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Criesbach: Bürgermeister Bauer erschreckt mit Verhalten vor der Wahl

Da hat der Maurer ein Loch gelassen. Da können Sie den Saal verlassen.“ Michael Bauer, Bürgermeister von Ingelfingen zeigt auf die Tür. Udo Schneider, ehemaliges Gemeinderatsmitglied, verlässt die Wahlveranstaltung in Ingelfingens Teilort Criesbach trotz der harschen Worte von Michael Bauer nicht. Der Wahlkampf zu den Gemeinderatswahlen befindet sich im Endspurt, aber in Criesbach zeigt sich: In Ingelfingen liegen schon seit längerem die Nerven blank.

Michael Bauer. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

„So kann sich kein Bürgermeister benehmen“

„So kann sich kein Bürgermeister benehmen“, urteilt ein Besucher der Veranstaltung, der nicht mit Namen genannt werden möchte. Bauer sei laut geworden, Er habe „endlich sein wahres Gesicht gezeigt, so wie er auch öfter hinter den Kulissen“ wäre. Eine „heftige Reaktion“ sei das gewesen, urteilt auch Reiner Furch auf GSCHWÄTZ-Nachfrage. Er kandidiert das erste Mal für den Gemeinderat in Ingelfingen und war ebenfalls auf der Wahlveranstaltung in Criesbach. Auch Mitglieder des TSV äusserten sich erstaunt über die Reaktion des Bürgermeisters. Vorausgegangen war eine Frage über ein mögliches neues Sportheim.

„Die schlechteste Sportstätte im ganzen Hohenlohekreis“

Ein Jugendtrainer von der Fußballabteilung des TSV Ingelfingen wollte von den Kandidaten für den neuen Gemeinderat beziehungsweise von den Fraktionsvorsitzenden wissen, ob der TSV mittelfristig hoffen dürfe auf ein neues Sportheim am Sportplatz. Andreas Hammel, Abteilungsleiter Fußball beim TSV, erklärt gegenüber GSCHWÄTZ: „Das, was wir derzeit haben, ist kein Sportheim, sondern eine Umkleidekabine am Sportplatz.“ Schaue man sich die anderen Vereine in den Städten hier im Umkreis an, habe Ingelfingen „die schlechteste Sportstätte im ganzen Hohenlohekreis“. Er zählt aus dem Stand drei Städte auf, die neue Sportstätten bauen und die die Vereine auch finanziell dabei kräftig unterstützen – wie etwa Künzelsau, Kupferzell und Pfedelbach. Von Bauer sei diesbezüglich lediglich zu bören gewesen: „Wenn es nachher an 10.000 Euro hängen sollte, kriegen wir das hin.“ Nur: Eine neue Sportstätte kostet ein paar hunderttausend Euro. Vor allem die Fußballer fürchten, immer mehr Spieler an umliegende Vereine zu verlieren, die in diesem Punkt mehr bieten können.

Die Fraktionsvorsitzenden nahmen Stellung zu der Frage des Jugendtrainers.

Über die Antwort der CDU-Fraktionsvorsitzenden und Gemeinderatsmitglied Susanne Schmezer zu der Frage des Jugendtrainers sei Bürgermeister Bauer nicht erfreut gewesen. Schmezer verwies laut Besuchern auf den Flyer der CDU. Dort werde ein neues Sportstättenkonzept ebenfalls thematisiert. Darüber hinaus hoffe sie, dass die Stadt hier in Zukunft „klotzt, nicht kleckert“. Bürgermeister Bauer konnte sich eine Reaktion darauf nicht verkneifen und verwies darauf, dass die Stadt klotze, wie man anhand der neuen Turnhalle schließlich erkennen könne. Er verwies aber auch darauf, dass die Fußballer die Turnhalle beziehungsweise die Umkleidekabinen in der Turnhalle nicht immer ordnungsgemäß und sauber verlassen hätten. Es gäbe auch Fotos davon. Was folgte, war damals ein Gemeinderatsbeschluss, der die Nutzung der Turnhalle in dieser Form für die Fußballer untersagte (wir berichteten).

Dr. Ulrich Baum von der Freien Wähler Vereinigung (FWV) zeigte sich zurückhaltender bei seiner Antwort und verwies darauf, dass es für eine Stadt Pflicht, Kür- und Kür-Küraufgaben gäbe. Ergo: ein Sportheim gehöre eher zu den Kür-Küraufgaben.

Karin Hagdorn von der SPD lobt generell die Arbeit von Ehrenamtlichen und betonte, dass sie hinter dem Ehrenamt stehe, äusserte sich darüber hinaus aber nicht weiter zu der Thematik.

Bürgermeister Bauer verwies darauf, dass es ein Konzept gäbe, dass aber alles richtig vorbereitet werden müsse. Udo Schneider erwiderte, dass nicht alles so stimme, was der Bürgermeister sage. Darauf erwiderte Bauer, dass er Schneider gern zu einem Vier-Augen-Gespräch einlade, um ihm zum besseren Verständnis noch einmal die Sachlage zu erklären.“ Es folgte wohl noch der ein oder andere hitzige Wortwechsel, bis der Satz mit dem Maurer und dem Loch in der Wand fiel.

„Rachefeldzug“ gegen den TSV?

Spricht man Udo Schneider auf die Auseinandersetzung in Criesbach an, ist es ihm unangenehm, dass es so hitzig in Criesbach zuging. Aber er macht auch deutlich: „Bürgermeister Bauer hat die jungen Menschen dort herunterlaufen lassen.“ Das habe er schade gefunden. Es sei auch keine Art, die Fußballer wegen einem Vorkommnis aus der Turnhalle auszuschließen. Es habe fast den Anschein, als ob der Bürgermeister derzeit einen „Rachefeldzug“ gegen den TSV fahre.

Auch TSV-Vorstand Bernd Bauer kam schon das ein oder andere Mal auch in jüngster Vergangenheit mit Bürgermeister Michael Bauer aneinander (wir berichteten). Zwischen der Pfarrersfamilie Reinmüller, die mittlerweile die Gemeinde gewechselt hat, und Bürgermeister Bauer soll ebenfalls kein eitler Sonnenschein geherrscht haben. Auch der ein oder andere Gemeinderat soll in der Vergangenheit wegen des Verhaltens des Bürgermeisters hinter den Kulissen freiwillig vorzeitig sein Amt niedergelegt haben.

Wir haben Bürgermeister Michael Bauer um eine Stellungnahme gebeten. Diese steht noch aus.

 




Wahlen 2019: Was die Altparteien dringend ändern müssen

Warum ist die SPD keine Volkspartei mehr? Warum verliert die CDU immer mehr Wähler? Warum schießen sich die Grünen mit ihrer Pressezensur ins Aus? Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann über völlig deplatzierte sozialistische Ideologien, Steuerverschwendung und der innige Wunsch der Wähler, endlich wieder Menschen an der Macht zu haben, die es ehrlich meinen und wissen, welche Nöte die Bürger haben und die nicht in einer Glaskugel leben, die aus privaten Schulen, privaten Krankenkassen und einer privaten Rentenversorgung besteht.

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SPD-Frontmann Hans-Jürgen Saknus übt Kritik an GSCHWÄTZ-Berichterstattung über AfD in Niedernhall

Herr Saknus, Sie haben uns kritisiert hinsichtlich unserer Berichterstattung zur AfD-Veranstaltung in Niedernhall (wir berichteten).

Saknus: Ich hatte das Gefühl, dass Sie die AfD in eine Opferrolle drängen. Die AfD ist aber nicht Opfer, sondern Täter, weil sie Hetze betreibt, Hass verbreitet und die Menschen springen auf diesen Zug auf. Der Landtagsabgeordnete André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt zum Beispiel beschimpft in Deutschland lebende Türken als Kümmelhändler und Kameltreiber. Er ist zwar mittlerweile aus der AfD ausgetreten, konnte aber bis dahin lange hetzen. Björn Höcke steht aber weiterhin unter Gaulands Schutz [Anm. d. Red.: Folgende Aussage von Höcke wurde auch öffentlich stark kritisiert: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“, Dresden, 17. Januar 2017, über das Holocaust-Denkmal in Berlin] .

AfD = NPD?

Ist die AfD Ihrer Meinung nach der NPD gleichzusetzen?
Saknus: Der große Verdienst von Gauland ist, dass er die rechtsradikale Szene vereint hat. Es waren immer schon Versuche da, etwa im Saarland, dass die AfD und die NPD Bestrebungen hatten, sich zusammenzuschließen. Jeder, der das abstreitet, lügt. Die AfD ist ein Sammelbecken der Rechtsradikalen.

Bürger enttäuscht von den etablierten Parteien

Haben Sie Angst vor der AfD oder vor dem, was kommen mag, wenn die AfD immer mehr Wähler gewinnt?
Saknus: Die AfD arbeitet mit Angst. Wir haben Angst, was sich daraus entwickelt. Hass und Hetze gibt es im Internet und die AfD befördert und unterstützt diese Entwicklung. Sie versucht, die Demokratie zu zerstören.

„Gefahr für die Demokratie“

Die AfD wiederum hat in Niedernhall sinngemäß gesagt, dass die etablierten Parteien eine Gefahr für die Demokratie seien.
Saknus: Die AfD behauptet, die etablierten Parteien verhalten sich nicht mehr nach Recht und Gesetz. Aber sie benennen nicht, wie. Die Presse verbreitet laut der AfD nur Lügen. Aber wir haben Gott sei Dank noch eine kritische Presse, die nachfragt und unabhängig ist. Das ist für mich eine Grundlage von Freiheit.

Wir haben nicht unbedingt das Gefühl, dass sich die Parteien über kritische Berichterstattung freuen. Manchmal können wir auch keine wirklichen Unterschiede mehr erkennen zwischen den einzelnen Parteien. Wo waren etwa die Gegenstimmen bei der Schließung des Krankenhausstandortes Künzelsau? Da hätten ein paar SPD-Kreisräte Farbe bekennen können.
Saknus: Wir haben das Krankenhaus-Thema kritisch innerhalb der Partei diskutiert und das hat die Partei fast zerrissen. Da sind wirklich Gräben aufgerissen worden. Aber letzten Endes ist das die Entscheidung der Kreisräte, wie sie abstimmen. Das ist Demokratie.

Wohin fließen die ganzen Steuergelder?

Nicht nur beim Krankenhaus, auch in die Altenheime könnte mehr Geld investiert werden.
Saknus: Die AfD möchte ja den Sozialstaat komplett abbauen. Beim Krankenhaus hat es mich völlig erstaunt, dass wir vom Land Baden-Württemberg rund 50 Millionen Zuschuss zugesagt bekommen haben. Ich hatte mit 20 oder 30 Millionen gerechnet. Denn die Länder sind hier schon viele Jahrzehnte und Jahrzehnte zu geizig, mehr Geld in die Hand zu nehmen und sich mehr daran zu beteiligen. Deutschlandweit werden hier drei, wenn nicht sogar fünf Milliarden Euro zu wenig investiert. Aber das wissen die Bundesländer auch.

„Schließung Krankenhaus Künzelsau hats unsere Partei fast zerrissen“

Viele machen bei der AfD ihr Kreuz aus Protest, weil die Steuergelder vermeintlich nicht mehr beim Bürger ankommen und/oder für andere Dinge ausgegeben werden. Allein für die erste Machbarkeitsstudie bezüglich des Neubaus des Landratsamtes in Künzelsau hat der Hohenlohekreis 167.000 Euro gezahlt. Ist das gerechtfertigt?
Saknus: Es ist immer besser, nochmal alle Fakten zu sammeln und auf dem Tisch zu haben, bevor man 50 Millionen Euro in den Neubau investiert.

Hans-Jürgen Saknus, stellvertretender SPD-Kreisverbandsvorsitzender des Hohenlohekreises beim Pressegespräch am 16. April 2019 in unserer Redaktion (Foto links). Er zeigt ein AfD-Wahlplakat in Berlin und kritisiert: Die AfD werbe mit einem Bild von einem Sklavenmarkt aus dem Jahr 1866. Foto rechts // Saknus beim Interview mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann bei der AfD-Veranstaltung mit Alice Weidel in der Stadthalle Niedernhall.

Die Schließung des Krankenhauses in Künzelsau hätte die SPD vor Ort schier zerrissen, so Saknus. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Video: GSCHWÄTZ/Archiv/Interview mit Hans-Jürgen Saknus am 30. April 2018

 




Künzelsau ohne Landratsamt? 167.000 Euro Beraterkosten

„Der Kreistag des Hohenlohekreises hat sich in seiner öffentlichen Sitzung am Montag, den 25. März 2019, intensiv mit der Frage der künftigen Unterbringung der Kreisverwaltung befasst“, so die Antwort des Landratsamtes auf eine Presseanfrage von GSCHWÄTZ.

Oha. Das lässt die Bürger aufhorchen. War nicht schon alles klar und relativ konkret geplant, wie und wo das neue Landratsamt hingestellt wird? Immerhin hat es eine mehrjährige Machbarkeitsstudie seitens des Landratsamtes über den künftigen Standort. gegeben. Die Kreisstadt Künzelsau sprach zusätzlich einen städtebaulichen Wettbewerb zur Neugestaltung des Ortseingangs aus, wobei auch das Landratsamt – da vom Areal her mitbetroffen – mit in der Jury saß, die über den Siegerentwurf entschied.

Nun steht der Siegerentwurf fest (siehe Skizze rechts) und man könnte meinen: Jetzt wird in die Hände gespuckt. Auf los, geht‘s los. Pustekuchen.

Landrat Dr. Matthias Neth. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Jetzt nämlich beschäftigt sich der Kreistag nämlich erstmal nochmal „intensiv“ mit der Frage nach der künftigen Unterbringung. Denn: Seit der Beauftragung der Machbarkeitsstudie 2013, also vor etwas mehr als fünf Jahren, habe sich so einiges geändert. Vor allem und im Wesentlichen die Digitalisierung sei dazwischengekommen. Warum das so gravierende Auswirkungen auf den geplanten Neubau hat, konnte gegenüber GSCHWÄTZ auch auf nochmaliges Nachfragen nicht erklärt werden:
„Wie bereits mitgeteilt, spielt die Digitalisierung selbstverständlich eine große Rolle bei der Gestaltung eines Neubaus“, heißt es lediglich lapidar in der zweiten Presseantwort.

„Die Unterbringung der Landkreisverwaltung geschieht standortoffen“

Daher müsse die Machbarkeitsstudie nun fortgeschrieben werden.
Zunächst bedeutet dies für den Bürger vor allem eines: mehr Kosten. Denn die inzwischen anscheinend zumindet in Teilen veraltete Machbarkeitsstudie kostete immerhin 167.000 Euro. Man fragt sich: Wie teuer wird wohl die zweite sein?

Was hat die erste Machbarkeitsstudie analysiert?

Laut dem Landratsamt wurde der Gebäudebestand durchleuchtet und eine Flächenzusammenstellung analysiert. Zudem seien die Dezernate und Ämter bei der Erarbeitung des Raumprogrammes eingebunden wurden. Der konkrete Raum- und Flächenbedarf sei ermittelt worden, „Layouts und Flächenentwürfe“ seien entstanden. „Anhand des ermittelten Raumprogramms wurden verschiedene Testentwürfe auf dem damals vorgesehenen Baugrundstück – Schotterparkplatz vor dem Kaufland – durchgeführt“, so die Antwort des Landratsamtes.

Nun also nochmal von Anfang. Denn, so das Landratsamt in einer Stellungnahme:

„Seitdem haben sich die Rahmenbedingungen, die der Machbarkeitsstudie zugrunde lagen, geändert. Die zunehmende Digitalisierung in der Verwaltung erfordert einen Blick auf eine diesbezügliche Gestaltung eines Neubaus. Außerdem sind inzwischen mehr Mitarbeiter beschäftigt, die in den verschiedensten Arbeitszeitmodellen tätig sind. Insgesamt hat sich die Berufs- und Arbeitswelt in einigen Bereichen maßgeblich verändert, so dass auch Büroformen und Rastermaße anzupassen sind. Als zukunftsorientierter Arbeitgeber im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern um Mitarbeiter ist beim Flächenmanagement auch die Frage nach der Attraktivität der Arbeitsplätze zu beantworten. Ziel dabei ist eine Perspektiven-Analyse der Anforderungen an ein zukunftsorientiertes Arbeitskonzept, das mit externer Unterstützung erstellt werden soll.“

Weiter heißt es: „Nur durch eine Fortschreibung kann eine Aussage zum Raumbedarf und somit auch über einen Stand der Baukosten getroffen werden. Die Fortschreibung der 2013 in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie ist wichtigste Grundlage für die Standortfrage und für die Durchführung eines Architektenwettbewerbs.“

Es wäre eine bittere Pille für Künzelsau

Bei dem letzten Satz weiten sich die Ohren eines jeden Künzelsauer Bürgers: nämlich bei der Standortfrage. Steht nun auch Künzelsau als Standort auf dem Prüfstand?, wollten wir vom Landratsamt wissen.

Die Antwort: „Der städtebauliche Wettbewerb der Stadt Künzelsau, welcher auch die Flächen eines vorgesehen Verwaltungsneubaus umfasst hat, hat nochmals zusätzlich Zeit in Anspruch genommen, was nicht vorhersehbar war. Der Siegerentwurf sieht entgegen der Beschlusslage des Kreistags keine Weiternutzung des Bauteil B vor. Diese Thematik ist daher ebenfalls neu zu bewerten, wenn feststeht, welcher Raumbedarf besteht.“

Wir haken nochmals nach: Künzelsau als Standort bleibt aber nach wie vor bestehen? „Wie bereits am 27.03.2019 mitgeteilt, untersucht die Machbarkeitsstudie mögliche Lösungsansätze hinsichtlich der Durchführbarkeit unter Bewertung von Risiken und Erfolgsaussichten. Im konkreten Fall wird die Unterbringung der Landkreisverwaltung untersucht. Dies geschieht standortoffen.“ Ein eindeutiges Bekenntnis zu Künzelsau sieht anders aus.

Die bisherige Beschlusslage des Kreistages sei zwar ein Neubau [in Künzelsau], allerdings unter Weiternutzung des Bauteil B [ehemaliges HOBAG-Gebäude] für alle Mitarbeiter der Kreisverwaltung, betont das Landratsamt.
Der Siegerentwurf des staetbaulichen Wettbewerbs der Stadt Künzelsau sieht aber genau das nicht mehr vor. Der Bauteil B würde in die Nutzung der Stadt übergehen. Fragt man Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann, steht für ihn nach wie vor ganz klar fest: „Das Landratsamt bleibt in Künzelsau.“

Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann in seinem Büro. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv

Wie geht es nun weiter?

Das Landratsamt wird auch hier nicht konkreter: „Nähere Aussagen zu den Kosten, dem Zeitbedarf und einen möglichen Baubeginn können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht getroffen werden. Ziel ist es, noch im Jahr 2019 eine Aussage zum Bau in 2 Abschnitten sowie Vorbereitungen für einen Architektenwettbewerb zu treffen.“
Es wäre jedenfalls eine bittere Pille, die Künzelsau schlucken müsste, sollte das Landratsamt nicht in Künzelsau, sondern möglicherweise in Öhringen gebaut werden. Denn immerhin haben die Künzelsauer bereits das Krankenhaus verloren.

Plan zur Neugestaltung des Areals zwischen Kaufland und Rathaus: Links sieht man das neue Kaufland, das von oben an ein Fußballstadion erinnert. Es soll einstöckig werden. Eine neue Straße rechts daneben trennt das Kaufland vom neuen Landratsamt. Das Landratsamt ist in mehrere Blöcke unterteilt und erinnert von oben an ein filetiertes Steak. Das Areal, das sich nun rechts vom Landratsamt anschließt, wäre neu zu bebauen. Auf diesem steht momentan noch das alte Landratsamt und das ehemalige HOBAG-Gebäude (Bauteil B). Derzeit ist quasi ein Tausch der Flächen vorgesehen: Das Landratsamt erhält von der Stadt Künzelsau die Fläche neben dem Kaufland. Dafür kauft die Stadt Künzelsau die Fläche, worauf das alte Landratsamt steht. Der hier gezeigte Plan ist von Dipl. Ing. Christine Tritschler, freie Architektin, Stuttgart, die als Siegerin aus dem städtebaulichen Wettbewerb der Stadt Künzelsau hervorging.

Landrsamt, wo gehst Du hin? Foto: GSCHWÄTZ/Archiv




Sexueller Missbrauch: Eine Frage der Macht

Wir befinden uns in einer intensivpädagogischen Wohngruppe. Im Badezimmer der Gruppe wird der zehnjährige R. dabei erwischt, wie er mit seinem Penis in den After des neunjährigen T. einzudringen versucht. Im Gespräch mit den pädagogischen Fachkräften beteuern beide Jungen die Freiwilligkeit ihres Handelns.

Es ist eines von einer Handvoll Beispielen, die Dr. Peter Mosser vom Kinderschutz München in Kupferzell-Eschental schildert. Infokoop aus Künzelsau, eine Informations- und Kooperationsstelle gegen häusliche und sexuelle Gewalt in Künzelsau, hatte am 14. November 2018 zu einer Fachtagung ins Landhotel Günzburg geladen. Das, was Mosser aus seinem Berufsalltag berichtet, geht unter die Haut.

Es gibt auch weibliche Täter

Mosser arbeitet selbst in einer Beratungsstelle und auch er hat nicht immer ein Patentrezept für jede Situation, wie er betont. Auch er fühle sich häufig hilflos und ohnmächtig, sagt er. Durch Teamsitzungen, Supervisionen und Helferkonferenzen können aber immer Schritte in Richtung einer Lösung geplant werden.

Jungen seien nicht selten durch gleichaltrige Täter gefährdet, auch durch Geschwister, ist seine Erfahrung. Allgemein seien die Täter zu 85 bis 90 Prozent männlich. Einzelne Studien deuten darauf hin, dass Jungen im Alter zwischen sechs und elf Jahren am stärksten gefährdet seien, wohingegen Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren am risikobehaftetsten seien, sexuelle Gewalt zu erfahren.
In westlichen Gesellschaften werden Jungen seltener Opfer von sexualisierter Gewalt, Mädchen seien mindestens doppelt so häufig betroffen, so Mosser. Die verfügbaren Daten zeigen aber auch: Es gibt eine relevante Zahl männlicher Opfer und weiblicher Täter. Diese dürfe man nicht übersehen.

Zeigen von pornografischem Material ist sexueller Missbrauch

Einer Schweizer Studie zufolge wurden drei Prozent aller Mädchen (und 0,5 Prozent aller Jungen)  schon einmal zum Geschlechtsverkehr mit Penetration gezwungen, zwei Drittel von ihnen machen nicht nur einmal diese Erfahrung, so Mosser.

Doch so eindeutig äußert sich sexuelle Gewalt nicht immer, sagt Heiko Gieser, Leiter des Arbeitsbereichs Sexualdelikte bei der Polizei Heilbronn.

Durch WhatsApp ganz leicht eine Straftat begehen

„Das Internet ist ein Moloch“, sagt er. „Pädophile schnorcheln hier herum auf der Suche nach Kindern.“ Da gebe sich dann etwa ein 45-jähriger Mann als Julia, zwölf, aus und schreibt einen Jungen in dem gleichen Alter mit dem Satz an: „Hey, zeig‘ mir mal ein paar Bilder von dir.“ Aber Gieser sieht auch die andere Seite: „Wusste der Täter, wie alt das Opfer war? Viele Fotos seien mittlerweile bearbeitet und lassen Mädchen älter erscheinen, als sie sind.

Vor allem durch das Internet werden viele Kinder Opfer sexueller Gewalt, ohne es überhaupt zu merken. Wenn jemand einem Kind (unter 14 Jahren) pornografische Bilder schicke oder zeige, ist das sexueller Missbrauch, sagt Gieser.

„An Schulen ist das ein massives Problem“

Die Täter bekämen, wenn sie angezeigt und belangt werden können, hierfür eine Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren.

Auch die Täter, die derartige Bilder oder Filme etwa in WhatsApp-Gruppen verschicken (etwa wenn ein Jugendlicher ein Foto von seinem erigierten Glied herumschickt), seien sich oft nicht bewusst, dass sie damit eine Straftat begehen, sobald jemand in der WhatsApp-0Gruppe unter 14 Jahren ist. Aber auch Mitschüler können sich strafbar machen, wenn sie derartiges pornografisches Material unter ihren Schulkameraden weiterverbreiten. „An Schulen ist das ein massives Problem“, betont Gieser und nennt noch ein anderes Beispiel von einem Video eines pakistanischen Jungen, der einen Esel von hinten packt. „Jeder, der das Video besitzt und verschickt, macht sich hier strafbar“, betont er.

Durch das Aufkommen der sozialen Medien fehle eine Kontrolle über die Eltern, stellt Gieser immer wieder fest.

Trainer in den Vereinen können handgreiflich werden

Auffällig ist: „Wir haben eine große Anzahl an Fällen, die sich auf Institutionen beziehen“, sagt Dr. Peter Mosser. Riskant sind vor allem solche Einrichtungen und Organisationen,  in denen mit autoritären Erziehungsmethoden gearbeitet werde, nach dem Motto: Wir härten euch ab. Was euch nicht umbringt, macht euch stärker.

In Vereinen fänden sich gegenüber dem Internet „hands-on“-Delikte, wie Gieser vom Polizeipräsidium berichtet. Wenn etwa ein Schwimmlehrer einem Mädchen zwischen die Beine fasse oder ihr auf den Schwebebalken helfe, in dem er ihr in den Schritt fasse. Aber es sei schwierig zu unterscheiden, was hier normal sei, erklärt Gieser: „War der Griff notwendig für die Hilfestellung? Handelte es sich lediglich um ein flüchtiges, unbeabsichtigtes Vorbeistreifen?

Seit der Strafrechtsreform vor zirka 1,5 Jahren habe der Gesetzgeber die Rechte der Opfer gestärkt. Seitdem sei bereits eine unsittliche Berührung an der Brust strafbar. Vorher fiel dieses Delikt lediglich unter die Rubrik „Nötigung“.

Immer noch schwer sei jedoch die Klärung der Beweislage. Für einen etwaigen „Poklatscher“ im Turnunterricht würden in der Regel Zeugen benötigt. Kinder haben jedoch vor Gericht das Recht, nicht zu erscheinen und sich per Video vorab vernehmen zu lassen.

Die Folgen für die Betroffenen können vielfältig sein

Ein Poklatscher ist nicht vergleichbar mit einer Penetration – aber nicht selten sind die Grenzen fließend.

Warum werden Kinder sexuell missbraucht?

Viele Täter seien Pädosexuelle, erklärt Mosser. Das heißt: Sie fühlen sich zu Kindern sexuell hingezogen. Dann gäbe es noch die Täter, die Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer eigenen emotionalen und körperlichen Bedürftigkeit sexuell ausbeuten, obwohl sich ihre sexuelle Präferenz gar nicht primär auf Minderjährige richtet. .

Die Folgen für die Opfer können gravierend sein und sich im schulischen und beruflichen Leistungsvermögen, in sozialen und intimen Beziehungen und in Form psychischer Erkrankungen manifestieren. Je nach Alter, Lebenssituation und sozialer Unterstützung können sich unterschiedliche Belastungen zeigen Was aber können die Familien der Betroffenen tun? „Den Kindern ein Gefühl von Schutz und Sicherheit geben, nach dem Motto: Es ist jemand für mich da, erklärt Dr. Mosser. Opfer neigen dazu, Täter in Schutz zu nehmen. Ein Junge habe einmal zu Mosser gesagt: „Ich glaube, er [Täter] hat gar nicht gemerkt, dass ich das nicht mag.“

Schockiert, wie Menschen miteinander umgehen

Seit 16 Jahren gibt es Infokoop in Künzelsau, weil „der Bedarf da ist“, erklärt Sozialarbeiterin Martina Roet. Sie arbeitet seit zehn Jahren bei Infokoop. Sie ist teilweise schockiert, wie Menschen miteinander umgehen, sagt sie, und welche Macht Erwachsene über Kinder hätten.

Angela Meyer (27) arbeitet beim Kindergarten Bretzfeld. Sie ist zu der Informationsveranstaltung von Infokoop gekommen, um „standfest zu sein, wenn es in ihrem Kindergarten so einen Fall mal geben sollte.“ Es sei gut zu wissen, an wen man sich wenden könne und das man nicht alleine sei.

„Aber nicht jede Anzeige ist eine strafbare Geschichte. Oft werden Geschichten erfunden, um andere zu diskreditieren“, sind Giesers Erfahrungswerte, etwa bei einer Scheidung. Da fielen dann schon mal Sätze wie: „Und übrigens hat er unser Kind noch….“

Wenn ein Fall schließlich vor Gericht landet, sei die Verurteilungschance hoch, so Gieser. Strafrechtlich nicht relevant sei hingegen, wenn ein Erwachsener mit einer 14-Jährigen schlafe.

Zahlen und Fakten

Insgesamt hat das Polizeipräsidium Heilbronn 2018 51 Fälle von sexuellem Missbrauch in Heilbronn und dem Hohenlohekreis registriert, 2017 waren es 73 Fälle, 2016 gab es einen Spitzenwert mit 113 gemeldeten Fällen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren, 2008, wurden 86 Fälle der Polizei gemeldet. Dadurch scheint es vermeintlich weniger sexuellen Missbrauch von Kindern zu geben. Doch dieser Rückgang kann täuschen, denn in diesem Bereich gibt es laut der Polizei eine hohe Dunkelziffer. Sprich: Diverse Fälle von Kindesmissbrauch werden erst gar nicht entdeckt, geschweige denn, zur Anzeige bei der Polizei gebracht. Diverse Fälle hat die Polizei durch den so genannten Schneeballeffekt aufgeklärt, das heißt, sie haben einen Täter gefunden, dessen PC wurde ausgewertet. Dadurch wurden noch weitere Opfer und Täter gefunden.

Jungen als Opfer

Was immer noch unterschätzt wird: Auch Jungen können Opfer sexuellen Missbrauchs werden. 2018 waren fast ein Drittel der Opfer Jungen (16 von 51). 2016 sogar fast die Hälfte (56 von 113). Die Opfer waren im Alter von ein und 15 Jahren.

Die Täter

Häufig sind laut der Polizeistatistik Nicht-Angehörige die Täter. Dies können etwa Bekannte oder der Sporttrainer sein. 2018 waren die Täter in 44 von 51 Fällen keine Angehörigen der Opfer. Aber auch diese Statistik ist mit Vorsicht zu genießen. Oft ist die Hemmschwelle höher, zur Polizei zu gehen und eine Anzeige zu erstatten, wenn die Täter aus der Familie der Opfer stammen. Auch hier kann daher die Dunkelziffer beträchtlich höher sein als die offizielle Zahl.

Weiterführende Quellen

Wir möchten darauf hinweisen, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt eines großen Themas ist. Dr. Peter Mosser hat hier auf weiterführende Literatur verwiesen, die wir gerne auflisten:

 

SPEAK-Studie der Universität Marburg (2017):

 

http://www.speak-studie.de/assets/uploads/kurzberichte/201706_Kurzbericht-Speak.pdf

 

  1. Studie des DJI (S. Hofherr, 2017):

 

https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2017/hofherr_schuelerwissen_sexuelle_gewalt.pdf

 

  1. Die Schweizer Optimus-Studie (Averdijk et al. 2011)

 

https://docs.wixstatic.com/ugd/fbe5a1_46f626b0efec40a59c58bfabc6a74c1d.pdf

 

Siehe auch:

 

https://www.kinderschutz.ch/de/fachpublikation-detail/optimus-studie.html

 

Die Ergebnisse aller hier genannten Arbeiten basieren laut Mosser auf der Befragung relativ großer Stichproben von Jugendlichen.

 

Beratungsstelle in Künzelsau

Seit 16 Jahren gibt es Infokoop in Künzelsau. Es ist eine Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt sowie für deren Familien.

Kontakt:

Infokoop

Sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen Informations- und Kooperationsstelle

Gaisbacher Straße 7

74653 Künzelsau

Telefon: 07940/93 99 53

 

 




Fasten-Experiment: Das erstaunliche Fazit

Was als eine Wette unter Kollegen anfing, wurde bald ein bitterer, täglicher Kampf. – Okay, ganz so schlimm war es nicht. Aber klingt doch ganz gut als Auftakt meiner 40-tägigen Odyssee, auf Schokolade und Kaffee zu verzichten,oder? Nun neigt sich mein Fasten-Experiment dem Ende entgegen. Am Ostersonntag darf ich wieder Süßigkeiten essen und Kaffee trinken ohne Limit. Was bleibt zu sagen nach diesen quälend langen Wochen? Am Anfang war der Verzicht auf Kaffee deutlich härter als der Verzicht auf  Schokolade.

Aber nachdem ich den Kaffee durch kontinuierliches Teetrinken ersetzt habe, habe ich mich mittlerweile so daran gewöhnt, keinen Kaffee zu trinken, dass ich selbst bei meinen Interviewpartnern nicht immer mehr daran denke, Ihnen einen Kaffee anzubieten.  Was jedoch immer härter wurde über diese 40 Tage, das war der Verzicht auf Schokolade beziehungsweise ich habe es ja dann ausgedehnt auf Süßigkeiten im Allgemeinen. Nun freue ich mich wirklich, wirklich, wirklich auf Ostern und auf meinen Osterhasen. Vielleicht esse ich auch zwei. Zur Feier des Tages.

Schokolade an Ostern. Foto: unsplash/Tim Gouw




Ole soll endlich in Frieden ruhen dürfen

Video-Kommentar von Dr. Sandra Hartmann zu dem Urteil gegen Elisabeth S.

Das Landgericht Heilbronn verurteilte Elisabeth S. (70) aus Künzelsau, die ihren Zieh-Enkel Ole T. (7) erwürgt hat, am 08. April 2019 zu 10 Jahren und 6 Monaten Haft. Für diverse Prozessbeobachter ist dieses Urteil zu milde. GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann äussert sich nun in einem Video-Kommentar zu der Kritik am Urteil und wie sie den Prozess und auch die Urteilsfindung vor Ort erlebt und empfunden hat.

 




Elisabeth S. wegen Totschlags zu 10 Jahren und 6 Monaten verurteilt

Über vier Monate erstreckte sich der Prozess gegen Elisabeth S. (70) aus Künzelsau, die sich wegen Totschlags an ihrem Ersatzenkel Ole T. (7) seit dem 27. November 2018 vor dem Landgericht Heilbronn verantworten musste. Im Zentrum steht eine Tat, die nicht nur das Ländle, sondern die gesamte Bundesrepublik wegen der Brutalität des Vorgehens der Ersatzoma erschütterte. Das gerichtsmedizinische Gutachten und die Spurensicherung brachten zu Tage, dass Elisabeth S. Ole erwürgt hat. Die Angeklagte nahm während des Prozesses auf Drängen des Richters die Verantwortung für den Tod des Jungen auf sich. Ansonsten aber weiß sie nichts über die eigentliche Tat zu berichteten, da sie sich scheinbar nicht daran erinnern kann. Falschaussagen reihen sich aneinander wie eine Perlenschnur, wie es zum Erstickungstod des Jungen kam. Sie könne es sich nicht erklären, sie liebe Ole doch, aeusserte sie immer wieder während des Verfahrens.

Während des Prozesses hat die Kammer ihr Möglichstes getan, auch im Hinblick auf die Eltern, die Tat vollständig aufzuklären, sprich, auch das Motiv der Tat und den genauen Tathergang herauszubekommen. Man scheiterte jedoch immer wieder an dem Unvermögen von Elisabeth S.. Am Ende des Prozesses, stand die alles entscheidende Frage im Zentrum: Wie psychisch und physisch krank ist Elisabeth S.? Denn diese Frage hat Auswirkungen auf das Strafmaß.

Die Kammer kam heute zu dem Urteil, dass Elisabeth S. mildernde Umstände zu Teil werden, weil sie, so der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth, in ihrer Steuerungsfaehigkeit erheblich eingeschränkt war. Elisabeth S. wird daher wegen Totschlags zu 10 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt. Objektiv betrachtet habe sie aber einen Mord aus Heimtuecke in einem besonders schweren Fall begangen, so der Richter. Aber da sie krank sei, werde sie wegen Totschlags und nicht wegen Mordes verurteilt.

Während die Mutter von Ole T. bei der Urteilsverkuendung Tränen vergoss, blieb Elisabeth S. ruhig. „Sie sind wie ein Kind, dass die Augen verschließt, wenn es etwas angestellt hat, in der Hoffnung, dass es dann nicht passiert ist“, sagte Richter Kleinschroth an Elisabeth S. gerichtet. Es duerfe sich nie mehr wiederholen, dass Elisabeth S. das Vertrauen anderer Menschen ausnutze, betonte Richter Kleinschroth.

Bezüglich ihrer psychischen Erkrankung sagte Richter Kleinschroth, dass dieses „Zu-viel-werden“ sich wie ein roter Faden durch das Leben von Elisabeth S. ziehe. Aber sie sei stets darauf bedacht gewesen, die Fassade nach aussen hin aufrecht zu erhalten. Zum Tatzeitpunkt seien viele Belastungen zusammengekommen hinsichtlich der Entrümpelung des Kellers, der Planung ihres 70. Geburtstag, dem Japanurlaub ihrer Brüder und der Krankheit ihres Sohnes. „Sie haben die Neigung zum Problemesammeln entwickelt und die Panik davor, dass anderen Ihr psychisch schlechter Zustand auffällt“, so der Richter. Elisabeth S. sei ein „Clown, der nach aussen lacht und innerlich weint“.  Aber eine alleinige mittelschwere Depression haette nicht gereicht, eine verminderte Schukdfaehigkeit anzuerkennen. Zusätzlich seien jedoch Veränderungen im Gehirn im MRT sichtbar gewesen.

Laut Meinung der Kammer hat Elisabeth S. genau gewusst, was sie gemacht hat, als sie seinen Hals zugedrueckt hat. In dieser Nacht habe sich Elisabeth S. hineingesteigert in diesen Zustand, allem und allen nicht mehr gerecht werden zu koennen, zumal Ole nun auch nicht mal mehr baden wollte bei ihr an diesem Abend. Ole lag auf dem Rücken und habe vermutlich zu laut geatmet, rekonstruiert die Kammer. „Und Sie liegen neben ihm und wollen auch schlafen, es klappt aber wieder mal nicht. Und dann entscheiden sie, letztendlich selbst fuer Ruhe zu sorgen.“

Hinsichtlich ihrer Darstellung, dass Sie Ole nur helfen wollte, sagte er: „Sie haben sich eine Geschichte überlegt, die zu Ihrem Selbstbild als Helfende passt.“

Sie sei keine Killeroma, aber sie sei diejenige, die einen arglosen und wehrlosen Jungen umgebracht hat. Sie habe diesen Umstand der Arg- und Wehrlosigkeit aber nicht bewusst ausgenutzt, sondern wollte in dem Moment nur ihre Ruhe haben, so die Einschätzung der Kammer. Aber sie habe den Tod billigend in Kauf genommen. Das sei keine Fahrlässigkeit, sondern Vorsatz gewesen. „Ole hatte überhaupt keine Chance, seinem Tod zu entgehen.“ Es sei zudem ein Vertrauensbruch gewesen, „der groesser, schlimmer, brutaler nicht haette sein koennen“.

Richter Roland Kleinschroth kritisierte überdies scharf die Angriffe gegen Anke Stiefel-Bechdolf, die Verteidigerin von Elisabeth S., die es am Rande des Verfahrens gab.

 




Elisabeth S.: Richter lehnt Antrag auf Aussetzung des Verfahrens ab – Mordmerkmal Heimtücke möglicherweie gegeben

Die erste Stunde am vergangenen Donnerstag, den 04. April 2019, beanspruchte er für sich. Roland Kleinschroth, der Vorsitzende Richter im Verfahren um Elisabeth S. machte es nicht kurz, sondern sehr ausführlich, als er begründete, warum die Anträge, die Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf stellte, abgelehnt werden. Unter anderem beantragte Anke Stiefel-Bechdolf die Aussetzung des Verfahrens, um das Krankheitsbild von Elisabeth S. anhand weiterer Untersuchungen zu präzisieren.

Kleinschroth ging auf die Kritik ein, dass die Befragung von Elisabeth S. von Gutachter Dr. Thomas Heinrich lediglich 1,5 Stunden dauerte. Er verwies auf die hohe Sachkenntnis Heinrichs: „Er ist forensisch erfahren, auch im Hinblick auf Menschen in einem höheren Lebensalter.“ Zudem habe Heinrich auf die Kritik und auch auf die veränderte Sachlage nach dem MRT-Befund reagiert, eine mündliche Erklärung sowie eine ergänzende schriftliche Stellungnahme sei erfolgt. Zudem habe er sein Urteil über Elisabeth S. revidiert. Nun sei nicht mehr nur eine leichte, sondern eine mittelschwere Depression mit einer eingeschränkten Steuerungsfähigkeit denkbar. Zudem betonte Kleinschroth, dass in dieser Befragung, der so genannten Exploration, „jeder Angeklagte den Umfang seiner Aussagen selbst bestimmt“. Das heißt: Heinrichs Rolle sei dabei nicht, nachzufragen und auf Widersprüche hinzuweisen, sondern lediglich eins zu eins festzuhalten, was Elisabeth S. über sich selbst und die Tatnacht berichtet.

Richter Kleinschroth verwies darauf, dass auch die Kammer ihr möglichstes zur Aufklärung des Sachverhalts getan habe. Auf Antrag von Stiefel-Bechdolf seien weitere Zeugen gehört worden. Auch die Gesundheitsakte der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd sei herangezogen worden. Er betonte aber, dass die „Amtsaufklärungspflicht“ im Mittelpunkt stehe. Sprich: Es geht darum, am Ende ein angemessenes Urteil und Strafmaß aussprechen zu können und nicht darum, zu erforschen, welche Grunderkrankung vorliegen könnte. Von Demenz, Angstzuständen und einer psychotischen Depression wird an dieser Stelle gesprochen. Es sei ein sehr weites Feld, was es hier zu untersuchen gelte und schlicht und ergreifend zur „weiteren Sachaufklärung nicht erforderlich“ sei.

Richter Kleinschroth bereits die Möglichkeiten eines Strafmaßes. Niedere Beweggründe als Mordmerkmal sieht er nicht gegeben, wohl aber vorstellbar wäre das Mordmerkmal der Heimtücke, da nach dem gerichtsmedizinischen Gutachten keine Abwehrspuren seitens Ole T. (7) festgestellt werden konnten.

Das Urteil soll am Montag, den 08. April 2019, gegen 10 Uhr, verkündet werden.

 

 

 




„Karrieregeile, alte Kuh“ – Anfeindungen gegen Verteidigerin von Elisabeth S.

Man hört sie im Gerichtsflur schon, bevor man sie sieht. Tock. Tock. Tock. Anke Stiefel-Bechdolf, die Verteidigerin von Elisabeth S., ist eine adrett gekleidete Frau, nicht selten mit hohen Schuhen unterwegs, die manchmal auch bis übers Knie reichen. Sie zieht alle Blicke auf sich, wenn sie den Raum betritt. Sie schaut den Menschen immer in die Augen, wenn sie mit ihnen spricht. Ihre Art vor Gericht erinnert an die Fernseherie aus den 1980ern, die den Titel trug: Hart aber herzlich. Stiefel-Bechdolf weiß sich auszudrücken und ging in diesem Prozess verbal nie unter die Gürtellinie. Sie verteidigte immer mit Stil, auch wenn sie sicher in keiner einfachen Position war und – voraussichtlich bis Montag – noch immer ist. Sie verteidigt eine alte Frau, die einen siebenjährigen Jungen erwürgt hat. Ein schweres Amt. Auch für sie. Sie ist selbst Mutter. Aber – salopp gesagt – irgendwer muss diesen Job ja machen.

Drohmails

Auch Elisabeth S. hat ein Recht auf ein anständiges Verfahren mit einer anständigen Verteidigung. Und da hat Elisabeth S. ein glückliches Los gezogen mit einer Frau an ihrer Seite, die alle Männer im Gerichtssaal an die Wand reden kann. Nur ob Anke Stiefel-Bechdolf ein so gutes Los mit diesem Fall gezogen hat, weiß man nicht wirklich. Wer möchte schon mit ihr tauschen? Vor allem, nachdem sie zu Beginn ihres Plädoyers ein wenig aus dem Nähkästchen plauderte und von Drohmails berichtete, die sie erreichten. Mails, in denen unter anderem Begriffe wie „karriergegeile, alte Kuh“ gestanden haben sollen. Das lässt auch eine so toughe Frau wie Anke Stiefel-Bechdolf nicht kalt. Dennoch, ihre Leistung in diesem Prozess wissen auch Staatsanwalt Lustig und Nebenklägervertreter Rabe zu würdigen, als sie in ihren Plädoyers am vergangenen Donnerstag betonen, dass ohne den Einsatz von Stiefel-Bechdolf, die sich unter anderem für ein MRT stark gemacht hat, auch die tatsächlich existierende physische Veränderung des Gehirns von Elisabeth S. nachgewiesen wurde – und damit eine verminderte Schuldfähigkeit beim Urteil in Frage kommt.

Liebenswerte, bescheidene ältere Dame

„Ich habe mich immer um Aufklärung  in diesem Fall bemüht“, betont die Verteidigerin in ihrem Plädoyer und verweist auf die Offenlegung des 1,5-stündigen Gespräches zwischen ihr und ihrer Mandantin (wir berichteten). Und sie sagt weiter: „Ich habe meiner Mandantin auch nie geraten, Erklärungen abzugeben.“ Dies habe sie nicht getan, um etwas zu verheimlichern, sondern weil „das, was meine Mandantin erklärt, nicht passt und es hilft nicht“. Sprich: Es trage schlichtweg nicht zur Aufklärung dieses Falles bei. Es scheint, auch sie bleibt fassungslos zurück angesichts dieser „liebenswerten, gütigen, bescheidenen älteren Dame“, die dem Jungen, den sie geliebt habe, das Leben genommen hat. Für Stiefel-Bechdolf ist die einzig logische Erklärung hierfür eine „psychopathische Ausnahmesituation“, in der sich ihre Mandantin ihrer Meinung nach befand.

Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf links neben Elisabeth S. (braune Haare) beim Prozessauftakt zum Gerichtsprozess gegen Elisabeth S. aus Künzelsau am 27.11.2018 vor dem Landgericht Heilbronn. Foto: GSCHWÄTZ/Archiv