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„Dafür muss man studiert haben“

Wenn die dritte Coronawelle nicht doch noch dazwischengrätscht, dann wird der Traum vieler Eltern ab Montag, den 22. Februar 2021, wahr: Der Unterricht in den Klassenzimmern startet wieder. Aber so einfach ist das nicht. Und vor allem nicht flächendeckend. Wer, wann, wie in die Schule kommt, das studieren derzeit Erziehungsberechtigte zu Hause, wenn die neuen Unterrichtsdokumente ins Haus flattern. Diese Dokumente sind oft gar nicht so einfach zu entschlüsseln, hochkomplex („dafür muss man studiert haben“) und wirft die Frage auf: Wie sollen Erziehungsberechtigte unter diesen Bedingungen wieder vernünftig arbeiten gehen können?

Wie sollen Erziehungsberechtigte unter diesen Bedingungen wieder vernünftig arbeiten gehen können?

Wechselmodel heißt dabei das Zauberwort der baden-württembergischen Landesregierung, das bei diversen Lehrern und Eltern jedoch nicht so dollen Anklang findet. Wechselmodell bedeutet, dass es die nächsten Wochen eine Mischform zwischen Präsenzunterricht in der Schule und homeschooling geben soll. Wie das konkret umgesetzt wird, das entscheiden die einzelnen Schulen für sich. Das Problem: Jede Schule macht es ein bisschen anders. Wenn Eltern Kinder auf mehrere Schulen verteilt haben, wird es zudem nicht leichter, sich die unterschiedlichen Präsenzzeiten, wann die Kinder in die Schule gehen, zu merken. Im ersten Lockdown haben diverse Schulen noch wöchentlich zwischen Präsenzunterricht und homeschooling gewechselt. Nun wechseln die Schüler nicht nur wöchentlich, sondern teilweise täglich beziehungsweise stündlich.

Wer geht wann in die Schule? Erziehungsberechtigte verlieren leicht den Überblick

Das heißt, an manchen Schulen haben die Schüler nur zwei oder drei Stunden täglich Unterricht, an anderen Schulen haben die Kinder drei Tage wöchentlich vier Stunden Unterricht. Es sollten pi mal Daumen zehn Stunden in den Klassenzimmern im Durchschnitt angeboten werden, das ist die Vorgabe des Kultusministeriums. Wie sich diese aber verteilen, kann sehr unterschiedlich ausschauen an den Schulen und dementsprechend auch für Familien.

Nehmen wir einmal exemplarisch Familie Müller

Nehmen wir einmal exemplarisch Familie Müller. Familie Müller hat zwei Kinder, Paul geht in die dritte und Lena in die vierte Klasse. Für Paul startet der Unterricht in seinem Klassenzimmer wieder ab Montag, den 22. Februar 2020, denn in dieser Woche dürfen die Erstklässler und die Zweitklässler wieder ran. Lena hat diese Woche weiterhin homeschooling, da die Zweit- und Viertklässler erst eine Woche später wieder in der Schule Unterricht haben. Die Klassen von Paul und Lena wurden zudem geteilt, damit Lehrer anstatt zum Beispiel 26 Kinder nur jeweils 13 Kinder in dem Klassenzimmer zur selben Zeit versammelt haben. Paul ist in Gruppe 1, Lena in Gruppe 2 von ihrer jeweiligen Klasse eingeteilt. Pauls Gruppe 1 hat Montags, Dienstags und Freitags Schule, Lenas Gruppe Mittwochs, Donnerstags und Freitags. Manchmal haben sie drei Stunden Unterricht, dann müssen sie mit dem Auto gefahren werden, da kein Bus fährt, manchmal haben sie vier Stunden am Stück Unterricht. In seltenen Fällen auch zwei Stunden. Dann ist ein Kind zu Hause, während ein Erziehungsberechtigter – meistens die Mutter – das Kind zwischen Schule und Zuhause hin- und herfährt. Denn die ohnehin schon mangelhaften Schulbusverbindungen werden durch stundenweisen Unterricht nicht besser. Nach Pauls Woche in der Schule darf seine Schwester Lena in die Schule und Paul ist wieder eine Woche im homeschooling und immer so weiter im Wechsel. Das heißt: Es ist immer ein Kind abwechselnd im Homeschooling. Und auch wenn das eine Kind, zum Beispiel Paul in der Schule ist, hat er keinen normalen Unterricht, sondern ist in dieser Woche lediglich für rund 10 Stunden in der Schule. Das heißt, er hat stundenweise oder tageweise Schule, der Rest findet auch wieder im Homeschooling unter Anleitung des Erziehungsberechtigten statt.

Die weiterführenden Schulen hoffen hier auf eine schrittweise Öffnung ab dem 08. März 2021

Wenn dann ein Kind zu Hause war und das andere in der Schule Unterricht hatte, hat das Homeschooling-Kind in der Regel den Nachmittag frei, während das Präsenzunterricht-Kind nach Hause kommt und nachmittags in der Regel noch Hausaufgaben zu machen hat. Damit bleibt kaum mehr Spielraum für etwaige Schichtarbeit, falls der Erziehungsberechtigte noch neben des Homeschoolings weiterhin seiner eigentlichen Arbeit nachgehen möchte. Wenn Familie Müller nun noch ein weiteres Kind in der weiterführenden Schule hätte, dann würde dieses Kind erst einmal weiter komplett im Homeschooling sein (wie lange ist auch hier offen, die weiterführenden Schulen hoffen hier auf eine schrittweise Öffnung ab dem 08. März 2021). Das bedeutet, für den Erziehungsberechtigten zu Hause, dass morgens immer zwei Kinder per Homeschooling zu unterrichten wären und nachmittags ein Kind bei den Hausaufgaben betreut werden müsste, somit bleibt weder vormittags noch nachmittags Zeit für ein mögliches Homeoffice oder für eine Arbeit außerhalb der vier häuslichen Wände. Man kann dann entweder eine Umschulung zum Nachtwächter machen. Dann könnte man nachts arbeiten, während die Kinder schlafen oder man arbeitet im nächtlichen Homeoffice oder man erklärt seinem Arbeitgeber nach einem Lockdown-Jahr, dass man die nächsten vier Wochen (solange sind die Pläne nicht selten im Voraus ausgestaltet), eigentlich gar nicht mehr arbeiten kann, weder wochen-, noch tage-, noch stunden-, noch schichtweise, weil das Wechselmodell nun die kompletten Tage ausfüllt, wenn man mehrere Kinder in ungünstigen Konstellationen hat. Ach so, am Wochenende wäre noch ein Zeitfenster. Das könnte man dann vielleicht…

Entweder ganz oder gar nicht

Daher liebes Kultusministerium, auch hier zählt wie beim Striptease: entweder ganz oder gar nicht. Lieber noch zwei weitere Wochen komplett im homeschooling, dafür aber dann direkt danach vollständig in den Präsenzunterricht.

Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann




„Der deutsche Name wird immer geschändet sein, wenn nicht die deutsche Jugend hilft, ein neues Europa zu errichten“

Der Vergleich löste deutschlandweite Empörung aus, als sich eine junge Rednerin auf einer Bühne der Querdenker in Hannover sich im November 2020 mit Sophie Scholl verglich, „weil ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und Versammlungen anmelde“ [Anm. d. Red.: siehe Video oben]. Ich bin 22 Jahre alt, genau so alt wie Sophie Scholl, als sie den Nationalsozialisten zum Opfer fiel.“ Ein Ordner gab daraufhin seinen Job auf, ging zur Bühne und unterbrach die Rede. Er sagte: „Für so einen Schwachsinn mache ich keinen Ordner mehr.“ Ist es schwachsinnig, was die junge Frau gesagt hat? Inwieweit gibt es Parallelen zur heutigen coronabedingten und zur damaligen Ausnahmezeit? 100 Jahre wäre Sophie Scholl am 09. Mai 2021 geworden. Schon allein deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf die Frau, die in die deutsche Geschichte als Widerstandskämpferin eingegangen ist und die zunächst selbst bei Adolf Hitlers Bund deutscher Mädchen aktiv war. Wann genau setzte bei ihr ein Umdenken ein, wurde sie von eienr Mitmarschiererin zur Widerstandskämpferin?

Liebes Tagebuch

Wohl das bekannteste Protrait Sophie Scholls

Überlieferter Tagebucheintrag von Sophie Scholl vom 18.02.1943 nach ihrer Verhaftung: „Liebes Tagebuch, Mohr hat mir heute das handgeschriebene Flugblatt von Hans gezeigt. Hans hatte heute seinen Verantwortung für die Flugblätter erklärt. Und ich habe erklärt, dass ich meinem Bruder geholfen habe. Und ich hoffe nur, das die letzten Flugblätter etwas helfen, den Krieg zu beenden. Ich habe ein Geständnis unterschrieben, ich fühle mich ganz verloren.“

Hoffnung in die deutsche Jugend

Zwei Tage später schrieb Sophie Scholl: „Ich denke, dass der deutsche Name immer geschändet sein wird, wenn nicht die deutsche Jugend hilft, ein neues Europa zu errichten. Aber! Mohr versteht nichts! Er denkt, die Kriege sind ein Heldenkampf. Er sagt, dass die deutschen Soldaten Europa von der Plutokratie und dem Bolschewismus befreien wollen. Nazismus ist ein Verbrechen gegen die Menschheit!“ ( http://Hier geht’s zu weiteren Tagebucheinträgen von Sophie Scholl )

Es gibt aktuell keine Gleichschaltung des politischen Systems

Öffentliche systemkritische Reden, so wie es derzeit die Querdenker derzeitpflegen, wären zu der damaligen Zeit, 1943, undenkbar gewesen. Die Flugblätter, die die Geschwister Geschwister Scholl gemeinsam mit Christoph Probst verteilten, führten zu ihrem Tod. Auch heute müssen Menschen um Repressionen in ihrem sozialen und beruflichen Umfeld fürchten, wenn sie sich kritisch zu den Coronamaßnahmen äußern. Aber sie müssen nicht um ihr Leben fürchten. und: Es gibt aktuell keine Gleichschaltung des politischen Systems, so wie damals, als es nur noch eine Stimme gab, diese man nachsprechen musste. Das sind die großen Unterschiede zu der damaligen Zeit. Es gibt keine Gaskammern, kein systematisches Töten von einezlnen Gruppen oder Rassen. Aber es gibt Demos und teilweise auch Unruhen.  Teiles des Volkes sind unzufrieden und bringt es auch zum Ausdruck. Ein wesentlicher Unterschied zur damaligen Zeit: das Internet. Durch die sozialen Medien können sich Menschen besser miteinander vernetzen und, ohne dass es despektierlich klingen soll, alternative Wahrheiten verbreiten. Das müssen nicht immer fake news sein. Denn: Nicht immer ist die vorherrschende politische Meinung und die Entscheidungen, die hinsichtlich der Coronapandemie getroffen werden, die richtigen, sondern bedürfen Diskussionen, Abwägungen und manchmal auch Korrekturen. Eine Schwarmintelligenz kann hier, vor allem bei neuen Themen wie das Coronavirus, sehr nützlich sein. Aber im Meinungs- und Pressefreiheit schätzenden Deutschland gibt es derzeit Zensur. Alles, was nicht mit den Covid-Richtlinien konform geht, kann zensiert werden in den sozialen Medien (wir berichteten). Eine besorgniserregende und fragwürdige Entwicklung.

„Sag nicht, es ist für’s Vaterland“

Sophie Scholl auf einer Briefmarke

„Sag nicht, es ist für’s Vaterland“, heißt ein bekanntes Buch von Fritz Hartnagel, das mit Sophie Scholl geführte Briefwechsel 1937 von 1943 beinhaltet. Auch in der derzeitigen Coronakrise schwingen politischen Entscheidungsträger häufig die moralische Keule und dass es nur eine Richtung geben müsse: alle Menschen durchimpfen, konsequenter Shutdown. Wer dagegen handelt, handele nicht nur gegen das Vaterland, sondern gegen das Leben anderer. Das ist natürlich ein Totschlagargument. Und doch gibt es immer Stimmen, nicht nur radikale und von Verschwörungstheoretikern, die einen mäßigeren Kurs im Umgang mit dem Coronavirus fordern, weil die in der Gesellschaft dadurch ausgelöste Schäden am Ende höher sein könnten, als ihr Nutzen, und zwar, die Eindämmung des Virus (wir berichteten). Selbst Gesundheitsminister Jens Spahn spricht mittlerweile wie auch der Virologe Hendrick Streeck offen davon, dass man lernen müsse, mit dem Virus zu leben.

Interessant an Sophie Scholls Biografie ist, dass sie nicht von Anfang an gegen Adolf Hitler und seine Politik war, sondern dass sie zunächst und auch relativ lange im Bund deutscher Mädchen aktiv war und erst später ihren Bruder Hans Scholl und ihren gemeinsam Freund Christoph Probst bei den Flugblattaktionen unterstützte.

„Sie war nicht die führende Gestalt der Weißen Rose“

Wann genau hat Sophie Scholl sich entschieden, nicht mehr länger mitzumarschieren, sondern gegenzusteuern? Der Historiker Robert M. Zoske sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, veröffentlicht am 28. November 2020: „Und es ist die Fantasie, dass sie die führende Gestalt in der Weißen Rose gewesen ist. Das gilt für den zweiten Teil des Widerstandes, den zweiten Teil der Flugblattaktion ab Herbst 1942, aber davor waren es ganz eindeutig Hans Scholl und Alexander Schmorell, die den Widerstand gestartet und geführt und geleitet haben. Sie war davon total überzeugt, dass sie das hat tun müssen, was sie getan hat, dass sie die Flugblätter verteilen musste. In dem Verhör wird am Anfang – am Anfang leugnet sie, das ist verständlich –, als es dann deutlich wird, dass sie überführt werden wird, wird aus dem Geständnis ein Bekenntnis. Dann will sie sich zu dem bekennen, was sie gemacht haben, und sie übernimmt auch nicht den Vorschlag des verhörenden Beamten, sie möge doch sagen, sie als Mädchen sei verführt worden. Da ist sie wirklich emanzipiert und mutig und sagt: Ich bleibe bei meiner Meinung und ich habe das Beste getan, was ich für mein Volk habe tun können, ich stehe hinter dem, was ich getan habe. Ich denke, sie hat auch das so verstanden, sie hat das gemacht, was Gott von ihr wollte. Da hat sie ja gerungen vorher: Ist es das Richtige, was ich machen soll, soll ich springen oder soll ich lieber nicht springen? Und dann hat sie sich vertraut – so schreibt sie ja selber – in Gottes Hände begeben.“

„Von Politik verstehe ich nicht viel, aber ich weiß zu unterscheiden zwischen Recht und Unrecht“

Sophie Scholl kam aus einem gutbürgerlichen Haushalt, der Vater Steuerberater und zwischendurch Bürgermeister in Forchtenberg in Baden-Württemberg, die Mutter Krankenschwester, tiefgläubig. Sophie Scholl schreibt einmal laut dem Historiker Zoske an ihren Freund Fritz Hartnagel: „Von Politik verstehe ich nicht viel, will ich auch gar nicht verstehen, aber ich weiß zu unterscheiden zwischen Recht und Unrecht. Das war ganz stark ein Maßstab für sie, und sie hat sich das angeguckt, was im Nationalsozialismus lief, und je länger der Nationalsozialismus an der Macht war, desto mehr widerstieß er gegen das, was Sophie für Recht hielt, und entpuppte sich als Unrechtsstaat. Diese Maßstäbe hat sie schon von zu Hause mitbekommen, was ist Recht und was ist Unrecht, und wenn ich etwas als Unrecht empfinde, muss ich etwas dagegen machen.“

Sie hätte 1938 aussteigen können, aber 1941 war sie noch freiwillig und mit relativer Begeisterung beim Bund deutscher Mädchen

Sie hat lange doch stillgehalten, weit über ihre Zeit beim Bund deutscher Mädel hinaus. Sie hätte 1938 aussteigen können, aber 1941 war sie noch freiwillig und mit relativer Begeisterung beim BDM. Und da hat es dann doch mit dem Krieg langsam begonnen, kritisch zu werden für sie. Bis zu dem Punkt, wo sie dann gesagt hat, ich will den Staat abschaffen, ich will Hitler beseitigen, hat es doch sehr lange noch gedauert. Sie war keineswegs lange schon vor ihrem Attentat oder dem Versuch, Hitler zu stürzen, gegen Hitler, das ist erst so 1941/42 geschehen – auch so ein Mythos, der immer noch weitererzählt wird, weil Inge Scholl [Anm. d. Red.: Sophie Scholls Schwester] ihn 1952 in die Welt gesetzt hat.“

Wann der Punkt für Sophie Scholls Sinneswandel kam, ist nicht bekannt

Man kann nicht sagen, an dem Datum war sie noch für Hitler und danach gegen Hitler, so etwas braucht auch Zeit. Als junges Mädchen oder überhaupt als Mensch kann man doch nicht von heute auf morgen sagen: Gestern bin ich noch begeistert marschiert und heute stehe ich auf und würde Hitler niederschießen – so hat sie gesagt –, wenn ich eine Pistole hätte. Das bedarf einer Entwicklungszeit“, sagt der Historiker Zoske. „Sicherlich stark dazu beigetragen hat ihre Zeit im Kriegshilfsdienst in einer kleinen badischen Stadt in Süddeutschland, in Blumberg, wo sie ein halbes Jahr lang arbeiten musste, von Herbst 1941 bis Frühjahr 1942. Dieses Dorf wurde von den Nazis aus einem Bauerndorf aufgebaut zu einer Erzförderstadt, von 800 Einwohnern auf 6000 hochgepuscht von Menschen, die da vielleicht auch gar nicht arbeiten wollten, die zwangsweise dort waren. Dieser Ort wurde dann eingestampft, weil die Nazis dann im Elsass und in der Ukraine günstiger und effizienter Erz fördern konnten. Sophie musste dort als Kindergärtnerin arbeiten, und sie hat die Arbeitslosigkeit wahrgenommen, und sie hat wahrgenommen, dass die Nazis die Natur, die Sophie über alles liebte, zerstörten. Und dort wurde ihr schon klar, das kann nicht die Wirtschaftspolitik sein, diese Autarkiepolitik, diese Kriegspolitik, die die Nazis dort betreiben.“ Und dann fing es an. Sophie Scholl wurde aktiv.

Sie lieht sich Geld für einen Vervielfältigungsapparat

„Sechs oder acht Wochen nach Beendigung ihres Kriegshilfsdienstes besorgt sie sich von ihrem Freund tausend Reichsmark für einen guten Zweck, wie sie sagt, und erbittet von ihm einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat“, erzählt Zoske gegenüber dem Deutschlandfunk. „Fritz Hartnagel hat nach dem Krieg geschrieben, das sei wohl im Mai 1942 gewesen. Das wäre dann ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie mit Hans im Frühjahr – im Mai, im Juni – sich überlegt hat, wir müssen etwas gegen Hitler machen, lass uns doch Flugblätter drucken. Sie war dann bei der ersten Flugblattaktion von Hans Scholl und Alexander Schmorell im Juli nicht dabei, das haben die zwei ohne sie gemacht – mit einem ganz einfachen Vervielfältigungsapparat –, aber dann im Herbst war sie entscheidend dabei, den Widerstand zu fördern. Hans Scholl ist derjenige, der die Weiße Rose ins Leben gerufen hat, ohne Hans Scholl hätte es die Weiße Rose nicht gegeben, aber ohne Sophie Scholl hätte es den zweiten Teil der Weißen Rose, den zweiten Teil der Widerstandsaktion so in seiner Intensität, in seiner Größenordnung qualitativ und quantitativ nicht gegeben.“ Da ist sich der Historiker Zoske sicher.

Man entschied sich gegen eine öffentliche Hinrichtung

Sophie Scholl

Das letzte Wort, das Sophie und auch Hans Scholl vor ihrer Hinrichtung von sich gegeben haben, soll „Freiheit“ gewesen sein. Das Urteil wurde sehr schnell vollstreckt.Ursprünglich sollte es eine öffentliche Hinrichtung werden, man entschied sich jedoch dagegen. Zoske: „Der amtierende Gauleiter Giesler in München meinte wohl, eine Show abziehen zu können, aber er hat sich dann darin doch getäuscht, dass viele in München offensichtlich dann bei so jungen Leuten, bei einem so schnell vollzogenen Urteil, das vielleicht nicht so goutieren würden, wie er sich das gedacht hat. Er wird Stimmen eingesammelt haben, und dann dachte er wohl, das machen wir dann lieber ganz schnell und richten die drei dann hin – Christoph Probst ist ja mit den beiden hingerichtet worden. Die Gestapo hat sich umgehört, wie denn dieses Urteil aufgenommen wurde, und es gab doch offensichtlich Gegenstimmen, die gesagt haben: Wie kann man so was so schnell machen, das sind doch so junge Leute gewesen? Ich habe auch noch eine Zeitzeugin gesprochen, die damals acht Jahre alt war und die zumindest zu Hause mitbekommen hat, wie entsetzt die Eltern waren, als sie sahen, dass 20, 21, 22 Jahre alte junge Menschen hingerichtet wurden.“

Sophie Scholl verbrachte ihre Kindheit in Forchtenberg: „Die Umgebung war unbeschreiblich schön“

Sophie Scholl wurde 21 Jahre alt, ihr Bruder Hans 24 Jahre. Ihre Eltern hießen Robert und Magdalene. Sophie Scholl hatte vier Geschwister: Inge, Hans, Elisabeth und Werner. In dem Buch „Das kurze Leben der Sophie Scholl“, erschienen im Verlag Ravensburger, erinnert sich die Schwester, Inge Aicher-Scholl, an die Kindheit in Forchtenberg am Kocher. Dort, im heutigen Baden-Württemberg, wurde am 09. Mai 1921 Sophie Scholl geboren. Dort verbrachte sie im Kreis ihrer Geschwister, Inge, geboren 1917, Hans, 1918, Elisabeth, 1920, und Werner, 1922, ihre ersten sieben Lebensjahre. Inge Aicher-Scholl berichtet sie über die Kinderjahre in der Kleinstadt im Kochertal. In ihrer Erzählung entsteht fast eine heile Welt: „Die Umgebung von Forchtenberg war unbeschreiblich schön. Weinberge und dichte Mischwälder mit Buchen und Tannen umgrenzten das Städtchen. In diesen Wäldern verbrachten wir Stunden und manchmal ganze Tage. Wir suchten nach Beeren und Pilzen und machten Schnitzeljagden. An eine Stelle erinnere ich mich noch ganz genau. Einer verwitterten Burgruine schloss sich ein buckliger Pfarrgarten an, der mit seinen vielerlei Bäumen einem Park glich. Ein idealer Platz zum Theaterspielen. Immer wieder fiel uns etwas Neues ein, das wir ausprobierten. Theateraufführungen ohne Publikum. Nur die Bäume waren unsere Zuschauer.“ Sie hat mit ihren Geschwistern im Kocher gebadet, hier habe sie ihrer Schwester das Schwimmen beigebracht.

„Hans ist jetzt bei der Hitlerjugend“

Am 20. Mai 1933 notiert Inge, die älteste der Scholl-Geschwister, in ihrem Tagebuch: „Hans ist jetzt in der Hitler-Jugend […] Das Braunhemd steht im gut.“ Die Scholl-Geschwister begeistern sich für die Jugendorganisation der NSDAP. Konflikte mit den Eltern sind vorprogrammiert. Denn die denken ganz anders über das, was gerade in Deutschland passiert. Ein zähes Ringen, nicht ohne Provokationen. Hans ist 14, als er eine Radierung mit Hitlers Konterfei im Kinderzimmer aufhängt. Jeden Tag, wenn der Vater nach Hause kommt, nimmt dieser sie ab und legt sie in eine Schublade. Hans hängt sie wieder auf – bis Robert Scholl resigniert. Dennoch: Die Eltern konnten sich darauf verlassen, dass ihre Argumente von den Kindern nicht nach außen getragen wurden (aus dem Buch: „Schluss. Jetzt werde ich etwas tun“ von Maren Gottschalk, 2012). Dass Sophie überhaupt zur Hitlerjugend geht, mag die meisten überraschen, ist sie doch für ihren mutigen Kampf gegen das Naziregime bekannt. Als junges Mädchen war sie jedoch, genau wie ihre Geschwister auch, begeisterte Anhängerin der Hitlerjugend und leitete sogar eine Gruppe. Wenn man das Buch von Maren Gottschalk über Sophie Scholl gelesen hat, wird klar: Sophie Scholl ist keine furchtlose Heldin. Sie gibt ehrlich zu, sie fühle sich wie eine Versinkende, die habe und nichts als Angst und mich nur nach dem sehne, der mir diese Angst abnimmt“.

 

Mahnmal Weiße Rose München

Verteilte Flugblätter: Mahnmal für die Geschwister Scholl und die Weiße Rose vor der Ludwig-Maximilians-Universität München | © Wikimedia Commons

Auch Sophie Scholl hatte Angst

Sophie Scholl tritt 1934 in den Bund Deutscher Mädel in der Hitlerjugend ein, wo sie bis zur Gruppenleiterin aufsteigt. Nach dem Abitur im März 1940 macht sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und beginnt nach dem Arbeits- und Kriegshilfsdienst im Mai 1942 in München das Studium der Biologie und Philosophie. Dabei kommt sie durch ihren Bruder Hans auch mit dem katholischen Publizisten Carl Muth zusammen, der beide ebenso beeinflusst wie der Hochschullehrer Kurt Huber. Im August und September 1942 muss Sophie Scholl vier Wochen Kriegshilfsdienst leisten und in einem Ulmer Rüstungsbetrieb arbeiten. Im Januar 1943 wirkt sie an der Herstellung und Verbreitung des fünften Flugblattes der Weißen Rose mit. Das sechste Flugblatt ist nach einem Entwurf von Kurt Huber von ihren Freunden bereits vervielfältigt worden, als sie am 15. Februar 1943 aus Ulm nach München zurückkehrt. Dieses Flugblatt wird von den Geschwistern Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchener Universität ausgelegt und auch in den Lichthof geworfen. Sophie und Hans Scholl werden noch in der Universität festgenommen, am 22. Februar 1943 vom „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und am selben Tag im Strafgefängnis München-Stadelheim ermordet.Für mehr Informationen hier klicken

Zunächst streitet Sophie Scholl bei ihrer Vernehmung alles ab

Nach ihrer letzten Flugblattaktion werden sie festgenommen und vernommen. Zunächst streitet Sophie Scholl alles ab. Aber als sie mitbekommt, dass ihr Bruder gestanden hat, gesteht auch sie, um ihn zu entlasten:

Lichthof der Universität München.
Lichthof der Universität München. (© Weiße Rose Stiftung e.V.)

„In meinem Übermut oder meiner Dummheit habe ich den Fehler begangen, etwa 80 bis 100 solcher Flugblätter vom 2. Stockwerk der Universität in den Lichthof herunterzuwerfen, wodurch mein Bruder und ich entdeckt wurden“, erklärte Sophie Scholl am 18. Februar 1943 dem Gestapo-Beamten Robert Mohr, der sie vormittags in der Universität verhaftet hatte und danach verhörte. Als Sophie Scholl diese Aussage machte, hatte sie bereits ihre Beteiligung an den Flugblatt-Aktionen zugegeben und versuchte nun – wie ihr Bruder in Zimmer nebenan – möglichst viel Schuld auf sich zu laden, um so ihre Freunde zu schützen. Für weitere Informationen hier klicken

Was aber stand auf den Flugblättern von den Geschwistern Scholl?

„Flugblätter der Weißen Rose“ überschreiben Hans Scholl und Alexander Schmorell die ersten vier Schriften, die sie im Sommer 1942 verfassen, vervielfältigen und verschicken. Unter dem Titel „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!“ erscheint mithilfe weiterer Freunde Ende Januar 1943  das fünfte Flugblatt. Es folgt das größtenteils von Kurt Huber verfasste Flugblatt „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“. Beim Auslegen dieses Flugblatts werden Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität verhaftet. In seiner Manteltasche trägt Hans Scholl den Entwurf eines siebten Flugblatts, den Christoph Probst geschrieben hat.

„Widerstandsbewegung in Deutschland“

Vom 27. Juni bis 12. Juli 1942 entstehen die ersten vier Flugblätter in Alexander Schmorells Elternhaus in München. Darin appellieren die Studenten vor allem an die politische Verantwortung der „deutschen Intelligenz“. Um besonders diese Leser von ihrer moralischen Pflicht zum Widerstand zu überzeugen, argumentieren Scholl und Schmorell mit Auszügen aus der antiken und klassischen Literatur. Die Bevölkerung sollte aufgerüttelt werden, deshalb sprechen sie mehrmals von einer drohenden militärischen Katastrophe. Sie selbst lehnen den Krieg ab und sehen in der Niederlage Deutschlands die Voraussetzung für einen Neubeginn.

Appell an die „deutsche Intelligenz“

Das fünfte und das sechste Flugblatt werden mithilfe weiterer Mitstreiter Ende Januar und Mitte Februar 1943 tausendfach auch in anderen Städten verteilt. Das fünfte Flugblatt richtet sich in klarer politischer Sprache an die breite Bevölkerung. Der Titel „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!“ soll den Eindruck erwecken, dass sich in Deutschland bereits eine große, zusammenhängende Opposition gegen die NS-Diktatur entwickelt habe. Das sechste Flugblatt, „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“, wendet sich gezielt an die Münchner Studierenden. „Wir beginnen wirklich mit der Arbeit, der Stein kommt ins Rollen“, notiert Willi Graf am 13. Januar 1943 in sein Tagebuch.

Das erste Flugblatt warnt vor der „Kriegsmaschinerie“

Das erste Flugblatt knüpft an den Schock der Bevölkerung über das beginnende Flächenbombardement deutscher Städte durch die Alliierten an. Es führt den Lesern vor Augen, dass die Bombardierung eine katastrophale Folge des deutschen Angriffskriegs sei und appelliert: „… wo immer ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser ateistischen Kriegsmaschine.“

Im zweiten Flugblatt verurteilt die Weiße Rose den Massenmord an den Juden

Im zweiten Flugblatt verurteilt die Weiße Rose den Massenmord an den Juden in Polen. Sie sieht darin das „fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen“. Die Verfasser sprechen der schweigenden Mehrheit in Deutschland eine Mitschuld zu, weil sie dazu beitrug, dass „diese Regierung überhaupt entstehen konnte“. Es ist eines der wenigen bekannten Dokumente des deutschen Widerstands, das die Ermordung der jüdischen Bevölkerung öffentlich anprangert.

Im dritten Flugblatt fordern sie die Bürger auf, Widerstand und Sabotage zu leisten

Um den politischen Umsturz einzuleiten, ruft die Weiße Rose im dritten Flugblatt zur Sabotage auf. Widerstand gegen einen verbrecherischen Gewaltstaat sei „sittliche Pflicht“. Jeder Einzelne solle versuchen, den Nationalsozialisten in seinem jeweiligen Lebensumfeld entgegenzuarbeiten: „… in rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben, (…) in allen Versammlungen, Kundgebungen, Festlichkeiten, Organisationen, die durch die nat.soz. Partei ins Leben gerufen werden.“ „Gebt nichts …“ … fordert die Weiße Rose und widersetzt sich damit den Kampagnen, mit denen das NS-Regime die Bevölkerung ständig zu Spenden drängt. So sollen etwa Altstoffsammlungen den kriegsbedingten Rohstoffmangel ausgleichen. Mit diesem Beispiel aus dem Alltagsleben will die Weiße Rose zeigen, dass „ein jeder in der Lage ist, etwas beizutragen zum Sturz dieses Regimes“.

Viertes Flugblatt: Hitler wird mit Satan gleichgesetzt

Der sprachliche Duktus im vierten Flugblatt zeigt deutlich den Einfluss eines Mentors der Weißen Rose, des katholischen Schriftstellers Theodor Haecker: Die NS-Diktatur wird als „Macht des Bösen“ beschrieben, Hitler mit „Satan“, dem „Boten des Antichrists“, gleichgesetzt.

Die Weiße Rose warnt vor „jedem Optimismus“. Die erfolgreiche Schlacht bei Charkow und die Sommeroffensive der Wehrmacht hätten bei den Anhängern Hitlers nur eine trügerische Hoffnung genährt. Hitler treibe vielmehr für seine Kriegsziele die deutschen Soldaten in einen sinnlosen Tod: „Täglich fallen in Russland Tausende.“

„Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!“ – heißt es im fünften Flugblatt der Weißen Rose. Die Royal Air Force warf bereits zwischen Februar und August 1942 mindestens sechs Flugschriften mit ähnlicher Aussage in großer Zahl über deutschen Städten ab.

„Freiheit der Rede“

Die Forderung nach einem freiheitlichen und gerechten Staat wird im fünften Flugblatt wiederholt und erweitert: „Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten“. In diesen Menschenrechten sieht die Weiße Rose die „Grundlagen eines neuen Europa“. Imperialismus, Militarismus und preußischer Zentralismus sollen abgelöst werden durch eine „grosszügige Zusammenarbeit der europäischen Völker“ und eine „föderalistische Staatenordnung“, also damals bereits eine sehr zukunftsweisende Forderung, die genau durch diese Zusammenarbeit keinen Krieg mehrin den folgenden Jahrzehnte in Europa zuließ.

„Es geht uns um die Wissenschaft“

Im sechsten Flugblatt solidarisiert sich die Weiße Rose mit den Protesten von Studierenden gegen die anzüglichen Bemerkungen, mit denen Gauleiter Paul Giesler in seiner Rede zur 470-Jahrfeier der Münchner Universität im Januar 1943 die Studentinnen beleidigte.

„Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit!“ Das sechste Flugblatt attackiert die doktrinäre „weltanschauliche Schulung“ im nationalsozialistischen Bildungssystem, das jedes „Selbstdenken“ ersticke. Es ruft die Studierenden der Münchner Universität auf, sich gegen die Unterdrückung der geistigen Freiheit aufzulehnen: „Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir von dem Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.“

„Hitler marterte die Juden zu Tode“

Seit November 1942 ist die 6. Armee der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad eingeschlossen. Hitlers Befehl, weiterzukämpfen, führt eine ganze Armee in Tod oder Gefangenschaft. Die NS-Diktatur stilisiert diese Niederlage zum Heldenepos. Der junge Familienvater Christoph Probst nimmt Stalingrad zum Anlass, eine fundamentale Anklage gegen Hitler zu verfassen, „der die Juden zu Tode marterte, die Hälfte der Polen ausrottete, Russland vernichten wollte“. Dieser Entwurf für das siebte Flugblatt kann nicht mehr vervielfältigt werden.

Am 22. Februar 1943 wurde sie wegen ihrer Flugblattaktionen gemeinsam mit ihrem Bruder Hans Scholl und beider Freund Christoph Probst in der Justizvollzugsanstalt München hingerichtet.

Dr. Sandra Hartmann

 

 




Schul- und Kitaschließungen bis mindestens 21. Februar 2021

Das Auftreten einer Virusmutante in einer Kita in Freiburg hat die Situation für eine mögliche stufenweise Öffnung von Grundschulen und Kitas grundlegend geändert. Daher bleiben sie zunächst bis zu den Fastnachtsferien geschlossen.

Virusmutation: 18 Kinder betroffen

Am Donnerstag, den 28. Januar 2021, bestätigte Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seinem Pressestatement, dass man gestern nicht nur bei zwei Kindern in einer Freiburger Kita eine Virusmutante nachgewiesen hat, sondern inzwischen auch bei mindestens 18 weiteren Kindern sowie Erzieher:innen. Das Staatsministerium hat von den nachgewiesenen Virusmutanten bei den beiden Kindern am Vortag um 14 Uhr erfahren. Inzwischen habe sich bestätigt, dass es sich um die südafrikanische Mutante handele, so die Landesregierung auf Ihrer Internetseite.

„Kann sehr schnell steigen, wenn wir nicht aufpassen“

„Damit müssen wir feststellen, die Mutanten stehen nicht mehr nur vor der Tür. Sie sind bereits da“, sagte Kretschmann. „Bislang zeigen die Sequenzierungen, also die Untersuchung, mit welchem Virus sich positiv getestete Menschen angesteckt haben, dass zwischen zwei bis drei Prozent der Neuinfizierten von der mutierten Variante infiziert wurden. Das klingt nach wenig, kann aber sehr schnell steigen, wenn wir nicht aufpassen.“

„Wir müssen uns deshalb noch strikter an die bestehenden Maßnahmen halten“

Damit werde das Virus ein noch stärkerer Gegner als die bisherigen Varianten. „Wir müssen uns deshalb noch strikter an die bestehenden Maßnahmen halten, damit die Infektionszahlen weiter sinken“, so Kretschmann. Jede Diskussion um bevorstehende Lockerungen sei damit erstmal gegenstandslos geworden, machte Kretschmann klar.

Kretschmann: Jede Diskussion um bevorstehende Lockerungen sei damit erstmal gegenstandslos geworden

Seine Gründe, die ihn bewogen haben, eine vorsichtige und schrittweise Öffnung der Schulen anzustreben, seien nicht hinfällig geworden sind, heißt es weiter im Pressestatement. „Ich sehe ja, welche Auswirkungen die Schließung von Schulen und Kitas auf die Kinder und ihre Familien haben, dass Kinder leiden, weil sie ihre Freunde nicht mehr sehen können und ihre Spielkameraden nicht mehr kommen und ein Teil der Kinder im Unterricht nicht mehr so gut mitkommt“, erklärte Kretschmann sich. Er sehe auch, wie nervenaufreibend es für die Eltern sei, Distanzunterricht und Homeoffice unter einen Hut zu bringen.

Daher wollte man die Kitas und Grundschulen Anfang Februar behutsam öffnen. Durch das Auftreten der Variante sei diese Absicht aber hinfällig geworden. Nach diversen Medienberichten ist jedoch schon länger bekannt, dass die Virusmutation Baden-Württemberg erreicht hat. ,wie etwa der Merkur bereits im Dezember 2020 berichtet hat.

Schulschließungen erst einmal bis 21. Februar 2021

In Schulen, die Faschingsferien aufgrund der beweglichen Ferientage haben, gelten die Maßnahmen faktisch bis zum 21. Februar“, umriss Kretschmann das weitere Vorgehen bei den Grundschulen und Kitas.

Es gibt bis dahin keinen Präsenzunterricht. Die Grundschulen und Kitas bleiben geschlossen. Die Notbetreuung wird weiterhin angeboten. Kretschmann appellierte aber nochmal an die Eltern, die Notbetreuung nur in Anspruch zu nehmen, wenn man keine andere Möglichkeit habe.

Schnelltests an Schulen und Kitas sollen kommen

„Wir werden die Zahl der Schnelltests an Schulen und Kindergärten forcieren und die Teststrategie im Land so überarbeiten, dass auch andere Berufsgruppen, die in deren Alltag viele Kontakte haben, intensiver getestet werden. Und wir werden voraussichtlich ab nächster Woche in Baden-Württemberg jeden positiven Test auf die Virusvariante, die zur Infektion geführt hat, prüfen“, kündigte Kretschmann an.

Das Land werde die Lehrer:innen an den Grundschulen für die Notbetreuung in den kommenden Tagen weiter mit FFP2-Masken ausstatten.

Es sei klar, dass man Schulen und Kindertageseinrichtungen nicht dauerhaft schließen könne. Man müsse auch mit der Virusmutante umgehen lernen, so Kretschmann. Zunächst müsse man aber mehr über die Verbreitung herausfinden. Daher strebe das Land an alle positiven PCR-Test auf mögliche Mutationen zu überprüfen. Damit gehe Baden-Württemberg deutlich weiter als der Bund, der eine Überprüfung bei fünf Prozent der positiven PCR-Tests anstrebe.

„Es tut mir so leid für die Kinder“

„Es tut mir so leid für die Kinder, die jetzt immer noch nicht in ihren Schulen, zu ihren Spielkameraden zurückkehren können. Und ich bedaure, liebe Eltern, dass auch für Sie die Doppelbelastung noch andauert. Wir sehen die Belastung, wir sehen, was es für die Kinder bedeutet. Und wir wollten deshalb diesen Schritt gehen, so schnell es geht. Und ich habe inständig gehofft, wir könnten mit aller gebotenen Vorsicht, ab Anfang Februar erste Öffnungsschritte bei Kitas und Grundschulen machen“, sagte Kretschmann an die Kinder und Eltern gerichtet.

Die Pandemie verhindere jedoch, das das Regierungspräsidium, „jegliche Verlässlichkeit in der Planung und die Politik und auch die Bürger:innen müssen sich immer wieder an neue Erkenntnisse und sich ändernde Voraussetzungen anpassen.

Abschließend appellierte Kretschmann an alle, sich weiter strikt an die Regeln zu halten.

Abschließend appellierte Kretschmann an alle, sich weiter strikt an die Regeln zu halten.

Wenn das Land stabil unter eine 7-Tage-Inzidenz von 50 käme, können man wieder die Beschränkungen wieder aufheben. Daher sei es wichtig, dass man jetzt nicht lockerlasse. Was dabei „stabil“ bedeutet, wird nicht näher definiert. Diese Nichtdefinierung, wann Maßnahmen gelockert werden oder fortbestehen bleiben, kritisiert unter anderem der Virologe Hendrick Streeck im Nachrichtenmagazin Spiegel. Andere Politiker, wie etwa Baden-Württembergs Sozialminister Manne Luchafordern inzwischen einen Inzidenzwert von 25, den es einzuhalten gelte.

Text: Dr. Sandra Hartmann



„Das fing mit Knubbel am Hals an“

Sie wurde schon vor dem ersten Impftermin darauf hingewiesen: Die erste Impfung wäre gut verträglich, die zweite Coronaimpfung könnte mehr Nebenwirkungen auslösen. Und so kam es dann auch für die junge Frau aus dem Hohenlohekreis, die nicht mit Namen genannt werden möchte (der Redaktion ist der Name bekannt).

Ein übermäßig großer Durst

Die Frau hatte mit starkem Schüttelfrost zu kämpfen, in Abwechslung mit Schweißausbrüchen. Fieber zwischen 38 und 39 Grad, stechende Kopfschmerzen und Gliederschmerzen kamen hinzu und ein übermäßig großer Durst. Viele der hier aufgeführten Nebenwirkungen sind nicht ungewöhnlich. ( https://www.merkur.de/welt/coronavirus-impfung-nebenwirkungen-impfstoff-deutschland-rki-fieber-biontech-pfizer-schmerzen-90151842.html )
Nebenwirkungen online melden
Die Frau hat ihre Nebenwirkungen dem dafür zuständigen Paul-Ehrlich-Institut online gemeldet:
Das Paul-Ehrlich-Institut hat seit Ende Dezember 2020, seitdem die Coronaimpfungen gestartet sind, immer wieder über Nebenwirkungen berichtet, die aber in den meisten Fällen „leicht bis moderat“ ausgefallen seien. ( https://www.mdr.de/thueringen/corona-impfung-nebenwirkungen-100.html ) Doch was heißt „moderat“? Würde das Paul-Ehrlich-Institut die Nebenwirkungen der Frau noch als moderat einstufen?
Bei Atemnot sofort ins Krankenhaus
Immerhin berichtet die Betroffene auch von „starkem Ausschlag und Schwellungen am ganzen Körper“. Von ihrer Hausärztin bekam sie aufgrund ihrer Impfreaktion zunächst Ibuprofen verschrieben. Als der Ausschlag dazu gekommen ist, sollte sie auch Cetirizin nehmen, ein Medikament gegen allergische Reaktionen. Falls sie Atemnot bekäme, solle sie sofort ins Krankenhaus. Ihr sei es „noch nie so schlecht gegangen“, sagt die Frau. „Das fing mit Knubbel am Hals an.“ Dann sei der „gesamte Oberkörper inklusive des Rückens hinzugekommen. Der Ausschlag erinnere ein wenig an den Ausschlag beim Pfeifferischen Drüsenfieber. Am nächsten Morgen sei er aber wieder verschwunden
Könnten Nanopartikel der Grund für die starke Reaktion vor allem bei jungen Menschen sein?
Was könnte der Grund für die starke Impfreaktion sein? Die Frau bekam zwei unterschiedliche Chargen von BioNTech/Pfizer gespritzt. Warum kann die zweite Impfung eine heftigere Reaktion auslösen könnte als die erste? ( https://www.pharmazeutische-zeitung.de/mehr-nebenwirkungen-nach-zweiter-covid-19-impfung-123073/ )
Wir haben das Paul-Ehrlich-Institut dazu gefragt. Eine Antwort steht noch aus. Die junge Frau jedenfalls war zum Impfzeitpunkt laut eigenen Aussagen gesund, hat keine Vorerkrankungen. Die Hausärztin vermutet, dass sie auf sogenannte Nanopartikel so heftig reagiert habe. Das passiere häufiger – vor allem bei jungen Menschen. Hierzu gibt es tatsächlich auch einen Artikel, der in der angesehenen Wissenschaftspublikation Science veröffentlicht wurde. Es seien „Lipid-Nanopartikel, in die die mRNA verpackt ist“, die so heftige Reaktionen auslösen könne. ( https://scontent-frt3-2.xx.fbcdn.net/v/t1.15752-0/p480x480/142133096_204994584700435_4402826713964010277_n.jpg?_nc_cat=103&ccb=2&_nc_sid=ae9488&_nc_ohc=PhZfQGdcoioAX-HQlQu&_nc_ht=scontent-frt3-2.xx&tp=6&oh=1107ec7cbfc3e0759acf61aca3338525&oe=603480E6 )
Text: Dr. Sandra Hartmann



„Es findet eine Umstrukturierung statt, umgangssprachlich, es werden Leute gegangen“

Ein digitaler Brief flatterte per E-Mail am Montag, den 18. Januar 2021, in einige deutsche Redaktionen. Der Absender: keinemenschlichkeitebmpapst@freenet.de. Die Überschrift: Keine Menschlichkeit bei ebm-Papst. Der Absender: unbekannt. Auf GSCHWÄTZ-Nachfrage möchte er oder sie keinen persönlichen oder telefonischen Kontakt. Aber das, was er in seinem Brief geschrieben hat, hat es in sich. Der Absender plaudert scheinbar aus dem Nähkästchen eines Unternehmen, das einen vorbildlichen Ruf genießt. Es geht um ebm-Papst und die Coronakrisenpolitik.

„Es findet eine Umstrukturierung statt, umgangssprachlich, es werden Leute gegangen“

Unter anderem wirft der Absender dem Unternehmen unter anderem vor: „Erst werden die Mitarbeiter in der Verwaltung drei Monate in Kurzarbeit geschickt, da man dieses Instrument wählt, um die Belegschaft zu schützen. Dann wird die Kurzarbeit aber wieder aufgelöst und was passiert kurz darauf? Es findet eine Umstrukturierung statt, umgangssprachlich, es werden Leute gegangen! Nicht gekündigt, da durch das Bündnis für Arbeit die Belegschaft nicht gekündigt werden kann, da betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden. Daher wurde das Thema „Umstrukturierung“ genannt.“

„Die schlechtesten jeder Abteilung haben eine Gesprächseinladung erhalten über einen Aufhebungsvertrag“

Weiter heißt es: „Jede Abteilung, jeder Abteilungsleiter oder Hauptabteilungsleiter musste ein Ranking erstellen, mit dem die Mitarbeiter gerankt wurden. Die schlechtesten jeder Abteilung haben eine Gesprächseinladung erhalten über einen Aufhebungsvertrag. Es wurde sehr deutlich gemacht, dass man sich trennen möchte von der Person. In einem Fall wurde richtig gedroht, wenn die Person nicht den Aufhebungsvertrag unterschreibt, man sicherlich noch andere Dinge findet, wie eine privat geschriebene Mail. Das hat der Dame richtig weh getan und es hat sicherlich auch seelisch einen Knacks hinterlassen. […] Und ja…man hat übrigens den Sohn von Gerhard Sturm (Ralf Sturm) mittlerweile aus den Themen in und um Mulfingen herausgenommen, da er sonst zu nah dran wäre…man hat ihn für Themen für die komplette Gruppe benannt…eigentlich nicht schlecht wenn man so bedenkt, aber das hat nur den Hintergrund, dass der Sohn von Gerhard Sturm nicht zu nah an den Themen hier in Mulfingen dran ist. […]“

„Hat sicherlich das Herz von dem Gründer der Firma geblutet“

„Die Firma war eine sehr gute, hat aber viel an Menschlichkeit verloren und mutiert immer mehr zu einem fremden Konzern. […] Zu dem Thema „Umstrukturierung“ hat sicherlich das Herz von dem Gründer der Firma geblutet…weil das absolut nichts mit Menschlichkeit zu tun hat.“

„Die schlechtesten jeder Abteilung haben eine Gesprächseinladung erhalten über einen Aufhebungsvertrag“

Auch Hauke Hannig, Peessesprecher von ebm-Papst, liegt das Schreiben vor. Er sagt gegenüber GSCHWÄTZ : „Ich möchte Ihnen dazu gerne übermitteln, dass wir uns durch Covid-19 in einer außergewöhnlichen Zeit in Gesellschaft und Wirtschaft befinden. Mit unseren Schwerpunkten „Schutz für unsere Belegschaft“ sowie „Sicherung des Unternehmens“ konnten wir bisher die Corona-Krise den Umständen entsprechend gut bewältigen und sind mit unseren AHAL-Maßnahmen (Anm. d. Red.: Hygienemaßnahmen) vorbildlich unterwegs. Dies blendet der anonyme Schreiber gänzlich aus.“

„Wir fahren weiterhin auf Sicht“

Die Redaktion GSCHWÄTZ möchte von Hauke Hannig wissen, inwieweit der Inhalt des Schreibens stimmt. Hauke Hannig hat unsere Fragen sehr schnell und offen beantwortet.

40 Mitarbeiter erhielten Aufhebungsverträge

GSCHWÄTZ: Ist es korrekt, dass sich ebm-Papst im Zuge der Coronakrise von Mitarbeitern getrennt hat?
Hannig: Wir haben im Zuge der Corona-Krise Auflösungsverträge über mehrere Monate mit knapp 40 Mitarbeitern bei ebm-papst Mulfingen abgeschlossen.

GSCHWÄTZ: Wie viel Mitarbeiter hatte ebm-Papst im Januar 2020 und wie viele im Januar 2021?
Hannig: Dezember 2019: 3.693, Dezember 2020: 3.620. Der Reduktion inbegriffen ist insbesondere Rente und Leiharbeit.

„Wir räumen unseren Mitarbeitern zukünftig die Möglichkeit ein, bis zu 80 Prozent ihrer Arbeitszeit an einem Ort außerhalb des Unternehmens zu leisten“

GSCHWÄTZ: Wird es 2021 noch weitere Trennungen von Mitarbeitern bedingt durch die Coronakrise geben?
Hannig: Was die Geschäftssituation von ebm-papst anbetrifft, so holen wir aktuell beim Umsatz nach 30 Prozent im April 2020 wieder auf und haben eine gute Auslastung. Wir hatten das Instrument der Kurzarbeit ab April 2020 angewendet. Bereits im Juli konnten wir dieses wieder komplett aussetzen. Wir fahren weiterhin auf Sicht und bewerten die Lage kontinuierlich neu. Sofern die Lieferketten weiterhin stabil bleiben, sehen wir optimistisch in die Zukunft und können Trennungen ausschließen.

„Grundsätzlich ist Vertrauen bei ebm-papst groß geschrieben“

GSCHWÄTZ: Ist es korrekt, dass Führungspersonen bei ebm-Papst ein Mitarbeiter-Ranking erstellen mussten und wurde dieses Ranking herangezogen bei der Bewertung, wer einen Auflösungsvertrag bekommt?
Hannig: Es ist ein allgemein gängiges Verfahren, dass  Führungskräfte regelmäßig die Leistung ihrer Mitarbeiter bewerten und ihnen Feedback geben.
Grundsätzlich ist Vertrauen bei ebm-papst groß geschrieben. Bereits seit dem Jahre 2014 arbeiten wir im Angestelltenbereich mit einem flexiblen Arbeitszeitsystem ohne Kernarbeitszeit. Hierdurch haben wir unsere Arbeitskultur von einer anwesenheitsgeprägten zu einer ergebnisorientierten Kultur umgestellt und stärken damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich. In einer nun zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat geschlossenen Betriebsvereinbarung zum mobilen Arbeiten, verbessern wir die Vereinbarung der Arbeitstätigkeit und der persönlichen Lebensführung weiter und ermöglichen eine flexible Gestaltung von Arbeitszeit und Arbeitsort im betrieblichen und im privaten Interesse. Als innovativer und fortschrittlicher Arbeitgeber räumen wir unseren Mitarbeitern zukünftig die Möglichkeit ein, bis zu 80 Prozent ihrer Arbeitszeit an einem Ort außerhalb des Unternehmens zu leisten.

Umsatzminus teilweise bei 30 Prozent

GSCHWÄTZ:  Inwieweit hat ebm-Papst, um die finanzielle Handlungsfähigkeit des Unternehmens sicherzustellen, 2020 Kurzarbeit eingeführt? Wenn ja, in welchem Umfang und wie viele Mitarbeiter sind davon betroffen?
Hannig: Wir haben im April bis Juni 2020 Kurzarbeit bei ebm-papst in Mulfingen durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt lagen wir bei einem Umsatzminus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Betroffen waren am Standort rund 1.200 Mitarbeiter des Angestelltenbereichs am Standort in unterschiedlichem Ausmaß.

GSCHWÄTZ:  Wie viel Umsatzrückgang hat ebm-Papst auf das Gesamtjahr 2020 zu verzeichnen? Inwieweit lag dieser Umsatzrückgang in der Coronakrise begründet? Laut internen Papieren rechnet das Unternehmen mit ein bis zwei Jahren, bis wir das Umsatzniveau von 2019/20 wieder erreicht wird.
Hannig: Was die Geschäftssituation von ebm-papst anbetrifft, so holen wir aktuell beim Umsatz nach  Minus 30 Prozent im April 2020 wieder auf und haben eine gute Auslastung. Wir rechnen zum Jahresabschluss am 31. März 2021 mit einem einstelligen Umsatzminus.

Die Fragen stellte Dr. Sandra Hartmann

 




Deutschland droht ab Dienstag der totale Shutdown

Am Dienstag, den 19. Januar 2021, wollen der Bund und die Länder in Deutschland noch härtere Corona-Maßnahmen verabschieden. Das Treffen sollte eigentlich erst eine Woche später stattfinden, doch angesichts der weiterhin zu hohen Coronazahlen wurde der Termin nun vorverlegt.

Ein Blick auf die Divi-Karte mit den Intensivbetten, die in Deutschland mit Coronapatienten belegt sind, zeigt jedoch sinkende Zahlen an, auch im Hohenlohekreis fallen die Werte:

Die Zahlen sinken: Divi-Intensivbettenbelegung durch Covid-Patienten. Stand: 17.01.2020. Quelle: NTV. Screenshot

Divi-Intensivbettenbelegung durch Covid-Patienten. Stand: 17.01.2020. Quelle: NTV. Screenshot

Deutschland: Coronazahlen im Überblick. Quelle: google. Screenshot

Dennoch sollen die Maßnahmen nun noch weiter angezogen werden. Was kommt auf die Bürger in Deutschland zu? Bayern hat bereits die FFP2-Maskenpflicht in Bussen und beim Einkaufen eingeführt. Kritiker bemängeln die Kosten, insbesondere für Geringverdiener und Rentner. Eine Maske koste rund 2 Euro. Hochgerechnet kann das ein Minus von bis zu 60 Euro in die Haushaltskasse reißen, rechnet man eine Maske im Durchschnitt pro Tag. Die Hersteller empfehlen die FFP2-Masken zur einmaligen Verwendung (1 Tag 1 Maske).

Neben Bayern plant auch Österreich mit strengeren Maßnahmen.

Haus nur noch in dringenden Fällen verlassen

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte in seiner Rede vergangene Woche schon darauf hingewiesen, was genau nun von den Bürgern erwartet werde: noch mehr homeoffice, noch weniger Kontakte (wir berichteten). Sprich: Es könnte dazu kommen, das Kontakte zu anderen Haushalten gänzlich untersagt werden. Derzeit darf sich ein Haushalt in Baden-Württemberg noch mit einer weiteren Person und ihren Kindern (bis 14 Jahre) treffen.

Kein Kreis in Baden-Württemberg erfüllt derzeit die Vorgaben

Ein weiterer möglicher Ansatzpunkt wäre, dass die Ausgangssperren nicht erst ab 20 Uhr gelten, sondern bereits ab 18 Uhr oder – das Horrorszenario für viele – auch tagsüber. Doch eigentlich gelte schon jetzt, so Kretschmann, dass die Bürger das Haus nur noch in dringenden Fällen verlassen dürfen.

Das Ziel der Coronamaßnahmen sei, dass der Inzidenzwert auf unter 50 zu drücken (das bedeutet, dass sich wöchentlich nur noch 50 oder weniger Menschen mit Corona infizieren – hochgerechnet auf 100.000 Einwohner. Dadurch wäre eine Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsämter wieder möglich, um eine weitere Verbreitung einzudämmen). Im Hohenlohekreis liegt er aktuell (Stand 15. Januar 2021) mit 92,3 (20 neue Fälle im Vergleich zum Vortag) fast doppelt so hoch. Irritierend ist in diesem Zusammenhang, dass auf der Seite des Regierungspräsidiums (Stand: 17. Januar 2021) zeitgleich für den Hohenlohekreis ein wesentlich niedriger ein Inzidenzwert von aktuell 78,1 angegeben ist. Aber manchmal werden die Daten zeitverzögert gemeldet und so steht manchmal noch der Inzidenzwert des Vortages auf der Seite. Andere Kreise wie der Stadtkreis Heilbronn haben bereits die 200er Marke durchbrochen. Kein Kreis in Baden-Württemberg hat derzeit einen Inzidenzwert von unter 50. Die Frage ist: Wir realistisch ist es, diesen Wert zu schaffen? Und die zweite Frage: Was macht Deutschland, wenn das nicht zu schaffen ist? Verharrt das Land 2021 im Dauer-Shutdown, bis die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist?

Der Hohenlohekreit steht auf der Seite des Regierungspräsidiums noch vergleichsweise gut da hinsichtlich des Inzidenzwertes. Allerdings steht zeitgleich ein höherer Inzidenzwert auf der Hohenlohekreis-Seite.

Sinkende Zahlen auch im Hohenlohekreis. Das zumindest geht aus dem Dashboard des Hohenlohekreises hervor auf der Internetseite corona-im-hok.de vom 17. Januar 2021

Am Samstag, den 16. Januar 2021, gab es laut dem Regierungspräsidium in Stuttgart in Baden-Württemberg weitere 1.873 bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus. Damit erhöhte sich die Zahl der Infizierten im Land auf mindestens 273.834, davon sind ungefähr 228.775 Personen wieder genesen. Die Zahl der COVID-19-Todesfälle stieg laut dem Regierungspräsidium um 39 auf insgesamt 6.088 – bei rund 11 Millionen Einwohnern.

Deutschland beklagt seit Ausbruch der Pandemie rund 46.500 Todesfälle – bei rund 83 Millionen Einwohnern.

Text: Dr. Sandra Hartmann

 




Jetzt heißt es, Arschbacken zusammenkneifen, Herr Kretschmann

Wie lange kann ein Shutdown dauern, bis es nicht mehr gesund für die Bürger ist? Selbst der scheinbar immer sehr merkeltreue und baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich diese Frage nun auch öffentlich bei seinem Video-Pressestatement am Donnerstag, den 14. Januar 2021, zu dem verlängerten Shutdown an Grundschulen und Kitas gestellt. Wann überwiegen die negativen Auswirkungen auf die psychische Belastungsfähigkeit der Bevölkerung gegenüber den Vorteilen einer hoffentlichen Pandemieeindämmung durch den Shutdown? So lautete sinngemäß seine selbst gestellte Frage (im Wortlaut: „die Schäden dürften nicht höher als der Nutzen sein“).

Shutdown: „Schäden dürfen nicht höher als der Nutzen sein“

Kretschmann wisse, dass dieser Shutdown so schnell wie möglich beendet werden müsse und doch konnte er lediglich eine vage Hoffnung in den Raum zeichnen. Man versuche, Kitas und Grundschulen Anfang Februar 2021 wieder zu öffnen. Doch auch dieser Satz wirkt längst nicht mehr als Hoffnungsschimmer bei den Bürgern, wie es vermutlich das Ziel sein sollte. Anstatt den Menschen Sicherheit zu vermitteln, herrscht weitestgehende Unsicherheit über das Ende des Shutdowns. Quo vadis, Kretschmann, quo vadis, Merkel?

Quo vadis, Kretschmann? Die Wahlen kommen

Keiner weiß es und vielleicht wäre das auch gar nicht so schlimm, wenn wir nicht kurz vor den Landtagswahlen und den Bundestagswahlen stünden. Merkel verschwindet im Coronamorgengrauen, während Kretschmann vielleicht abgewählt wird – wie so viele seiner Artgenossen in diesem besonderen Wahljahr 2021. Und genau deshalb müsste es jetzt heißen: Arschbacken zusammenkneifen, Kretschmann. Aber stattdessen hören die Bürger die immergleichen monotonen Phrasen von „wir müssen zusammenhalten“ über „jeder muss sich an die Maßnahmen halten“ bis hin zu: „Ich weiß, dass erfordert jetzt Kraft und zehrt an den Nerven von jedem einzelnen“. Aber an welcher Kraft zehrt es denn am meisten, wenn wir ehrlich sind?

Nach der Pandemie direkt zum Seelenklempner

Doch nicht etwa an den Nerven der vielen  Staatsbediensteten, die nicht selten unkündbar sind. Wenn weniger Arbeit während der Coronapandemie da ist, wird vermutlich auch einfach weniger gearbeitet. Kurzarbeit gibt es nicht. Die Gehälter zahlen die Steuerzahler ja sowieso brav weiter. Diese aber müssen wiederum seit Monaten mit Kurzarbeitergeld leben, mit der Unsicherheit, vielleicht bald ihre Arbeit zu verlieren, mit der Angst vor Corona und mit zusätzlichen Tätigkeiten wie etwa homeschooling, wofür eigentliche Staatsbedienstete angestellt und bezahlt werden.

Das immerselbe Mantra

Darum ist es falsch, ständig und immer wieder das politische Mantra herunterzuleiern: „Wir müssen jetzt alle zusammenhalten.“ Denn im Grunde haben diese extremen Belastungen eben nicht alle gleichermaßen zu tragen. Und wie weit weg viele Politiker von diesen Mehrfachbelastungen sind, das beweist Kretschmann höchstselbst in seiner Predigt, wenn er sagt:  Man möge doch bitte noch mehr homeoffice und homeschooling pflegen und etwa auf die angebotene Schulnotbetreuung verzichten. Äh, wie bitte?

Wie weltfremd scheinen Sie zu sein, Herr Kretschmann?

Pardon, Herr Kretschmann, aber wie weltfremd sind scheinen Sie zu sein? Denn: Nicht alle haben Jobs, die homeoffice möglich machen, nicht alle sind selbst Chef und können bestimmen, wann sie wo wie viel arbeiten. Wie viel Frauen habe durch diese Betreuung zu Hause ihre Arbeit verloren, werden sie verlieren oder finden viel schwieriger zukünftig Arbeit, obwohl sie gut qualifiziert sind? Wer stellt schon gerne neue Mitarbeiter ein, die sich beim nächsten Shutdown gleich wieder ins homeschooling verabschieden?

Massiven Belastungen einer breiten Bevölkerungsschicht

Pardon, Herr Kretschmann, aber mit ihren 72 Jahren scheinen Sie wirklich keine Ahnung zu haben, wie unmöglich es ist, über Monate homeoffice und homeschooling adäquat unter einen Hut zu bringen, ohne am Ende einen Seelenklempner zu benötigen. Sie leben in ihrer männerzentrierten Politikerblase und es wirkt so, als ob sie jeglichen Bezug zu den massiven Belastungen einer breiten Bevölkerungsschicht verloren haben. Nicht selten seien die Langzeitfolgen bei einer Coronaerkrankung schlimmer, als das eigentliche Covid-19, hat mir jüngst jemand gesagt. Bei einer Pandemie ist das bezogen auf das soziale Gefüge sicher genauso naheliegend. Um mit den Worten von Kretschmann höchstselbst zu enden: „Die gesellschaftlichen Schäden eines Lockdowns dürfen nicht höher sein als der Nutzen.“ Halten wir uns daran.

Text: Dr. Sandra Hartmann

Po. Symbolfoto. Quelle: adobe stock

 




„Die nächsten Wochen werden für mich und meine Familie aufregend“

Künzelsaus Noch-Bürgermeister Stefan Neumann möchte einen weiteren Karriereschritt wagen – als Oberbürgermeister in Backnang (wir berichteten). Seine Chancen dort stehen gut, weil er den Rückhalt der CDU Backnang genießt. Was ist aber, wenn er doch nicht gewählt werden sollte? „Das muss man sportlich sehen“, sagt Neumann. „Wenn das nichts wird, dann arbeite ich mit dem Gemeinderat einfach noch sechs Jahre zusammen.“ Aber ist das wirklich so einfach?

Jüngste Querelen

Waren die jüngsten Querelen mit dem Gemeinderat (wir berichteten) eventuell sogar ausschlaggebend für den Wechselwunsch? Nein, beteuert Neumann. „Ich habe andere Anfragen bekommen“, zuletzt zum Jahreswechsel aus Backnang. In der Tat schreiben diverse Medien von Backnang, dass die dortige CDU Neumann gefragt habe, ob er nicht kandidieren möchte. Dadurch stehen seine Chancen für eine Wahl nicht schlecht. Indes kommt sie dennoch zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt. Gerade mal vor zwei Jahren wiedergewählt, 2020 10-jähriges Dienstjubiläum. In der Regel treten Bürgermeister nach einer abgeschlossenen Amtsperiode einfach nicht mehr zur Wahl an, wenn sie nicht mehr möchten oder eine neue Herausforderung suchen. Aber mittendrin das Handtuch zu werfen ist eher ungewöhnlich.

„Mich haben eine Reihe von Anfragen erreicht“

„Mit 38 Jahren und 10 Jahren im Amt des Bürgermeisters in Künzelsau, haben mich im letzten Jahr eine Reihe von Anfragen erreicht. Dies führte dazu, dass ich mir doch über eine Veränderung Gedanken gemacht  und beschlossen habe, einen weiteren Karriereschritt zu planen. So kam die Anfrage aus Backnang für mich zum richtigen Zeitpunkt“, erklärte Neumann. Seine Kinder seien jetzt noch in einem Alter, wo ein Wechsel möglich sei, führt er weiter aus. Das würde schwieriger werden, wenn sie älter sind. Manch ein Bürger fragt sich bei einer solchen Begründung, warum dann der Wechsel nicht vor zwei Jahren erfolgt ist. 2018 war Bürgermeisterwahl in Künzelsau. Neumann hätte einfach nicht mehr kandidieren müssen. Doch zu dieser Zeit sprach er noch davon, was er alles in Künzelsau in den nächsten Jahre in Angriff nehmen möchte: So sollte ein medizinisches Versorgungszentrum aufgebaut werden, nachdem das Krankenhaus unter seinem Zepter 2019 geschlossen wurde. Die großen Baulücken in der Innenstadt sollten mit Wohnungen und einem Supermarkt sowie einem Drogeriemarkt gefüllt werden. Bis heute sind die Projekte nicht annähernd abgeschlossen, ja teilweise nicht einmal richtig begonnen, sondern bleiben Künzelsau als jahrelange Baustellen erhalten.

Neumann schätzt vieles an Backnang, auch die Nähe zu Stuttgart

Die Entscheidung habe die Familie schnell über den Jahreswechsel getroffen, sagt Neumann. Am 14. März 2021 ist bereits die Wahl. „Ab heute  [11. Januar 2021] ist quasi offiziell im Wahlkampf“, sagt Neumann gegenüber GSCHWÄTZ. Am 11. Januar 2021 macht er seine Kandidatur öffentlich und hat aber zu diesem Zeitpunkt bereits eine sehr gut aufgebaute Internetseite, auf der er sich als möglicher Backnanger Bürgermeister präsentiert, der die Mischung zwischen städtischem und ländlichen Leben und die Nähe zu Stuttgart sehr schätze.

Wie präsent ist der Künzelsauer Rathauschef in den nächsten Wochen noch in Künzelsau

„Die nächsten Wochen werden für mich und meine Familie aufregend.“ Der 38-Jährige möchte dabei nicht nur online Wahlkampf machen, sondern auch vor Ort, „um eine möglichst hohe Breitenwirkung zu bekommen.“ Dadurch fragt man sich als Künzelsauer Bürger: Wie präsent ist der Künzelsauer Rathauschef in den nächsten Wochen noch in Künzelsau – und wie präsent war er überhaupt noch in den vergangenen Wochen in der Kreisstadt? Wann und warum entstand der Wechselwunsch wirklich. Vermutlich gab es viele unterschiedliche Gründe. Die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat hat nicht mehr richtig funktioniert, auch im Kreistag wurde es einsam um ihn und auch die Zusammenarbeit  mit dem Landratsamt stand seit Schließung des Künzelsauer Krankenhauses unter keinem guten Stern. Mit Ziehl-Abegg hat er sich überworfen, als er dazwischengrätschte beim Verkauf des Grundstückes in der Würzburger Straße neben dem Edeka und dem Elektrofachmarkt Hem (wir berichteten). Seine Stärken waren und sind seine Familienpolitik und seine bürgernahes Auftreten.

Nach dem Weggeh-Wunsch würde es nicht einfach sein, doch zu bleiben

Wenn er gewählt wird in Backnang, dann ist sich der dreifache Vater sich bewusst: „Oberbürgermeister ist nochmal mehr eine Herausforderung.“ Und wenn es nichts werden sollte in Backnang? „Das muss man auch sportlich sehen. Wenn das nichts wird, dann arbeite ich mit dem Gemeinderat einfach noch sechs Jahre zusammen.“ Dann ist in Künzelsau die nächste Bürgermeisterwahl. Aber ob das so einfach werden würde? Man stelle sich vor, ein Arbeitnehmer bewirbt sich offen auf eine andere Arbeitsstelle und wenn es nichts wird, kehrt er einfach zu seiner alten Firma zurück. Dass das nicht einfach werden würde, weiß Neumann vermutlich selbst am besten. Daher wird es vermutlich so kommen, dass er entweder gewählt wird oder sich einfach weiter nach etwas anderem umschaut, bis sich etwas Passendes auftut. Künzelsau scheint indes keine Zukunftsoption mehr für ihn und seine Familie zu sein.

Text: Dr. Sandra Hartmann




„Bin ich froh, dass ich euch ohne Maske sehe“

Für Eltern, Schüler und Lehrer geht es ab Montag, den 11. Januar 2021, erneut ins homeschooling. Für viele Eltern und Schüler eine Herausforderung (wir berichteten). Nach dem ersten Lockdown 2020 gab es erhebliche Kritik an fehlenden oder nur unzureichenden Homeschooling-Konzepten. Hat sich nun, fast ein Jahr später, etwas getan in dieser Hinsicht? Wir haben mit einer Lehrerin aus dem Kochertal gesprochen, die anonym bleiben möchte. Wir nennen sie hier Marta Keppler. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt. die 54-Jährige Mutter einer fast erwachsenen Tochter, die selbst noch zur Schule geht, hat erzählt, was sich verändert hat und wie nun ihr Unterricht mit den Schülern ausschaut.

„Änderungen kommen manchmal kurzfristig vom Land“

GSCHWÄTZ: Wann erfahren Sie als Lehrerin immer von den Maßnahmen, die Bund und Länder beschließen und die Schulen betreffen?

Keppler: Das kommt manchmal kurzfristig vom Land. Am Dienstag, den 05. Januar 2021, kam die Information und am Mittwoch hat sich jede Schulleitung hingesetzt und überlegt: Wie machen wir das jetzt am Montag weiter? Das sind auch so Kleinigkeiten wie: Wie mache ich die Notbetreuung? Wie verfahren wir mit Klassenarbeiten? Wir schreiben Klassenarbeiten auch trotz des Lockdowns. Diese Arbeiten werden aber in der Schule geschrieben.

GSCHWÄTZ: Nach dem ersten Lockdown gab es massive Kritik seitens Eltern und Schüler, dass es zu wenig Kontakt zwischen Lehrkräften und Schülern während des homeschooling gegeben hätte.

Das müssen die Lehrer jetzt anders machen: die neuen Homeschooling-Richtlinien

Keppler: Das Problem war: Im März 2020 sind wir ja alle reingefallen, da wusste keiner was. Jetzt gibt es Richtlinien. Einmal die Woche muss es mindestens einen persönlichen Kontakt geben. Es muss Stundenplan nach Unterricht erfolgen. Es darf nur noch so viel Aufgaben rausgegeben werden, die man auch im normalen Unterricht macht und nicht mehr. Und dass es nicht reicht, Lösungsblätter zu verschicken, sondern dass es ein individuelles Feedback geben muss. Ich selbst habe immer alles korrigiert bei meinen Schülern, das war viel Arbeit, aber das bringt dann auch etwas. Da merkt man auch, wo die Lücken sind. Das war ein ziemlicher Aufwand, mehr als sonst. Ich habe auch andere Arbeitsaufgaben herausgegeben, da in den Büchern, die wir normalerweise haben, die Lösungen hinten drin stehen. Sonst hätten die Schüler zu Hause einfach die Lösungen nachschlagen können. Sprich: Das normale Unterrichtskonzept, dass man hat, ist erstmal hinfällig. Fernunterricht ist eine völlig andere Art des Unterrichtens. In die Technik musste ich mich auch erstmal einarbeiten.

„In die Technik musste ich mich erstmal einarbeiten“

GSCHWÄTZ: Sie unterrichten ab Klasse neun aufwärts. Ist es ein Vorteil, im homeschooling ältere Schüler zu unterrichten?

Keppler: Es ist einfacher, weil sie oft schon ein Tablet haben, technikaffin sind und sie können auch eigenständig arbeiten.

GSCHWÄTZ: Gab es auch Unterschiede zwischen den Lehrerkollegen während des homeschooling?

„Es gab Unterschiede zwischen den Lehrern“

Keppler: Ja, es gab Unterschiede zwischen den Lehrern. Eine Lehrerin schickte etwa nur kopierte Lösungen, es gab kein Kontakt mit den Kindern, kein individuelles Feedback. Ich erinnere mich an Kollegen, die aber auch doppelt belastet waren mit Grundschulkindern zu Hause oder die sich technisch nicht so gut auskannten. Bei uns wurden Lernplattformen angeschafft und dazu haben wir Fortbildungen bekommen, wie man Videokonferenzen und Aufgaben macht. Im Frühjahr 2020 habe ich mir aber alles selber erarbeitet. Da wurden wir ja quasi ins kalte Wasser geschmissen.

Blätter kopieren noch zeitgemäß?

GSCHWÄTZ: Es gibt nach wie vor noch Lehrer, die in der digitalen Zeit Blätter für das homeschooling kopieren, können Sie das nachvollziehen?

Keppler: Das kann ich schon. Daran hapert es auch manchmal bei uns noch. Es gibt tatsächlich noch Kinder, die zum Beispiel schlechten Empfang zu Hause haben und eben auch Lehrer. Ich persönlich werde die Videokonferenzen von zu Hause machen. Denn wenn alle gleichzeitig Videokonferenzen an der Schule machen, würde das schon auch knapp von der Bandbreite werden. Aber auch so kann es passieren, dass mal ein Schüler wegen einer schlechten Internetverbindung aus einer Videokonferenz fliegt oder dass sie die Videoübertragung ausschalten und man die Schüler nur hört, aber nicht sieht. Denn das klappt dann besser bei einem schlechten Internetempfang. Da ist es dann schon ein Nachteil, wenn man in einem Funkloch wohnt. Um mit den Schülern den persönlichen Kontakt zu halten, haben wir darüber hinaus aber auch einen Messengerdienst, ähnlich WhatsApp.

Was tun, wenn kein Empfang?

GSCHWÄTZ: Wie oft machen Sie Videokonferenzen mit ihren Schülern?

Keppler: Es hängt vom Kurs ab. Manche sind sehr selbstständig, andere weniger und mit denen werde ich öfter Videokonferenzen machen. Da mache ich dann richtig Unterricht. Ich habe schon sehr viel Unterrichtsmaterial digital. Man kann etwa über Zoom den die Bildschirmansicht teilen. Auf der einen Bildschirmseite sehen die Schüler dann mich, auf der anderen Seite etwa die Matheaufgabe, die ich in Powerpoint vorbereitet habe. Ich kann auch kurze Erklärvideos über youtube einspielen oder ein Whiteboard einblenden, auf welchem ich dann eine Aufgabe schreiben und den Schülern auch die Möglichkeit geben kann, die Aufgabe direkt auf diesem Whiteboard zu lösen – also ähnlich wie an der Schultafel. Ich kann da auch Arbeitsräume erstellen. Dann gehen die Kinder in die Übungsphase. Das kann ich bei Videokonferenzen zum Teil auch machen. Max, Friedrich und Hans stecke ich etwa in Arbeitsraum eins. Die sitzen dann zu dritt in einer eigenen Videokonferenz und können von dort auch um Hilfe rufen bei mir oder ich kann auch einzeln helfen, ohne dass die anderen das mitbekommen.

GSCHWÄTZ: Sie scheinen sich richtig auszukennen.

Keppler (lacht): Power Point habe ich das erste Mal im April 2020 aufgemacht. Ich habe viel durch Eigeninitiative gelernt, aber auch durch Kollegen, die erfahrener waren und durch Fortbildungen, die wir nach dem ersten Lockdown bekommen haben. Mit dem Programm Zoom kann man sehr viel machen, mit einem Schüler, aber auch mit 17 Schülern.

GSCHWÄTZ: Also kann ein gut gemachter digitaler Unterricht einen Unterricht im Klassenzimmer bald ersetzen?

„Mathelehrer möglicherweise etwas technikaffiner als ihre Kollegen“

Keppler: Es gibt auch Dinge, die man nicht ersetzen oder kompensieren kann. Ich sitze vor einem stummen Bildschirm mit ganz kleinen Gesichtern. Die Mimik, die Gestik, das Miteinander, das Interagieren fehlt. Es fehlt mir Feedback. Die passiven Schüler entwischen da einem auch ein bisschen. Manche Schüler, die eventuell noch Fragen zu einem Thema haben, trauen sich möglicherweise nicht, in einer Videokonferenz aktiv nachzufragen. Und ich denke, dass manche Fächer vielleicht leichter digital zu unterrichten sind als andere.  Ich habe Physik und Mathe. Die Mathelehrer haben ihren Stoff im ersten Lockdown trotz allen Widrigkeiten durchgekriegt, andere nicht. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir Mathelehrer etwas technikaffiner sind als andere. Auch wenn ich jetzt noch kleinere Kinder zu Hause habe, hätte das nicht so funktioniert. Ich habe dann doch noch mehr Freiräume.

„Vor dem Fernunterricht habe ich keine Angst mehr“

GSCHWÄTZ: Fühlen Sie sich nun besser vorbereitet als beim homeschooling im ersten Lockdown?

Keppler: Vor dem Fernunterricht habe ich keine Angst mehr, aber wenn ein rollierendes System kommt, das heißt, wenn die Klassen geteilt werden sollten und die eine Hälfte sitzt zu Hause oder in einem andern Klassenzimmer – das ist sehr schwierig. Man pendelt immer zwischen zwei Klassen. Ich habe das damals so gelöst, das ich mit zwei Laptops in den jeweiligen Klassenzimmern aufgestellt habe und via Zoom zumindest virtuell immer anwesend war. Zusätzlich bin ich aber trotzdem immer zwischen den Klassenzimmern hin- und hergelaufen.  Geteilte Systeme sind meiner Meinung nach immer schlechter. Besser ist es, entweder ganz ins homeschooling zu gehen oder ganz die Schulen wieder zu öffnen.

GSCHWÄTZ: Was war für Sie eines der prägendsten Homeschooling-Ereignisse 2020?

Keppler: Die erste Videokonferenz mit meiner Abschlussklasse vor den Weihnachtsferien: „Bin ich froh, dass ich euch ohne Maske sehe“, habe ich gesagt und es auch wirklich so gemeint. Ich habe mal wieder Gesichter gesehen. Das hat mich sehr gefreut.

Das Interview führte Dr. Sandra Hartmann

 




Keine Mehrversorgung, lediglich eine Verschiebung

Vor nicht allzu langer Zeit von Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann als Gesundheitscampus angekündigt, gehofft und auch gewünscht. Nun tritt das ein, was viele bereits befürchtet hatten. Als Ausgleich für das wegrationalisierte Krankenhaus öffnet nun ein lange versprochenes MVZ (medizinisches Versorgungszentrum) mit 2 Ärzten, die sowieso schon in Künzelsau praktizieren.

Pilotprojekt Notfallpraxis wurde schnell wieder beendet

Nachdem das Künzelsauer Krankenhaus am 15. November 2019 im Zuge von Sparmaßnahmen des Landes Baden-Württemberg und des Hohenlohekreises geschlossen wurde, da es laut dem Kreistag rote Zahlen schrieb (wir berichteten), kündigte Künzelsaus Rathauschef einen Gesundheitscampus für die Kreisstadt mit einem MVZ im ehemaligen Krankenhausgebäude als Alternative an. Doch bereits die ersten Maßnahmen hierzu waren erfolglos.

Eine Notfallpraxis als Pilotprojekt befanden diverse Kreistagsmitglieder, darunter allen voran Niedernhalls Bürgermeister Achim Beck, für nicht tauglich und beendeten unlängst nach nur wenigen Monaten das Pilotprojekt im ehemaligen Krankenhausgebäude (wir berichteten).

Die Kosten in Öhringen scheinen eine eher untergeordnete Rolle zu spielen

Währenddessen gruben sich Bauarbeiter und Archäologen durch die Untiefen neben dem Öhringer Krankenhausgebäude, da unter der Fläche, auf dem ein neues Krankenhausgebäude für Öhringen und den gesamten Hohenlohekreis entstehen sollte, wertvolle Funde aus der Römerzeit lagerten. Während weiter mit einem spitzen Bleistift in Künzelsau gerechnet wurde und immernoch wird, scheinen die Kosten in Öhringen indes nur eine untergeordnete Rolle.

Ursprünglich sollte das Künzelsauer Krankenhaus erst geschlossen werden, wenn der Neubau in Öhringen fertig ist. Auch dieses Versprechen wurde wie zahlreiche weitere nicht gehalten. I2023 soll der Neubau in Öhringen fertig sein. Im Kreistag fiel diesbezüglich nun der ursprünglich von Künzelsaus Bürgermeister Neumann eingeführte Begriff Gesundheitscampus – allerdings nicht nur Künzelsau, sondern für Öhringen.

BBT Belsebub und Heilsbringer zugleich

Die BBT-Gruppe als Mehrheitseigner des Hohenloher Krankenhauses seit 2019 ist hier Belsebub und Heilsbringer zugleich. Unter der Federführung der BBT zusammen mit dem Hohenlohekreis fiel das Krankenhaus Künzelsau, aber gleichzeitig ließ sie nun ein MVZ im ehemaligen Krankenhausgebäude entstehen – mit sich selbst als Eigentümer. Das bedeutet: die Ärzte, die in das MVZ mit ihrer Praxis ziehen, arbeiten nicht mehr länger selbstständig, sondern als Angestellte der BBT. Das wollen viele Ärzte nicht, erklärte Dr. Krist vor nicht all zu langer Zeit in einem GSCHWÄTZ-Interview.

Mittlerweile haben sich mit dem Allgemeinmediziner Dr. Köhler und dem Gynäkologen Dr. Tischler nun aber doch zwei Ärzte gefunden für das MVZ. Dies bedeutet jedoch keins bessere Gesundheitsversorgung für Künzelsau, da beide bereits in Künzelsau praktizieren.

Ein Mehrwert für Künzelsau stellt dagegen das Hospiz dar, das ebenfalls in das alte Krankenhausgebäude kommen soll, wenn die nötigen Umbauten abgeschlossen sind. Für Sterbenskranke zweifellos ein Segen, so nah sein Hospiz zu haben. Für die alltägliche Gesundheitsversorgung bietet das neue und vollmundig angekündigte MVZ, das ab 2021 an den Start gehen soll, bislang allerdings noch keinen Mehrwert.

Text: Dr. Sandra Hartmann