„Ihre Kinder werden Sie verfluchen“
„Ihre Kinder werden Sie verfluchen“, sagt Alexander Kranich mit einem Augenzwinkern.
Auf Anfrage des Fördervereins Ingelfingen hält der Lehrer und medienpädagogische Berater Alexander Kranich am Mittwoch, dem 15. März 2023, abends in der Mensa der Georg-Fahrbach-Schule einen Vortrag zum Thema „Grauzonen im Netz“.
Schon 2019 gab es einen ähnlichen Vortrag, wie Christine Frank berichtet. Da das Thema Mediennutzung in den letzten Jahren mehr und mehr präsent wurde, sind Tipps zum Umgang in Familien unerlässlich. Daher nun auch der „Wiederholungstäter-Termin“.
Nachdem das HDMI-Kabel gegen eine Bluetoothbox ausgetauscht wird und nach einigen Versuchen auch funktioniert, beginnt Alexander Kranich zu erklären. Die größte Gefahr zuerst: Wenn Kleinkinder „nur die Daumen nutzen“, fehle ihnen Körpererfahrung, die laut den Forschungen von Dr. Gerald Hüther maßgeblich zur Entwicklung beitragen.
Kranich spricht mit dem trockenen Humor eines Komödianten, lässt die Eltern Apps raten und erklärt jeweils Funktion und Gefahren, ohne dabei die Perspektive der Kinder und Jugendlichen zu vergessen.
„Auch wenn es nicht immer einfach ist“
Er betont, dass bei der Medienerziehung nicht immer alles klappen kann. Selbst bei ihm nicht. Es sei nicht immer einfach, insbesondere in der Pubertät ist das Standhaftbleiben in der Medienerziehung eine „Mammutaufgabe“. Dennoch empfiehlt er es- beispielsweise hätten seine eigenen Kinder auch erst mit 16 eine Handyflatrate bekommen, womit sie überall unabhängig vom W-LAN Zugriff auf das Mobilnetz haben.
„Denen geht es nicht darum, Ihre Kinder zu schützen“
Zum Thema Pornografie hat Kranich eine gute Nachricht: Derartige Inhalte sind nun nicht mehr barrierefrei- nun erscheint beim Öffnen der Seite ein Fenster, in dem per Mausklick bestätigt werden muss, ob der Nutzer 18 ist. Ende der Überprüfung. Denn den Konzernen und Webseitenbetreiber:Innen geht es nicht darum, die Kinder zu schützen, sondern Aktivität zu generieren.
Ähnlich ist es bei Konsolenspielen, besonders bei „Egoshootern“ (Ballerspiele)- ist das spritzende Blut grün und nicht rot, sind derartige Spiele teilweise schon ab 12 freigegeben. Hier gäbe es auch deutliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen: Jungen fangen früher an, Videospiele zu spielen, spielen mehr und auch eher bewusst Spiele, für die sie eigentlich zu jung sind. Jedoch –zur Erleichterung vieler- gäbe es keine Studien, die eindeutig belegen, dass derartige Spiele langfristig aggressiver machen. Kranichs größte Sorge ist, dass sich das Hirn, vor allem das der jungen Spieler:Innen, an die fiktive Welt anpasst und es ihnen schwerer macht, sich in der Realität zurechtzufinden.
Über die Gefahren der sozialen Medien spricht er viel- aber ohne sie zu verteufeln.
Die richtige Begleitung
Abgesehen von Datenklau müssten sie sich mit Fakenews (und all den verschiedenen mehr-oder-weniger Wahrheiten im Netz), Mutproben-Challenges, Selbstverletzung, sowie der Verherrlichung von Essstörungen auseinandersetzen.
Kranich empfiehlt daher ein Smartphone ab zwölf – beziehungsweise je später, desto besser. Außerdem sei AKTIVE Mediennutzung immer besser als PASSIVE. Aktiv könnten Erklärvideos genutzt werden, um neue Fähigkeiten zu erlernen, wie beim Basteln, Recherchieren usw.
Begleitung anstatt Abschottung
Kranich sieht es auch als nicht sinnvoll, die Kinder vollkommen von der Mediennutzung abzuschotten- stattdessen schlägt er vor, sie zu begleiten.
Bestimmte Apps für Android oder Einstellungen bei Iphone, dass die Bildschirmzeit begrenzt wird. Verträge zur Nutzungszeit. Aber auf keinen Fall Medienkonsum, insbesondere Konsolenspiele, als Belohnung oder Strafe. Denn die machen Medien für die Kinder damit automatisch attraktiver. Stattdessen sollte mit den Kindern an die Medien herangehen, gemeinsam vielleicht das Spiel der Kinder „Zocken“ oder sich ab und an das Smartphone zeigen lassen. Sie nicht unvorbereitet in der Medienwelt aussetzen, sondern sie stärken, auch Konfrontationen zu verkraften.
Jede Familie muss ihren eigenen Kompromiss der Mediennutzung finden.
Am Schluss wünscht er viel Spaß bei der Medienerziehung und mit Augenzwinkern, prognostiziert er: „Ihre Kinder werden Sie verfluchen.“
Einige Eltern haben mitgeschrieben, andere stellen interessiert Fragen zu den verschiedenen sozialen Netzwerken, die Kranich erklärt. Für Kranich ist diese Haltung wichtig und richtig: Sich für Neues zu interessieren und die Neuheiten im Netz kennenzulernen. Nicht die Kinder einfach machen lassen, sondern sie anleiten und stärken, dass sie lernen, mit und ohne die Medien den Alltag zu meistern.
Text, Video, Fotos: Anna-Lena Eißler




