„Das System verlangt Wohlwollen gegenüber dem Täter“
David ist 15, modelt neben der Schule, tritt als Kinderdarsteller in dem Musical Tarzan in Stuttgart auf. Am 25. Mai 2023 beendet der Jugendliche aus Metzingen (Baden-Württemberg) sein Leben. Er erhängt sich in einer Jugendhilfereinrichtung an einem Feuermelder.
„Das System hat versagt“
„Man hätte reagieren sollen, bevor David in die kriminelle Schiene abgerutscht ist“, sagt Davids Mutter Ghenet Yebio heute rückblickend. Sie ist mit Davids tragischer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen, hat ein Buch geschrieben, um Fehler in unserem Gesellschaftssystem und die schweren Auswirkungen von jahrelangem emotionalem und körperlichem Missbrauch aufzuzeigen.
Wenn Kinder sich die Liebe von ihren Eltern „verdienen“ müssen
Davis war ein Musterschüler, Musicaldarsteller in Stuttgart, ein guter Schachspieler und Sportler. Aber er war auch, so Ghenet, ein „nicht geliebtes Kind von einem Elternteil“. Die Liebe habe sich David stets verdienen müssen, erzählt Ghenet. Spielte er nicht so mit, wie der Vater es wollte, wurde er mit Nichtbeachtung gestraft, mit abwertenden Sätzen, seine kleine Schwester wurde Zeuge, wie David brutal geschlagen wurde. Nach der Trennung der Eltern bekommt die Schwester die volle Aufmerksamkeit des Vaters, David hat dagegen teilweise zeitweise gar keinen Kontakt zu ihm. Es ist eine Achterbahnfahrt-Beziehung ohne Konstante.
Mit 13 Jahren greift er das erste Mal zu Drogen
David wurde lauter, auffällig, er hat sich geritzt, findet neue Freunde aus der kleinkriminellen Szene. Mit 13 Jahren greift er das erste mal zu Drogen und soll diese auch verkaufen. Die Krux: Er bekommt weniger, als er verkaufen kann. Am Ende hat er Schulden bei seinen Händlern. Er versucht, das Geld anderweitig zu besorgen und zockt mit einem Freund einen anderen Jugendlichen an einem Bankautomaten um 60 Euro ab. Sie werden geschnappt, er kommt in U-Haft. In einer Jugendhilfeeinreichtung erhängt er sich schließlich.
Davids Mutter kritisiert das aktuelle Familienrechtssystem in Deutschland
„Damals kamen mir diese zwei Jahre unendlich lange vor, rückblickend ging alles rasend schnell“, sagt Ghenet Yebio. Sie hat versucht, als Mutter ihre Kinder zu beschützen. Das sei jedoch nur bedingt möglich in einem Familienrechtssystem, dass verlangt, dass die Kinder auch zu Elternteilen weiterhin Kontakt haben, die ihnen nicht gut tun.
Sein Selbstwert war wackelig
David wirkte nach außen wie ein fröhlicher, tougher Jugendlicher, innerlich war er schon damals ein gebrochener Mensch, der sich nach der bedingungslosen Liebe beider Elternteile gesehnt hatte. Sein Selbstwert war dementsprechend wackelig.
„Man hätte einmal fragen müssen: Was ist los? Was ist das Problem? Nicht das Kind ist das Problem, sondern das System, aus welchem das System kommt“, sagt Ghenet. Denn: „Niemand wird als Krimineller geborgen.“ Beratungsstellen wurden aufgesucht, das Jugendamt miteingebunden. Doch das alles half nicht. Denn es sei nicht hinter die Kulissen geblickt, der Junge nicht einmal alleine befragt worden, sondern stets gemeinsam mit dem Täter. David selbst habe der Mut gefehlt, bei öffentlichen Gesprächsterminen Dinge klarer zu benennen, was ihn verletzt hat, wer und wie es ihm damit geht. Oft habe er gesagt: „Mama, sag du es“. Das ist auch der Titel des Buches, das Ghenet geschrieben hat über David, sein Leben und seinen selbst gewählten Tod.
Davids Vater ging vor Gericht wegen Davids Erbe
Nur wenige Tage nach dem Tod von David sei Davids Vater im Rahmen der Beerdigungsvorbereitungen mit einer Flasche Sekt dazugestoßen und habe gemeint: „Das Leben muss weitergehen.“ Und es ging weiter. Davids Vater ging vor Gericht wegen Davids Erbe. Sein Sohn hatte sich etwas dazuverdient als Musicaldarsteller in Stuttgart. Dieses Geld forderte er nun zur Hälfte ein. Zudem konnte er nicht verstehen, dass Davids jüngere Schwester erst einmal Zeit brauchte, um um ihren Bruder zu trauern und ging vor Gericht, weil er sie öfter sehen wollte. Ein Jahr lang zog sich das mehrere tausend Euro teure Verfahren, Mutter und Tochter wurde die Trauerzeit genommen. Es wurden Sachverständige und Verfahrensbeistände geladen. Nach einem Jahr dann die Entscheidung: Die kleine Schwester darf künftig alleine entscheiden, wann sie zu ihrem Vater geht.
Bindungsintoleranz steht im Raum
Was Ghenet bis heute nicht verstehen kann: „Es wurden Anträge vor Gericht zugelassen, die schlichtweg gelogen waren“, wie etwa der Antrag des Vaters, er habe seine Tochter seit Monaten nicht gesehen. Bindungsintoleranz stünde hier im Raum. Er forderte ein Gutachten, dass die Psyche der Mutter bewertet. Dabei hätte man einfach in den WhatsApp-Verlauf zwischen der Tochter und ihrem Vater sehen müssen und hätte gesehen, dass sie ständig im Kontakt waren und sich gesehen hatten.
„David war von Tag 1 an nicht gewollt“
Bereits bei David wurden die Eltern und ihre Handlungen zu wenig in den Blick genommen. „Man hat nur David als Problem gesehen. Aber David war von Tag eins nicht gewollt. „Ich kann dieses Kind nicht lieben“, habe Davids Vater gesagt. David sei aufgewachsen mit dem Gefühl und Wissen: „Ich will dich nicht.“ – ein nicht geliebtes Kind von einem Elternteil.
seelischer Missbrauch wandelt sich in körperlichen Missbrauch
„Es war seelischer Missbrauch, der dann aber auch zu einem körperlichen Missbrauch wurde“, erzählt Ghenet. Denn als David irgendwann einmal gesagt hat: Es ist mir egal, was du sagst“, ging es zu körperlichem Missbrauch über. Der Vater schlug seinen Sohn etwa mit der Faust in den Bauch und ins Gesicht. Zeugin war Davids kleine Schwester.
Wenn Menschen noch immer emotionale Gewalt als nicht so beachtenswert einstufen, lautet Ghenets Antwort: „Ich sage es mal so: David ist tot.“ „Der Unterschied ist: „Körperliche Gewalt ist sichtbar. Seelische Gewalt erlaubt noch ein Lächeln nach außen. Dadurch ist sie gefährlicher.“
„Das System verlangt Wohlwollen gegenüber dem Täter“
Ghenet hat versucht, David nach der Trennung vor eben dieser Gewalt zu schützen, doch sie ging weiter. „Als Mutter musste ich als Exfrau handeln, als Mutter muss ich mein Kind schützen. Aber dieses Schützen wird vom System als Gegen-den-Vater-arbeiten benannt.“ Das System verlange Wohlverhalten gegenüber dem Täter. Man möchte dem Kind den Vater auch nicht wegnehmen.“ Ich hätte gerne deutlicher gesagt zu meinem Kind: „Es ist falsch, wie er sich dir gegenüber verhält“, anstatt zu sagen: „Es ist ok, es ist in Ordnung. Du weißt doch, wie er es meint.“ Rückblickend würde sie das heute nicht mehr machen, sondern ihr Kind vielmehr in seinen Gefühlen bestärken. Denn: Nicht jedes Elternteil ist gut für ein Kind.
Nach der Trennung hätte es eigentlich bergauf gehen müssen
Nach der Trennung hätte es eigentlich bergauf gehen müssen. „Die erste Trennung ist zunächst räumlich, das bedeutet aber nicht automatisch eine emotionale Trennung“ erklärt Ghenet. Der emotionale Missbrauch finde weiterhin statt. „Man verliert Freunde, ist finanziell abhängig, ist gebrochen. Der Täter weiß das. David hat sich das Leben genommen, weil er kein Licht mehr gesehen hat. Er hat zu viel Dunkles erlebt.“ Das System habe versagt, aber darüber hinaus habe ihm auch die Grundsäule des Lebens gefehlt: die bedingungslose Liebe beider Elternteile. „Meine Liebe hat offensichtlich nicht ausgereicht“, resümiert Ghenet heute. Das System habe ihm das Gefühl gegeben: „Du bist falsch.“ Sein Vater hat ihm gezeigt: „Du bist falsch.“
Ghenet ist sich sicher, dass alles anders ausgegangen wäre, wenn ein völliger Kontaktabbruch zu dem toxischen Elternteil von offizieller Seite angeordnet worden wäre.
„Du bist falsch“
Davids kleiner Schwester wurde vom System nur deswegen besser geschützt als David, aber, „weil ich jetzt lauter wurde, deutlicher, und nicht mehr wohlwollend gehandelt habe, sondern die Dinge beim Namen genannt habe, weil ich damit an die Öffentlichkeit gegangen bin. Trotzdem hat es ein Jahr – eigentlich das Trauerjahr nach Davids Tod – gedauert, tausende von Euro und ein Leben gekostet. Ich habe letztendlich nicht um David trauern können, ich habe mein zweites Kind beschützt.“
„Rückwirkend hätte ich meinem Sohn in aller Deutlichkeit sagen müssen: Ja, das was du spürst, ist richtig. Ich wiederum hätte nicht gezwungen werden dürfen, den Vater zu idealisieren.“
Toxische Strukturen vor Gericht erkennen: Ghenet fordert unter anderem bessere Schulungen für Gerichtsmitarbeiter und eine Vorabprüfungen von Anträgen, die bei Familiengerichten eingereicht werden, bevor sie überhaupt zugelassen werden.
Der zweite Teil des Videos-Interviews veröffentlichen wir in den kommenden Tagen.





