Ihrer Misswirtschaft und der vielen Steine, die Sie uns in den Weg geworfen haben, ein gutes und ich glaube, auch nicht so erfolgloses Arbeiten ermöglichten, wie Sie es gerne immer darstellen wollen.“
Und immer wieder die gleichen Lieder
Helmut Munz, der in der E-Mail hart angegangen wird, möchte auf GSCHWÄTZ-Nachfrage darauf nicht direkt antworten und verweist auf Ute Emig-Lange, Pressesprecherin der Gesundheitsholding Tauberfranken/ BBT-Gruppe, zu welcher das HK nun gehört), die für Munz antwortet: „Allgemein lässt sich sagen: Die Umstände für den Wechsel eines Chefarztes sind meist vielfältig und lassen sich nicht einem einzigen Punkt zuordnen – vor allem nicht nach einer Zeit von mehreren Jahren. Im Nachhinein gibt es dazu sicher subjektive Wahrnehmungen der beteiligten Personen. Herr Munz war zum damaligen Zeitpunkt nicht in der Verantwortung als Geschäftsführer tätig. Herr Munz kann sich daher nicht als Verantwortlicher in der Sache äußern. (…) Mehr können wir dazu nicht sagen, da keine Fakten sondern nur Behauptungen einzelner Personen im Raum stehen, die wir nicht überprüfen können.“
Bezüglich des Themas Hygiene in Krankenhäusern betonte Emig-Lange:
„Bei dem sensiblen Thema Hygiene im Krankenhaus arbeiten grundsätzlich viele Beteiligte zusammen: Ärzte, Pflegende, der ärztliche Direktor als hygieneverantwortlicher Arzt, Hygienefachkräfte, Reinigungskräfte, dazu kommen bauliche und technische Voraussetzungen. In diesem komplexen Zusammenspiel tragen alle ihren Teil dazu bei, damit die Hygienevorschriften eingehalten werden.“
Für Emig-Lange und die BBT-Gruppe sei nun „bei den aktuellen Herausforderungen“ ein „Blick nach vorne zielführend und hier sind wir dabei – gemeinsam mit vielen Partnern – die Weichen zu stellen für die künftige gute medizinische und pflegerische Versorgung der Menschen im Hohenlohekreis.“
Der Blick nach vorne ist wichtig. Aber eine Aufarbeitung der Geschehnisse ebenso, steht noch immer eine zentrale Frage im Raum: Wie konnte es soweit kommen, dass Künzelsaus Krankenhaus geschlossen werden muss? Hierfür gibt es diverse Gründe. Über viele haben wir schon berichtet. Aber auch das sich in den vergangenen Jahren immer schneller drehende Personalkarussell begünstigte die Situation nicht.
Andor Toth. Auch ein Name, bei dem sich die Geister scheiden. Dr. Andor Toth übernahm im Januar 2013 von Bopp die Stelle als Geschäftsführer. Bopp ging in den Ruhestand. Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter berichten, dass Toth anfangs einen sehr guten Job gemacht habe. Unter seiner Leitung gelang eine Einigung im Tarifstreit, so eine Pressemitteilung des Marburger Bundes vom 18. November 2015. man einigte sich auf 2,2 und weitere 1,9 Prozent „lineare Gehaltssteigerung“, heißt es in der Pressemitteilung. Die Mitarbeiter wurden damit weiterhin (seit 2009) im Haustarif beschäftigt.
Nach der Einigung habe sich Toths Verhalten geändert, berichten Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter. Eckle: „Ich war anfänglich begeistert von Dr. Toth. Aber dann hat er eine Kehrtwende gemacht.“ Man hatte den Eindruck, dass Toth damals einen Auftrag bekommen hatte, und zwar: das Krankenhaus „abzuwickeln“, ist Eckle nach wie vor überzeugt. Unter anderem sei wenig später die Zusammenarbeit mit der Belegarztpraxis Tischler/Mutschler/Zugelder nicht weiter forciert worden. Von Andor Toth trennte dich das HK im Dezember 2016. Nun sollte Jürgen Schopf richten, was noch zu richten ging beim HK. Allerdings blieb auch dieses Intermezzo nicht von langer Dauer. Schopf verließ das Krankenhaus bereits ein knappes Jahr später wieder, da die BBT-Gruppe die Mehrheitsanteile des HK gekauft hatte und demensprechend auch die Geschäftsführung anders aufgestellt wurde (siehe Foto ganz unten).
Um das HK wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern, sind Stabilität und Kontinuität wichtig – auch und vor allem im personellen Bereich.