Der Vergleich löste deutschlandweite Empörung aus, als sich eine junge Rednerin auf einer Bühne der Querdenker in Hannover sich im November 2020 mit Sophie Scholl verglich, „weil ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und Versammlungen anmelde“ [Anm. d. Red.: siehe Video oben]. Ich bin 22 Jahre alt, genau so alt wie Sophie Scholl, als sie den Nationalsozialisten zum Opfer fiel.“ Ein Ordner gab daraufhin seinen Job auf, ging zur Bühne und unterbrach die Rede. Er sagte: „Für so einen Schwachsinn mache ich keinen Ordner mehr.“ Ist es schwachsinnig, was die junge Frau gesagt hat? Inwieweit gibt es Parallelen zur heutigen coronabedingten und zur damaligen Ausnahmezeit? 100 Jahre wäre Sophie Scholl am 09. Mai 2021 geworden. Schon allein deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf die Frau, die in die deutsche Geschichte als Widerstandskämpferin eingegangen ist und die zunächst selbst bei Adolf Hitlers Bund deutscher Mädchen aktiv war. Wann genau setzte bei ihr ein Umdenken ein, wurde sie von eienr Mitmarschiererin zur Widerstandskämpferin?
Liebes Tagebuch

Wohl das bekannteste Protrait Sophie Scholls
Überlieferter Tagebucheintrag von Sophie Scholl vom 18.02.1943 nach ihrer Verhaftung: „Liebes Tagebuch, Mohr hat mir heute das handgeschriebene Flugblatt von Hans gezeigt. Hans hatte heute seinen Verantwortung für die Flugblätter erklärt. Und ich habe erklärt, dass ich meinem Bruder geholfen habe. Und ich hoffe nur, das die letzten Flugblätter etwas helfen, den Krieg zu beenden. Ich habe ein Geständnis unterschrieben, ich fühle mich ganz verloren.“
Hoffnung in die deutsche Jugend
Zwei Tage später schrieb Sophie Scholl: „Ich denke, dass der deutsche Name immer geschändet sein wird, wenn nicht die deutsche Jugend hilft, ein neues Europa zu errichten. Aber! Mohr versteht nichts! Er denkt, die Kriege sind ein Heldenkampf. Er sagt, dass die deutschen Soldaten Europa von der Plutokratie und dem Bolschewismus befreien wollen. Nazismus ist ein Verbrechen gegen die Menschheit!“ ( http://Hier geht’s zu weiteren Tagebucheinträgen von Sophie Scholl )
Es gibt aktuell keine Gleichschaltung des politischen Systems

Öffentliche systemkritische Reden, so wie es derzeit die Querdenker derzeitpflegen, wären zu der damaligen Zeit, 1943, undenkbar gewesen. Die Flugblätter, die die Geschwister Geschwister Scholl gemeinsam mit Christoph Probst verteilten, führten zu ihrem Tod. Auch heute müssen Menschen um Repressionen in ihrem sozialen und beruflichen Umfeld fürchten, wenn sie sich kritisch zu den Coronamaßnahmen äußern. Aber sie müssen nicht um ihr Leben fürchten. und: Es gibt aktuell keine Gleichschaltung des politischen Systems, so wie damals, als es nur noch eine Stimme gab, diese man nachsprechen musste. Das sind die großen Unterschiede zu der damaligen Zeit. Es gibt keine Gaskammern, kein systematisches Töten von einezlnen Gruppen oder Rassen. Aber es gibt Demos und teilweise auch Unruhen. Teiles des Volkes sind unzufrieden und bringt es auch zum Ausdruck. Ein wesentlicher Unterschied zur damaligen Zeit: das Internet. Durch die sozialen Medien können sich Menschen besser miteinander vernetzen und, ohne dass es despektierlich klingen soll, alternative Wahrheiten verbreiten. Das müssen nicht immer fake news sein. Denn: Nicht immer ist die vorherrschende politische Meinung und die Entscheidungen, die hinsichtlich der Coronapandemie getroffen werden, die richtigen, sondern bedürfen Diskussionen, Abwägungen und manchmal auch Korrekturen. Eine Schwarmintelligenz kann hier, vor allem bei neuen Themen wie das Coronavirus, sehr nützlich sein. Aber im Meinungs- und Pressefreiheit schätzenden Deutschland gibt es derzeit Zensur. Alles, was nicht mit den Covid-Richtlinien konform geht, kann zensiert werden in den sozialen Medien (wir berichteten). Eine besorgniserregende und fragwürdige Entwicklung.
„Sag nicht, es ist für’s Vaterland“

Sophie Scholl auf einer Briefmarke
„Sag nicht, es ist für’s Vaterland“, heißt ein bekanntes Buch von Fritz Hartnagel, das mit Sophie Scholl geführte Briefwechsel 1937 von 1943 beinhaltet. Auch in der derzeitigen Coronakrise schwingen politischen Entscheidungsträger häufig die moralische Keule und dass es nur eine Richtung geben müsse: alle Menschen durchimpfen, konsequenter Shutdown. Wer dagegen handelt, handele nicht nur gegen das Vaterland, sondern gegen das Leben anderer. Das ist natürlich ein Totschlagargument. Und doch gibt es immer Stimmen, nicht nur radikale und von Verschwörungstheoretikern, die einen mäßigeren Kurs im Umgang mit dem Coronavirus fordern, weil die in der Gesellschaft dadurch ausgelöste Schäden am Ende höher sein könnten, als ihr Nutzen, und zwar, die Eindämmung des Virus (wir berichteten). Selbst Gesundheitsminister Jens Spahn spricht mittlerweile wie auch der Virologe Hendrick Streeck offen davon, dass man lernen müsse, mit dem Virus zu leben.
Interessant an Sophie Scholls Biografie ist, dass sie nicht von Anfang an gegen Adolf Hitler und seine Politik war, sondern dass sie zunächst und auch relativ lange im Bund deutscher Mädchen aktiv war und erst später ihren Bruder Hans Scholl und ihren gemeinsam Freund Christoph Probst bei den Flugblattaktionen unterstützte.
„Sie war nicht die führende Gestalt der Weißen Rose“
Wann genau hat Sophie Scholl sich entschieden, nicht mehr länger mitzumarschieren, sondern gegenzusteuern? Der Historiker Robert M. Zoske sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, veröffentlicht am 28. November 2020: „Und es ist die Fantasie, dass sie die führende Gestalt in der Weißen Rose gewesen ist. Das gilt für den zweiten Teil des Widerstandes, den zweiten Teil der Flugblattaktion ab Herbst 1942, aber davor waren es ganz eindeutig Hans Scholl und Alexander Schmorell, die den Widerstand gestartet und geführt und geleitet haben. Sie war davon total überzeugt, dass sie das hat tun müssen, was sie getan hat, dass sie die Flugblätter verteilen musste. In dem Verhör wird am Anfang – am Anfang leugnet sie, das ist verständlich –, als es dann deutlich wird, dass sie überführt werden wird, wird aus dem Geständnis ein Bekenntnis. Dann will sie sich zu dem bekennen, was sie gemacht haben, und sie übernimmt auch nicht den Vorschlag des verhörenden Beamten, sie möge doch sagen, sie als Mädchen sei verführt worden. Da ist sie wirklich emanzipiert und mutig und sagt: Ich bleibe bei meiner Meinung und ich habe das Beste getan, was ich für mein Volk habe tun können, ich stehe hinter dem, was ich getan habe. Ich denke, sie hat auch das so verstanden, sie hat das gemacht, was Gott von ihr wollte. Da hat sie ja gerungen vorher: Ist es das Richtige, was ich machen soll, soll ich springen oder soll ich lieber nicht springen? Und dann hat sie sich vertraut – so schreibt sie ja selber – in Gottes Hände begeben.“
„Von Politik verstehe ich nicht viel, aber ich weiß zu unterscheiden zwischen Recht und Unrecht“

Sophie Scholl kam aus einem gutbürgerlichen Haushalt, der Vater Steuerberater und zwischendurch Bürgermeister in Forchtenberg in Baden-Württemberg, die Mutter Krankenschwester, tiefgläubig. Sophie Scholl schreibt einmal laut dem Historiker Zoske an ihren Freund Fritz Hartnagel: „Von Politik verstehe ich nicht viel, will ich auch gar nicht verstehen, aber ich weiß zu unterscheiden zwischen Recht und Unrecht. Das war ganz stark ein Maßstab für sie, und sie hat sich das angeguckt, was im Nationalsozialismus lief, und je länger der Nationalsozialismus an der Macht war, desto mehr widerstieß er gegen das, was Sophie für Recht hielt, und entpuppte sich als Unrechtsstaat. Diese Maßstäbe hat sie schon von zu Hause mitbekommen, was ist Recht und was ist Unrecht, und wenn ich etwas als Unrecht empfinde, muss ich etwas dagegen machen.“
Sie hätte 1938 aussteigen können, aber 1941 war sie noch freiwillig und mit relativer Begeisterung beim Bund deutscher Mädchen
Sie hat lange doch stillgehalten, weit über ihre Zeit beim Bund deutscher Mädel hinaus. Sie hätte 1938 aussteigen können, aber 1941 war sie noch freiwillig und mit relativer Begeisterung beim BDM. Und da hat es dann doch mit dem Krieg langsam begonnen, kritisch zu werden für sie. Bis zu dem Punkt, wo sie dann gesagt hat, ich will den Staat abschaffen, ich will Hitler beseitigen, hat es doch sehr lange noch gedauert. Sie war keineswegs lange schon vor ihrem Attentat oder dem Versuch, Hitler zu stürzen, gegen Hitler, das ist erst so 1941/42 geschehen – auch so ein Mythos, der immer noch weitererzählt wird, weil Inge Scholl [Anm. d. Red.: Sophie Scholls Schwester] ihn 1952 in die Welt gesetzt hat.“
Wann der Punkt für Sophie Scholls Sinneswandel kam, ist nicht bekannt
„Man kann nicht sagen, an dem Datum war sie noch für Hitler und danach gegen Hitler, so etwas braucht auch Zeit. Als junges Mädchen oder überhaupt als Mensch kann man doch nicht von heute auf morgen sagen: Gestern bin ich noch begeistert marschiert und heute stehe ich auf und würde Hitler niederschießen – so hat sie gesagt –, wenn ich eine Pistole hätte. Das bedarf einer Entwicklungszeit“, sagt der Historiker Zoske. „Sicherlich stark dazu beigetragen hat ihre Zeit im Kriegshilfsdienst in einer kleinen badischen Stadt in Süddeutschland, in Blumberg, wo sie ein halbes Jahr lang arbeiten musste, von Herbst 1941 bis Frühjahr 1942. Dieses Dorf wurde von den Nazis aus einem Bauerndorf aufgebaut zu einer Erzförderstadt, von 800 Einwohnern auf 6000 hochgepuscht von Menschen, die da vielleicht auch gar nicht arbeiten wollten, die zwangsweise dort waren. Dieser Ort wurde dann eingestampft, weil die Nazis dann im Elsass und in der Ukraine günstiger und effizienter Erz fördern konnten. Sophie musste dort als Kindergärtnerin arbeiten, und sie hat die Arbeitslosigkeit wahrgenommen, und sie hat wahrgenommen, dass die Nazis die Natur, die Sophie über alles liebte, zerstörten. Und dort wurde ihr schon klar, das kann nicht die Wirtschaftspolitik sein, diese Autarkiepolitik, diese Kriegspolitik, die die Nazis dort betreiben.“ Und dann fing es an. Sophie Scholl wurde aktiv.
Sie lieht sich Geld für einen Vervielfältigungsapparat
„Sechs oder acht Wochen nach Beendigung ihres Kriegshilfsdienstes besorgt sie sich von ihrem Freund tausend Reichsmark für einen guten Zweck, wie sie sagt, und erbittet von ihm einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat“, erzählt Zoske gegenüber dem Deutschlandfunk. „Fritz Hartnagel hat nach dem Krieg geschrieben, das sei wohl im Mai 1942 gewesen. Das wäre dann ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie mit Hans im Frühjahr – im Mai, im Juni – sich überlegt hat, wir müssen etwas gegen Hitler machen, lass uns doch Flugblätter drucken. Sie war dann bei der ersten Flugblattaktion von Hans Scholl und Alexander Schmorell im Juli nicht dabei, das haben die zwei ohne sie gemacht – mit einem ganz einfachen Vervielfältigungsapparat –, aber dann im Herbst war sie entscheidend dabei, den Widerstand zu fördern. Hans Scholl ist derjenige, der die Weiße Rose ins Leben gerufen hat, ohne Hans Scholl hätte es die Weiße Rose nicht gegeben, aber ohne Sophie Scholl hätte es den zweiten Teil der Weißen Rose, den zweiten Teil der Widerstandsaktion so in seiner Intensität, in seiner Größenordnung qualitativ und quantitativ nicht gegeben.“ Da ist sich der Historiker Zoske sicher.
Man entschied sich gegen eine öffentliche Hinrichtung

Sophie Scholl
Das letzte Wort, das Sophie und auch Hans Scholl vor ihrer Hinrichtung von sich gegeben haben, soll „Freiheit“ gewesen sein. Das Urteil wurde sehr schnell vollstreckt.Ursprünglich sollte es eine öffentliche Hinrichtung werden, man entschied sich jedoch dagegen. Zoske: „Der amtierende Gauleiter Giesler in München meinte wohl, eine Show abziehen zu können, aber er hat sich dann darin doch getäuscht, dass viele in München offensichtlich dann bei so jungen Leuten, bei einem so schnell vollzogenen Urteil, das vielleicht nicht so goutieren würden, wie er sich das gedacht hat. Er wird Stimmen eingesammelt haben, und dann dachte er wohl, das machen wir dann lieber ganz schnell und richten die drei dann hin – Christoph Probst ist ja mit den beiden hingerichtet worden. Die Gestapo hat sich umgehört, wie denn dieses Urteil aufgenommen wurde, und es gab doch offensichtlich Gegenstimmen, die gesagt haben: Wie kann man so was so schnell machen, das sind doch so junge Leute gewesen? Ich habe auch noch eine Zeitzeugin gesprochen, die damals acht Jahre alt war und die zumindest zu Hause mitbekommen hat, wie entsetzt die Eltern waren, als sie sahen, dass 20, 21, 22 Jahre alte junge Menschen hingerichtet wurden.“
Sophie Scholl verbrachte ihre Kindheit in Forchtenberg: „Die Umgebung war unbeschreiblich schön“
Sophie Scholl wurde 21 Jahre alt, ihr Bruder Hans 24 Jahre. Ihre Eltern hießen Robert und Magdalene. Sophie Scholl hatte vier Geschwister: Inge, Hans, Elisabeth und Werner. In dem Buch „Das kurze Leben der Sophie Scholl“, erschienen im Verlag Ravensburger, erinnert sich die Schwester, Inge Aicher-Scholl, an die Kindheit in Forchtenberg am Kocher. Dort, im heutigen Baden-Württemberg, wurde am 09. Mai 1921 Sophie Scholl geboren. Dort verbrachte sie im Kreis ihrer Geschwister, Inge, geboren 1917, Hans, 1918, Elisabeth, 1920, und Werner, 1922, ihre ersten sieben Lebensjahre. Inge Aicher-Scholl berichtet sie über die Kinderjahre in der Kleinstadt im Kochertal. In ihrer Erzählung entsteht fast eine heile Welt: „Die Umgebung von Forchtenberg war unbeschreiblich schön. Weinberge und dichte Mischwälder mit Buchen und Tannen umgrenzten das Städtchen. In diesen Wäldern verbrachten wir Stunden und manchmal ganze Tage. Wir suchten nach Beeren und Pilzen und machten Schnitzeljagden. An eine Stelle erinnere ich mich noch ganz genau. Einer verwitterten Burgruine schloss sich ein buckliger Pfarrgarten an, der mit seinen vielerlei Bäumen einem Park glich. Ein idealer Platz zum Theaterspielen. Immer wieder fiel uns etwas Neues ein, das wir ausprobierten. Theateraufführungen ohne Publikum. Nur die Bäume waren unsere Zuschauer.“ Sie hat mit ihren Geschwistern im Kocher gebadet, hier habe sie ihrer Schwester das Schwimmen beigebracht.
„Hans ist jetzt bei der Hitlerjugend“
Am 20. Mai 1933 notiert Inge, die älteste der Scholl-Geschwister, in ihrem Tagebuch: „Hans ist jetzt in der Hitler-Jugend […] Das Braunhemd steht im gut.“ Die Scholl-Geschwister begeistern sich für die Jugendorganisation der NSDAP. Konflikte mit den Eltern sind vorprogrammiert. Denn die denken ganz anders über das, was gerade in Deutschland passiert. Ein zähes Ringen, nicht ohne Provokationen. Hans ist 14, als er eine Radierung mit Hitlers Konterfei im Kinderzimmer aufhängt. Jeden Tag, wenn der Vater nach Hause kommt, nimmt dieser sie ab und legt sie in eine Schublade. Hans hängt sie wieder auf – bis Robert Scholl resigniert. Dennoch: Die Eltern konnten sich darauf verlassen, dass ihre Argumente von den Kindern nicht nach außen getragen wurden (aus dem Buch: „Schluss. Jetzt werde ich etwas tun“ von Maren Gottschalk, 2012). Dass Sophie überhaupt zur Hitlerjugend geht, mag die meisten überraschen, ist sie doch für ihren mutigen Kampf gegen das Naziregime bekannt. Als junges Mädchen war sie jedoch, genau wie ihre Geschwister auch, begeisterte Anhängerin der Hitlerjugend und leitete sogar eine Gruppe. Wenn man das Buch von Maren Gottschalk über Sophie Scholl gelesen hat, wird klar: Sophie Scholl ist keine furchtlose Heldin. Sie gibt ehrlich zu, sie fühle sich wie eine Versinkende, die habe und nichts als Angst und mich nur nach dem sehne, der mir diese Angst abnimmt“.

Verteilte Flugblätter: Mahnmal für die Geschwister Scholl und die Weiße Rose vor der Ludwig-Maximilians-Universität München | © Wikimedia Commons
Auch Sophie Scholl hatte Angst
Sophie Scholl tritt 1934 in den Bund Deutscher Mädel in der Hitlerjugend ein, wo sie bis zur Gruppenleiterin aufsteigt. Nach dem Abitur im März 1940 macht sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und beginnt nach dem Arbeits- und Kriegshilfsdienst im Mai 1942 in München das Studium der Biologie und Philosophie. Dabei kommt sie durch ihren Bruder Hans auch mit dem katholischen Publizisten Carl Muth zusammen, der beide ebenso beeinflusst wie der Hochschullehrer Kurt Huber. Im August und September 1942 muss Sophie Scholl vier Wochen Kriegshilfsdienst leisten und in einem Ulmer Rüstungsbetrieb arbeiten. Im Januar 1943 wirkt sie an der Herstellung und Verbreitung des fünften Flugblattes der Weißen Rose mit. Das sechste Flugblatt ist nach einem Entwurf von Kurt Huber von ihren Freunden bereits vervielfältigt worden, als sie am 15. Februar 1943 aus Ulm nach München zurückkehrt. Dieses Flugblatt wird von den Geschwistern Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchener Universität ausgelegt und auch in den Lichthof geworfen. Sophie und Hans Scholl werden noch in der Universität festgenommen, am 22. Februar 1943 vom „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und am selben Tag im Strafgefängnis München-Stadelheim ermordet.Für mehr Informationen hier klicken
Zunächst streitet Sophie Scholl bei ihrer Vernehmung alles ab
Nach ihrer letzten Flugblattaktion werden sie festgenommen und vernommen. Zunächst streitet Sophie Scholl alles ab. Aber als sie mitbekommt, dass ihr Bruder gestanden hat, gesteht auch sie, um ihn zu entlasten:
Lichthof der Universität München. (© Weiße Rose Stiftung e.V.)
„In meinem Übermut oder meiner Dummheit habe ich den Fehler begangen, etwa 80 bis 100 solcher Flugblätter vom 2. Stockwerk der Universität in den Lichthof herunterzuwerfen, wodurch mein Bruder und ich entdeckt wurden“, erklärte Sophie Scholl am 18. Februar 1943 dem Gestapo-Beamten Robert Mohr, der sie vormittags in der Universität verhaftet hatte und danach verhörte. Als Sophie Scholl diese Aussage machte, hatte sie bereits ihre Beteiligung an den Flugblatt-Aktionen zugegeben und versuchte nun – wie ihr Bruder in Zimmer nebenan – möglichst viel Schuld auf sich zu laden, um so ihre Freunde zu schützen. Für weitere Informationen hier klicken
„Flugblätter der Weißen Rose“ überschreiben Hans Scholl und Alexander Schmorell die ersten vier Schriften, die sie im Sommer 1942 verfassen, vervielfältigen und verschicken. Unter dem Titel „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!“ erscheint mithilfe weiterer Freunde Ende Januar 1943 das fünfte Flugblatt. Es folgt das größtenteils von Kurt Huber verfasste Flugblatt „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“. Beim Auslegen dieses Flugblatts werden Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität verhaftet. In seiner Manteltasche trägt Hans Scholl den Entwurf eines siebten Flugblatts, den Christoph Probst geschrieben hat.
„Widerstandsbewegung in Deutschland“
Vom 27. Juni bis 12. Juli 1942 entstehen die ersten vier Flugblätter in Alexander Schmorells Elternhaus in München. Darin appellieren die Studenten vor allem an die politische Verantwortung der „deutschen Intelligenz“. Um besonders diese Leser von ihrer moralischen Pflicht zum Widerstand zu überzeugen, argumentieren Scholl und Schmorell mit Auszügen aus der antiken und klassischen Literatur. Die Bevölkerung sollte aufgerüttelt werden, deshalb sprechen sie mehrmals von einer drohenden militärischen Katastrophe. Sie selbst lehnen den Krieg ab und sehen in der Niederlage Deutschlands die Voraussetzung für einen Neubeginn.
Appell an die „deutsche Intelligenz“
Das fünfte und das sechste Flugblatt werden mithilfe weiterer Mitstreiter Ende Januar und Mitte Februar 1943 tausendfach auch in anderen Städten verteilt. Das fünfte Flugblatt richtet sich in klarer politischer Sprache an die breite Bevölkerung. Der Titel „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!“ soll den Eindruck erwecken, dass sich in Deutschland bereits eine große, zusammenhängende Opposition gegen die NS-Diktatur entwickelt habe. Das sechste Flugblatt, „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“, wendet sich gezielt an die Münchner Studierenden. „Wir beginnen wirklich mit der Arbeit, der Stein kommt ins Rollen“, notiert Willi Graf am 13. Januar 1943 in sein Tagebuch.
Das erste Flugblatt warnt vor der „Kriegsmaschinerie“
Das erste Flugblatt knüpft an den Schock der Bevölkerung über das beginnende Flächenbombardement deutscher Städte durch die Alliierten an. Es führt den Lesern vor Augen, dass die Bombardierung eine katastrophale Folge des deutschen Angriffskriegs sei und appelliert: „… wo immer ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser ateistischen Kriegsmaschine.“
Im zweiten Flugblatt verurteilt die Weiße Rose den Massenmord an den Juden
Im zweiten Flugblatt verurteilt die Weiße Rose den Massenmord an den Juden in Polen. Sie sieht darin das „fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen“. Die Verfasser sprechen der schweigenden Mehrheit in Deutschland eine Mitschuld zu, weil sie dazu beitrug, dass „diese Regierung überhaupt entstehen konnte“. Es ist eines der wenigen bekannten Dokumente des deutschen Widerstands, das die Ermordung der jüdischen Bevölkerung öffentlich anprangert.
Im dritten Flugblatt fordern sie die Bürger auf, Widerstand und Sabotage zu leisten
Um den politischen Umsturz einzuleiten, ruft die Weiße Rose im dritten Flugblatt zur Sabotage auf. Widerstand gegen einen verbrecherischen Gewaltstaat sei „sittliche Pflicht“. Jeder Einzelne solle versuchen, den Nationalsozialisten in seinem jeweiligen Lebensumfeld entgegenzuarbeiten: „… in rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben, (…) in allen Versammlungen, Kundgebungen, Festlichkeiten, Organisationen, die durch die nat.soz. Partei ins Leben gerufen werden.“ „Gebt nichts …“ … fordert die Weiße Rose und widersetzt sich damit den Kampagnen, mit denen das NS-Regime die Bevölkerung ständig zu Spenden drängt. So sollen etwa Altstoffsammlungen den kriegsbedingten Rohstoffmangel ausgleichen. Mit diesem Beispiel aus dem Alltagsleben will die Weiße Rose zeigen, dass „ein jeder in der Lage ist, etwas beizutragen zum Sturz dieses Regimes“.
Viertes Flugblatt: Hitler wird mit Satan gleichgesetzt
Der sprachliche Duktus im vierten Flugblatt zeigt deutlich den Einfluss eines Mentors der Weißen Rose, des katholischen Schriftstellers Theodor Haecker: Die NS-Diktatur wird als „Macht des Bösen“ beschrieben, Hitler mit „Satan“, dem „Boten des Antichrists“, gleichgesetzt.
Die Weiße Rose warnt vor „jedem Optimismus“. Die erfolgreiche Schlacht bei Charkow und die Sommeroffensive der Wehrmacht hätten bei den Anhängern Hitlers nur eine trügerische Hoffnung genährt. Hitler treibe vielmehr für seine Kriegsziele die deutschen Soldaten in einen sinnlosen Tod: „Täglich fallen in Russland Tausende.“
„Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!“ – heißt es im fünften Flugblatt der Weißen Rose. Die Royal Air Force warf bereits zwischen Februar und August 1942 mindestens sechs Flugschriften mit ähnlicher Aussage in großer Zahl über deutschen Städten ab.
„Freiheit der Rede“
Die Forderung nach einem freiheitlichen und gerechten Staat wird im fünften Flugblatt wiederholt und erweitert: „Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten“. In diesen Menschenrechten sieht die Weiße Rose die „Grundlagen eines neuen Europa“. Imperialismus, Militarismus und preußischer Zentralismus sollen abgelöst werden durch eine „grosszügige Zusammenarbeit der europäischen Völker“ und eine „föderalistische Staatenordnung“, also damals bereits eine sehr zukunftsweisende Forderung, die genau durch diese Zusammenarbeit keinen Krieg mehrin den folgenden Jahrzehnte in Europa zuließ.
„Es geht uns um die Wissenschaft“
Im sechsten Flugblatt solidarisiert sich die Weiße Rose mit den Protesten von Studierenden gegen die anzüglichen Bemerkungen, mit denen Gauleiter Paul Giesler in seiner Rede zur 470-Jahrfeier der Münchner Universität im Januar 1943 die Studentinnen beleidigte.
„Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit!“ Das sechste Flugblatt attackiert die doktrinäre „weltanschauliche Schulung“ im nationalsozialistischen Bildungssystem, das jedes „Selbstdenken“ ersticke. Es ruft die Studierenden der Münchner Universität auf, sich gegen die Unterdrückung der geistigen Freiheit aufzulehnen: „Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir von dem Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.“
„Hitler marterte die Juden zu Tode“
Seit November 1942 ist die 6. Armee der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad eingeschlossen. Hitlers Befehl, weiterzukämpfen, führt eine ganze Armee in Tod oder Gefangenschaft. Die NS-Diktatur stilisiert diese Niederlage zum Heldenepos. Der junge Familienvater Christoph Probst nimmt Stalingrad zum Anlass, eine fundamentale Anklage gegen Hitler zu verfassen, „der die Juden zu Tode marterte, die Hälfte der Polen ausrottete, Russland vernichten wollte“. Dieser Entwurf für das siebte Flugblatt kann nicht mehr vervielfältigt werden.
Am 22. Februar 1943 wurde sie wegen ihrer Flugblattaktionen gemeinsam mit ihrem Bruder Hans Scholl und beider Freund Christoph Probst in der Justizvollzugsanstalt München hingerichtet.
Dr. Sandra Hartmann