„Die Kleinsten haben den weitesten und gefährlichsten Weg“
Jessica Golgath hat sich gefreut über die neue Bushaltestelle direkt an der Niedernhaller Schule. Sie wohnt mit ihrer Familie auf der Giebelheide. Ihre Tochter kommt im September 2023 in die zweite Klasse und fährt während der Schulzeit mit dem Bus in die Innenstadt zur Schule. Dann kam schnell die Ernüchterung. Die neue Bushaltestelle wird künftig – so wie die alte Bushaltestelle – von fast allen Linien angefahren, nur nicht mehr von der von Schüler:innen stark genutzten Buslinie 5. Das ist aber genau die Linie, mit der Jessica Golgaths Tochter morgens zur Schule kommt. Das bedeutet für die Siebenjährige: Sie muss an der neuen Bushaltestelle an der Stadthalle unweit der Kocherbrücke aussteigen und mehrere Straßen überqueren, bis sie nach rund einem halben Kilometer an der Schule ankommt. Morgens herrscht auf dieser Straße nicht nur reger Berufsverkehr, sondern auch diverse Elterntaxis sind hier unterwegs. Die graue Jahreszeit kommt, bald ist es morgens noch dunkel, wenn die Kinder in die Schule gehen. Sie versteht nicht, dass gerade die kleinsten nun einen sehr weiten Schulweg haben. „Ich bin nicht gluckig, aber ich finde, dass über das ganze Schuljahr hinweg eine gewisse Sicherheit da sein muss. Die Kinder sollen auf eine sicherer Art und Weise selbstständig werden.“ Sie möchte sich nicht täglich Gedanken mache müssen, ob ihre Tochter gut zur Schule und wieder nach Hause kommt. Das Nach-Hause-Kommen gestaltet sich ebenfalls nicht so einfach für Grundschül:erinnen, die auf der Giebelheide zwei und künftig auch drei (Neubaugebiet) wohnen.

Neue Bushaltestelle direkt vor dem Schulneubau: Eigentlich ideale Ausstiegsbedingungen, insbesondere für Erstklässler. Foto: privat
Sechsjährige zwischen regem Berufsverkehr, Elterntaxis und der anstehenden dunklen Jahreszeit
Hier gibt es ebenfalls eine neue Bushaltestelle namens Abt-Knittel-Straße und offiziell seit Dezember 2022 in Betrieb. Doch diese Haltestelle wird nur zu bestimmten Uhrzeiten angefahren und steht teilweise nicht mal in den offiziellen NVH-Plänen, was verwirrend sein kann für einen Sechsjährigen, wenn er etwa zur vierten Stunde mit demselben Bus zur Abt-Knittel-Straße fahren kann, zur fünften aber nicht mehr. Das Problem: Die Abt-Knittel-Haltestelle ist die letzte Haltestelle auf der Giebelheide. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Kind denkt, der Bus hält dort und wartet – vergeblich und landet am Ende in Waldzimmern. Denn dort ist dann erst wieder der nächste Stopp. Für Jessica Golgath ist klar: „Die Kleinsten haben den weitesten und gefährlichsten Weg.“

Neu, vorbildlich, verkehrssicher, aber kaum angefahren: die Bushaltestelle Abt-Knittel-Straße auf der Giebelheide. Foto: privat
Am Ende landen Grundschüler:innen in Waldzimmern
Tina Ströbele sieht das ähnlich. Die Mutter von zwei Mädchen wohnt auch auf der Giebelheide zwei, ihre Töchter kommen in die zweite und vierte Klasse. Sie hatte sich wie viele andere Eltern gefreut über die neue Bushaltestelle „Abt-Knittel-Straße“, die es seit Ende 2022 auf der Giebelheide gibt, da ihre Kinder fortan nur 5 Minuten zum Bushäusle laufen müssen. „Es ist übersichtlich, sicher, es gibt einen Zebrastreifen.“ Die nächste Haltestelle namens Jugendhaus sei weiter weg, ohne Bushäusle, es gibt auf der einen Seite, von der die Kinder kommen, keinen Gehweg und liegt direkt an der Hauptverkehrsschneise mit dem morgendlichen Berufsverkehr. Für die Bankmitarbeiterin steht fest: „Ich fahre meine Kinder jetzt mit dem Auto zur Schule, obwohl das eigentlich nicht gewünscht ist von der Schule“, die eine „kiss and go“-Zone vor der Schule anstrebt, sprich: möglichst keine Elterntaxis, kurze Verabschiedungen. Keine Warteschlangen. Möglichst wenig Verkehr. „Ich will keine Helikoptermutter sein“, betont Tina Ströbele. Aber der Schulweg für die Grundschulkinder sei schwierig. Warum man auf die Kleinsten so wenig Rücksicht nimmt, kann auch sie wie auch ihre Schwester Sonja Heußer, die ebenfalls auf der Giebelheide zwei mit ihrer Familie wohnt, nicht nachvollziehen.

Kein Bushäusle, kein Gehweg, kein Zebrastreifen: die alternative Bushaltestelle namens Jugendhaus auf der Giebelheide. Foto: privat
„Ich will keine Helikoptormutter sein“
Die Diskussionen um eine adäquate Busverbindungen für die Sechs- bis Zehnjährigen gibt es bereits seit März 2023. „Wir sind dran“, lautet das Credo von Alfons Rüdenauer von der Stadterwaltung Niedernhall. Man sei in Gesprächen mit der Schule und dem NVH. Auch die Schule führe Gespräche mit dem NVH und sei alles andere als glücklich über diese Situation. Der NVH nennt „betriebliche Gründe“ für die Linie 5. Es handele sich um eine Anschlusslinie, mit der Kunden den Anschlusszug in Waldenburg bekommen müssten. Umwege wie die rund 500 m bis zur Niedernhaller Schule zu fahren oder öfter die Abt-Knittel-Straße anzufahren, sei daher nicht mehr möglich. Am Freitag, den 08. September 2023, stehen weitere Gespräche zwischen den Beteiligten an, um vielleicht doch noch eine Lösung vor Schuljahresbeginn am Montag, den 11. September 2023, zu finden, denn immerhin geht es auch um die Frage: Wer haftet, wenn auf dem Schulweg einem Kind etwas zustoßen sollte? Die Schule ist hier mit in der Verantwortung, etwa in Form von Schülerlotsen dafür zu sorgen, dass Eltern ihre Kinder beruhigt zur Schule schicken können.
Krautheims Familien stehen derzeit vor ähnlichen Themen
In Krautheim haben Eltern derzeit eine ähnliche Problematik. Lena Pflüger hat nun eine Elterninitiative gründet, die sich unter anderem den Themen sicherer Schulweg, Zebrastreifen und 30er Zonen annehmen möchte. Man versuche auch hier in Gesprächen mit der Stadt und den Schulen gute Lösungen für die Kinder zu finden, so Lena Pflüger.
Im Kreistag wurde vor nicht allzu langer Zeit gesagt, wie sich die Kundenklientel des NVH im Hohenlohekreis zusammensetzt: über 80 Prozent sind Schüler:innen. Mit den Schüler:innen verdient der NVH demnach am meisten Geld. Daher sollten diese auch die höchste Priorität haben.


