Buchautorin Margot Wicharz aus Unterginsbach sprach mit Dr. Sandra Hartmann über den Krieg in der Ukraine, das Friedensmanifest von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer, ob es die Pflicht Deutschlands ist, Waffen zu liefern und darüber, wie jeder einzelne von uns im alltäglichen Leben Frieden stiften kann
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GSCHWÄTZ: Braucht es heutzutage ein Friedens-Manifest von einer Oppositionspolitikerin (Sarah Wagenknecht) und einer Chefredakteurin (Alice Schwarzer), weil die Bundesregierung das nicht mehr alleine hinbekommt?
Wicharz: Es braucht solche Menschen, die zum Nachdenken anregen. Ich bin aber noch nicht ganz entschieden und zweifele ab und zu daran, ob wir ganz ohne Militär auskommen. Ich bin selbst zwiegespalten, was das Thema Ukraine betrifft, ob wir Waffen liefern sollen oder nicht. Das bedeutet ja auch Hilfe verweigern.
„Das bedeutet ja auch, Hilfe verweigern
GSCHWÄTZ: Sie sagen, Sie waren vor dem Ukrainekrieg immer zu 100 Prozent Pazifistin gewesen. Was hat sich geändert? Wurden wir vielleicht auch medial zu sehr beeinflusst, mit in diesen Krieg zu ziehen?
Wicharz: Die Medien beeinflussen ganz stark, vor allem Menschen, die nicht selber denken.
GSCHWÄTZ: Und die Medien werden wiederum nicht selten von der Politik beeinflusst.
„Ich habe meine Zweifel, ob unsere Medien noch ganz frei sind“
W: Ja, da habe ich auch meine Zweifel, ob unsere Medien noch ganz frei sind. Bei Corona war das ja ähnlich, da hieß es auf der einen Seite immer impfen, impfen, impfen, aber über Impfschäden auf der anderen Seite wurde gar nichts berichtet. Beim Ukrainekrieg sollte man dieses Schwarz-weiß-Denken nicht übernehmen. Auch hier sind die Medien einseitig.
GSCHWÄTZ: Sie meinen, einseitig dahingehend, dass es hier nur vermeintlich Gut und Böse gibt und keine Grautöne dazwischen?
Wicharz: Ganz genau.
GSCHWÄTZ: Wie sind Sie vor dem Ukrainekrieg positioniert gewesen zum Thema Krieg und Frieden?
W: Ich bin seit drei Jahren Mitglied beim Forum ZFD (Ziviler Friedensdienst in Köln), bei dem meine Tochter eine Zeit lang gearbeitet hat. Ich bin eigentlich Pazifistin. Dann kam der Ukrainekrieg. Und da habe ich mich gefragt: Kann man ein Land, das so in Not ist, einfach hängen lassen oder muss man da helfen?
GSCHWÄTZ: Die Frage ist, ob man mit Waffenlieferungen den Ukrainer:innen wirklich hilft. Wie schaut es aus mit den anderen Kriegen auf der Welt. Sind Sie da noch zu 100 Prozent Pazifistin?
„Viel Wiederstand in der Bevölkerung“
Wicharz: Der Irakkrieg war auch ein Angriffskrieg. Nur durch eine Lüge konnte damals in den USA die Kriegsstimmung angeheizt werden. Vorher gab es sehr viel Widerstand in der Bevölkerung. Diese Lüge wurde später aufgedeckt – jedoch ohne Konsequenzen. Ich fand es stark und richtig von dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, dass er da nicht mitgemacht hat. Das ist leider das Einzige, was ich an ihm gut finde. Er hat auch dafür gesorgt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer wurde.
GSCHWÄTZ: Was aber ist der Unterschied zwischen dem Irakkrieg und dem Ukrainekrieg? Warum sind in der Ukraine Waffenlieferungen gerechtfertigt und im Irak nicht? Ist es vielleicht die räumliche Nähe zu der Ukraine, die uns da mitbeinflusst?
„Krieg ist niemals gut“
Wicharz: Nein, ganz gleich ob nah oder weit entfernt, das Leid der Menschen ist im Irak so schlimm wie in der Ukraine. Krieg ist niemals gut. Nur die Zweifel bleiben, wie man der Ukraine anders helfen könnte. Man kann auch viel mit Friedensmissionen erreichen, vor allem nach einem Krieg, wie etwa im Kosovo.
GSCHWÄTZ: Das könnte man doch auch in der Ukraine, oder?
„Ich muss erst in mir selbst Frieden schaffen“
Wicharz: Ja, aber erst wenn der Krieg vorbei ist. Im Moment sehe ich keine Chance. Es gab vor Jahren einen Appell an den Bundestag (www.dfg-vk.de), den ich auch in meinem Buch zitiert habe: „Raus Afghanistan! Militär kann keinen Frieden bringen.
Vielleicht mehr Sicherheit, aber da muss vorher Vertrauen aufgebaut werden. Da muss Versöhnung passieren.“
Wichtig ist, dass man im Kleinen anfängt, dass jeder für sich überlegt, was kann ich für den Frieden um mich herum tun. Es gibt zwei Strömungen auf der Welt. „Wer mit den Pessimisten klagt, gehört mit zum Problem.“ Ulrich Schaffer sagte das bei einer Lesung. Da habe ich mich entschieden, dass ich zur positiven Strömung gehören will. Aber ich muss erst in mir selber Frieden schaffen, das ist der erste und wichtigste Schritt. Nur dann kann ich Frieden verbreiten, wenn ich in mir ruhe.
In sich ruhen führt zu Frieden
GSCHWÄTZ: Wie ruht man denn in sich selbst?
Wicharz: Ich persönlich arbeite an meinem Selbstwert. Wenn ich ein geringes Selbstwertgefühl habe, finde ich auch keinen inneren Frieden, dann vergleiche ich mich ständig mit anderen. Heute muss ich das nicht mehr. Ich lerne meine Stärken und Schwächen immer besser kennen. Dabei hilft, wenn andere mir meine Schwächen spiegeln. Wer allerdings bei jeder Kritik beleidigt ist, wird sich nicht weiterentwickeln. Auch ich sehe mich manchmal selbst durch die „rosarote Brille“. Konstruktive Kritik, z. B. von den Kindern, kann da sehr hilfreich sein. Woran möchte ich noch arbeiten? Manche Schwächen hindern mich am Leben, da versuche ich mich zu verbessern. Aber es gibt auch welche, zu denen stehe ich einfach.
GSCHWÄTZ: Wir durchleben als Gesellschaft gerade auch eine ganze Reihe großer Krisen wie Klima, Corona und nun auch dieser Krieg mitten in Europa. Das sorgt vermutlich auch nicht gerade für innere Ruhe.
„Es wird viel Angst in unserer Gesellschaft verbreitet“
Wicharz: Es wird viel Angst verbreitet in unserer Gesellschaft, vor allem vor einem dritten Weltkrieg, oder sogar vor einem Atomkrieg. In der Gesellschaft hat es so viele psychisch kranke Menschen, die Angst haben. Angst ist hinderlich beim Thema Frieden. Aus der Angst heraus kann ich keine guten Entscheidungen treffen. In meinem Buch gibt es ein Kapitel: Mut und Liebe umarmen die Angst. Wenn zum Beispiel eine Führungskraft kein gesundes Selbstwertgefühl hat, wird es sich autoritär verhalten, aus Angst, dass ein Untergebener besser ist, dadurch wird er diese(n) eher schwächen, anstatt stärken. Gute Führungskräfte mit einem gesunden Selbstwert haben keine Angst, weil sie zu ihren eigenen Fehlern problemlos stehen können und wissen: Ich bin trotz meiner Fehler viel wert.
GSCHWÄTZ: Wir sind ja umringt von Menschen, die innerlich voller Ängste sind und nach außen zu einem ganz autoritären Führungsstil neigen. Man denke nur an Donald Trump oder Wladimir Putin. Aber sind das nicht oftmals die erfolgreichsten Menschen? Sprich: Muss man nicht zwangsläufig autoritär sein, um Erfolg zu haben?
„Wir brauchen viel mehr Menschen, die mit Herz, Verstand, Mut und einem positiven Weltbild vorangehen“
Wicharz: Das ist in unserer Gesellschaft der ganz große Irrtum. Wir brauchen viel mehr solche Menschen, die mit Herz, Verstand und Mut und mit einem positiven Weltbild vorangehen. Dieser Hass untereinander ist eher eine Vergiftung der Gesellschaft. Und die Menschen, die einen derartigen Hass verbreiten, sind innerlich selbst vergiftet. Hass und Neid ist mir nicht in die Wiege gelegt. Aber ich litt viele Jahre unter Bitterkeit und die vergiftet genauso. Weil ich diese Bitterkeit überwunden habe, ist mein Krebs damals auch nicht zurückgekommen, davon bin ich heute überzeugt.
GSCHWÄTZ: In den sozialen Medien tritt ja gerade ein wahrer Boom an positiven Zitaten, Sprüchen und Affirmationen zu Tage. Muss sich Deutschland gerade selber innerlich wieder aufbauen?
Friedensbotschafter von morgen
Wicharz: Ja, angefangen bei den Kindern. Diese gilt es bereits von klein auf in ihrer Entwicklung zu bestätigen und zu bestärken, damit sie später Friedensbotschafter werden. Man sollte jedem Kind tiefe Wurzeln geben. Aber hierfür müssen die Mütter und Väter in sich ruhen und sich ihrer Sache sicher sein.
GSCHWÄTZ: Haben Sie noch einen Alltagstipp, um Konflikte schon im Keim zu unterbinden?
Wicharz: Heute kann ich meinem Bauchgefühl mehr vertrauen, weil ich darauf achte, was mich antreibt – ob mich Liebe antreibt oder Neid. Jeden Tag kann man Frieden stiften allein durch Gespräche und damit sogar das eine oder andere kleine Wunder bewirken.
Buch kaufen
Margot Wicharz plant, ein Buch über den Frieden zu schreiben. In ihrem ersten Buch, das im Verlag Tredition erschienen ist und nun neu aufgelegt wurde, hat sie offen über ihre Depressionen gesprochen. Bestellen kann man das Buch entweder direkt über den Verlag Tredition, über jede Buchhandlung oder über Amazon: Ein erfülltes Leben ist möglich: Mein Weg heraus aus Depressionen hinein in ein erfülltes Leben : Wicharz, Margot: Amazon.de: Bücher