Coronapandemie, Ukrainekrieg, Klimawandel, Inflation, Wirtschaftskrise: Noch nie gab es so viele Krisen so dicht nacheinander beziehungsweise parallel verlaufend. Der Wunsch nach einem Heilsbringer ist derzeit so groß wie nie. Die AfD soll und könne alles beziehungsvieles richten, so der Glaube auch vieler Bürger:innen im Hohenlohekreis. Die Partei erzielt in aktuellen Umfragen Spitzenwerte wie noch nie.
Verständlich, dieser derzeit starke Wunsch nach einem Heilsbringer, der schon irgendwie alles richten werde. Ängste türmen sich in der deutschen Seele auf – finanzieller und existenzieller Art. So könnte die AfD bei den nächsten Wahlen hinter der ehemaligen Volkspartei CDU landen.
Vor 100 Jahren lag die Wirtschaft ähnlich am Boden. Auch zu dieser Zeit war der Wunsch und Glaube groß, dass eine Partei beziehungsweise eine Person alles richten könne. Verstehen Sie mich an dieser Stelle nicht falsch. Ich möchte sicher nicht die AfD mit Hitler und seinen Schergen vergleichen. Aber es bedarf etwas mehr als eine Partei, um diese immensen Probleme zu lösen.
Ich verstehe den Wut auf die herrschende politische Klasse. Ich verstehe, dass Menschen, die ehedem ein Kreuz bei der Friedenspartei schlechthin gemacht haben und nun kopfschüttelnd einen Krieg in Europa vor Augen sehen, der mehr Leid als alles andere bringt. Kriege sind noch nie in einem besseren Zukunft gemündet. Kriege sind Zeitverschwendung und man hätte lieber einen schlechten Deal mit Russland eingehen sollen, als zwei Völkern wieder einmal eine solche Tragödie über Jahre zuzumuten. Ich verstehe die Wut auf korrupte Politiker:innen, die Millionen Gewinne während der Coronapandemie eingefahren haben und kein Kopf musste dafür rollen. Ich verstehe, wenn Rentner Hans Müller nicht mehr weiß, wie er seine Einkäufe zahlen soll, weil die Inflation immer weiter nach oben klettert. Ich verstehe die Wut auf Abgeordnete, die oftmals finanziell in einer derart anderen Welt leben, dass sie sich gar nicht mehr in die Lage vieler Bürger:innen derzeit hineinversetzen können. Ich verstehe, dass unsere Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen almählich verzweifeln an einem völlig überholten und weltweit mittlerweile nur noch hinterher hinkenden Bildungssystem. Auch hier herrscht mittlerweile, wie auch im Gesundheitssystem eine Zweiklassengesellschaft vor. Wir sprechen nicht mehr wie im Mittelalter vom Adel und vom Pöbel, aber irgendwie haben sich scheinbar nur die Begrifflichkeiten geändert. Ich verstehe die Landwirte, die Essen produzieren wollen, aber immer härtere Bedingungen hierfür angesichts des Klimawandels erleben und die Klimakleber, die allesamt nur für eine sehr uneigennützige Sache eintreten: den Kampf für eine gesündere, naturbelassenere, grünere Welt. Ich verstehe die Wut und Ängste der Bürger:innen in all ihren Facetten.
Aber ich weiß eines: Eine Partei allein kann und wird nicht alle Probleme Schritt für Schritt lösen können, sondern nur das Volk als Ganzes.
Es bedarf mehr Menschen aus der bürgerlichen Mitte in der aktiven Politik. Krankenschwestern -und pfleger, Lehrer:innen, Handwerker:innen, um die ganzen inzwischen stark marodierenden Systeme zu erneuern. Menschen, die wissen, wovon sie sprechen und Menschen, die wirklich etwas verändern möchten und nicht nur des Amtes und Egos wegen Politik betreiben. Nur das Volk als Ganzes kann etwas ändern. Jeder kann hier sein Zutun leisten und sich politisch engagieren. Vielleicht in Form einer neuen Partei.
Mit Radikalität, die ohnehin schon überbordenden Ängste noch mehr schüren und Angriffen unter die Gürtellinie jedoch stehen wir – wieder mal – am Abgrund. Und Probleme löst man auf diese Weise sowieso nicht.
Ein Kommentar von Dr. Sandra Hartmann zur aktuellen politischen Lage in Deutschland