„Hauptsache was mit Bulldog“
Für einige Zeit auf einem Bauernhof leben, morgens früh raus, auf dem Acker und im Stall helfen – anstatt Ausschlafen und in den Urlaub fahren? Linus Ehrhardt hat’s gemacht. Der 14-Jährige ist für zwei Wochen auf den Hof der Familie Messerschmidt in Pfedelbach-Ohnholz gezogen und hat dort im Stall und bei der Heu- und Strohernte geholfen. Der Kontakt kam über das Evangelische Bauernwerk in Hohebuch zustande, das über sein Programm Landleben-Live Jugendlichen Aktivferien auf Bauernhöfen ermöglicht. Von dem Angebot hatte Linus im Landwirtschaftlichen Wochenblatt gelesen.
Keine Angst vor großen Maschinen
„Ich mache alles mit“, sagt der Junge selbstbewusst. „Gleich am ersten Tag durfte ich mit dem Traktor die Ballen setzen.“ Dass er keine Angst vor großen Maschinen hat, stellt er denn auch gleich unter Beweis: Er holt den sogenannten Hoftrac – eine Art kleinerer Radlader und sein Lieblingsfahrzeug – und schiebt damit Futter in die Traufe der Rinder im Offenstall. „Bisher gab es noch nichts, das mir hier noch nicht gefallen hätte, aber das Beste ist das Traktorfahren.“ Auf dem Hof und den Wiesen darf er das auch, auf den öffentlichen Straßen noch nicht. „Und Willi hat gesagt, dass ich bis zum Ende alles gefahren sein muss“, zitiert Linus seinen Gastvater Willi Messerschmidt.
Das Leben auf einem großen Hof kennenlernen
Linus wohnt normalerweise in Setzingen in der Nähe von Ulm. Dort betreibt seine Familie Landwirtschaft im Nebenerwerb. Aber: „Wir sind zu klein und ich wollte das Leben auf einem großen Hof kennenlernen“, erklärt er. Das kann er in Ohnholz: Familie Messerschmidt hat insgesamt 180 Kühe und Rinder und 60 Hektar Wiesen. Sie schlachten ihre Tiere teils selbst auf dem Hof, verkaufen sie aber auch an die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft in Schwäbisch Hall. Hofbesitzerin Karin Messerschmidt freut sich über die Unterstützung: „Linus ist eine große Hilfe und er ist ein offener Kerl.“ Man merke ihm die Vorkenntnisse an, sagt die 54-Jährige.
Hier wird’s nicht langweilig
„Es war gar nicht schlimm“, sagt der angehende Zehntklässler zur Frage nach dem Heimweh. Denn der Kontakt zu den Eltern – die den Aufenthalt des Sohnes gut finden – war nur telefonisch möglich, Besuch gab es keinen. „Nach ein, zwei Tagen hatte ich mich eingewöhnt.“ Und auf dem Messerschmidt-Hof werde es bei all der Arbeit im Sommer sowieso nicht langweilig: Los geht’s morgens meist um acht Uhr. Füttern, Ausmisten, Heu und Stroh holen, Kühe melken. Vieles geht zwar heutzutage mit Maschinen und ist dennoch Arbeit, die getan werden muss. Unterbrochen wird der Tagesablauf von der Mittagspause.
„Ich brauch keinen Urlaub“
Nach zwei Wochen ist Linus‘ Aufenthalt bei Familie Messerschmidt auch schon wieder vorbei. Aber er hat sich vorgenommen, wiederzukommen. „Daheim geht’s dann gerade so weiter“, sagt der Realschüler. „Aber das macht nichts, ich brauch keinen Urlaub.“ Er sei schon bestimmt zehn Jahre nicht mehr im Urlaub gewesen. Nach den Sommerferien startet er in sein letztes Schuljahr. Nach der zehnten Klasse will er gleich mit einer Ausbildung beginnen. „Zehn Jahre Schule reichen“, ist er überzeugt. Natürlich im landwirtschaftlichen Bereich und am liebsten als Fachkraft für Agrarservice oder Landmaschinenmechaniker: „Hauptsache irgendwas mit Bulldog.“
Sohn räumt Zimmer für den Gast
In ein oder zwei Jahren kann er sich außerdem wieder einen solchen Aufenthalt auf einem fremden Hof vorstellen. Auch für Karin Messerschmidt war es das erste Mal, dass sie einen jugendlichen Gast auf Zeit aufgenommen hat. Und sie würde es wieder tun, obwohl sie eigentlich keinen Platz hat. „Wenn mein Sohn sein Zimmer wieder zur Verfügung stellt“, sagt die zweifache Mutter. Denn um Linus etwas Privatsphäre zu ermöglichen, hat der 16-jährige Sohn der Messerschmidts eigens sein Zimmer geräumt.
Informationen
Im Rahmen von Landleben-live des Evangelischen Bauernwerks in Waldenburg-Hohebuch können Jugendliche ab 14 Jahren für zwei bis sechs Wochen das Leben auf dem Land kennenlernen. Als Familienmitglied auf Zeit packen sie mit an und packen überall mit an: bei der Ernte, den Tieren, im Garten und im Haushalt oder bei der Betreuung der Kinder. Jugendliche ab 16 Jahren können auf Wunsch auch in andere Bundesländer oder sogar in die Schweiz vermittelt werden.
Text: Sonja Bossert

Volle Konzentration: Linus bei der Arbeit mit seinem Lieblingsfahrzeug. Foto: GSCHWÄTZ







