„Maria Galinova kommt aus Moldau. Sie ist in armen Verhältnissen aufgewachsen und konnte als Folge dessen nur wenige Jahre die Schule besuchen, weil sie schon früh damit anfangen musste, ihre Familie finanziell mit Gelegenheitsjobs zu unterstützen.“ Jessica Anderson von der Mitternachtsmission Heilbronn holt tief Luft, bevor sie fortfährt zu erzählen: „Übers Internet wurde Maria auf eine Stelle als Kellnerin in einem schön aussehenden Restaurant in Deutschland aufmerksam. Sie nimmt Kontakt auf und bewirbt sich. Die Organisation der Reise und des weiteren Prozesses übernimmt ihr Arbeitgeber. Maria wird direkt von Zuhause abgeholt und nach Deutschland gebracht. Kaum ins Auto eingestiegen, fordert der Fahrer Marias Ausweisdokumente mit der Begründung, dass er Probleme an der Grenze vermeiden und schon vorab alle Vorbereitungen für ihre Ankunft treffen wolle. Nur so könne er organisieren, dass sie ihre Arbeitspapiere schnell bekomme und direkt mit der Arbeit starten könne. Maria wundert sich ein wenig, dass sie auch an den Rastplätzen nicht allein aussteigen darf und permanent unter Beobachtung steht.“
Sie versucht zu fliehen – vergeblich
Doch Maria interveniert nicht. Die Freude über eine Zukunft in Deutschland und die Hoffnung, ihrer Familie endlich nachhaltig helfen zu können, sind zu groß. „In Deutschland angekommen, wird Maria schließlich noch ihr Handy abgenommen, sie wird in eine heruntergekommene Wohnung gebracht und in ein Kellerzimmer gebracht. Ehe sie sich versieht, wird die Türe hinter ihr abgeschlossen. Nun sitzt sie also in diesem Raum, in dem es nicht mehr als ein Bett gibt, und ist ganz allein. Nach einer gewissen Zeit tritt ein Mann ein. Nicht etwa, um ihr die Arbeit im Restaurant zu zeigen, oder sie dorthin zu bringen, der Mann bringt ihr schicke Kleidung und aufreizende Unterwäsche und macht ihr klar, dass sie bald Besuch empfangen wird, dem sie zur Verfügung zu stehen hat. Sie habe zu gehorchen – was auch immer, diese Männer von ihr wollten. Maria versteht. Sie versucht, zu widersprechen, sich zu wehren, sie versucht zu fliehen. Alles, was sie dafür erhält, sind Schläge. Solange, bis sie sich kaum mehr bewegen kann. Der erste Mann, der ihr Zimmer betritt, vergewaltigt sie. Viele weitere folgen. Immer und immer wieder versucht sie zu fliehen – doch die Türe bleibt verschlossen. Sie schreit – doch keiner hört sie.“
„Viele Schicksale entsprechen nicht dem Klischee“
Unter den 49 Teilnehmer:innen des von der Mitternachtsmission organisierten Info-Abends „Zwangsprostitution – ein Blick hinter die Kulissen der Stereotype“ macht sich betretenes Schweigen breit. Anderson fährt fort: „Wenn viele von uns die Worte ‚Menschenhandel‘ oder ‚Zwangsprostitution‘ hören, stehen uns oft genau solche Marias vor Augen, die verschleppt werden, ganz schlimme körperliche Gewalt erleben, eingesperrt sind. Frauen, die eigentlich keiner sieht. Und ja, so schlimm es ist, diese Schicksale sind real, solche Frauen gibt es wirklich, aber es gibt eben auch viele andere Schicksale, die nicht dem Klischee entsprechen. Gerade die Bereiche Zwangsprostitution und Menschenhandel sind von vielen Stereotypen geprägt.“
Die Hilfe ist anonym
Die Arbeit der Mitternachtsmission fuße, so Anderson, auf fünf Grundsätzen: Die Betreuungsangebote seien nicht staatlich, anonym, es werde auch eine muttersprachliche Beratung angeboten, die Mitarbeiter:innen stünden unter Schweigepflicht und es werde nichts gegen den Willen der Betroffenen unternommen. Außerdem sei die Mitternachtsmission sieben Tage die Woche 24 Stunden erreichbar und aufnahmebereit, landesweit zuständig und biete den Betroffenen, die das Hilfsangebot in Anspruch nehmen, dezentrale anonyme Schutzunterkünfte. Neben Aufnahme in Schutzunterkünften bietet die Mitternachtsmission Betroffenen Angebote zur Krisenintervention, Seelsorge, Sozial- und Lebensberatung, Hilfe bei ganz praktischen Anliegen, wie beispielsweise dabei, Anträge auszufüllen, und stabilisierende sowie den Alltag strukturierende Angebote.
Die Dunkelziffer ist weitgehend unbekannt
Laut Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes gab es 2019 in Deutschland 287 Verfahren wegen Zwangsprostitution, an denen 427 Betroffene beteiligt waren. Hierbei handelt es sich aber ausschließlich um abgeschlossene Verfahren, also das Hellfeld der Polizei. Fachberatungsstellen sind sich einig, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher ist. Über die Dunkelziffer herrsche sogar eine „weitestgehende Unkenntnis“, wie Sara Huschmann von der Mitternachtsmission erklärt. „Das liegt an der Randgruppenproblematik, daran, dass Staatsanwaltschaften aufgrund höherer Erfolgschancen oft auf einfacher anzuwendende Straftatbestände ausweichen (zum Beispiel Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz) oder die Opfer aufgrund ihrer Traumata nicht in der Lage sind, auszusagen. Oftmals kommt es erst gar nicht zur Anzeige, also erscheint der Fall auch nicht in der polizeilichen Statistik. Somit ist bei den Zahlen, Menschenhandel und Zwangsprostitution betreffend, höchste Vorsicht geboten.“
350 Frauen suchten Hilfe
Im vergangenen Jahr haben sich nach Informationen des Arbeitskreises „Aktiv gegen Menschenhandel“ allein in Baden-Württemberg 350 Betroffene von Zwangsprostitution an Fachberatungsstellen gewandt.
Jeder kann etwas tun
Es gebe einige Dinge, die jeder von uns tun könne, um von Menschenhandel und Zwangsprostitution Betroffene zu unterstützen, erklärt Anderson. Dazu gehöre, sich fachliche Informationen einzuholen, für das Thema zu sensibilisieren und die Betroffenen nicht zu stigmatisieren. Außerdem liege die beste Unterstützung Betroffener vor allem darin, sie an eine Fachberatungsstelle zu vermitteln. Selbst aktiv werden könne jeder Interessierte, mit ehrenamtlichem und politischem Engagement, Spenden und Gebet.
Übersetzer:innen sind immer gesucht
Zum Thema „ehrenamtliches Engagement“: „Bei der Mitternachtsmission werden beispielsweise immer wieder Übersetzer:innen gesucht, die uns bei muttersprachlichen Beratungen unterstützen können“, so Anderson. Mit politischem Engagement sei gemeint, auch auf politischer Ebene „für die Bedürfnisse dieser Randgruppen zu sensibilisieren und ihre Anliegen sichtbar zu machen.“
Unter Telefon 07131/84 531 kann man sich direkt an die Mitternachtsmission wenden.
Text: Priscilla Dekorsi