Seit knapp einem Monat müssen Patienten außerhalb der Sprechzeiten längere Wartezeiten und teils weitere Fahrtwege zur nächsten Notfallpraxis auf sich nehmen. Das dürfte sich auch nicht so schnell ändern. Betroffen von den Schließungen ist auch die Notfallpraxis in Künzelsau.
Knapp 3.000 Ärzte brechen weg
Knapp einen Monat nach dem Beginn eines Notfallplans für den ärztlichen Bereitschaftsdienst rechnet die Kassenärztliche
Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) nicht mit einer schnellen Rückkehr des regulären Notdienstes. Man arbeite derzeit an den neuen Strukturen, teilte ein Sprecher mit. Erste Eckpunkte sollten Anfang Dezember vorgestellt werden. Die Umsetzung werde
dann aber schrittweise erfolgen müssen.“Wir werden sicherlich noch einige Monate benötigen“, sagte der Sprecher.
Schließung führt zu einer Mehrbelastung in Krankenhäusern
Aber auch dann dürfte das Notdienst-Angebot nicht mehr genauso aussehen wie vor der Notbremse, die die KVBW wegen eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts zog. Auf die Frage, ob es das Ziel sei, den Umfang des Notdienstes von vor dem Urteil wieder vollständig herzustellen, antwortete der Sprecher: „Das geht nicht.“ Der Notdienst müsse wegen des Wegfalls der sogenannten Poolärzte neu konzipiert werden.“ Dabei wird es auch zu Veränderungen kommen.“
Bisher wurde der ärztliche Bereitschaftsdienst in Baden-Württemberg von niedergelassenen Ärzten mit eigener Praxis und von rund 3.000 Poolärzten geleistet, die nach Angaben der KVBW etwa 40 Prozent der Dienste in den Notfallpraxen freiwillig übernahmen. Poolärzte sind Ärztinnen und Ärzte, die keine Kassenzulassung haben, also unter anderem Mediziner, die im Krankenhaus
arbeiten, die kurz vor der Facharztanerkennung stehen oder die bereits im Ruhestand sind. Wegen eines Gerichtsurteils hatte die KVBW Ende Oktober angekündigt, mit „sofortiger Wirkung die Tätigkeit der Poolärztinnen und Poolärzte“ zu beenden.
Lange Wege
Weil deren Wegfall nicht kompensiert werden könne, kündigte die KVBW die Schließung von acht Notfallpraxen – darunter auch Künzelsau – und die Teilschließung von sechs Praxen unter der Woche an. Zudem wurden in fast allen weiteren Praxen die
Öffnungszeiten reduziert. Mehr Patienten in Notaufnahmen von Krankenhäusern Aus Sicht der KVBW ist die Notfallversorgung trotz der Einschränkungen weiter gesichert.“ Trotz unserer Maßnahmen haben wir im Land immer noch mehr als 100 Notfallpraxen an den Wochenenden und Feiertagen geöffnet“, sagte der Sprecher. Zudem gebe es weiter einen Fahrdienst, der medizinisch notwendige Hausbesuche übernehme. In einigen Praxen müssen sich Patientinnen und Patienten aber auch auf längere Wartezeiten einstellen.“ Natürlich kommen auch mehr Patienten in die Notfallpraxen, die in der Nähe der Praxen liegen, die geschlossen sind“, sagte der Sprecher.
Klinikärzte beobachten aber auch, dass die Menschen verstärkt in die Notaufnahmen von Krankenhäusern kommen.“ Unsere Befürchtungen haben sich leider bewahrheitet. Nach Angaben unserer Mitglieder suchen deutlich mehr Patientinnen und Patienten Hilfe in den Notaufnahmen in den Krankenhäusern“, sagte die Landesvorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Sylvia Ottmüller. Dort werde das Personal, das bereits überbelastet sei, weiter belastet und komme Patienten in Baden-Württemberg drohen lange Wege zu Notfallpraxen an seine Grenzen. „Wir tun unser Bestes zum Wohle der Patienten, erneuern aber unsere
Forderung an die KVBW, ihren gesetzlichen Versorgungsauftrag zu erfüllen und die Einschränkungen im ambulanten Notfalldienst umgehend zurückzunehmen“, sagte Ottmüller.
Finanzielle Situation der Krankenhäuser verschlechtert sich weiter
Ähnlich nehmen auch die Krankenhäuser die Lage wahr. Durch die sogenannte Notbremse gebe es eigentlich nur Verlierer, beklagte der Hauptgeschäftsführer der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), Matthias Einwag: „Die Patientinnen und Patienten müssen länger warten, das sowieso knappe Krankenhauspersonal in den Notaufnahmen wird noch stärker
belastet und die ohnehin schwierige finanzielle Situation der Krankenhäuser verschlechtert sich weiter.“ Es gebe dringenden Handlungsbedarf.
Von der „Notbremse“ der KVBW sind die 115 Notfallpraxen in Baden-Württemberg betroffen. Geschlossen werden die Praxen in Geislingen, Schorndorf, Möckmühl, Buchen, Waghäusel-Kirrlach, Künzelsau, Bad Säckingen und Schopfheim. Zudem kommt es zu Einschränkungen in Mühlacker, Bietigheim-Bissingen, Rastatt, Singen, Herrenberg und Villingen-Schwenningen. Dort machen die Notfallpraxen unter der Woche gar nicht mehr oder nur noch teilweise auf, sondern konzentrieren sich auf das Wochenende und Feiertage. Nicht betroffen von den Maßnahmen sind die Notdienste der Augenärzte und der HNO-Ärzte. Auch die Kindernotfallpraxen bleiben laut KVBW bestehen, in einigen werden allerdings die Öffnungszeiten reduziert.
Warum werden gerade diese Praxen geschlossen?
Die geschlossenen Notfallpraxen liegen vor allem im ländlichen Raum und in kleineren Städten. Als Grund für die Schließung nannte ein Sprecher der KVBW deren Inanspruchnahme. „Die ist in den großen Städten viel höher als auf dem Land“, sagte er. Zudem habe man Ausweichmöglichkeiten auf nahe gelegene Notfallpraxen berücksichtigt.