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„Das Krankenhaus sagte, das Kind sei verwahrlost und müsse aus der Pflegefamilie genommen werden“ – Waldenburger Pflegemutter erhebt schwere Vorwürfe gegen Jugendamt des Hohenlohekreises

„Wir brauchen ein Jugendamt, das genau hinschaut und Familien stärkt und stützt und nicht einfach Kinder rausnimmt“, sagt Barbara Hammer. Die Waldenburgerin erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt in Künzelsau. „Ich habe sechs leibliche Kinder und drei Pflegekinder großgezogen“, sagt sie. Doch obwohl sie rund 25 Jahre zur Zufriedenheit aller mit dem Jugendamt zusammenarbeitete, wurde ihr der jüngste Pflegesohn 2017 weggenommen. Das Jugendamt in Künzelsau äußerte sich auf GSCHWÄTZ-Nachfrage aus Gründen der Schweigepflicht nicht zu dem Fall.

Lauf nach Berlin aus Protest

Die Familie rieb sich in dem Kampf ums Pflegekind auf, der Mann von Barbara Hammer hatte deswegen sogar einen Herzstillstand. Auch ihr selbst habe alles unheimlich zugesetzt. Doch sie kämpft weiter, kann nicht aufgeben. Sie geht auf Demos, schreibt Lieder, die sie auf der Straße singt, verfasst Briefe an Politiker. Im Februar ist sie sogar mit einer Mitstreiterin zu Fuß nach Berlin gelaufen beziehungsweise mit dem Liegerad gefahren. „Der Junge sagt zu mir, Oma hilf mir“, erzählt sie. „Da kann ich ihn doch nicht im Stich lassen.“ Auch wenn es längst nicht mehr nur um den Jungen gehe, sondern um die Sache. „Das Jugendamt behauptet, ich würde nur den Jungen wollen, aber ich habe fünf Enkel, da brauche ich nicht unbedingt noch ein pubertierendes Kind“, erklärt sie.

Pflegeoma bekommt Fürsorge fürs Kind

Der Junge, mittlerweile 14 Jahre alt, ist der Sohn ihrer zweiten Pflegetochter und lebte seit seiner Geburt bei Barbara Hammer. „Die Eltern des Jungen, die auch miteinander verheiratet waren, sind beide behindert“, erzählt die 64-Jährige. Die Mutter sei lernbehindert in Richtung geistig behindert. „Ich würde das aber eher eingeschränkt nennen“, sagt Barbara Hammer. Die Eltern hätten gleich zu Beginn der Schwangerschaft um Hilfe gebeten. Das Jugendamt übertrug der Pflegeoma die Fürsorge für das Kind. Mutter und Sohn lebten bei den Pflegeeltern, der Vater in der gleichen Straße, aber in einem anderen Haus. Der Junge sollte sich zu seiner Pflegefamilie zugehörig fühlen. Die kleine Familie konnte sich jeden Tag sehen, was laut Barbara Hammer „eher zu viel war“. Die Eheleute stritten sich sehr, sie aber wollte ihrer Pflegetochter beibringen, „dass das nicht gut ist“. Doch nach zwei Jahren zog die Mutter zu ihrem Mann, das Kind blieb bei der Oma und durfte seine Eltern jedes zweite Wochenende besuchen. Mittlerweile sind die Eltern geschieden.

Jugendamt als Unterstützung

Barbara Hammer ist keineswegs gegen das Jugendamt. „Wir brauchen ein Jugendamt, das adäquate Hilfe gibt“, sagt sie und plädiert dafür, dass auch leicht behinderte Mütter ihre Kinder behalten dürfen, das Jugendamt nur unterstützend tätig wird. „Diese Mütter müssen die Last erleben, die ein Kind auch mit sich bringt“, erklärt die sechsfache Mutter. Außerdem solle die Hilfe sofort einsetzen, bei Verdacht. Das Ziel sollte nicht die Inobhutnahme der Kinder sein, jedoch sei laut Barbara Hammer jeder 50. Minderjährige fremd untergebracht. Bezahlbarer Wohnraum und ein ausreichender Lohn seien nach ihrer Meinung hier noch die beste Hilfe. Ihre Pflegetochter ist mittlerweile selbstständig und hat eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Besuche einmal im Monat erlaubt

Der Pflegesohn lebt selbst mit einer Einschränkung – „er hat einen IQ von 83“, erklärt die Pflegemutter. Er besuchte die Grundschule in Waldenburg und die Familie versuchte, seine Gehirnentwicklung ohne Nachhilfe aber mittels Klavier- und Tennisspielen anzuregen. „Wenn eine Kind Selbstbewusstsein entwickelt, dann fällt ihm das Lernen leichter“, ist Barbara Hammer überzeugt. Mittlerweile wohnt der Pflegesohn im Diaspora-Haus in Rottenburg/ Neckar. „Das Jugendamt wollte den Jungen so weit weg unterbringen, dass ihn sein leiblicher Vater nicht mehr besuchen kann“, beklagt die Frau. Sie selbst darf den Jungen einmal im Monat begleitet besuchen. Für ihren Mann sind diese Besuche aber zu anstrengend. Seine Mutter darf der Junge besuchen, aber nur wenn die Pflegeoma nicht auch dort ist.

Kind vermisst Pflegefamilie

„Es ist ja kein schlechtes Heim, wo er jetzt lebt“, erklärt Barbara Hammer. „Er sagt, dass es zu 25 Prozent okay dort ist, aber auch, dass er zu 75 bis 80 Prozent zurück zu uns möchte.“ Er vermisse seine Pflegefamilie. Doch seien seither Dinge passiert, die man mit einem Kind nicht mehr aufarbeiten könne. „Eigentlich wollte er immer Busfahrer werden, aber als ihn das letzte Mal eine Lehrerin danach fragte, meinte er, dass er jetzt arbeitsloser Penner werden wolle“, beklagt die Pflegemutter.

Zwei Jahre Kampf

Zwei Jahre kämpften sie und ihr Mann um das Kind. „Uns wurde angekreidet, dass wir ihn mit zur Flüchtlingshilfe nahmen“, erzählt sie. Als der Junge aus der Pflegefamilie genommen wurde, wurde er im Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn untersucht. „Das Krankenhaus sagte, das Kind sei verwahrlost und müsse aus der Pflegefamilie genommen werden“, beklagt Barbara Hammer. „Und das, obwohl uns das Jugendamt 25 Jahre lang bestätigt hatte, dass die Maßnahme geeignet ist.“ Außerdem drehe und wende das Amt alles so, wie es das haben wolle, und reagiere nur schleppend auf Briefe.

„Alles soll Gewinn bringen“

Letztendlich, sagt Barbara Hammer, gehe es nur ums Geld. „Alles soll Gewinn bringen heutzutage“, beklagt sie. Den meisten Gewinn mache am Ende der Investor der jeweiligen Einrichtung. Kinderheime seien hier nicht anders als Pflege- und Altenheime, die ja auch Gewinn machen müssten. „Gut fürs Kind kann man nur mit den Eltern agieren“, sagt sie. „Wenn man ein Kind aus der Familie nimmt, muss man mit den Eltern zusammenarbeiten.“ Deshalb sollte das Jugendamt Begleiter sein. Aber das seien lediglich Bevormunder, klagt sie an. „Die Helfer sind grenzüberschreitend und das darf nicht sein.“ Im sozialen Bereich gebe es viele tolle Prospekte, aber dahinter sehe es anders aus und fast keiner halte sich an die Regeln. Eine Inobhutnahme sollte immer die letzte Option sein. „Aber das wird kaum gemacht“, beklagt Barbara Hammer. „Auch eine schnellstmögliche Rückführung gibt es kaum noch.“ Das habe finanzielle Gründe.

114 Kinder in Hohenlohe außerhalb der Familie untergebracht

Jedoch schreibt Sascha Sprenger vom Landratsamt Künzelsau, bei dem das Jugendamt angegliedert ist, auf GSCHWÄTZ-Nachfrage, dass die Anzahl der Kinder, die im Rahmen der Jugendhilfe fremduntergebracht werden, sich je nach Bundesland sehr stark unterscheide. „Baden-Württemberg ist das Bundesland, das im Vergleich mit allen anderen Bundesländern am wenigsten Kinder im Rahmen der Hilfen zur Erziehung stationär versorgt“, so Sprenger. Die Quote liege je 1000 der Null- bis unter 21-Jährigen bei 7,6 in Baden-Württemberg. Laut Sprenger waren im Jahr 2019 im Hohenlohekreis insgesamt 114 minderjährige Kinder und Jugendliche außerhalb der eigenen Familie untergebracht, etwa die Hälfte davon in Vollzeitpflege.

Vollzeitpflege ist ein Ehrenamt

„Was die Unterbringung in einer Wohngruppe kostet, hängt davon ab, welche Leistung dort angeboten wird“, schreibt Sprenger weiter. „Die Leistungs- und damit auch die Entgeltunterschiede können sich zwischen 4.500 bis zu 10.000 Euro je Monat bewegen.“ Doch Vollzeitpflege sei ein Ehrenamt und das was Pflegeeltern erhalten würden, setze sich zusammen aus dem Sachaufwand und den Kosten für Pflege und Erziehung und ist nach Alter gestaffelt. Für bis zu Sechsjährige gibt es bis zu 848 Euro, für Sechs- bis Zwölfjährige 933 Euro und für Zwölf- bis 18-Jährige 998 Euro. Sprenger weiter: „Darüber hinaus erhalten Pflegeeltern anteilig Kindergeld für die betreuten Pflegekinder“. Die Pflegegelder werden in der Regel jährlich angepasst. Grundlage sind die Empfehlungen des Deutschen Vereins.

„Es ist zunehmend herausfordernder, Familien zu finden“

Gefragt, ob es genügend Pflegefamilien in Hohenlohe gibt, schreibt Sprenger: „Wie in anderen Ehrenamtsbereichen gestaltet es sich auch im Bereich der Pflegefamilien zunehmend herausfordernder, Familien zu finden, die sich vorstellen können, ein fremdes Kind mit seiner Geschichte bei sich aufzunehmen, es zu fördern und zu erziehen“. Ob aber ein Kind in einer Pflegefamilie oder in einer Wohngruppe untergebracht wird, hänge davon ab, welchen Förderbedarf das Kind hat und davon, in welcher Wohnform diesem Förderbedarf am besten entsprochen werden könne.

Der Link zu Barbara Hammers Facebook-Seite: https://www.facebook.com/barbara.hammer.121

Text: Sonja Bossert

Sie ist auf Demos aktiv. Foto: GSCHWÄTZ

Adäquate Hilfe sieht anders aus, sagt sie. Foto: GSCHWÄTZ

Barbara Hammer. Foto: GSCHWÄTZ

Demo gegen Kindesentzug in Heilbronn. Foto: privat

Barbara Hammer geht auf Demos wie hier in Heilbronn. Foto: privat

Demo gegen Kindesentzug in Heilbronn. Foto: privat

Demo gegen Kindesentzug. Foto: privat




Derzeit Mundschutz völlig überteuert – Selbstlose Hilfe in Krautheim – Näherinnen gesucht

„Es ist eine Unverschämtheit von Händlern, die mit Angst Geld verdienen wollen“, regt sich Manuel Landwehr auf. Er betreibt in Krautheim die Firma Landwehr 3D und fertigt seit rund fünf Wochen sozusagen im Stillen sogenannte Face-Shields an. Die verteilt er dann an Ärzte, Krankenhäuser und andere Einrichtungen, die so etwas benötigen – ehrenamtlich. Erst als er an einer Tankstelle sieht, dass der Betreiber einen Mundschutz für 3,99 Euro pro Stück oder 6,99 Euro für zwei Stück verkauft, beschließt er, sein Engagement öffentlich zu machen. Denn der Einkaufspreis für ein solches Produkt liege hier bei unter drei Euro für 50 Stück.

„70 bis 100 Face-Shields stellen wir pro Tag her“

Landwehr druckt die Halterungen der Face-Shields mit seinen 3D-Druckern. Die Folie, die dann noch angebracht werden muss, kauft er zu. „Das ist mittlerweile auch nicht mehr so einfach“, sagt Marco Sturm, einer der Mitstreiter Landwehrs. „Es gibt kaum noch Folie, außerdem haben sich die Preise verdoppelt und verdreifacht.“ Tag und Nacht laufen nun die sieben Drucker im Keller von Landwehrs Haus, 45 Minuten bis zu einer Stunde dauert es, dann spuckt eine der Maschinen eine fertige Halterung aus Plastik aus. „70 bis 100 Stück können wir so pro Tag herstellen“, erklärt der Krautheimer. Herkömmliche Face-Shields sind noch zusätzlich mit Gummi unterlegt, doch darauf verzichtet er: „Ohne Gummi kann man die Face-Shields desinfizieren und so mehrmals verwenden“.

Gesucht werden Menschen, die nähen können

Vor kurzem gründete der 46-Jährige die Facebookgruppe „Hohenlohe vs. Corona“. Er sucht so vor allem Menschen, die nähen können, mit dem Ziel, zusätzlich Nase-Mund-Abdeckungen für bedürftige Menschen anzubieten – ebenfalls kostenlos. Mundschutz dürfe man dazu nicht sagen, weil die medizinisch keinerlei Schutz bieten würden, aber eine Tröpfcheninfektion abhielten. „Ich brauche vor allem Unterstützung von Menschen, die bereit sind zu nähen oder Nachbarschaftshilfe anbieten wollen“, sagt der zweifache Vater. Jede Hilfe sei willkommen. Ebenso versucht er, so in Kontakt zu kommen mit Menschen, die diese Art von Hilfe brauchen.

Stoffe aus Baumwolle

Zehn Mitstreiter hat Landwehr mittlerweile gefunden, darunter ein Näher. Der sitzt in Sinsheim und schickt seine fertigen Masken per Paketdienst nach Krautheim. „Der hat auch den Stoff gespendet“, sagt Landwehr. Der Stoff müsse zu 90 Grad waschbar und sollte deshalb am besten aus Baumwolle sein.

Ein Anschreiben soll auf das Angebot aufmerksam machen

Ein großes Problem sei, Kontakt zu den Abnehmern zu bekommen. Viele Einrichtungen und auch ältere Menschen seien nicht in den Sozialen Netzwerken präsent, bekommen so gar nichts mit von Landwehrs Angebot. „Also telefonieren wir die sozialen Ämter ab, suchen uns die Nummern von Arztpraxen aus dem Telefonbuch und rufen dort an“, sagt Landwehr. Zuerst seien die Reaktionen zurückhaltend gewesen – viele hätten Angst vor Abmahnungen. „Mittlerweile gibt es nur positive Reaktionen“, so der gelernte ITler. Zurzeit planen er und Sturm ein Anschreiben, das sie in den Arztpraxen hinterlegen können, um so auf ihr Angebot aufmerksam zu machen. „Die Mitarbeiter in den Praxen arbeiten bis zum Anschlag und haben keine fünf Minuten, um uns zuzuhören“, erklärt er. „Ein Schreiben könnten sie in Ruhe lesen und sich dann melden, falls sie etwas brauchen.“

„In der Summe kommt da schon einiges zusammen.“

Inzwischen wurden über 3.000 Face-Shields und über 1.000 Savegrabber – gedruckte Teile, um Türklingen oder Lichtschalter nicht anfassen zu müssen – verteilt. Sie gingen unter anderem an diese Bad Mergentheimer Einrichtungen: die Hausarztpraxis Dres. Köber-Zahn-Knödler, die Lungenfacharztpraxis Dres. Heller-Schöne sowie das Caritas Krankenhaus. „Rund 1,30 Euro kostet die Herstellung eines Face-Shields“, sagt er. „Das ist pro Stück nicht viel, in der Summe kommt da aber schon einiges zusammen.“ Momentan finanziert Landwehr das Ganze aus seiner privaten Tasche und aus Spenden. „Erst vor kurzem hat uns ein Privatmann eine größere Summe gespendet“, erzählt er. Rund 40 Stunden pro Woche wendet er für sein Projekt auf – nebenbei fertigt er im Hauptberuf noch 3D-Drucker sowie Zubehörteile dafür. Aber er und seine Frau seien schon immer sozial engagiert gewesen.

Nachbarschaftshilfe soll auch nach Corona weitergehen

„Wir suchen noch ganz viele Menschen, die nähen können“, sagt Landwehr. Ebenso möchte er die Nachbarschaftshilfe ausbauen, um so bedürftigen Menschen die Möglichkeit zu geben, Hilfe zu bekommen – beim Einkaufen, Hund rausbringen oder sonstiges. „Das soll auch nach Corona bestehen bleiben“, plant der umtriebige Mann. Willkommen sind ihm aber auch Spenden von Firmen in Form von Stoff oder Gummibändern. Und wer will, kann sich mit einer Geldspende finanziell beteiligen. Ein Spendenkonto wird zurzeit eingerichtet.

Kontakt

Kontaktmöglichkeiten zu „Hohenlohe vs. Corona“ gibt es über Facebook unter www.facebook.com/groups/569095053960389/, auf der Homepage http://www.hohenlohe-hilft.de, per E-Mail info@hohenlohe-hilft.de, unter Telefon 06294/222 00 26 (auch Anrufbeantworter) oder per Fax 06294/222 00 27.

 

Die Halterungen der Face-Shields werden am 3D-Drucker gedruckt. Foto: GSCHWÄTZ

 

Die sieben 3D-Drucker arbeiten Tag und Nacht. Foto: GSCHWÄTZ




Gaisbach: Digitalisierungspläne ausgebremst

Das Crailsheimer Unternehmen `ingenia – digitale Netze´ wollte in Gaisbach mittels Richtfunk „das Internet dorthin bringen, wo kein Glasfaser liegt und das für andere Anbieter auch nicht lukrativ erscheint“. (Wir berichteten in unserer Ausgabe Dezember 2019). Einige Interessenten waren bei der Infoveranstaltung im November anwesend, viele machten sich Hoffnung auf einen schnellen Internetanschluss.

Ablehnung durch die Stadtverwaltung

Ingenia ist für ihr Angebot darauf angewiesen, Funkanlagen auf öffentlichem Grund errichten zu dürfen. „Wir brauchen von der Stadt Künzelsau keine Bandbreite sondern Infrastruktur – also vorzugsweise den Wasserturm und ein städtisches Grundstück südlich von Gaisbach“, schreibt Sascha Nagel von ingenia auf eine GSCHWÄTZ-Anfrage. Doch die Signale der Stadtverwaltung Künzelsau fielen alles andere als positiv aus. So schrieb Sascha Nagel bereits im Februar 2020: „Leider sind die Meldungen im Moment nicht positiv. Wir haben bei der Stadtverwaltung angefragt, ob wir den Wasserturm anmieten dürfen. Dieser wäre aufgrund der Lage und Höhe ein idealer Standort. Von dort haben wir am 5.2.2020 leider eine Ablehnung erhalten. Begründet wurde die Ablehnung damit, dass die weitere Nutzung des Wasserturms offen ist.“

Stadt bevorzugt Kabelversorung

Laut Elke Sturm von der Stadtverwaltung Künzelsau sagte diese deshalb Nein zur Nutzung des Wasserturms, weil momentan „noch nicht klar ist, ob und gegebenenfalls wann dort eine Sanierung durchgeführt wird“. Diese Information hätten die Mitarbeiter der KünWerke auch der Firma ingenia gegeben. Außerdem setze die Stadt Künzelsau beim Ausbau der Internetversorgung auf Kabelversorgung vor Funktechnologie, wie aus einer Stellungnahme der Stadtverwaltung an das Unternehmen ingenia hervorgeht. Weiter hieß es, die Stadt Künzelsau wolle ihr Netz 2021 europaweit neu ausschreiben, dann könne sich ingenia ja bewerben. Der E-Mail-Verkehr zwischen Stadtverwaltung und ingenia liegt GSCHWÄTZ in Auszügen vor.

Keine öffentlichen Grundstücke vermieten

Sascha Nagel dagegen erklärt: „Wir habe dann gefragt, ob es andere Standorte auf dem Betriebsgrundstück oder anderen öffentlichen Grundstücken geben könnte. Auf unser direktes Nachfragen hin kam dann leider die Aussage, dass man keinerlei öffentliche Grundstücke zur Errichtung von Funkstationen an uns vermieten möchte. Man möchte keine Konkurrenzsituation zur NeckarCom schaffen“. Er glaubt, dass ingenia den Wasserturm nicht erhalten hätte, egal welche künftige Nutzung hierfür vorgesehen wäre.

Breitband-Infrastruktur für alle Anbieter nutzbar

Die Stadtverwaltung Künzelsau dagegen schreibt, dass die Anfrage von ingenia noch in der Prüfung sei. „Grundsätzlich haben aber alle Anbieter – wie auch die Firma Ingenia – die Möglichkeit, die vorhandene Breitband-Infrastruktur in Künzelsau und den Stadtteilen barrierefrei zu nutzen“, so Elke Sturm weiter. Das wäre im Digitalnetz-Gesetz geregelt, der Open Access-Verpflichtung. So könnte auch ingenia allen Einwohner in ganz Künzelsau, also nicht nur den Gaisbachern, ein Breitbandangebot machen. Allerdings müsste sich das Unternehmen dazu mit der Neckarcom (jetzt NetCom) abstimmen.

Jährlich 400.000 Euro für Breitbandausbau

Die Firma NetCom bietet laut Stadtverwaltung seit 2012 „in den angeschlossenen Ortsteilen momentan nahezu flächendeckende Versorgung mit bis zu 50 Mbit/s beziehungsweise bis zu 100 Mbit/s“ an. In einigen Ortsteilen und Gewerbegebieten seien bereits die Glasfaserleitungen bis in die Häuser und Grundstücke gelegt worden. Rund drei Millionen Euro habe die Stadt seither für den Breitbandausbau investiert und in den kommenden Jahren wären jährlich weitere 400.000 Euro eingeplant. „Die Stadtverwaltung Künzelsau baut die Breitbandversorgung (Glasfaser) auch weiterhin sukzessive im gesamten Stadtgebiet aus“, so Elke Sturm weiter. Betreiber des Glasfasernetzes sei NetCom. Wenn Straßenbaumaßnahmen stattfinden, verlege die Stadt Leerrohre für Breitband und Glasfaser mit. Wie dem Schreiben der Stadtverwaltung an die Firma ingenia zu entnehmen ist, wurde im Rahmen einer Fragerunde an alle Ortschaftsräte zudem festgestellt, dass bisher nur ganz vereinzelt von Gaisbacher Bürgern (Teilorte eingeschlossen) der Wunsch nach einer leistungsstarken Internetversorgung an das Gremium herangetragen wurde.

Projekt liegt auf Eis

Letztendlich fürchtet Sascha Nagel, dass ingenia hier nicht weiterkommen wird und das Projekt Gaisbach nicht umsetzbar sei trotz der positiven Resonanz und dem großen Interesse der Bevölkerung. Man habe auch eine Anfrage an die Firma Würth gestellt. Doch selbst eine Gestattung von dort helfe nicht weiter, da von dort aus nur ein Teil des Gebietes erreicht werden könne. Zudem komme man zum Unternehmen Würth auch wieder nur per Funk und dazu bräuchte ingenia wiederum ein kommunales Grundstück bei der Schule. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt: „Wir sind offen für Anregungen aus der Bevölkerung, wie dieses Projekt doch noch umgesetzt werden kann“, so Sascha Nagel. Aktuell aber habe ingenia das Projekt auf Eis gelegt.

Home-Office als Wiedereinstieg

Bei home office kann eine schlechte Internetverbindung ein großes Ärgernis sein.




„Eine weitere Woche halte ich noch durch“ – aus dem Alltag einer Corona-Patientin in Gaisbach – Virenübertragung bei einem Nachbarschaftsplausch?

Anna Maier* klingt atemlos, als sie sich am Telefon meldet. Seit über einer Woche ist die Gaisbacherin krank. Sie leidet unter Atemnot, hat starke Gliederschmerzen, Husten und Kratzen im Hals. Das Fieber ist zwischenzeitlich wieder abgeklungen, Schnupfen hatte sie keinen. Zwischenzeitlich ging es ihr etwas besser, jetzt aber wird es wieder schlechter. Ihre Hausärztin vermutete gleich, dass sie sich mit dem Corona-Virus infiziert haben könnte. Deshalb war sie am vergangenen Dienstag in der Abstrichstelle in Belzhag, um sich testen zu lassen.

Virenübertragung bei einem Nachbarschaftsplausch?

Woher sie die Infektion haben könnte? Das weiß die 73-Jährige auch nicht. Etwas ratlos erzählt sie, dass sie sich in den Tagen, bevor sie krank wurde, rund 20 Minuten mit einer Nachbarin auf der Straße unterhalten hatte. Diese Frau hat ihr ein paar Tage später am Telefon berichtet, dass sie am Corona-Virus erkrankt sei. Aber ob es bei diesem Nachbarschaftsplausch zur Virenübertragung gekommen ist, kann sie auch nicht sagen. 

Eine Woche bis zum Test – „Das Eingesperrtsein wird langsam schwer“

„Es hat eine Woche gedauert von der Überweisung durch meine Hausärztin, bis ich endlich einen Termin in der Abstrichstelle hatte“, erzählt Anna Maier weiter. Aber, meint sie, die Leute dort können wahrscheinlich auch nichts für die lange Dauer. Die würden ja tun, was sie können. Auch das Testergebnis lässt auf sich warten. Also heißt es jetzt es für die Patientin abwarten. Auch wenn das Eingesperrtsein langsam schwer werde, Besuch nicht ins Haus dürfe. Zuvor hat sie regelmäßig im Tafelladen in Künzelsau gearbeitet. „Ich bin ja seit über einer Woche Zuhause“, sagt die Gaisbacherin, die eigentlich ein kontaktfreudiger Mensch sei. Lediglich ihr Lebenspartner, der zwar noch gesund, aber in Quarantäne sei, leiste ihr Gesellschaft. „Eine weitere Woche halte ich jetzt auch noch durch und dann ist das hoffentlich vorbei“, macht sie sich Mut.  

„Ich habe nicht mit der Krankheit gerechnet“

Doch was tut sie in dieser Zeit, in der sie maximal auf die Terrasse ihres Hauses darf? „Ich lese viel, kümmere mich um den Haushalt und telefoniere häufig“, erklärt sie. Langeweile komme bei ihr trotz allem nicht auf. Außerdem sei sie immer so erschöpft und müde, sie gehe deshalb häufig schon um 20 Uhr abends ins Bett. „Sonst gehe ich selten vor 1 Uhr morgens schlafen“, sagt sie. Die Einkäufe erledigten ihr Bruder und seine Frau, die gleich ums Eck wohnen. „Die fragen häufig, ob ich was brauche“, so die Gaisbacherin. Aber sie hätte vorher schon eingekauft und vorgekocht – „falls doch was sein sollte“. Allerdings nicht gehamstert, darauf legt sie Wert. Sie hat sich vorbereitet, auch wenn sie „eigentlich ein ganz gesunder Typ“ sei. Dass sie krank werden könne, damit habe Anna Maier überhaupt nicht gerechnet. Alle ihre Geschwister hätten irgendwelche Krankheiten, die mit dem Alter kommen. Nur sie sei von Bluthochdruck, Herzproblemen, Krebs und Co. verschont geblieben. Die Ironie dabei: Keins ihrer Geschwister hat sich bislang mit dem Corona-Virus infiziert. Allerdings würden diese seit Ausbruch der Krise auch nicht mehr vor die Tür gehen.

*Name auf Wunsch geändert. Der Redaktion ist der Name bekannt.

 

 




Schulleiter ohne Schüler – Ein Besuch in der Bischof-von-Lipp-Schule in Mulfingen – Keine Nachfrage bei geplanter Notfallbetreuung

Es ist sehr still an der Bischof-von-Lipp-Schule in Mulfingen. Keine Schüler rennen über die Gänge, keine Lehrer eilen in die Klassenzimmer, kein Laut ist zu hören. Die Schule hat aufgrund des Corona-Virus‘ wie alle anderen Schulen in Baden-Württemberg geschlossen. Lediglich Schulleiter Johannes Dirnberger und die Schulsekretärin sind abwechselnd vor Ort. Das Lehrerkollegium ist von Zuhause aus aktiv. Eine eigentlich geplante Notfallbetreuung gibt es nicht im Haus – die wurde laut dem Schulleiter nicht nachgefragt.

Fernwartung: „Wie bekommen den Unterricht hin?“

„Wir sind da ganz ruhig reinmarschiert“, erklärt Johannes Dirnberger. Die Schule habe mit einer Schließung gerechnet und sei sehr gut vorbereitet gewesen. „Das Lehrerkollegium hat das gut gemacht.“ Lediglich über den Zeitpunkt der Schulschließungen durch die Landesregierung sei er unglücklich. „Besser wäre gewesen, das vormittags und nicht nachmittags um 14 Uhr bekanntzugeben“, kritisiert er. Die Reaktion der Eltern und Schüler? „Ich habe in den vergangenen Tagen viele Rückmeldungen erhalten, dass Eltern von zuhause aus arbeiten, Stunden reduziert haben, frei nehmen oder Überstunden abbauen, um die Betreuung sicherzustellen“, sagt der Schulleiter.

Die Eltern versuchen mit Überstundenabbau und home Office das Ganze irgendwie zu managen

Die Großeltern gehörten ja zur Risikogruppe und sollten deshalb nicht mehr so oft mit ihren Enkeln zusammenkommen. Und natürlich hätte sich mancher Schüler über die vermeintlichen Zusatzferien gefreut. Es sei aber allen klar gewesen, dass sie auch Zuhause arbeiten müssten. Man habe frühzeitig mit der Schließung gerechnet. Viele Lehrkräfte der privaten Gemeinschaftsschule wohnen im Main-Tauber-Kreis. „Dort hatten einige Schulen teilweise bereits über eine Woche geschlossen“, berichtet der Schulleiter weiter. Aufgrund dessen hätten sie sich gefragt, was sie selbst tun würden in so einer Situation. Also wurde ein Notfallplan erstellt und täglich weitergeschrieben. Die Schüler nahmen bereits ab Mittwoch jeden Tag ihre Schulsachen mit nach Hause, um sie am nächsten Morgen wieder mitzubringen. „Wir sind jeden Nachmittag nach Hause, als wenn am nächsten Morgen keine Schule mehr wäre“, erzählt Dirnberger. Deshalb konnten Kinder und Lehrer bereits ab dem 16. März zuhause bleiben.

Beim Lernen zu Hause zeigt sich, wie schnell das Internet ist

Jetzt erhalten die 234 Schüler in den Klassen fünf bis zehn ihre Aufgaben über den Schulserver Iserv. Für Kinder, die keinen Internet-Zugang haben – auch das gibt es – geht das Ganze per Whatsapp. Seit vier Jahren bekommen die Schüler der Gemeinschaftsschule ab Klasse sechs leihweise einen Laptop. „Wir nutzen Iserv sowieso, die Schüler sind das also gewohnt“, erklärt der Schulleiter. Lediglich mit den Fünftklässlern habe man den Umgang damit noch üben müssen.

Nun gelte es, auch neuen Stoff zu lernen

Nun werde der Stoff der jeweiligen Fächer weitergeführt. Man könne ja nicht drei Wochen lang nur Wiederholungen machen. So würde zwar Zeit verloren gehen, aber keine drei ganze Wochen. Zusätzlich haben die Lehrer Zugriff auf einen schulinternen Server, auf dem alles Schulorganisatorische hinterlegt ist. „So kann jeder Lehrer auf die Kontaktdaten seiner Schüler zugreifen“, sagt der Schulleiter. Denn mancher Schüler bräuchte durchaus auch mal eine Extra-Aufforderung, sich an seine Aufgaben zu setzen.

„Die Situation ist recht spannend“

„Die Situation ist recht spannend“, findet der Schulleiter. „Auch wir lernen ständig dazu.“ Jeden Morgen bis spätestens acht Uhr müssen die täglichen Aufgaben für die Kinder online sein. Im Moment wird überlegt, ob es nicht besser wäre, das bereits bis um 18 Uhr am Vortag zu erledigen. Die Kinder bekommen ein Zeitlimit gesetzt, bis wann die Aufgaben erledigt und die Lösungen an den jeweiligen Lehrer zurückgeschickt sein müssen. In den Fächern Sport, Kunst und Musik gibt es nun Theorie statt praktischer Anwendungen. Für zusätzliche Erklärungen des Stoffes geben die Lehrer ihren Schülern Links zu Videos auf Youtube oder die Homepage simple club.

Allerdings müssten die Eltern dahinterstehen und sich von ihren Kindern zeigen lassen, was an Aufgaben ansteht. Jeder Schüler hatte bereits vor Corona ein Lerntagebuch, in das er die Aufgaben und Termine einträgt. Auch die Eltern bekommen darüber einen Überblick. „Wir stehen in ständigem Kontakt mit den Eltern“, sagt Dirnberger. Die erhielten bereits vorher Informationen über Elternbriefe. „Wie kriegen wir den Unterricht hin?“, sei eher die Frage gewesen. Nun gehe es mehr um Kleinigkeiten: Braucht es mehr Erklärungen, machen wir zu viel oder zu wenig? „Das sind aber Feinjustierungen“, ist er überzeugt.

Die Abschlussklasse sei unruhig, so der Schulleiter

Doch was macht ein Schulleiter in einer Schule ohne Kinder und Lehrer? Johannes Dirnberger ist täglich von acht bis zwölf Uhr vor Ort und hat auch so gut zu tun. In der Zeit ist die Schule gesichert für Publikum geöffnet, das Telefon klingelt häufig. „Am Montag mussten noch Fragen zu Organisatorischem abgeklärt, die Facebook-Seite der Schule eingerichtet und ein Elternbrief verschickt werden“, erklärt er. Eine Familie aus einer Nachbargemeinde war in Quarantäne und brauchte einen neuen Termin für die Schulanmeldung eines Kindes. Ein anderes Kind hat das Ladekabel für seinen Laptop in der Schule vergessen.

Dirnberger hat es im Foyer bereitgelegt, damit die Familie es abholen kann ohne direkten Kontakt zu ihm oder der Sekretärin. Außerdem brennt dem Schulleiter die Frage unter den Nägeln, was mit der Abschlussklasse passieren wird. Gleich nach den Osterferien waren die Prüfungen der Zehntklässler angesetzt, bis dahin sollte auch deren Jahresleistung eingereicht sein. Jetzt fallen durch die Schulschließung etliche Klassenarbeiten aus. „Die Zehntklässer sind unruhig“, berichtet Dirnberger. „Viele waren am Montag noch hier im Haus, weil sie wissen wollten, wie es für sie nun weitergeht.“ Ein Gedanke war, die Schüler in Kleingruppen kommen zu lassen, damit die ihre Arbeiten weit auseinandergesetzt in der Sporthalle schreiben können. Eventuell komme aber auch eine Präsentation oder ein Portfolio infrage. Letztendlich müsse diese Entscheidung aber das Kultusministerium in Stuttgart treffen.

 

 

Der leere Eingangsbereich der Bischof-von-Lipp-Schule. Foto: GSCHWÄTZ

Schulleiter Johannes Dirnberger im leeren Foyer. Foto: GSCHWÄTZ




Öhringer Krankenhaus in Corona-Zeiten – Keine Spur von Aufregung

Es ist ziemlich ruhig an diesem frühen Dienstag, den 17. März 2020, vor dem Hohenloher Krankenhaus in Öhringen. Nur wenige Autos stehen auf den Parkplätzen, so nach und nach trudeln Mitarbeiter ein. Sie begrüßen sich lachend, unterhalten sich, winken einander zu. Ein einsamer Patient sitzt vor der Tür und raucht. Von Corona-Virus-Aufregung hier keine Spur.

Krankenhaus für Besucher zu

Aber der Eingang ist geschlossen, die große Türe öffnet sich nicht mehr. Auf einem Schild an der Tür steht, dass „aufgrund einer amtlichen Bekanntmachung das Krankenhaus grundsätzlich von Besuchern nicht mehr betreten“ werden darf. Ausnahmen sind lediglich „Behandlungsbedürftige und die Begleitung Sterbender“. Das LimesCasino ist nur noch für Krankenhaus-Mitarbeiter geöffnet. Und das auch nur bis 13.45 Uhr. Ins Krankenhaus selbst kommt man nur rein, wenn man klingelt. Dann muss man den Nebeneingang benutzen.

Kein separater Wartebereich für Corona-Verdachtsfälle

Kommt ein Corona-Verdachtsfall, muss er direkt neben (!) der Eingangstür warten und die auf einem Schild angegebene Telefonnummer anrufen. Unter der gibt es dann Informationen zum weiteren Vorgehen. Irgendwo separat und getrennt von den anderen Passanten zu warten, geht da aber nicht beziehungsweise es ist zumindest auf den ersten Blick nichts erkennbar.

Keine besonderen Maßnahmen

Keine der Personen, die durch die Krankenhaustür rein- oder rauskommen, trägt einen Mundschutz oder Handschuhe. Schaut man durch das Fenster, erkennt man Leute an der Empfangstheke und andere, die durchs Foyer gehen. Auch von ihnen scheint niemand besondere Schutzmaßnahmen vor dem Corona-Virus ergriffen zu haben.

Ein ruhiger Morgen vor dem Öhringer Krankenhaus. Foto: GSCHWÄTZ

 

Besucher dürfen nicht mehr ins Öhringer Krankenhaus. Foto: GSCHWÄTZ

 

Das LimesCasino ist nur noch für Krankenhaus-Mitarbeiter geöffnet. Foto: GSCHWÄTZ

 

 

 




Recycling mit Herz

Müllvermeidung, Wiederverwertung und Selbermachen sind für die Kreßbergerin Susanne Strang ein Herzensthema. Deshalb haucht sie alten Dingen neues Leben ein und hält Vorträge zum Thema Plastik.

Vorträge zum Thema Plastik

Sie gibt gerne ausgemusterten Dingen eine neue Bedeutung und fertigt Sachen, die nicht bloß zur Deko sondern auch anderweitig verwendbar sind. „Viele Dinge wie alte Stoffe vermodern nur im Schrank“, sagt Susanne Strang. „Das ist doch schade.“ Die selbstständige Fußpflegerin macht gerne Handarbeiten und bezeichnet sich selbst als sehr kreativen Menschen. Bereits im Alter von zwölf Jahren hat sie „angefangen, Sachen selbst zu machen“. Und weil ihr Müll- und Plastikvermeidung sowie Recycling ein Herzensthema sind, schritt sie zur Tat: Im Internet sah die heute 51-Jährige aus Kreßberg bei Crailsheim herzförmige Kissen, die der Nackenentlastung dienen. Sie begann, solche Kissen zu nähen und verkauft sie seit ein paar Jahren auf Weihnachts- und Kreativmärkten. „Die Kissen haben einen Nutzen und sehen auch noch hübsch aus“, sagt sie. „Das rundet das Ganze ab.“

„Die Kissen haben einen Nutzen und sehen auch noch hübsch aus“

Im heimischen Näh- und Bastelzimmer arbeitet die zweifache Mutter am liebsten mit Cord und Baumwolle. Alten Damast mag sie aber auch. „Der Stoff soll waschbar und stabil sein“, sagt sie. Immer zwei verschiedene Stoff e – einer gemustert und einer unifarben – fügt sie zu einem Kissen zusammen. Schnitt und Größe sind bei allen Exemplaren gleich. Es gibt lediglich optische Unterschiede, das Grundprinzip ist aber das gleiche. Auf Wunsch kombiniert sie ein Herz auch aus Kontrastfarben. Die Füllung ist aus Hochflauschwatte, denn die sei antiallergisch und bei 30 Grad waschbar. „Diebleibt fluffi g und stabil“, sagt sie. „Ich arbeite ungern mit Sachen, die mich unzufrieden machen“. Da sei sie Perfektionistin. Zum Waschen sollte man die Kissen lediglich noch in einen Kissenüberzug stecken.

Für die nächsten Märkte hat sich Susanne Strang überlegt, ihren Herzen eine Anleitung beizulegen. Denn die Nutzung ist nicht so ohne Weiteres klar: Für die richtige Nackenentlastung werden die Herzen “verkehrt herum“ hingelegt. Das heißt, die Spitze zeigt nach unten, die Rundungen nach oben.

Auf Märkten wie in Künzelsau kann man die Kissen kaufen

Rund 1,5 bis zwei Stunden benötigt Susanne Strang für ein Kissen. „Das Ganze ist aber bloß ein Hobby und darf nicht in Stress ausarten“, so die Hobbynäherin. Etwa drei bis fünf Märkte besucht sie im Jahr – und genießt das: „Das ist schön für Kontaktfreudige.“ Sie wohnt zwar heute mit ihrer Familie in Kreßberg, ist aber vorher „wie ein Wandernomade mein Leben lang umgezogen“. Deshalb geht sie gerne und off en auf andere Menschen zu. Und hat auch schon festgestellt, „wie unterschiedlich die Menschen von Region zu Region sind“. Auf jeden Markt nimmt sie 16 bis 20 Kissen mit, die sie auch fast alle verkauft. Mehr gehe nicht ins Auto, weil die Kissen wahnsinnig viel Platz wegnehmen würden. „Ich verkaufe, so viel ich nähen kann“, sagt die Bastlerin. Zwei bis drei Monate Vorlaufzeit benötige sie jedes Mal, weshalb sie die Märkte, an denen sie teilnimmt, gleichmäßig übers Jahr verteilt. Susanne Strang probiert auch immer wieder Neues aus – was sich schlecht verkauft oder nicht lohnt, wird wieder aussortiert.

„Der Aufwand für die gehäkelten Spüllappen war zu groß, das lohnte sich nicht“

„Der Aufwand für die gehäkelten Spüllappen war zu groß, das lohnte sich nicht“, aber ihre selbst gefärbte Wolle verkaufe sich gut. Überhaupt fi ndet sie, dass der Trend zu Tüchern und Schals gehe. „Handarbeit wird wieder mehr wertgeschätzt und das finde ich schön“, sagt sie. Weil sie selbst allergisch ist, „gegen alles, was haltbar ist“, hat sich Susanne Strang früh mit dem Thema Ernährung und Haut beschäftigt.

„Wir rotten uns noch selbst aus“

Zuhause in Kreßberg hat sie eine Seifenküche, in der sie fast alles selbst macht. Dazu gehört für sie auch die Beschäftigung mit Plastik und wie man es vermeidet. Aus diesem Wissen heraus ist das Buch „Nachhaltig und plastikfrei“ entstanden. In Vorträgen und Workshops bei der Volkshochschule zeigt sie seit ein paar Jahren Hintergründe auf, gibt Tipps, wie man Plastik vermeidet und was man alles selbst machen kann. „Da läuft einiges schief zur Zeit“, fi ndet die 51-Jährige. Alles sei ein Kreislauf und wir würden alles zurückkriegen. „Wir rotten uns noch selbst aus“, befürchtet sie. Der Mensch sei ein Gewohnheitstier und lasse sich von Werbung beeinflussen. „Aber bestimmte Dinge sieht man nur, wenn man sich damit beschäftigt“, meint sie. Deshalb hält sie nun auch einen Vortrag für Eltern von Kindergartenkindern und überlegt, eventuell weiter in diese Richtung zu gehen. Schließlich gebe es noch so viel zu lernen.

Vorträge von Susanne Strang kann man per E-Mail buchen: Nachhaltig-und-Plastikfrei@gmx.de

Diese Kissen stellt Susanne Strang selbst her. Foto: GSCHWÄTZ

Foto: GSCHWÄTZ

Herzig. Foto: GSCHWÄTZ




Ziehl-Abegg/Corona: „Lkw-Fahrer aus Italien bekommen gleich eine Schutzmaske“

Corona-Virus überall. In diesen Tagen und Wochen beschäftigt kaum etwas die Menschen so sehr wie diese Lungenkrankheit. Sie beherrscht die Nachrichten und die Gespräche. Wegen ihr werden Fußball-Spiele vor Geisterkulisse ausgetragen, Großveranstaltungen abgesagt und die Kunden machen Hamsterkäufe. Welche Auswirkungen aber hat die Lage auf die Firmen in der Region, von denen viele Handelspartner in aller Welt haben? Wir haben beim Ventilatorenhersteller Ziehl-Abegg nachgefragt. Der hat unter anderem eine Niederlassung in Dolo in Venetien, das im norditalienischen Risikogebiet liegt. Dort arbeiten laut einer Pressemitteilung 42 Mitarbeiter in Montage, Logistik und Verkauf. Zwei bis drei Lkw machen sich wöchentlich mit fertigen Produkten von Schöntal-Bieringen zu Ziehl-Abegg Italien auf den Weg.

„Die Lage ist noch bedrohlich“

„Für uns ist die Lage noch nicht bedrohlich“, sagt Rainer Grill, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Firma Ziehl-Abegg. Das Unternehmen hätte 2019 ein gutes Geschäftsjahr gehabt. „Wir kommen also aus einer guten Basis.“ Aus wirtschaftlicher Sicht gebe es keine Einschränkungen. Der Verkehr von Waren und Produkten laufe normal weiter. „Es gibt Länder, wo es ganz gut läuft“, so Rainer Grill weiter. „Aber natürlich merken auch wir, dass die Weltwirtschaft gerade langsamer läuft.“ 

„Das hemmt den Betrieb nicht“

In China sei die Regulierung durch den Staat viel stärker, in Italien dagegen betreffen die Einschränkungen eher das Privatleben der Menschen. „Das macht natürlich schon was“, meint Rainer Grill. „Wenn der Kindergarten oder die Schule schließt und die Eltern haben niemanden, der auf die Kinder aufpasst, bleiben sie eben zuhause.“ Aber das sei eher wie bei einer Grippewelle, das hemme den Betrieb nicht. Ob die Maßnahmen der Staaten verhältnismäßig seien, könne er nicht beurteilen. „Das steht uns auch nicht zu und sowas weiß man immer erst hinterher.“

„Das sind wir unseren Mitarbeitern schuldig“

Konkret habe das Unternehmen ein ganzes Maßnahmenbündel ergriffen und unter anderem einen Corona Krisenstab eingerichtet. „Das sind wir auch als Unternehmen den Mitarbeitern schuldig“, so der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. So wurden Vertreterbesuche bis auf Weiteres auf ein notweniges Maß reduziert – auch innerhalb von Deutschland. Schulungen, die nicht unbedingt notwendig sind, sollten die Mitarbeiter nicht besuchen. „Aber wenn bei einem Mitarbeiter eine Prüfung ansteht, beispielsweise zum Techniker, kann er diese auch jetzt ablegen“, sagt Rainer Grill. Aufgehängte Plakate sollen die Mitarbeiter ans Händewaschen und Abstandhalten erinnern. „Und fährt ein Lkw-Fahrer aus Italien auf den Hof, bekommt er gleich eine Schutzmaske.“

Mehrere Mitarbeitern arbeiten von Zuhause aus

Der Vorstand des Unternehmens hat laut einer Pressemitteilung verschiedene Beschlüsse getroffen, die besonders Mitarbeiter betreffen, die seit dem 24. Februar 2020 in Südtirol oder einem anderen Risikogebiet waren. So seien mehrere Mitarbeiter nach Hause geschickt worden und arbeiten jetzt teilweise im Homeoffice. Zwei Mitarbeiter mussten auf Corona getestet werden, das Ergebnis fiel negativ aus.

„Bisher wurden noch keine Mitarbeiter angesteckt“

Reisen nach Italien beziehungsweise von dort zu Ziehl-Abegg sollten im Moment vermieden werden. Mitarbeiter, die privat in ein Risikogebiet reisen, müssen sich nach ihrer Rückkehr auf Corona testen lassen. Die Kosten dafür tragen die Betroffenen selbst. Wer keinen Test machen möchte, muss zwei Wochen zuhause bleiben. Dafür gibt es laut der Pressemitteilung auch keine Lohnfortzahlung, sondern das ist unbezahlte Freistellung. Alternativ könne aber auch Gleitzeit oder regulärer Urlaub genommen werden.

„Wir sind bisher verschont geblieben“

„Insgesamt sind wir froh, dass wir bisher verschont geblieben sind und weder in China noch in Italien oder Deutschland Mitarbeiter angesteckt wurden“, freut sich der Ziehl-Abegg-Mann. Aber bis jetzt wisse auch noch niemand, wie sich die Lage noch weiterentwickelt.

 




„Mittleres Hochwasser“ in Niedernhall, Weißbach, Künzelsau, Forchtenberg und Ingelfingen

Viel Schnee gab es in diesem Winter bisher noch nicht. Dafür regnet es seit Tagen, dieser wechselt sich ab mit Graupelschauer, Hagel und Schnee. Dazwischen wieder frühlingshafte Temperaturen, bevor die nächste Kältezone Einzug hält. Der Kocher und die zufließenden Bäche sind mittlerweile über die Ufer getreten. Der Künsbach rauscht mit lautem Donnern durch Künzelsau. Vielen Menschen in Hohenlohe ist noch die Hochwasserkatastrophe vom Mai 2016 nur allzu gut im Gedächtnis.

Wir vom GSCHWÄTZ haben uns am Dienstag, den 04. Februar 2020, von Künzelsau über Ingelfingen, Niedernhall und Weißbach nach Forchtenberg auf den Weg gemacht, um zu schauen, wie hoch der Kocher mittlerweile schon gestiegen und wo er über die Ufer getreten ist. Und wir haben nachgefragt, was die Stadtverwaltungen konkret an Vorbereitungen treffen, um ein weiteres Unglück zu verhindern.

Weißbach: Kochertalradweg gesperrt

„Die Gemeindeverwaltung Weißbach  beobachtet schon seit gestern sowohl den Stand der Kocherpegel in Gaildorf und Kocherstetten, als auch die Lage hier bei uns vor Ort“, schreibt Bürgermeister Rainer Züfle in seiner Antwort an GSCHWÄTZ per E-Mail. „Ein aktives Tätigwerden ist bislang aber (fast) nicht erforderlich – und wird es, falls die Wetter- und Pegelvoraussagen stimmen, höchstwahrscheinlich auch nicht werden.“ Die einzige Ausnahme sei, dass der Gemeindebauhof immer wieder die Einläufe der diversen Bach-, Klingen- und Wassergraben-Verdolungen kontrolliere und sie erforderlichenfalls von „Geschwemmsel“ (also Äste, Reisig und ähnliches) freiräume. Außerdem wurde der stellenweise überflutete Kochertal-Radweg abgesperrt. „Sollten wider Erwarten doch noch weitergehende Maßnahmen erforderlich werden, sind sowohl der Gemeindebauhof als auch die Freiwillige Feuerwehr in Bereitschaft“, schreibt Bürgermeister Züfle weiter.

Künzelsau: Feuerwehr seit 4 Uhr unterwegs

Elke Sturm von der Stadtverwaltung Künzelsau schreibt auf unsere Anfrage: „Eine förmliche Hochwasserwarnung besteht momentan nicht. Der Kocher und die Bachläufe treten zwar an verschiedenen Stellen leicht über die Ufer, das Wasser fließt aber in die vorhandenen Retentionsflächen. Der Hochwassermeldestand am Pegel Kocherstetten ist zurzeit zwar erreicht, aber nicht im kritischen Bereich.“ Mitarbeiter des städtischen Bauhofes und Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr seien aber seit 4 Uhr morgens unterwegs und würden die Lage beobachten.

Niedernhall: „Mittleres Hochwasser“

Auch Alfons Rüdenauer von der Stadt Niedernhall schreibt,  dass in Niedernhall der Meldewasserstand von 2,20 Metern gemessen am Pegel Kocherstetten überschritten worden sei – in diesem Rahmen spreche man von einem mittleren Hochwasser. „Sofern der Pegelstand nicht weiter ansteigt, ist mit keiner Gefährdungslage zu rechnen“, so Rüdenauer weiter. Wichtig sei in diesem Zusammenhang eine permanente Kontrolle der Rechenanlagen der Zuläufe zum Kocher im Stadtgebiet.

In Forchtenberg hat die Feuerwehr laut Leseraussagen die Brücke, den den neuen Damm sowie die bereits überfluteten Bereiche inspiziert. Eine offizielle Reaktion der Stadtverwaltung liegt der Redaktion GSCHWÄTZ bislang nicht vor. Auch die Stadt Ingelfingen hat sich auf GSCHWÄTZ-Nachfrage bislang nicht zum Hochwasser geäußert. Hier stehen wieder die Sportplätze unter Wasser.

 

Die Kleingärten am Wehr in Forchtenberg. Foto: GSCHWÄTZ Der Künsbach in Künzelsau am heutigen Dienstag, den 04. Februar 2020. Foto: GSCHWÄTZ

Blick von der Brücke in Weißbach vor der Firma Hornschuch AG. Foto: GSCHWÄTZ

 

Blick auf die Kocherbrücke in Niedernhall. Foto: GSCHWÄTZ

Blick auf das Weißbacher Gewerbegebiet. Foto: GSCHWÄTZ

Der Ingelfinger Sportplatz steht unter Wasser. Foto: GSCHWÄTZ




Krautheim: Ehemaliger Lehrerverbandspräsident kritisiert Politik scharf: „Wer die Hauptschule abschafft, schafft den Hauptschüler nicht ab“

Bildungschaos, Kampfhubschraubereltern, Pisa-Hysterie: Der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, legte am Donnerstag, den 30. Januar 2020, in Krautheim  den Finger in die Wunden des deutschen Bildungswesens.

„Stecken wir im Bildungschaos fest oder anders gesagt: Sind wir noch zu retten?“ – mit diesen provokanten Worten stellte Schulleiter Thomas Weniger den Redner des Abends vor und bezeichnete diesen als „Klarsprecher“. Viele Eltern aber auch Lehrer hatten sich im gut besuchten Eugen-Seitz-Bürgerhaus eingefunden. In seinem kurzweiligen Vortrag zum Thema „Bildungsnation oder Bildungschaos? Was Eltern jetzt wissen müssen“ zerpflückte der Autor mehrerer Bücher die Bildungspolitik, gab aber auch den Eltern einige Tipps mit auf den Weg.

„Wir haben den Mittelweg nicht gefunden“

Natürlich sei es ein provokantes Thema, bekannte der der 70-Jährige: „Ein Wissenschaftler dürfte nicht so reden.“ Aber er selbst sei Praktiker und ein „Mann des klaren Wortes“. Er scheue sich nicht davor anzuecken. Der Oberstudiendirektor a.D. und Diplom-Psychologe weiß, wovon er spricht. Als Leiter eines Gymnasiums in Bayern begleitete er laut eigenen Worten rund 2.000 Schüler bis zum Abitur. Außerdem war er von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und begleitete so die Bildungspolitik in Deutschland. „Ich hatte viel von dieser Gesellschaft“, erklärt Kraus, der sich selbst als politischen Menschen sieht. „Deshalb will ich meine Erfahrungen zurückgeben“. Von 1993 bis 2014 war er zudem Mitglied im Beirat für Fragen der Inneren Führung des Verteidigungsministers und wäre 1995 beinahe hessischer Kultusminister geworden. Im vergangenen Jahr hat er gemeinsam mit dem Co-Autor Oberst a.D. Richard Drexl ein Buch über die Bundewehr veröffentlicht.

Geht mit der deutschen Bildungspolitik hart ins Gericht

An diesem Abend in Krautheim geht Kraus mit der deutschen Bildungspolitik hart ins Gericht. Deutschland habe eine große Bildungstradition – „weltweit beneidet“ – doch „wir sind dabei, Strukturen, Inhalte und Vorzüge über Bord zu schmeißen“. Das mache ihm Sorgen, „weil wir zurückfallen“. Immer mehr Ausbildungsbetriebe und Universitäten müssten Lift-Kurse besonders in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe anbieten, in denen bestimmte Inhalte des schulischen Unterrichts nochmal aufbereitet werden –„das ist im Prinzip Nachhilfe“.

Viele Studierberechtigte – die er unterscheidet von Studierbefähigten – brächten nicht mehr das mit, was für ein Studium nötig sei. Vor allem mache ihm Sorgen, dass „wir weltweit in einem globalen Wettbewerb stehen mit Nationen, wo das Leistungsprinzip in der Bildung noch nicht diskreditiert ist“, wo noch Neugier und Anstrengungsbereitschaft angesagt seien. Er vergleicht Deutschland mit den „Ostasiaten, die uns über kurz oder lang wahrscheinlich auch in diesem Bereich überrunden werden“. Er möchte kein Drillsystem wie in Korea, China oder Japan. Aber hier findet seiner Meinung nach das andere Extrem statt: „Wir haben den Mittelweg nicht gefunden.“

Josef Kraus in Krautheim. Foto: GSCHWÄTZ

Er möchte kein Drillsystem wie in Korea

Von Bilanzen lässt sich Josef Kraus nach eigenen Worten nicht täuschen. Jedes Jahr steige die Abiturienten-Quote in Deutschland, die Noten werden immer besser, die Anzahl der Sitzenbleiber und Durchfaller dagegen falle. Doch hier werden, „Quote und Qualität verwechselt“. Zeugnisse würden zu „ungedeckten Schecks, mit denen man Eltern und junge Leute hinters Licht führt“. So sei eine Schieflage zwischen beruflicher und akademischer Bildung entstanden und das in einem Land, das immer sagte, „Bildung ist unser Exportschlager und der Garant dafür, dass wir die weltweit niedrigste Arbeitslosenquote bei Jugendlichen haben.“ Heutzutage würden in Deutschland mehr junge Leute ein Studium als eine Ausbildung beginnen. Was bei der mittelständischen Wirtschaft und teilweise in der Industrie spürbar werde – Stichwort Fachkräftemangel. Vor 2011 sei Baden-Württemberg bei allen innerdeutschen Vergleichen unter den vorderen vier Plätzen gewesen. Ein paar Jahre später sei es schließlich auf den hinteren Rängen gelandet. Kraus führt das auf eine „Reformitis ohne gleichen zurück, die meine, keinen Stein auf dem anderen lassen zu müssen“.

Reformen über Reformen über Reformen – Der Fachkräftemangel komme nicht von ungefähr

Der Niederbayer lehnt den Bildungszentralismus ab, weil „wir dann innerhalb einer Generation Pisa-Ergebnisse wie Bremen und Berlin haben“. Politik gebe sich gerne populistisch und „Erleichterungspädagogik und Gefälligkeitsbildungspolitik würden bei einem Teil der Beteiligten“ gut ankommen. Er wünscht sich einen „Wettbewerbsföderalismus“. Dieser sei aber weitestgehend außer Kraft gesetzt worden, bedauert Kraus und macht gleich den Schuldigen aus: „Ein falsches Verständnis von Föderalismus ist schuld, wenn es schief läuft in Deutschlands Schulen und Bildungseinrichtungen“. Die Schuld macht er nicht an Schülern, Eltern oder Lehrern fest – auch wenn unter Deutschlands 800.000 Lehrern nicht nur Helden und Heilige seien. Die Schuldfrage dagegen stellt er in Richtung Politik und Bildungswissenschaften, „die immer noch uralten Ideologien hinterherhecheln“.

Politiker „hecheln uralten Ideologien hinterher“

Der Träger des Deutschen Sprachpreises 2018 zeigt der deutschen Bildungspolitik sechs „ideologische Irrwege“ auf, die man immer wieder diskutieren müsse, „bevor man in reinem schul- und bildungspolitischem Pragmatismus ersäuft und immer neue Versprechungen draufsetzt, die alle in Richtung Gefälligkeitspädagogik gehen“. Zu der zählt er die Abschaffung der Hausaufgaben, des Sitzenbleibens, der Zeugnisse und Noten sowie der Rechtschreibung. Er geißelt die Rechtschreibreform als „Kniefall vor der zunehmenden Legasthenisierung der Gesellschaft“. Aber Rechtschreibung „hat auch mit sprachanalytischem Verständnis zu tun“ und sie biete eine „gewisse Chancengerechtigkeit, wenn alle sie beherrschen“.

Auch das Egalitätsprinzip gehört für ihn dazu, denn wenn alle Abitur haben würden, habe keiner mehr eins. Dann gebe es andere Selektionskriterien. Er selbst bezeichnet sich als großer Fan von Haupt- und Realschule und meint, „wer die Hauptschule abschafft, schafft den Hauptschüler nicht ab“. Erfreut stellte er fest, dass es in Krautheim eine Hauptschule gibt. „Ich habe gesehen, welch lebendige Schule das ist, auch übrigens in der Kooperation mit Partnern aus der Wirtschaft“, sagte er.

 Lob für die Haupt- und Realschule in Krautheim

Ein weiterer Irrweg sei der „Machbarkeitswahn“, bei dem man glaube, „mit Pädagogik könne man aus jedem Menschen alles machen“. Dazu zählt er auch die „Radikalinklusion“ und spielte auf den Fall von Henri an, dessen Mutter ihren Sohn, der das Down-Syndrom hat, unbedingt aufs Gymnasium schicken wollte. Bei allen Fragen der Beschulung stehe an oberster Stelle das Kindeswohl und dieser Fall hat laut Kraus nichts mit Kindeswohl zu tun. Für ihn sei das eher Kindesmisshandlung. Das bedeute aber nicht, dass behinderte Kinder nicht auch eine Regelschule besuchen könnten, sofern die technischen und personellen Voraussetzungen erfüllt seien.

Schluss mit dem Machbarkeitswahn: Aus jedem Menschen könne man eben nicht alles machen

Der „Glaube, Lernen müsse immer nur Spaß machen“ sei ein weiterer Irrweg. Seiner Meinung nach gebe es Lernen und Bildung nicht ohne Anstrengung. Doch in Deutschland sei das Leistungsprinzip über „Jahrzehnte diskreditiert worden“. Aber Leistung sei ein „wichtiges Vehikel zur Entwicklung der eigenen Identität“ und Basis des Sozialstaates. Spaß- und Gefälligkeitspädagogik lehnt er ab, denn nicht „alles, was den Kindern in der Schule leicht gemacht wird, macht ihnen den Einstieg ins Leben leicht“. Weitere Irrungen sind die Quotenfalle, „die planwirtschaftliche Vermessenheit“, dass alle studieren müssten sowie die „Pisa-Testerei“. Pisa sei kein Schulleistungstest, sondern messe nur rund zehn Prozent des schulischen Lerngeschehens. Sprachliches Ausdrucksvermögen käme darin genauso wenig vor wie „Bildung in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Geschichte“. Aber „die hohe Politik ist besoffen von Pisa-Rankingplätzen“ und verordne den Schulen Multiple-Choice-Tests und „Lücken-Zustöpsel-Tests“ im Fach Deutsch, obwohl hier die jungen Leute lernen sollten, ihre Gedanken auszuformulieren.
Auch die Beschleunigung bezeichnet Kraus als Falle. „G8 war ein katastrophaler Fehler“, sagt er. Und jetzt komme auch noch aus der Ecke der Wirtschaft der Ruf nach „Einschulung mit vier“. Er nennt das „Beschleunigungswahn ohne Rücksicht auf die Entwicklungspsychologie von Kindern“. Er erlaube sich als erfahrener Pädagoge, der als Schulleiter G9 und G8 erlebt hat, zu sagen, „dass die „G8-Absolventen weniger reif sind“.

Ein weiterer Irrweg: Lernen müsse eben nicht immer nur Spaß machen

Auch die Eltern bekamen an dem Abend ihr Fett weg. Kraus hielt ihnen den Spiegel vor, was diese amüsiert aufnahmen. Er wolle niemanden in Schubladen stecken, aber verhindern, dass sie genauso werden, erklärte er und gab ihnen zehn Anregungen für die Kindererziehung mit auf den Weg – „Impulse zur Selbstreflexion“ aber keine Patentrezepte, denn jede Familie und jedes Kind sei anders. Es gebe zwei extreme Elterntypen: Diejenigen, die sich um nichts kümmerten und jene, die sich um „alles und noch mehr kümmern“. Deren Anteil werde immer größer. Die meisten Eltern seien verantwortungsbewusst, weshalb er ein differenziertes Elternbild habe. Das Problem seien aber die Kinder aus den extremen Erziehungshaltungen.

Die Sache mit den „Schneepflugeltern“

Kraus beansprucht für sich, 2011 den US-amerikanischen Begriff Helikopter-Eltern in Deutschland eingeführt zu haben. Mittlerweile gebe es drei Ausprägungen, die die Zuhörer mit Gelächter zur Kenntnis nahmen: Kampfhubschrauber-Eltern, Rettungshubschrauber-Eltern sowie Transporthubschrauber-Eltern. Neu seien Begriffe wie Schneepflugeltern, Curling-Eltern oder auch Drohnen-Eltern. Er führte kuriose Beispiele der Elternliebe an wie Handys mit GPS, die Alarm geben, sobald die Kinder einen Aktionsradius von 200 Metern überschreiten. Diese Eltern würden dem Kind nichts zumuten und nie was versagen, aus Angst es zu traumatisieren – sie seien im „Verwöhnwahn“. Genauso schlimm sei aber auch der Förderwahn, bei dem die Mama einen VHS-Kurs in Latein macht, wenn das Kind aufs Gymnasium wechselt. Oder die unsäglichen WhatsApp-Gruppen, in denen die Eltern um die richtigen Lösungen für die Hausaufgaben streiten. Lachen unter den Eltern – der eine oder die andere schien solche Situationen zu kennen. Solche Kinder hätten Hilflosigkeit gepaart mit hohen Ansprüchen gelernt. Sie würden nie Verantwortung übernehmen und nie Unternehmergeist entwickeln.

„Wer nichts weiß, muss alles glauben“

Kraus riet den Eltern, der „Bildungspolitik und ihren Versprechungen“ zu misstrauen – das seien nur Sprechblasen – ebenso wie dem „Gerede von überfrachteten Stoffplänen“. Was man gelernt habe, schaffe kognitive Strukturen. Die junge Generation brauche mehr konkretes Vorratswissen, wenn sie mitreden möchte. Er zitierte den Spruch von Marie von Ebner-Eschenbach. „Wer nichts weiß, muss alles glauben“. Wissen habe schließlich auch mit Mündigkeit zu tun.

Eltern sollten den Kindern in punkto Neugier und Lesen ein Vorbild sein. Wer liest komme weiter und außerdem besagten Studien, dass „Vielleser ein 30-prozentiges höheres Einkommen“ hätten. „Ist das kein Argument?“, fragte Kraus. Dann erinnerte er die Eltern daran, dass ein Kind Liebe und Zuwendung auch ohne Abi verdient habe. Schließlich gebe es unendlich viele Abschlüsse und der Mensch beginne nicht erst beim Abi. Auch eine handwerkliche Ausbildung könne zufrieden machen.

Mut zur Autorität in der Erziehung

Eltern sollten Mut zur Autorität in der Erziehung und die Bereitschaft haben, die der Schulen anzuerkennen. Kinder seien überfordert, „wenn sie Partner auf einer Augenhöhe mit den Eltern sein sollen“. Sie bräuchten Orientierung. Wer keine Vorgabe mache, verweigere diese den Kindern. Außerdem sollten Kinder in Anspruch genommen werden. Die Eltern sollten dem „Gerede vom Schulstress misstrauen“. Den größten Stress, den Kinder heutzutage hätten, sei medialer Stress, sie kämen dadurch nicht mehr zur Ruhe.

Ebenso sollten sich Kinder an angemessenen Herausforderungen erproben und lernen, mit Niederlagen und Enttäuschungen umzugehen. Sie sollten auch mal scheitern dürfen. So lernten sie Frustrationstoleranz und Resilienz. Natürlich könne man mal hinfallen, aber das Dümmste sei, „liegen zu bleiben und nicht mehr aufzustehen“.

Auch mal scheitern dürfen

„Sofortismus“ sollte man ebenfalls nicht betreiben, Kinder also mal warten lassen und ihnen nicht jeden Wunsch von den Augen ablesen. Sie würden sonst dazu verführt, „nie die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen“. Glück könne man nur erleben, wenn man „Hirnschmalz, Zeit und Frustrationsüberwindung investiert hat und dann zum Erfolg kommt“.

Kinder sollten sich motorisch austoben und genügend schlafen. Zu wenig Bewegung habe direkte Auswirkungen auf die Motorik und „infolgedessen gibt es immer mehr adipöse Kinder“. Außerdem solle man seinen Kindern „lange Weilen“ gönnen. Sie bräuchten auch Faulheit – das „Durchhängen nach Aktivitäten“. Dafür solle man Entschleunigungsinseln schaffen. Zum Schluss stellte Kraus fest: „Erfolgreiches Erziehen geht nur mit einem Schuss Humor und Leichtigkeit“. Humor sei ein wichtiges pädagogisches Mittel, aber daran fehle es in Deutschland. „Kommen Sie weg vom immer nur Bierernsten“, empfahl er. Mit Humor könne der Mensch ein lebensbejahendes Leben führen, das „relativiert und entspannt Manches“. Echter Humor sei das beste Mittel, um den Unwägbarkeiten des Lebens zu begegnen.

Symbolfoto Schülerin. Quelle: adobe stock