Eine weit über 80-jährige an Altersdemenz erkrankte Dame sitzt seit geraumer Zeit allein in einem großen, öffentlich zugänglichen Zimmer an einem kleinen Tisch in einer Abteilung unter anderem für Altersdemente, die (zumindest zum Zeitpunkt des Geschehens) zutrittsreguliert ist am Klinikum Weißenhof in Weinsberg. Sie klopft beständig auf den Tisch. In diesem Zimmer riecht es nach Urin und das, wenn man genau hinschaut, nicht ohne Grund. In den Ecken und mitten im Raum finden sich mehrere solcher Pfützen. Die Verwandten, die sie an diesem Tag besuchen, wenden sich sofort an das Personal und weisen auf die Urinpüfzen hin. Doch eine Mitarbeiterin habe nur mit den Schultern gezuckt und erklärt, nicht jeden Tag sein ein Putztrupp da und sie selbst dürfen diese Dinge nicht wegmachen. So sitzen die Verwandten mit der Dame selbst mehrere Stunden in dem Raum mit den Urinpfützen.
Das komme öfter vor
Die Verwandten bemerken auch, dass die Kleidung der Dame völlig nass ist. Daraufhin wird ihnen vom Personal erklärt, dass der Kaffee am Frühstückstisch wohl von der Patientin verschüttet worden sei. Das komme öfter vor.
Blieb vielleicht bislang keine Zeit für das Personal, die Dame umzuziehen? Vielleicht hat das Personal die nasse Kleidung auch nicht bemerkt? Die Familie habe ihre Angehörige jedoch zweimal so vorgefunden – innerhalb von nur wenigen Tagen. Die Familie hat dann die Frau selbst umgezogen. Schließlich wollen sie eine Lungenentzündung bei der ohnehin schon gesundheitlich stark angeschlagenen Frau vermeiden.
Allein und isoliert
Als beim nächsten Besuch die Dame wieder allein und isoliert sitzt, überlegt die Familie, ihre Angehörige früher und auf eigene Verantwortung wieder zurück ins Altenheim zu fahren. Denn eigentlich sollte die Dame hier über mehrere Wochen medikamentös besser eingestellt werden. So ist sie vom Altenheim nach Weinsberg gekommen. Seit die Demenz vorangeschritten ist, schrie die Dame häufig, was belastend für die Altenheimmitarbeiter war. Doch angesichts dessen, wie sie die Dame nun in Weinsberg vorgefunden haben, hegt die Familie Zweifel, ob eine adäquate Medikamenteneinstellung bei einer in ihren Augen mangelhaften Betreuung überhaupt erfolgen kann.
Fotos von den Urinpfützen. Klinikum distanziert sich: „Ihre Schilderungen zu diesem Vorgang erscheinen uns jedoch sehr eigenartig und nicht nachvollziehbar“
Die Familie möchte anonym bleiben, der Redaktion GSCHWÄTZ ist der Name der Familie bekannt, es liegen Fotos von mehreren Urinpfützen vor. Auch ein Video gibt es.
Wir haben mit dem Klinikum Weissenhof gesprochen und um eine Stellungnahme gebeten. Das Klinikum distanzierte sich von den Schilderungen: „Ihre Schilderungen zu diesem Vorgang erscheinen uns jedoch sehr eigenartig und nicht nachvollziehbar, daher würden wir uns gerne mehr Informationen zur Klärung des Vorfalls wünschen. Daher bitten wir Sie, dass Sie oder die Angehörigen uns gerne kontaktieren und wir zusammen den Vorgang nachvollziehen.“ Wir haben daraufhin einen Vor-Ort-Termin vorgeschlagen zur näheren Besprechung, dieser wurde jedoch seitens des Klinikums mit dem Hinweis auf die Pandemie abgelehnt. Zudem verwies Pressesprecher Valentin Rohn nun darauf, „alle Fragen ausführlich beantwortet zu haben“. Die betreffende Familie könne sich aber gerne melden könne, um die Vorgänge zu besprechen.
Stattdessen hat das Klinikum gegenüber GSCHWÄTZ mit rechtlichen Schritten gedroht, falls wir darüber berichten sollten:
„Die teilweise sehr harten und schlichtweg falschen Beschuldigungen weisen wir daher in aller Form zurück und möchten Sie bitten, auch im Hinblick auf mögliche rechtliche Schritte unsererseits, von einer redaktionellen Veröffentlichung abzusehen. Wir sind gerne bereit in Kontakt mit den Angehörigen den Vorgang aufzuklären, jedoch nicht über anonyme Anschuldigungen.“
Dennoch hat Valentin Rohn von der Abteilung Marketing und Öffentlichkeitsarbeit unsere eingereichten Fragen diesbezüglich beantwortet.
Anbei veröffentlichen wir diese.
GSCHWÄTZ: Wie oft werden die Räumlichkeiten in dieser Abteilung und in den anderen Abteilungen gereinigt und von etwaigen Urinpfützen befreit?
Rohn: Die Reinigung der Stationen erfolgt grundsätzlich 1 mal täglich durch eine professionelle Reinigungsfirma. Räume mit hoher Frequentierung sowie Sanitärbereiche für Patienten werden täglich zweimal qualifiziert gereinigt. Ausscheidungen oder sonstige Verunreinigungen wie zum Beispiel verschüttete Getränke werden bei Abwesenheit des Reinigungsdienstes selbstverständlich auch durch die pflegerischen Mitarbeiter:innen zeitnah entfernt.
GSCHWÄTZ: Ist es korrekt, dass Mitarbeiter Urinpfützen nicht wegmachen dürfen und diese dadurch teils tagelang bleiben, bis das Reinigungspersonal wiederkommt?
Rohn: Nein, dies ist nicht korrekt, wie bereits beschrieben werden Ausscheidungen und sonstige Verunreinigungen schnellstmöglich entfernt, natürlich auch durch pflegerische Mitarbeiter:innen.
GCHWÄTZ: Ist es korrekt, dass manchmal stark altersdemente Personen in Räumen stundenlang separiert werden, in teilweise nasser Kleidung? Dies soll nicht nur einmal, sondern mehrfach vorgekommen sein, ebenso die Urinpfützen.
Rohn: Patienten, die auf der Station mit Schwerpunkt zur Diagnostik und Behandlung von kognitiven Störungen und Demenzerkrankungen aufgenommen werden, zeigen meist herausfordernde Verhaltensweisen (zum Beispiel schwere Unruhe und Getriebenheit mit zeitweise lautem Rufen oder Schreien, oft auch eigen- und fremdgefährdendem Verhalten). Eine stationäre Aufnahme erfolgt meist dann, wenn das Umfeld (Pflegeheim oder Angehörige zuhause) mit diesen Verhaltensweisen nicht mehr gut zurechtkommt und eine ambulante Behandlung nicht ausreicht. Eine ungewohnte und gegebenenfalls unruhige Umgebung kann die oben genannten Verhaltensweisen zunächst noch verstärken und sich dann sogar auf andere Mitpatienten übertragen. Hier kann es unter Umständen sinnvoll sein, einen unruhigen Patienten aus der Situation zu nehmen und ihn einzeln oder in einer Kleingruppe zu betreuen. Patienten mit nasser Kleidung (zum Beispiel durch das Verschütten von Getränken) werden selbstverständlich schnellstmöglich umgekleidet.
GSCHWÄTZ: Gibt es einen Personalengpass an bestimmten Stellen in dieser Abteilung? Wenn ja, in welchen Bereichen (z.B. Reinigung) und was sind die Gründe hierfür?
Rohn: Personelle Engpässe diesbezüglich sind uns nicht bekannt. Unsere Klinik weist keine erhöhte Personalfluktuation auf. Offene Stellen können zeitnah nachbesetzt werden.
GSCHWÄTZ: Gab es möglicherweise im betreffenden Zeitraum anderweitige Engpässe, dass es zu solchen Missständen gekommen ist?
Rohn: Nein.
GSCHWÄTZ: Mediziner wie Gian Domenico Borasio, ein angesehener Professor in der Schweiz, wies jüngst in einem Artikel in der ZEIT (Titel: „Das Gegenteil von Hilfe“, Ausgabe 25. Februar 2021) darauf hin, dass es nicht unbedingt von Vorteil ist, an Altersdemenz erkrankte Menschen in eine komplett neue Umgebung zu überführen, wenn auch nur für ein paar Wochen. Dadurch würde sich ihr Zustand nicht selten eher verschlimmern als verbessern. Hinzu käme die Gefahr von Klinikkeimen. Teilen Sie diese Ansicht? Wenn ja, warum beziehungsweise warum nicht?
Rohn: Als Fachklinik für Gerontopsychiatrie können wir dieser Aussage nur zustimmen. Eine Behandlung von demenzerkrankten Menschen sollte idealerweise in Ihrer gewohnten Umgebung stattfinden. Eine große Anzahl von Patient:innen wird auch deshalb von einem interdisziplinären Team (Ärzt:innen, Psycholog:innen, Fachtherapeut:innen, Pflegefachpersonen) über unsere Gerontopsychiatrische Institutsambulanz (PIA) behandelt. Patient:innen, die im Pflegeheim leben, können über die PIA ebenso in ihrem häuslichen Umfeld regelmäßig aufgesucht und so eine ambulante Behandlung sichergestellt werden.
Zusätzlich bietet die Klinik für Gerontopsychiatrie seit November 2020 insbesondere für an Demenz erkrankten Patient:innen, bei denen eine stationäre Behandlungsnotwendigkeit besteht, eine stationsäquivalente Behandlung in der Häuslichkeit (im Pflegeheim, im betreuten Wohnen oder im eigenen Zuhause) an. Aktuell stehen fünf Behandlungsplätze für Patient:innen mit Wohnsitz in einem Radius von 20 Kilometer um Weinsberg zur Verfügung.
Wir sind bemüht, dieses Behandlungsangebot noch stärker auszubauen. Natürlich sind diesen ambulanten Behandlungsangeboten Grenzen gesetzt, insbesondere dann, wenn sich Angehörige überfordert fühlen und auf sofortige Entlastung durch Klinikaufnahme drängen, oder Patienten in unzumutbaren Verhältnissen leben, die gefährdend sind.
Borasio hat mit seiner Haltung sicher nicht Unrecht, man muss sich in allen Fällen aber auch immer die Frage nach den verfügbaren Möglichkeiten und Alternativen stellen.“