„Wartezeiten lassen sich nicht vermeiden“
Eine Analyse der hiesigen Krankenhäuser
Carola M. (Name von der Red. geändert) wartet seit fünf Tagen, dass das Telefon klingelt. Es war keine gute Woche für die Mittdreißigerin aus dem Kochertal. Sie hat eine transplantierte Lunge, die seit einiger Zeit Probleme macht. Carola hat Atembeschwerden, ist zu Hause an ein Sauerstoffgerät angeschlossen. Carola braucht eine Bluttransfusion, doch das Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim, in dem diese Bluttransfusion vorgenommen werden soll, ist voll belegt. Die Ärzte haben ihr versprochen, anzurufen, sobald sie sie aufnehmen können. Zwei Tage, nachdem wir Carola zu Hause besucht haben, teilt sie uns per SMS mit, dass sie endlich aufgenommen werden konnte, doch seien ihre Werte inzwischen „so schlecht gewesen, dass zwei Bluttransfusionen von Nöten waren.“ Das war im Januar 2017. Ein Ingelgelfinger wartet im Februar 1,5 Stunden auf einen Krankenwagen, nachdem seine Freundin einen epileptischen Anfall hatte. Es sind viele Geschichten, die uns seit Monaten von Bürgern berichtet werden, wonach Patienten im Bett liegend im Flur warten müssen, bis ein Zimmer frei wird oder stundenlang in der Notfallambulanz. Wir wollten wissen: Sind das Einzelfälle oder steuern wir auf ein Versorgungsproblem zu?
Wir fragen bei der Hohenlohe Krankenhaus gGmbH (HK), beim Caritas in Bad Mergentheim und beim Diak in Schwäbisch Hall nach. In allen Krankenhäusern sind die Patientenzahlen im stationären Bereich in den vergangenen fünf Jahren leicht gestiegen, aber signifikant im ambulanten Bereich. Über 50.000 Menschen wurden 2015 ambulant allein im Caritas behandelt.
Kann es zu Versorgungsengpässen kommen? Manuela Giesel vom Diak in Schwäbisch Hall betont: „Die akute Notfallversorgung von Patienten ist immer sichergestellt.“ Eine Sprecherin der HK teilte hierzu schriftlich mit: „Die Klinikambulanzen in Öhringen sind mit zirka 14.700 Patienten pro Jahr gut ausgelastet. Wartezeiten lassen sich nicht immer vermeiden, vor allem wenn Patienten gleichzeitig zu behandeln sind.“ Bundesweit sei ein starker Trend erkennbar: „Patienten gehen aus den unterschiedlichsten und eher privaten Gründen häufiger in Kliniken zur ambulanten Behandlung. In nur wenigen Fällen ist tatsächlich eine stationäre Versorgung erforderlich.“ Ute Emig-Lange vom Caritas bestätigt, dass „ambulante Notallzentren“ sehr belastet seien. Wie schaut es bei den stationären Versorgung aus?
Die Gesamtauslastung bei der stationären Versorgung lag in Künzelsau Anfang Februar bei 73 Prozent, in Öhringen bei 83 Prozent. Dies entspricht dem bundesweiten Durchschnitt. Im Jahresschnitt 2016 allerdings waren 72 Prozent der Betten in Öhringen belegt, aber nur 48 Prozent der Betten in Künzelsau. Die Bürgerinitiative (BI) führt dies unter anderem auf falsche Darstellungen des Künzelsauer Krankenhausstandortes in der Öffentlichkeit zurück. Geschäftsführer Jürgen Schopf habe in der Landesschau im SWR Fernsehen etwa von einer „veralteten OP-Technik“ gesprochen. Deshalb hat die BI selbst einen Flyer erstellt mit den Leistungen des Krankenhauses. Darauf steht, was in Künzelsau behandelt wird: Notfall- und Erstversorgung, Unfallchirurgie, Innere Medizin, Schlaganfallstation, Herz- und Kreislauferkrankungen, Dialyse (im Ärztehaus). Zu den Zahlen: Während der Umsatz trotz steigenender Patientenzahlen bei der HK stagniert, ist der Umsatz des Diak in den vergangenen Jahren leicht gestiegen, das Caritas-Krankenhaus hat gar einen Umsatzzuwachs von satten 15 Prozent zu verzeichnen.
Wie schaut es beim Gewinn aus? Das Caritas ist das einzige der drei Betreiber, das von „positiven Jahresergebnissen“ in den vergangenen Jahren spricht. Die HK erwirtschaftete bis 2011 Gewinne, ab 2012 gab es jährliche Defizite (2015: 1,7 Millionen Euro). Dass Krankenhäuser unterm Strich rote Zahlen schreiben, ist bundesweit allerdings kein Einzelfall, sondern mittlerweile fast die Regel. Das Krankenhaus Stuttgart „erwirtschaftete“ 2015 beispielsweise ein 27-Millionen Defizit.
Wie schaut die Zukunft aus? Da das ambulante Versorgungszentrum stetig an Bedeutung gewonnen hat, plant das Caritas nun eine eigene Abteilung mit Chefarzt daraus zu machen. Durch den Neubau in Öhringen und Schwäbisch Hall soll es dort bald mehr Betten geben. Das Diak erhält für seinen Neubau Zuschüsse vom Land Baden-Württemberg. Öhringen soll ebenfalls Zuschüsse erhalten, aber nur wenn der Krankenhaus-Standort Künzelsau schließt. Dann wäre das Kochertal der große Verlierer. Denn die Wege nach Schwäbisch Hall auf der B19 und nach Öhringen auf der A6 sind bereits jetzt schon ständig überlastet.

