„Antworte ich aus Mut und Liebe oder aus Angst und Wut?“
„Ha, die mooch doch bloß nix tue.“ Vor diesem Satz hat sich Margot Wicharz aus Unterginsbach als junger Mensch immer gefürchtet, insbesondere, wenn sie wieder eine Krise hatte, handlungsunfähig, wie gelähmt war. „In der Arbeit habe ich es damals als erstes bemerkt. Ich konnte die einfachsten Dinge nicht mehr bewältigen. Was ist wichtig? Was ist unwichtig?“ Jahre später bekam sie die Diagnose Depression. Heute ist sie 71 Jahre und hat im Laufe ihres Lebens immer mehr Werkzeuge an die Hand bekommen, um mit dieser Krankheit nicht nur zu leben, sondern sie als Stärke zu nutzen.
„Was ist wichtig? Was ist unwichtig?“
GSCHWÄTZ: Wann haben sie gemerkt, dass Sie Depressionen hatten?
Wicharz: „Während der Arbeit im Büro bei einer Firma im Kochertal habe ich es als erstes gemerkt. Ich war wie gelähmt und konnte die einfachsten Dinge plötzlich nicht mehr erledigen. Dafür habe ich mich geschämt, denn ich möchte in den Augen der anderen ja nicht als faul gelten. Das war schließlich ein Defizit und Defizite darf man nicht haben. Ich habe mich selbst gefragt: Warum funktioniere ich gerade nicht? Ich will doch.
„Warum funktioniere ich nicht mehr?“
Mein Chef hat mich dann erst einmal in eine Niederlassung in die Schweiz geschickt. Nicht mit der Bahn, sondern mit dem Flieger. Das wurde ihm geraten, weil man vermutet hat, dass diese Schwäche damals an meinem geringen Selbstwertgefühl gelegen hat. Natürlich baute es mich dann erstmal in meinem Selbstwert auf, in die Schweiz fliegen zu dürfen. Aber das Problem war auch meine damalige Stelle. Sie war so facettenreich, vielseitig und vielschichtig, dass ich mich manchmal darin verlor und in der Depression ging dann gar nichts mehr. So eine Phase konnte bis zu drei Monate dauern. Da habe ich mich dann sehr zurückgezogen. Von heute auf morgen ist diese Phase jedoch wieder weggewesen. Ganz komisch. Nachdem ich aus der Schweiz zurückkam, bekam ich eine andere Stelle in der Firma, strukturierter und klarer in meinem Aufgabenbereich. Ich wusste: Diesen Rechnungsstapel muss ich bis heute Abend abarbeiten und fertig. Damit konnte ich besser umgehen.
„Margot ist fleißig und aufmerksam, aber etwas langsam“
GSCHWÄTZ: Damals schob man also ihren Gemütszustand zunächst einmal lediglich auf ihr geringes Selbstwertgefühl. Wann fiel das erste Mal das Wort Depression?
Wicharz: „Na ja, wissen Sie. Ich weiß noch, was in meinem Zeugnis in der Schule über mich stand: ‚Margot ist fleißig und aufmerksam, aber noch etwas langsam.‘ Dieser Satz begleitete mich noch jahrelang, immer in der Sorge, zu langsam, langsamer als andere zu sein. Deshalb machte ich damals in der Firma immer Überstunden, wenn ich mit meiner Arbeit nicht fertig wurde. Auf der anderen Seite war das wohl auch der Grund für die tolle Reaktion auf meinen Leistungsabsturz.
„Wie wenn ich einen Bremsklotz verschluckt hätte“
Fast ein Jahr lang kam ich in meiner neuen Position sehr gut zurecht. Dann konnte ich von heute auf morgen wieder nicht mehr richtig arbeiten, wie wenn ich einen Bremsklotz verschluckt hätte. Die Angst war vor allem morgens da, dass ich meine Aufgaben in der Arbeit nicht bewältigen kann.“
Auch bei der zweiten depressiven Phase war Margot offen und aufrichtig und hat mit ihrem damaligen Chef darüber gesprochen. Sie ist ein Mensch mit sehr feinen Antennen und wollte spüren, wie er reagiert. Dabei hat sie gemerkt, dass es ihm nun doch vielleicht etwas zu viel wird, wenn so eine Phase nun jedes Jahr anstehen sollte. Um keine Last zu sein, kündigte sie und grübelte immer mehr darüber nach, woher diese starken Stimmungstiefs kommen könnten. Sie spürte wieder diese starken Selbstzweifel, hatte Angst vor ihrer eigenen vermeintlichen Unfähigkeit und war überfordert. Ihr Hausarzt hat schließlich Depressionen bei ihr attestiert. Doch woher kamen diese? Margot vermutete als Grund die häufigen Streitereien ihrer Eltern – schon in der Kindheit. Sie fühlte sich aber auch als Erwachsene noch immer zwischen zwei Fronten. In ihrem Buch bezeichnete sie diese Situationen als gefühlten „Krieg“, der noch schlimmer wurde, nachdem ihre älteren Brüder das Elternhaus verlassen hatten.
Krieg zu Hause
Wicharz: „Wenn ich vom Büro nach Hause gegangen bin, habe ich mich oft mit bangem Herzen gefragt, wie wohl die Stimmung zu Hause ist.“
So konnte es schon mal vorkommen, dass der Vater in einem Wutanfall eine Schüssel Rotkraut an die Wand geknallt habe. Ihre Mutter wiederum wurde vom Vater kleingemacht und zog sich dann weinend ins Schlafzimmer zurück. Der Vater sei daraufhin aus dem Haus in die Wirtschaft gegangen. Er konnte hinterher tagelang schweigen, bis ihre Mutter demütig bat, ‚doch wieder gut zu sein‘. Als Margot bei der Firma aus dem Kochertal gekündigt hatte und in die Schweiz wollte, fand sie aber nur Unterstützung beim Vater. „Die soll ruhig mal fort, am besten in einen anderen Haushalt, damit sie was lernt. Von dir nimmt sie ja nichts an.“ Also ging Margot zunächst als Au Pair in die Schweiz.
„Wo bleibt ihre Würde?“
GSCHWÄTZ: Waren Sie damals enttäuscht von den schwachen Reaktionen ihrer Mutter gegenüber ihrem Vater?
Wicharz: „Ich habe nicht begriffen, warum sie sich so klein gemacht hat. Wo bleibt da die Würde?“
In der Schweiz hat Margot ihren heutigen Mann, einen Rheinländer, kennengelernt. Er nehme das Leben leichter, sagt sie. Das machte es ihr auch oft leichter mit ihrer Krankheit.
Ihre Depressionen zeigten sich schubweise, manchmal lagen ganze zwei Jahre dazwischen. Während der Zeit In der Schweiz und danach waren es sogar sechs Jahre.
Nachdem auch noch Brustkrebs dazu kam, begann sie eine Psychotherapie und hatte Glück mit einem Therapeuten, von dem sie viel hat lernen können, sagt sie. „Dürfen Sie eigentlich keine Fehler oder Schwächen haben?“, hat er sie einmal gefragt. Wie auch viele andere psychische Krankheiten, so handelt es sich auch bei Depressionen um eine Verstärkung einer genetischen Disposition, wenn das soziokulturelle Umfeld nicht günstig für den Betroffen ist, Kindheitstraumata vorhanden sind und/oder man selbst als Persönlichkeit Charakterzüge in sich trägt, die eine solche Veranlagung noch begünstigen. Margot neigte im Berufsleben zum Perfektionismus, was konträr zu dem stand, was sie leisten konnte, wenn sie sich in einer Depression befand. Dadurch war es für sie noch schlimmer, diese Depression zu ertragen und den Weg hier wieder herauszufinden, als wenn sie gelassener geblieben wäre. „Gelassenheit hat sehr viel mit Loslassen zu tun“, sagt Margot Wicharz heute. Geprägt von einer Kindheit mit vielen Konflikten, die sie miterlebt hat, ein geringes Selbstwertgefühl und teilweise Jobs, die nicht strukturiert genug für ihr Wesen (vor allem in den depressiven Phasen) waren, sind bei ihr einige Faktoren zusammengekommen, die den Ausbruch einer Depression begünstigt haben.
„Da ist mir bewusst geworden: Ich will perfekt sein“
Diverse Dinge wie die eigene innere Einstellung oder die Arbeit kann man ändern, steuern und verbessern. Das hat sie getan. Auch ein erweiterter Freundeskreis hat dazu beigetragen, mit der Krankheit besser leben zu können.
Wicharz: „Da ist mir bewusst geworden: Ich will perfekt sein. Aber mir ist auch klar geworden, dass die Depression nicht nur eine Schwäche ist, sondern auch ein Gewinn: Einfühlungsvermögen und Verständnis für andere Menschen in der gleichen Situation. Die Akzeptanz meiner ‚Schwäche‘ war ein wichtiger Heilungsschritt. Als ich begann offen über mein ‚Defizit‘ zu sprechen wurde das oft für andere depressive Menschen wie eine Befreiung aus einer erdrückenden Last.“
„Versöhnung mit mir und meiner Vergangenheit“
Als ihr Vater starb, lebte sie 13 Jahre zusammen mit Mann und Kindern bei der Mutter im gleichen Haus – und da begann sie ihren Vater zu verstehen. Als Kind war er für sie der ‚Böse‘ und die Mutter das ‚Opfer‘. Jetzt begriff sie seine Wutausbrüche, die ja nie gegen die Kinder, sondern immer nur gegen die Mutter gerichtet waren. In diesen Jahren entwickelte sich eine große Bitterkeit in Margot. Diese Bitterkeit zu überwinden war sehr wichtig für die Heilung von Depressionen und Krebs.
„Auch meine Eltern waren Opfer ihrer Erziehung“, sagt sie heute rückblickend. Versöhnung mit mir und meiner Vergangenheit war ein wichtiger Schritt, um inneren Frieden zu erlangen. Wenn sie heute von anderen kritisiert wird, denkt sie erstmal darüber nach, aus welchen Motiven heraus sie antwortet: Aus Wut oder Angst? Oder aus Mut und Liebe? Nur bei der zweiten Option bleibe sie bei sich selbst.
„Solange man etwas tun kann, muss man handeln“
Die Psychotherapie half ihr über viele Jahrzehnte hinweg. Während Depression war sie entweder von übertriebenen Existenzängsten geplagt, oder von übertriebenen Ängsten vor einem Krieg. Nun wisse sie: „Ängste entstehen allein im Kopf.“ Sie habe in ihrem Leben schon „so viele Wunder erlebt und dadurch Vertrauen gewonnen“. So gehe sie nun vertrauensvoll durchs Leben, aber ohne ‘blindes Gottvertrauen‘: „Solange man etwas tun kann, muss man handeln.“ Aber wenn nichts mehr geht, dann betet sie. Wichtig sei auch, die eigenen Antennen immer auf das Gute auszurichten, auf die positiven Möglichkeiten, die das Leben einem bietet.
Erst mit über 50 Jahren kamen Medikamente hinzu. Nicht nur mit ihrem Therapeuten, auch mit den Medikamenten hatte sie Glück. Sie bekam eine Kombination, bestehend aus zwei Medikamenten, verschrieben, die ihr sofort halfen – ohne Nebenwirkungen.
„Jetzt gehen wir erstmal Rad fahren“
Dankbarkeit ist Nahrung für das Immunsystem, aber einmal fragte sie ihr Therapeut, ob es denn gar nichts gäbe, wofür sie dankbar sei. Damals steckte sie gerade in einer tiefen Depression und fühlte sich nach dieser Frage nur noch schlechter.
In so manch einer schweren Phase, half die rheinische Frohnatur ihres Mannes, mit dem sie mittlerweile 47 Jahre verheiratet ist. Wenn es ihr schlecht ging sagte er einfach nur zu ihr: „Jetzt gehen wir erstmal Rad fahren. Wenn du nicht mehr kannst drehen wir um.“ „Ja, jetzt gehen wir erstmal Rad fahren.“
Das Buch kann man bei der Redaktion GSCHWÄTZ vorbestellen: gschwaetz@gschwaetz.de Stichtwort: Buch Depression.
Depressionen
Auf die Lebensspanne betrachtet, ist verschiedenen Studien zufolge etwa jeder 5. bis 6. Erwachsene einmal von einer Depression betroffen (z.B. Jacobi et al., 2004*).
