Das Kreishaus ist auf dem Weg. Nach über zehn Jahren hat sich der Kreistag auf seiner Sitzung am Montag, 19. Juli 2021, in Kupferzell nach gut zwei Stunden Diskussion mit überwältigender Mehrheit dafür ausgesprochen, das neue Landratsamt zentral in Künzelsau zu errichten.
Der Zeitpunkt sei nun ideal
Landrat Dr.Matthias Neth beginnt die Debatte mit einer Beschreibung des derzeitigen Zustands. Auf der einen Seite sagt er „Verbesserungen sind dringend notwendig“, andererseits weiß er, dass eine „Renovierung des Landratsamts wirtschaftlich nicht darstellbar“ ist. Der Zeitpunkt sei nun ideal für einen Neubau, da die Schulsanierungen beendet seien und der Krankenhausneubau auf dem Weg sei. Ende der 2020er Jahre kämen neue Schulsanierungen auf den Kreis zu.
Vom Rathaus bis zum Kaufland soll sich das neue Kreishaus-Areal erstrecken
Drei Gebäude und drei optionale Erweiterungsgebäude enthält das Konzept (GSCHWÄTZ berichtete), 600 Arbeitsplätze sollen in diesen Gebäuden unterkommen. Die Gebäude sollen modular und nacheinander gebaut werden, zuerst ein Verwaltungsgebäude, danach das neue repräsentative Gebäude am Standort des heutigen Landratsamts.
„Erst Kreispolitik, dann Strukturpolitik“
Mit den Worten „Erst Kreispolitik, dann Strukturpolitik“ appelliert er an die Kreisrät:innen, das Beste für den Kreis im Sinn zu haben und nicht Strukturpolitik für einzelne Gemeinden zu betreiben. Zuletzt dankt er der Stadt Künzelsau, die nicht nur die Sanierung des Bodens auf dem Schotterparkplatz übernimmt, sondern auch ein Nahwärmekonzept auf den Weg bringen will, an das auch das Kreishaus angeschlossen werden könnte.
Prämissen des Kreises
Kreiskämmerer Schellmann stellt die Prämissen des Projekts vor:
- Aufgabe von Anmietungen: Allein für die gemieteten Räumlichkeiten entstehen jährliche Kosten von 370.000 Euro pro Jahr.
- Reduzierung von Standorten: Außer den Standorten Kupferzell und Stäffelesrain sollen alle Ämter und Behörden am Standort Künzelsau zentral angesiedelt werden.
- Erschließung von Synergien: Durch den zentralen Standort erwarte Schellmann einen jährlichen Synergieeffekt von etwa 100.000 Euro pro Jahr.
Die Anzahl und die Ausstattung der Arbeitsplätze sollen die neuen Arbeitsformen wie Home-Office und Teilzeit wiederspiegeln, daher plant Schellmann bei fast 1.000 Mitarbeiter:innen nur mit rund 600 Arbeitsplätzen in Künzelsau.
„Richtig schwäbisch finanziert“
Die Gesamtkosten beziffert Schellmann auf ungefähr 60 Millionen Euro. 20 Millionen seien bereits verfügbar, 40 Millionen seien durch Kredite zu finanzieren – ein Drittel Eigenkapital und zwei Drittel Fremdkapital, das nennt Schellmann „richtig schwäbisch finanziert“. Die Zinssituation sei günstig, sodass jährlich etwa 1.6 Millionen Euro an Tilgung und Zinsen anfallen würden, die zu einem großen Teil durch die Einsparungen finanziert werden könnten.
Ein nichtoffener Planungswettbewerb – das bedeutet, dass geeignete Büros eingeladen werden – soll jetzt folgen. „Ein langer Weg liegt vor uns“, sagt Schellmann zum Abschluß seines Vortrags.
„Nicht emotional“ vorgehen
Prof. Otto Weidmann wollte „rational, realistisch und nicht emotional“ vorgehen und schlug gleich vor, nicht nur ein Kreishaus in Künzelsau zu errichten, sondern auch einen Schwerpunkt „im Süden des Kreises“ zu errichten. Dieser Standort sollte gemietet werden – das entspricht natürlich nicht den Vorgaben, die der Kreistag selbst formuliert hatte. Er hält „die genannten Schätzungen für deutlich zu optmistisch“. Einige der Anwesenden unterstellten Weidmann unterschwellig Lokalpolitik statt Kreispolitik, vor allem da sich ja ein potentieller Vermieter einer Fläche in Öhringen schon öffentlich gezeigt hat. Ute Oettinger-Griese drückte es deutlich aus: „Die Kreisreform war 1972, da muß man jetzt mal drüber weggucken“. Außer Weidmann waren nahezu alle Rät:innen gegen einen weiteren Schwerpunkt. Spannend, dass beide Seiten die Digitalisierung als Argument für ihren Standpunkt heranzogen. Thomas Dubovy stellt daher auch fest: „Die Digitalisierung ist ein Chamäleon.“
Mißtrauen gegen Künzelsauer Bürgermeister Neumann
Ingrid Kircher-Wieland stellt klar, dass sowohl der Bedarf als auch die Tatsache, dass keine Zeit zu verlieren ist, unstrittig sind. Da Ihrer Meinung nach der Zeitverzug von der Stadt Künzelsau verursacht wurde, fordert sie, alle Versprechungen von Künzelsau schriftlich zu fixieren. Auch sei der Kreistag nicht für die Stadtentwicklung von Künzelsau zuständig. Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann verzieht bei diesem Vorwurf keine Miene, warum auch: Schließlich hat er bereits einen einstimmigen Gemeinderatsbeschluß vorzuweisen.
Zu hohe finanzielle Belastung befürchtet
Anton Baron sieht die Gefahr, dass der Vorschlag der Verwaltung finanziell nicht haltbar ist und malt das Gespenst eines Baustopps an die Wand. Er verweist darauf, dass die AfD „sich schon immer hinter das Kreishaus gestellt“ habe. Landrat Neth erwidert, dass auch wegen des finanziellen Risikos in mehreren Schritten und modular geplant werde. Baron ist aber nicht der Einzige, der die hohe finanzielle Belastung des Kreises bemängelt: Auch Irmgard Kircher-Wieland und Dieter Palotta äußern Bedenken.
„Nicht im Kreis drehen, auch wenns der Kreistag ist“
Dagegen wirft Achim Beck ein: „Wir tun so, als müßten wir morgen 60 Millionen auf den Tisch legen.“ Er will „auf jeden Fall weiterkommen und das ganz schnell“ und sorgt mit seinem Appell die Kreisrät:innen, „nicht im Gremium rumzueiern und sich im Kreis zu drehen, auch wenn’s der Kreistag ist“ für Gelächter.
Das HOBAG-Gebäude ist der Knackpunkt
Wichtiger Diskussionspunkt ist das HOBAG-Gebäude – soll es erhalten werden oder einem Neubau weichen? Neth erklärt, dass die angesetzte Summe von 60 Millionen nur gehalten werden kann, wenn das HOBAG-Gebäude erhalten bleibt. Ansonsten müsse man mit Kosten von 75 Millionen Euro rechnen. Trotzdem ist Hans-Jürgen Saknus der Meinung: „Neu, leistungsfähig und modern: Das ist das HOBAG-Gebäude nicht. Das soll das Sinnbild der Hohenloher Kreispolitik sein?“ Er will ein „Ensemble schaffen, das emotional ansprechend ist“.
Quer über alle Fraktionen besteht Einigkeit, dass die modulare Strategie sehr vernünftig ist. Zum einen könne man auf neue Anforderungen, Neth spricht zum Beispiel von Katastrophen- und Bevölkerungsschutz, noch reagieren, zum anderen habe man auch die Möglichkeit, finanziell flexibel zu reagieren.
Modulare Strategie findet Zustimmung
Nach kurzer Unterbrechung, in der sich die Fraktionen nochmals beraten, wird der ursprüngliche Antrag in drei Punkten verändert: Die Anzahl der Arbeitsplätze soll nicht festgelegt werden. Die Formulierung „nach derzeitigem Stand 600 Arbeitsplätze“ soll Flexibilität nach oben und unten schaffen. Außerdem wird von den Architekten gefordert, in ihren Entwürfen auch einen Vorschlag zu machen, in dem das HOBAG-Gebäude erhalten bleibt. „Geld spielt eine Rolle im Hohenlohekreis“, findet Thilo Michler.
Die insgesamt 8 Anträge wurden jeweils mit hoher Mehrheit angenommen, einmal gab es drei Enthaltungen, zwei Anträge wurden mit jeweils einer Gegenstimme angenommen.
Damit können die nächsten Schritte für das Kreishaus getan werden: Die Stadt Künzelsau ist in der Verpflichtung, möglichst schnell Baurecht zu schaffen. Der Kreis kann die Ausschreibung für den Architektenwettbewerb beginnen.
Landrat Neth schließt den Tagesordnungspunkt mit den Worten „Dieser Beschluss hat Herr Neumann Millionen gekostet.“ Darüber kann Neumann jetzt lächeln.
Foto: Matthias Lauterer

Das Gebiet der Neuplanung umfaßt den rot umrandeten Bereich. Foto: Sitzungsunterlagen Gemeinderat.


So stellen sich die Planer das neue Gesicht Künzelsaus vor – in etwa 10 Jahren. Deutlich zu sehen die neue Stadtachse zwischen Rathaus und Bergbahn, an der die Gebäude des Landratsamts liegen werden. Quer dazu ist Raum für die Trasse der Kochertalbahn. Foto: Sitzungsunterlagen Gemeinderat.