Wenn Bernd K., der Beschuldigte im Dörzbacher Scheunenbrandprozess (GSCHWÄTZ berichtete), den Gerichtssaal betritt, sieht man einen gutgekleideten Menschen, die grauen Haare akkurat geschnitten, mit klaren hellen Augen, der ein gewinnendes Lächeln in Richtung Publikum schickt. Einen Menschen, der einen offenen und zugänglichen Eindruck macht – bis seine Fesseln, die man bis dahin gar nicht bemerkt hat, aufgeschlossen werden. Man sieht einen Menschen, der auf den ersten Blick eine angenehme Aufmerksamkeit erregt. Man sieht die Fesseln erst auf den zweiten Blick.
Abwechslungsreiche Lebensgeschichte
Genau so scheint es vielen Menschen in seiner Umgebung zu gehen: Beim ersten Kennenlernen, so sagen es die Zeugen unisono aus, trifft man auf einen umgänglichen Menschen, vielleicht etwas redseliger als auf dem Dorf üblich, aber er hat ja auch aus seinem Leben einiges zu erzählen:
Einige Jahre als Soldat gedient, dann auf dem sogenannten „zweiten Bildungsweg“ ein Ingenieursstudium abgeschlossen, danach freiberuflich in immer wechselnden Projekten als Berater für angesehene Firmen tätig, viel herumgekommen, beruflich offenbar durchaus erfolgreich – da gibt es Stoff genug, den er erzählen kann und der auch für die neuen Bekannten zuhörenswert ist. Und wenn er dann auch noch selber alte Motorräder fährt und sich mit alten Motoren auskennt – da ist er natürlich zum Beispiel im Kreis eines Motorradklubs sofort willkommen.
Erfolgreich, selbstbewusst, gewinnendes Wesen
Genau so stellt er sich auch dem Gericht dar: Als einen erfolgreichen und selbstbewussten Menschen, der nur durch eine Verschwörung zu den angeklagten Taten, die er bereits am ersten Verhandlungstag offen und geradezu stolz zugibt, gezwungen wurde. Erst beim Nachhaken des Gerichts zeigen sich Risse in der Fassade: Offenbar hat Bernd K. beispielsweise nennenswerte Schulden, die nicht so recht in das von ihm gemalte Bild passen wollen – plötzlich wird seine Aussage unsicher, Sätze verlieren sich im Nichts. Als wolle er diesen Teil seines Lebens selber nicht wahrhaben. Kein Wort darüber, woher diese Schulden stammen: War er beruflich in den letzten Jahren vielleicht doch nicht so erfolgreich? Zumindest ein Fall, in dem ein lokales Unternehmen eine hohe Rechnung Bernd K.s nicht bezahlen wollte, wurde im Prozeß mehrfach angesprochen. Immer, wenn es um Misserfolg im Leben des Bernd K. geht, wird seine Aussage unklar, wirkt er getroffen und als habe er sich darauf nicht vorbereitet.
Status ist ihm wichtig
Status ist ihm wichtig, das zeigt sich nicht nur an Kleidung, Haarschnitt und Auftreten. Immer wieder versucht er, höherwertige Begrifflichkeiten einzubringen: „Beratender Ingenieur“ sei er, er habe nicht in einer „Zweizimmerwohnung“ gewohnt, sondern in einem „repräsentativen Beratungsbüro“. Auch den Begriff der „Monteurswohnung“ mag er nicht akzeptieren und das Wort „Schulden“, das die Richterin sagt, korrigiert er umgehend zu „Verbindlichkeiten“.
Sein gewinnendes Wesen führt offenbar auch dazu, dass Menschen sich ihm gegenüber öffnen und er viele Einzelheiten aus dem dörflichen Leben erfährt. Später verwendet er diese Einzelheiten in seinen beleidigenden und bedrohenden Aussagen.
Immer im Mittelpunkt
Auf den zweiten Blick bemerken aber auch die Zeugen Verhaltensweisen, die nicht so recht zum ersten Eindruck passen wollen. Zu sehr sucht Bernd K. die Aufmerksamkeit, will im Mittelpunkt stehen und wird mehr und mehr als störend empfunden: Er sprengt eingespielte soziale Regeln in den Gruppen, in denen er sich aufhält. Und man wird ihm das auch gesagt oder gezeigt haben – dörfliche Gruppen, die sich seit Jahrzehnten kennen, haben ihre eigenen Gesetze. Bernd K. drängt sich dazwischen, mit Ratschlägen, um die ihn niemand gebeten hat. Und seine gutgemeinten Ratschläge werden ignoriert, was zu verbitterten Kommentaren und ersten Drohungen seinerseits führt.
Auch im Gericht ist das aufmerksamkeitsheischende Verhalten zu bemerken, immer wieder versucht er, sich in den Mittelpunkt zu stellen: Wenn er die Richterin mit einem betörenden Lächeln in eine Diskussion darüber verstricken will, wie er sie ansprechen soll. Wenn er alle bereitstehenden Stühle ausprobiert und damit alle Augen auf sich zieht. Wenn er sein Fragerecht zu ausschweifenden Erklärungen verwenden will.
Beginn und Ende einer Liebe
Irgendwann, so sagt es Bernd K. selber, will er die Liebe seines Lebens gefunden haben: Eine Frau, hochgebildet, beruflich und im sozialen Umfeld hochangesehen, nur leider verheiratet. Ob die Liebe beiderseits war, wie es Bernd K. aussagt, konnte im Prozess noch nicht geklärt werden.
Und plötzlich ist diese Beziehung mit Knalleffekt zu Ende. Das scheint der Bruch im Leben des Bernd K. gewesen zu sein, der ihn derart aus der Bahn bringt, dass er sich mehrere Monate in stationäre Behandlung nach Tauberbischofsheim in eine Klinik begibt. Ob er das aus freien Stücken tat, ob ein Arzt es ihm geraten hat oder ob es sich um eine Maßnahme nach dem PsychKHG gehandelt hat, ist nicht geklärt.
Zerstörtes Selbstbild
Ein Mensch, der bis dahin vor Selbstbewusstsein nur so strotzt, ist nicht mehr in der Lage, sein Leben selbstbestimmt und selbständig zu führen, ist abhängig von Ärzten und Medikamenten: Das könnte für Bernd K. eine Erniedrigung gewesen sein, die Zerstörung seines Selbstbildes. Die Vernichtung seines Selbst.
Nach dem Klinikaufenthalt scheint er nicht mehr der Alte gewesen zu sein: Statt des umgänglichen Menschen, der vielleicht ein „Schwätzer“ aber sonst „ganz in Ordnung“ war, entwickelt er sich immer mehr zum bewussten Störenfried, der auch nicht mehr davor zurückschreckte, Schäden anzurichten. Von sehr subtil angerichteten Schäden an der Wohnungseinrichtung bis hin zum Feuerlegen an der Scheune. Aber auch psychische Schäden richtet er an: Beleidigungen, Bedrohungen, teils in privaten Nachrichten, teils öffentlich, zum Beispiel als Kommentar auf den facebook-Seiten des GSCHWÄTZ. Mindestens ein Ziel seiner Tiraden musste längerfristig ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
Eine Zeugin berichtet, dass Bernd K. bald nach der Entlassung aus der Klinik seine Medikamente abgesetzt hätte. Ein anderer Zeuge bemerkte einen, wenn auch nicht übermäßigen, Alkoholkonsum. Möglicherweise haben diese Faktoren den Wandel in Bernd K.s Verhalten beeinflusst.
Eine Verschwörung, um ihn zu ruinieren?
Bernd K. erzählt davon, dass er sich verfolgt fühlt: Von der Familie seiner Liebe, vom Bürgermeister, vom Feuerwehrkommandanten und von den Polizisten des lokalen Polizeipostens, die sich zusammengetan hätten, um ihn zu ruinieren und seine Existenz zu vernichten. Alle dörflichen Würdenträger haben sich scheinbar gegen ihn verschworen.
Einen Weg, seine Interessen persönlich wahrzunehmen, sieht er wohl nicht mehr – denn die Polizei bis hoch zum Innenminister und zum Justizminister des Landes Baden-Württemberg sieht er ja als Teil der Verschwörung. Daher ruft mit seinen langen Schriftsätzen immer größere Adressatenkreise um Unterstützung, bis hin zur Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten. Er sucht gezielt eine größere Öffentlichkeit – und den Beistand der Staatsanwaltschaft im fernen München, die er wohl als so weit weg empfindet, dass sie nicht mehr Teil der Einflusssphäre der Familie seiner großen Liebe sein kann.
Ein letztes Fanal geplant und die Scheune entflammt?
Einen spürbaren Erfolg in seinem Sinne zeigen seine Mails offenbar nicht. Und so mag es sein, dass Bernd K. mit dem Versuch, die Scheune anzuzünden, ein Fanal setzen wollte und mit lodernden Flammen einmal mehr auf sich aufmerksam machen wollte. Seine eigene Erklärung, dass er mit dem Verbrennen seines eigenen Hab und Guts verhindern wollte, dass jemand an dort gelagerte geheime militärische Daten kommen könnte, klingt jedenfalls wenig glaubwürdig. Hat vielleicht der zufällig vorbeikommende LKW-Fahrer nicht nur einen Scheunenbrand, sondern auch eine menschliche Tragödie verhindert?
Eine Analyse von Matthias Lauterer

Teil eines Facebook-Kommentars, den Bernd K. auf der GSCHWÄTZ-facebook Seite postete, gespickt mit lauter Unflätigkeiten.