Die Akte Kasia Lenhardt – Warum Jeroame Boateng niemals mehr in der Nationalelf spielen dürfte
Jung, schön. Begehrt. Nicht mehr am Leben. Vor drei Jahren wird Kasia Lenhardt leblos in ihrem Apartment in Berlin-Charlottenburg, aufgefunden. Vorausgegangen war eine mediale Hetzjagd, unter anderem angefeuert durch die Berichterstattung der BILD, gegen die damals 25-Jährige.
Der Hintergrund: Öffentlich wurde das Model damals so dargestellt, als ob sie die Prominenz des Fußballstars für sich (aus-)nutzen wollte und sie ihn genötigt habe, eine Beziehung mit ihm zu führen. So zumindest stellt es Jérôme Boateng in einem Interview mit der Bild-Zeitung dar, nachdem unter anderem Vorwürfe wegen häuslicher Gewalt gegen ihn im Raum standen.
Nach dem Interview, das Der Fußballstar der BILD gibt, erhält Kasia Lenhardt einen öffentlichen Shitstorm, unter anderem Hassmails von Boateng-Anhängern. Wenige Tage später ist sie tot. Es wird nach wie vor davon ausgegangen, dass sie sich umgebracht hat.
Das ist nicht das Mittelalter und das Infernal einer Hexenverbrennung. Das ist Deutschland im 21. Jahrhundert. Kein Bedauern über ein ausgelöschtes Menschenleben. Kasia war vermutlich eine verkappte Hexe, die den Weltfußballer Boateng genötigt, zu tun, wie ihm geheißen. Oder war alles doch ganz anders?
In einer aufwändig recherchierten Spiegel-Reportage namens „Die Akte Kasia Lenhardt“ gehen nun die Autorinnen Maike Backhaus und Nora Gantenbrink der Akte Kasia Lenhardt nach – mit erschütternden Ergebnissen.
In Folge 2 der Podcastserie mit dem Titel: „Der Ohrring“ rekonstruieren die Spiegel-Journalistinnen unter anderem ein Treffen der beiden in der gemeinsamen Wohnung in Charlottenburg Ende Januar, die Boateng für sie gemietet hatte. Er besucht sie und hat eine Verschwiegenheitserklärung dabei, die sie verpflichtet, niemals in der Öffentlichkeit über ihre Beziehung zu sprechen. Laut den Recherchen hat Kasia nach dem Besuch ein zerrissenes Ohrläppchen. Die Verschwiegenheitserklärung ist von ihr unterzeichnet worden.
Anfang Februar möchte sich Kasia endgültig von ihm trennen. Boateng gibt zur selben Zeit der BILD ein Interview. Darin spricht er über das Ende der Beziehung mit Kasia Lenhardt. Er behauptet darin unter anderem, Kasia Lenhardt habe ihn erpresst. Er habe nie eine Beziehung mit ihr führen wollen. Danach beginnt eine Schlammschlacht in den Boulevardmedien. Kasia Lenhardt glaubt, dass die Verschwiegenheitserklärung ihr verbiete, ihre Sicht auf die Beziehung öffentlich zu machen. Damit bleiben Boatengs Behauptungen weitgehend unwidersprochen.
Kasia Lenhardt wird nach dem »Bild«-Interview von Jérôme Boateng das Zentrum einer Hetzkampagne im Netz und sucht Hilfe bei Anwälten. Sie will die Verschwiegenheitsvereinbarung anfechten. Unseren Informationen nach habe sie überlegt, eine Anzeige wegen Körperverletzung und übler Nachrede zu erstatten. Dazu wird es nicht mehr kommen: Am 9. Februar wird Kasia Lenhardt tot aufgefunden. Kurz vor ihrem Tod nimmt sie zwei Anrufe auf ihrem Handy an.
Die Faktenlage gegen den ehemaligen Weltfußballer ist in dem Podcast erdrückend schwer. Häusliche Gewalt, eine stark toxische Beziehung, eine Täter-Opfer-Umkehr (nach einer Trennung), soziale Ächtung. Das wirklich Beklemmende daran ist, dass diese Konstellationen nach wie vor nicht selten ein Deutschland sind. Kasia Lenhardt steht damit stellvertretend für viele Betroffene. Diesem Druck standzuhalten, ist unglaublich schwer. Viele Menschen haben sich nun hinter Kasia gestellt. Manche fordern, dass Boateng dadurch nie wieder für die Nationalelf spielen dürfte. Da Fußball auch eng verbandelt ist mit dem Lebensgefühl und der Moral eines Landes täte Deutschland gut daran, dieses Verhalten nicht zu belohnen, sondern stattdessen ein Zeichen zu setzen – für ein gewaltfreies Miteinander, für die gleichen Rechte für Männer und Frauen und für ein vehementeres Eintreten gegen jede Form von psychischer und physischer Gewalt.
Den ganzen Podcast gibt es hier.





