Nach unserer Berichterstattung über den Pflegeskandal im Altenheim Krautheim hat uns eine tragische Geschichte aus Rheinland-Pfalz erreicht. Anbei veröffentlichen wir diese Geschichte, geschrieben von Stefan Heyde, die sich laut Heyde 2011 ereignet hat. Heyde und ein Kollege der Protestaktion „Pflegekräfte in Not“ haben den Brief sowie die dazugehörige kaputte Uhr (Foto links) im Juni 2018 im Bundesgesundheitsministerium (BG) abgegeben – adressiert an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Das BG weist auf GSCHWÄTZ-Nachfrage darauf hin, dass der für die Pflegeversicherung zuständige Unterabteilungsleiter der Abteilung vier, Herr Dr. Martin Schölkopf, als Vertreter des Ministers mit Herrn Heyde gesprochen und das Schreiben in Empfang genommen habe.
„Flächendeckender Tarifvertrag“
Auf die Pflegeproblematik allgemein angesprochen, verweist Doris Berve-Schucht vom BG darauf, dass es das Ziel des BG sei, „in der Altenpflege einen flächendeckenden Tarifvertrag zu erreichen. In der Krankenpflege wird hingegen bereits weitgehend nach Tarif bezahlt.“ [Anm. d. Red.: Die Mitarbeiter am Krankenhausstandort Künzelsau wurden jahrelang untertariflich bezahlt]. Das Ministerium verwies jedoch darauf, dass „das konkrete Aushandeln von Löhnen und Lohnerhöhungen in den Händen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer beziehungsweise der Tarifparteien liegt.“ Im Fall Altenheim Krautheim wären somit die BBT-Gruppe und der Hohenlohekreis als Eigner in der Pflicht, die Mitarbeiter nicht mehr länger untertariflich zu entlohnen.
28. Juni 2018 – der Brief
„Sehr geehrter Herr Spahn,
diese Uhr, welche sie in Ihren Händen halten, gehörte einem Bewohner aus einem Seniorenzentrum in Rheinland-Pfalz. Diese Uhr habe ich von der Ehefrau des Bewohners nach seinem Tod erhalten und die Geschichte hinter dieser zerbrochenen Uhr hat mich sehr traurig und nachdenklich gestimmt. Sie war ein Teil, der dazu beigetragen hat, mich so intensiv mit dem Pflegenotstand zu beschäftigen und gegen diesen anzukämpfen.
Es handelte sich um einen Mann von 76 Jahren. Er war noch sehr fit und eigenständig, obwohl ihn seine Grunderkrankung, Morbus Parkinson, immer mehr einschränkte und er dadurch auf Hilfe angewiesen war. Die Ehefrau hatte ihren Mann sehr lange, fast zehn Jahre, daheim mit Unterstützung eines ambulanten Dienstes versorgt. Am Ende reichte ihre Kraft jedoch nicht mehr aus und sie musste ihn schweren Herzens in ein Pflegeheim geben. Dort gewöhnte er sich schnell ein und verlor niemals den Humor und hatte Verständnis für die anderen Bewohner, aber auch für die Situation der Pflegekräfte vor Ort. Wenn es möglich war, half er mit und versuchte, diese zu entlasten. An diesem Tag jedoch sollte sich alles verändern.
Der Bewohner wollte kurz vor Mitternacht auf die Toilette gehen und meldete sich per Ruf bei der zuständigen Pflegekraft, um deren Unterstützung zu bekommen, da der Weg für ihn alleine zu gefährlich und er zu unsicher auf den Beinen aufgrund seiner Erkrankung war. Die Pflegekraft war in dieser Nacht jedoch mit der Situation im Wohnbereich überfordert, betrat das Zimmer und bat den Bewohner, um ein wenig Geduld. In „fünf Minuten“ wollte sie wieder da sein.
Er verlor das Gleichgewicht und stürzte.
Der Bewohner wartete und wartete, aber die Pflegekraft kam nicht wieder. Um die Pflegekraft zu entlasten, machte er sich selbst auf den Weg zur Toilette, denn das hatte schon etliche Male vorher geklappt. Er lief schwankend zum Bad in seinem Zimmer und suchte nach dem Lichtschalter. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte. Mühevoll versuchte er, sich während des Sturzes irgendwo festzuhalten und schrammte dabei mit seinem Kopf vorbei, knallte auf das Waschbecken und fiel zu Boden. Er verlor das Bewusstsein.
Die Pflegekraft schaffte es erst um 0:15 Uhr, das Zimmer des Bewohners aufzusuchen und wollte ihn, wie geplant, zur Toilette begleiten. Als sie das Zimmer betrat, fand sie den Bewohner im Bad in einer großen Blutlache mit klaffender Platzwunde und ohne Puls vor. Die Pflegekraft fing sofort mit der Reanimation an, rief den Notarzt und kämpfte um das Leben des Bewohners. Als der Rettungsdienst eintraf, hatte der Bewohner einen sehr flachen Puls. Der Rettungsdienst nahm den Bewohner sofort mit, um ihn ins nächstgelegene Krankenhaus zu bringen. Der Bewohner verstarb gegen 03:00 Uhr an einer schweren Hirnblutung. Er starb, weil er die Pflegekraft, welche in der Nacht mit einem Kollegen zu zweit für über 110 Bewohner zuständig war, entlasten wollte. Diese Uhr hat mich viele Jahre begleitet und wurde für mich zu einem Symbol, sie wurde für mich zur „Uhr der Schande“. Nun ist es an der Zeit, diese Uhr weiterzugeben, um vielleicht auch Sie zum Nachdenken zu bringen.
Diese Uhr wurde beim Sturz zerstört und blieb genau zu diesem Zeitpunkt mit zersplittertem Glas stehen. Die Uhrzeit zeigt 23:58 Uhr. Die Situation in den Pflegeberufen ist nicht mehr „fünf vor Zwölf“ oder „zwei Minuten vor Zwölf“, es ist schon weit danach.
Es wird Zeit, dass Sie handeln, fernab jedes Parteibuches zum Wohle der Bürger, welche einen Lebensabend in Würde und mit der bestmöglichen Versorgung verdient haben. Diese Uhr ist ein Sinnbild, wie schnell jeder von uns ein Teil dieses kranken Gesundheitssystems werden kann.“

Die Uhr der Schande.
Foto: privat