Wochenlang wurde deutschlandweit öffentlich vor der finalen Scheidung von Oliver und Amira Pocher diskutiert, ob Amira ein Recht darauf hat, ihren Ehe-Namen Pocher nach der Ehe weiter tragen zu dürfen. Angestoßen hatte dieses Diskussion ihr mittlerweile Ex-Ehemann, da er tunlichst verhindern wollte, dass sie auch nach der Scheidung Amira Pocher heißt, da dieser Name seiner Meinung nach eine Marke sei und sie es nicht mehr verdient habe, daraus Profit zu schlagen. Pocher hatte viele Befürworter auf seiner Seite, so dass der Druck am Ende für Amira zu groß wurde und sie den Namen abgab. Rechtlich hätte sie das nicht machen müssen.
Wegen der Kinder
Die Begründung, warum sie diesen Namen behalten wollte, lieferte sie viel zu spät, dennoch war diese Begründung wichtiger als alle anderen Argumente: Sie wollte schlicht weiterhin so heißen wie ihre Kinder.
Das ist das wohl wichtigste Argument, den Nachnamen zu behalten. Denn: Im deutschen Bürokratenstaat, an Flughäfen, in Behörden muss man mit einem anderen Namen ständig Papiere bei sich tragen, die bescheinigen, dass man auch wirklich der Erziehungsberechtigte und noch immer der Sorgeberechtige für die Kinder ist. Schlechtesten falls braucht man darüber hinaus dann noch die Einverständnisverklärung eines nicht gerade handzahmen Exmannes für alle möglichen Dinge, während bei Männern in der Regel so etwas fast nie erfragt wird.
In drei vierteln der Fälle wählen Paare den Nachnamen des Mannes
n drei Vierteln der Fälle wählen Paare den Nachnamen des Mannes – 1976 waren es noch 98 Prozent. Vor 1976 war die Wahl des Geburtsnamens der Frau als gemeinsamen Ehenamen in Deutschland gesetzlich gar nicht möglich. Erst seit 1994 können beide Ehepartner nach der Heirat ihren jeweiligen Namen behalten. Kaum ein Mann nimmt nach der Heirat den Nachnamen der Frau an – zum Nachteil der Frau. Sie ist damit auch die, die in den Papieren nach der Scheidung anders nicht selten wieder ihren Geburtsnamen annimmt und damit anders heißt als ihre Kinder. Das bringt diverse bereits genannte Nachteile mit.
Auch bei einer Adoption wird das „klassische“ Familienmodell bevorzugt – aber warum eigentlich?
Nicht nur in diesem Bereich erleben wir nach wie vor eine patriarchale Gesellschaft. Wenn man ein Kind adoptieren oder als Pflegefamilie in Betracht kommen möchte, ist die „Idealbesetzung“ nach wie das klassische Mann-Frau-Modell – obwohl es keine einzige Studie gibt, die besagt, dass in dieser „klassischen“ Konstellation Kinder glücklicher und gesünder aufwachsen, wie in anderen Konstellationen (lesbisch/homosexuell/alleinerziehend – im Gegenteil. Oft erziehen diese nicht-klassischen Konstellationen nachweislich offener und liberaler.
Frauen dürfen jetzt gleichberechtigt Auto fahren
Eine patriarchale Erziehung durch eine patriarchisch aufgebaute Familie mit einem Familienoberhaupt wird jedoch noch immer stark staatlich gefördert und unterstützt, unter anderem auch durch steuerliche Anreize. Der Mann als das Oberhaupt der Familie – unabhängig davon, ob auch der Intellekt für sein „Anführer“-Dasein reicht. Die Jungs als Thronfolger, die Mädchen noch immer als Musterkinder, die am meisten gelobt werden, wenn sie „funktionieren“, leise sind und sich anpassen – wie denn auch im späteren Leben. So weit weg von den 1950er Jahren sind wir in Deutschland gedanklich nicht wirklich gekommen.
Sicher, Frauen dürfen jetzt gleichberechtigt Auto fahren, obwohl man ihnen das anfänglich nicht zugetraut hat, Männer dürfen jetzt nicht mehr mit Alkohol am Steuer fahren, weil man doch irgendwann gemerkt hat, dass das nicht so gut klappt. Und seit Mitte der 1990er muss sich keine Frau mehr in der Ehe vergewaltigen lassen. Bis dahin war das in Deutschland erlaubt.
Was fehlt noch zu mehr Gleichberechtigung?
- Leichterer Zugang zu Geld: Noch immer gewähren Banken Männer schneller und eher Kredite und Darlehen als Frauen
- Noch immer sind Männer oft die Hauptverdiener und Frauen finanziell abhängig, obwohl sie teilweise eine bessere Ausbildung mit in die Partnerschaft bringen
- Noch immer ist unser Rechtssystem danach ausgelegt, dass derjenige vor Gericht die besseren Chancen hat zu gewinnen, der finanziell besser aufgestellt ist, weil er sich länger durch immer höhere und damit teurere Instanzen klagen kann
- Noch immer sind viele Unternehmen patriarchisch aufgestellt. Das Nachfolge-Zepter von Filialunternehmen bekommen nach wie vor in der Regel die männlichen Kinder überreicht und nicht die Töchter. Männliche Entscheidungsträger wiederum engagieren sich firmentechnisch finanziell in diversen Bereichen meist eher sportlicher Natur wie etwa Fußball, aber eher weniger in sozialen Bereichen – was mit Sicherheit anders wäre, würden Frauen darüber entscheiden
- Noch immer sind vermeintliche Frauenberufe in sozialen Berufen stark unterbezahlt
- In der Politik fehlen weltweit Frauen in wichtigen führenden Positionen. Frauen werden damit in politischen Prozessen nach wie vor nicht ausreichend vertreten
- Auch die Inhalte von Medien / Nachrichtenportalen / TV-Sendern werden meist von Männern entschieden und ausgewählt – Frauen sind häufig die repräsentativen Moderatorinnen. Dadurch ernähren sich die Gesellschaften medial noch immer hauptsächlich von männlich gefütterten Medienportalen und damit auch indirekt von ihrer Sicht der Welt – sei es politisch, wirtschaftlich oder auch in Liebesfilmen
Obwohl das Netzwerk von Männern untereinander noch immer wesentlich besser funktioniert als das von Frauen, gibt es auch hier Kannibalisierungen untereinander – etwa zwischen Oliver Pocher und Stefan Raab. Obwohl zwischen ihnen mehr als ein Jahrzehnt dazwischen liegt und sie sehr ähnlich auftreten, greifen sie sich öffentlich gegenseitig an.
Aber vielleicht ist gerade diese Ähnlichkeit das Problem – Minderheiten beziehungsweise vermeintlich unterlegene Mitmenschen werden von ihnen regelmäßig durch den Kakao gezogen. Das ist auch ein Prinzip von Thomas Gottschalk. Nur hat dieses Verfahren mittlerweile ebenfalls Antiquitätswert erreicht. Immer mehr Menschen verzichten auf diese Fremdschäm-Momente. Luke Mockridge hat im negativen Sinne gezeigt, wo die Grenzen sind, als er absolut unlustige Witze über Menschen mit Handicap gemacht hat. Auch Oliver Pocher zeigte sein Frauenbild, als er sich unlängst sich über eine Frau, die noch Jungfrau war, lustig gemacht hat. Es ist zwar noch immer fast alles erlaubt bei Humor. Aber es wird von der Gesellschaft nicht mehr toleriert oder alles lustig gefunden, da das Bewusstsein für Anstand, Respekt, Moral und Selbstwert gestiegen ist.
Pocher, Mockridge und Raab wirken mit ihren Witzen dadurch immer mehr aus der Zeit gefallen. Und das ist auch gut so.