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Hitlergruß soll reine Handentspannung gewesen sein

Am 22. November 2020 führte ein Vorfall bei einer Querdenker-Demonstration zu hohen Wellen des Aufruhrs im Netz. Einer der Redner beendete seine Rede mit erhobenem rechten Arm und einem Gruß, der erst dem Wolfsgruß ähnelte, dann in einen Hitlergruß überging. So jedenfalls war die Meinung eines Anzeigeerstatters sowie einiger weiterer Menschen, die den Vorfall der Polizei zur Kenntnis brachten. Am 15. November 2021 stand der Redner vor dem Amtsgericht in Heilbronn und mußte sich als Angeklagter gegen den Vorwurf des Verbreitens von Propagandamitteln verfassungswidriger und terroristischer Organisationen nach §86 StGB verteidigen.

(GSCHWÄTZ berichtete am 23.November 2020 und 25. November 2020)

Justiz war nicht langsam

So langsam, wie es erscheinen mag, mahlten die Mühlen der Justiz allerdings nicht: Bereits am 22. März 2021 wurde ein Strafbefehl gegen den Angeklagten erlassen, eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen á 30 Euro, insgesamt also 1.500 Euro,  sollte der Angeklagte bezahlen. Gegen diesen Strafbefehl hatte der Angeklagte Einspruch erhoben, daher fand jetzt eine mündliche Hauptverhandlung statt.

Der Angeklagte

Bernhard K., der Angeklagte betritt den Saal als Letzter, seine Maske trägt er lässig unter der Nase. Der Prozeß beginnt mit dem bei Prozessen im Querdenker-Umfeld inzwischen oft gesehenen Ritual, als Richterin Walberg den Angeklagten auffordert, die Maske korrekt aufzusetzen. „Ich habe ein Attest“, entgegnet dieser, worauf ihn die Richterin hinweist, dieses sei „unsubstantiiert“. „Aber es entspricht der baden-württembergischen Verordnung“, entgegnet der Angeklagte. Die Richterin erklärt, dass das Attest keine Diagnose enthalte und ohne Diagnose sei nicht erkennbar, ob der Angeklagte der Verhandlung nicht auch mit Maske folgen könne. Sie läßt sich auf keine weitere Diskussion ein – Bernhard K. erklärte, der Verhandlung nur „unter Protest“ beizuwohnen.

Zweiter Vorname Adolf

Im Folgenden erklärte K., der erst auf gezielte Nachfrage der Richterin seinen zweiten Vornamen Adolf nennt,  zu seinen persönlichen Verhältnissen, dass er 1962 geboren sei, aus einem Dorf in der Umgebung stamme, ein Studium mit dem Grad als Diplom-Ingenieur abgeschlossen habe und bis zu der Demonstration beruflich erfolgreich gewesen sei. Er habe kurz vor der Demonstration seinen Arbeitsplatz gewechselt und diesen im Februar 2021 aufgrund des Vorfalles noch in der Probezeit verloren. Seit Anfang November 2021 habe er wieder einen gut bezahlten Arbeitsplatz und sei gerade im Umzug nach München begriffen. In seiner Familie und in seinem Leben habe es niemals rechte Tendenzen gegeben – zwei seiner Onkel seien schließlich durch den Krieg Opfer des Nationalsozialismus geworden. Er habe in seinem Leben oft im Ausland gearbeitet und dabei, so sagt er, „unterschiedliche Ethnien kennengelernt“.

Staatsanwältin erkennt in der Geste einen Hitlergruß

Staatsanwältin Müller (sie bittet, ihren korrekten Namen nicht zu nennen, da sie in sensiblen Bereichen arbeite) bezieht sich nur kurz auf den Strafbefehl und sieht weiterhin einen Verstoß gegen §86 StGB.

„Ich hab das gar nicht mitgekriegt, dass meine Hand etwas gemacht hat“

K. berichtet, er habe diese Rede deshalb gehalten, weil er den Eindruck hatte, „dass etwas nicht stimmt“. Im Lauf der Rede habe ihn die Lautstärke der Lautsprecher und die laute Reaktion der Menschen regelrecht aufgeputscht. Den letzten Satz seiner Rede – er fordert dazu auf, „diesen Sumpf“ zu beenden und schließt mit „Dazu stehe ich“ – habe er spontan gesagt. Die Rede sei beendet gewesen, die Konzentration und die Anspannung hätten nachgelassen, da hätte er seinen Arm nicht kontrolliert. „Ich hab das gar nicht mitgekriegt, dass meine Hand etwas gemacht hat.“ Bernhard K. vermutet bezüglich des Videoausschnitts, das ihn mit erhobenem Arm zeigt: „Da hat einer die Sequenz rausgeschnitten.“ Und: „Da versucht man, was rüberzubringen – und dann kriegst Du hinterher eine solche Klatsche.“ Mehrfach beruft er sich darauf, dass der in den sozialen Netzwerken verteilte Film nur ein völlig aus dem Kontext gerissener Schnipsel sei.
Er redet nahezu ohne Punkt und Komma, immer wieder legt er Wert auf das Wort „Entspannung“ und bestätigt auf die konkrete Frage der Richterin: „Die Hand, der Arm, der ganze Körper hat sich entspannt.“ Er habe die Hand gesenkt und die müsse sich von ganz allein wieder gehoben haben. „Eine bewußte Aktion war das nicht“. K. redet viel und wiederholt sich inhaltlich oft.

„Da müßte ich ja geisteskrank sein“

Seine Rede habe er im Netz erst gar nicht angeschaut, er habe erst von dem Aufruhr erfahren, als ihm der Organisator einen Link geschickt habe. So einen Schnipsel zu verbreiten „ist eine Frechheit“. Er habe in seiner Rede so viele „antitotalitäre Punkte“ aufgeführt, da würde er doch nicht das Zeichen einer totalitären Organisation machen – „Da müßte ich ja geisteskrank sein, warum sollte ich das tun?“

„Da müsste ich ja geisteskrank sein“

K.s Verteidigerin, Silke Waterschek aus Heibronn, stellt Fragen, die sich an den Buchstaben des Gesetzes und weniger an den eigentlichen Handlungen des Angeklagten orientieren: „Haben Sie billigend in Kauf genommen, dass das Zeichen als Hitlergruß interpretiert werden könnte?“ Sie leitet K. zu der Aussage hin, dass er nie vorher und auch niemals nach der Demonstration noch Kontakt in den Kreis von Querdenkern gehabt habe. K. wirft ein: „Da war auch die Antifa da.“

Das Video

Nach kurzer Unterbrechung, die technischen Schwierigkeiten geschuldet war, präsentierte Richterin Walberg das Video der kompletten 13-minütigen Rede. Damit war nun auch für Prozeßbeteiligte und Publikum der von Bernhard K. verlangte Kontext zugänglich. Das Video entstammt einem Livestream aus Querdenkerkreisen. Ob der Angeklagte und die Verteidigung vorab von dieser Inaugenscheinnahme wußten, war nicht auszumachen.

Ein durchaus charismatischer Redner

Bernhard K. stellt sich im Video als begabter und wohl auch erfahrener Redner dar, seine Gestik ist sparsam, aber bewußt gesetzt. Den Zeigefinger setzt er oft ein. Auch rhetorisch ist er geschickt, ein langgezogenes und gleichsam fragend nach oben gezogenes „obwoooohl“ und danach eine Pause, damit das Publikum reagieren kann: Das zeigt durchaus eine rednerische Klasse, die in der Form nicht oft zu sehen ist. Er bringt Emotion ins Publikum und fordert es gezielt zu Meinungsäußerung auf – meist fordert er ein deutliches „Nein“ und erhält es auch.

Querdenkertypische Ausdrucksweise

Er verwendet die bekannte Wortwahl, wie sie von Querdenkern bekannt ist, auch die Redewendungen glaubt man schon gehört zu haben – wie eine spontane Rede eines Mannes, der nur seine eigenen Wahrnehmungen deutlich machen will, klingt das nicht.

Polizeikommissar im Zeugenstand

Als Beobachter verfestigt sich der Eindruck: Diese Rede wurde von jemandem gehalten, der genau wußte, was das Publikum hören will und der die Reaktionen des Publikums anfeuert. So naiv, wie er sich selber darstellt, wirkt Bernhard K. während seiner Rede ganz und gar nicht. Selbstsicher und von sich und seinen Worten überzeugt wirkt er. Man will es ihm nicht mehr glauben, dass er von den Reaktionen des Publikums so überwältigt war. Die Körperspannung bei der Grußgeste wirkt auch ganz und gar nicht, als würde sich K. dabei entspannen.

Über 7.000 likes

Als Zeuge geladen war H., ein Polizeihauptkommissar im Ruhestand. Er habe den Fall zugeteilt bekommen, nachdem eine Strafanzeige und mehrere Anfragen bei der Polizei eingegangen seien. Er selber sei bei der Demonstration nicht vor Ort gewesen, aus der Aktenlage gehe er von etwa 500 Zuhörern aus. Die Veranstaltung sei ordnungsgemäß angemeldet gewesen, der Zugang sei frei möglich gewesen. Als er das Video im Netz gesichtet habe, habe es bereits 7.000 Likes gehabt. Über eine Gegendemonstration weiß er wenig, die war wohl nicht Bestandteil der Akten. Er stellt fest, dass damit die Bedingung des §86 erfüllt sei, dass das Symbol „der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“ sein muss, um eine Strafbarkeit zu begründen.

Plädoyer der Staatsanwaltschaft: „eine willensgesteuerte Handlung“

Nachdem der Zeuge entlassen ist und Gericht, Staatsanwältin und Verteidigerin keine weiteren Fragen stellten, trug Staatsanwältin Müller ihr Plädoyer vor: Die Wortwahl des Angeklagten, sie nennt beispielhaft „Ermächtigungsgesetz“, „Zensur durch die Presse“, „Krieg gegen die Psyche“, „ferngesteuert“ oder auch „Dieser Sumpf muss ausgetrocknet werden“ ist für sie bezeichnend: „Der Kreis schließt sich für mich sicher, dass die Geste bewußt und wissentlich war.“ Sie kann in der Armbewegung keine Entspannung sehen, sondern „eine willensgesteuerte Handlung“.

Sie plädiert daher wie im Strafbefehl auf 50 Tagessätze, allerdings nicht mehr á 30 Euro, sondern á 70 Euro. Grund: Die wirtschaftlichen Verhältnisse von K. stellten sich im Prozess besser dar als im März 2021, als der Strafbefehl erlassen wurde.

Verteidigung: kein „dolus eventualis“

Verteidigerin Waterschek hebt darauf ab, dass kein „Dolus eventualis“ vorliege. Der Angeklagte habe also nicht gewußt, was er möglicherweise getan hat und auch nicht das Risiko der Entdeckung in Kauf genommen. Sie betont, dass das Publikum der Veranstaltung keinen Hitlergruß gesehen habe, dass Bernhard K. bisher nie straffällig geworden sei und auch kein nationalsozialistischer Hintergrund feststellbar sei. Sie plädiert daher auf Freispruch.

Das Urteil

 

Diese Geste war für das Gericht ein Hitlergruß und keine Entspannung. Quelle: Twitter

Richterin Walberg verkündet nach kurzer Unterbrechung das Urteil: 50 Tagessätze, wie es auch der Strafbefehl besagte. Allerdings wird dem nun Verurteilten sein neuer Arbeitsplatz zum Verhängnis: Statt mit 30 Euro rechnete das Gericht jetzt mit 70 Euro Einnahmen pro Tag.

Gericht: Video widerspricht der Darstellung des Angeklagten

Das Gericht sei zu der Überzeugung gekommen, begründet sie das Urteil, dass das Video die „Entspannungs-These“ widerlegt. Sie sieht eine ganz andere Bewegung als vom Bernhard K. beschrieben. Erst der ausgestreckte Zeigefinger und dann die ausgestreckte Hand, das ist für das Gericht „bewußt und willentlich“. Auch die dazu geäußerten Worte „Und dazu stehe ich“ unterstützen dies, so das Gericht.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Bernhard K. hat eine Woche Zeit, Rechtsmittel einzulegen.

Text: Matthias Lauterer




„Toleranz, Akzeptanz und Solidarität sind Voraussetzung dafür, damit Integration und Teilhabe in Zukunft gelingen können“

„Gemeinschaft leben, gemeinsam kochen, den Tag verbringen und eine gewisse Struktur in den Tagesablauf bringen – das hat vielen unserer Seniorinnen und Senioren bisher gefehlt“, stellt Sven Schäfter, Regionalleiter des Hilfsangebots der Stiftung Lichtenstern klar. Am vergangenen Freitag, bei der feierlichen Eröffnung des neuen Tagesangebots für Senior:innen mit Handicap, stellen Mitarbeitende der Stiftung die Räumlichkeiten in der Öhringer Schillerstraße und das Konzept des Tagesangebotes vor.

Bei der freundlichen Begrüßung durch Sophie Likinich (links) und Elena Grimm fühlt man sich in der großen Küche des Tagesangebotes gleich willkommen. Foto: GSCHWÄTZ

„Das Angebot war ein großer Gewinn“

„Das Tagesangebot ging schon im Januar an den Start“, erklärt Schäfter weiter. „Aufgrund der momentanen Situation haben wir bloß die offizielle Eröffnungsfeier verschoben. Man kann auf jeden Fall schon resümieren, dass das Angebot ein großer Gewinn war. Viele unserer Klienten haben regelrecht auf die Eröffnung gewartet. Davor haben die Seniorinnen und Senioren die meiste Zeit Zuhause ohne feste Tagesstruktur verbracht. Wir sind wirklich froh, dass das Angebot so gut angenommen wird.“

„Wir haben sehr viel Spaß miteinander“

Zum Angebot in der Einrichtung gehören neben der festen Tagesstruktur und dem gemeinsamen Einkaufen, Kochen und Essen ein Musik-, Bastel- und Werkraum, ein Gymnastikraum, eine Bibliothek und ein Ruheraum, in dem eine Rückzugsmöglichkeit besteht. Außerdem besteht die Möglichkeit des freien und begleiteten Spiels und des gemeinsamen Austausches. Mitarbeiterin Edith Schmidgall fasst zusammen: „Wir lachen auch viel, das muss man auch sagen. Wir haben sehr viel Spaß miteinander.“

Küche und Gemeinschaftsraum des Tagesangebotes – hier wird gekocht, gegessen, gespielt und gelacht. Foto: GSCHWÄTZ

„Zu uns kommen Senior:innen aus dem ganzen Hohenlohekreis“

„Das Konzept des Tagesangebotes ist in dieser Art und Weise einmalig im Hohenlohekreis. Das gab es in dieser Art und Weise auch noch nicht so für Senior:innen mit Handicap. Zu uns kommen Senior:innen aus dem ganzen Hohenlohekreis. Wir haben 15 freie Plätze. Neun davon sind im Moment belegt“, erzählt Helmut Pietsch, Leiter des Tagesangebots.

„Ein Treffpunkt an dem auch Zeit für Gespräche besteht“

Menschen mit einer geistigen Behinderung seien in unserer Gesellschaft leider immer noch nicht ausreichend vernetzt, erläutert Pietsch. „Deshalb ist es besonders wichtig, hier in der Stadt einen Treffpunkt zu haben, an dem auch Zeit für Gespräche und persönliche Ansprache und die Gelegenheit besteht, Integration und Teilhabe in einem städtischen Verbund, in einem Gemeindeverbund auszuleben.“ Der 57-Jährige kann aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Pietsch arbeitet schon seit fast 40 Jahren mit Menschen mit geistiger Behinderung zusammen und „würde diesen Schritt immer wieder gehen“. Auch wenn es nicht immer leicht ist. „Man ist in diesem Beruf mit vielen Schicksalen konfrontiert. Von Zeit zu Zeit passiert es auch, dass Klienten sterben. Als junger Mensch hat mich das sehr mitgenommen. Im Laufe der Jahre habe ich aber gelernt, damit umzugehen. Man wächst mit seinen Aufgaben und lernt so, schwierige Situationen besser zu meistern.“

Der Eingangsbereich des Tagesangebotes in der Schillerstraße. Foto: GSCHWÄTZ

Essenzielle Grundwerte für eine plurale Gesellschaft

Auch wenn sich in den letzten 40 Jahren vieles gewandelt hat, so sind es doch immer noch ganz einfache, essenzielle Grundwerte, so Pietsch, die zum Ideal einer pluralen Gesellschaft beitragen: „Toleranz, Akzeptanz und Solidarität mit allen Menschen – egal welcher Herkunft oder Behinderung. Das ist eine ganz große Voraussetzung dafür, damit Integration und Teilhabe in Zukunft gelingen können.“

Text: Priscilla Dekorsi

Der Ruheraum dient den Klient:innen als Rückzugsort. Foto: GSCHWÄTZ

Die Bibliothek lädt zum Schmökern ein. Foto: GSCHWÄTZ

Im Kreativ-Raum können die Klient:innen ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Foto: GSCHWÄTZ

Im Gymnastikraum können sich die Klient:innen auspowern. Foto: GSCHWÄTZ




Corona-Rot im gesamten Hohenlohekreis + + + Krankenhäuser bereiten sich für den Ernstfall vor: Geplante Behandlungen müssen eventuell verschoben werden

Erstmals dürfte am heutigen Montag, 15. November 2021, die Marke von 390 Covid-Patienten auf Intensivstationen in Baden-Württemberg überschritten werden. Dies sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums der dpa. Das Gesundheitsministerium geht davon aus, dass auch Dienstag die Zahl jenseits des Schwellenwertes von 390 liegen dürfte. Damit wäre der Bereich der Warnstufe verlassen und die Regelungen der Alarmstufe würden ab Mittwoch in Kraft treten – mit Konsequenzen für Menschen, die noch keinen vollen Impfschutz genießen. Die Sprecherin geht nicht davon aus, dass die Zahl  bald wieder unter 390 fallen. Grund sei, dass inzwischen eine große Anzahl jüngerer Menschen auf den Intensivstationen (ITS) lägen, deren Behandlungsdauer länger sei.

Ergänzung: Nach Veröffentlichung des Beitrags wurde die Zahl der belegten ITS Betten für den 15. November 2021 mit 406 bestätigt. 

Eine Übersicht der Regeln der Alarmstufe kann man sich hier herunterladen. Es gilt dann in fast allen Bereichen, ausser in den Supermärkten eine 2-G-Pflicht. Das heißt, Zutritt nur noch für Geimpfte und Genesene.

SLK Kliniken reagieren

Auch in den Krankenhäusern wird die Lage angespannter: So wurde in den SLK-Kliniken eine  vierte Normalstation für Corona-Patienten eröffnet – das sind 20 Betten, die für andere Patienten nicht zur Verfügung stehen. Konsequenz ist, dass wahrscheinlich geplante Behandlungen verschoben werden müssen. In einigen Gebieten von Baden-Württemberg sind die ITS derart belastet, dass die Landesregierung inzwischen Verhandlungen mit anderen Bundesländern zur Verlegung von Patienten aufgenommen hat. Beispielsweise mit Bremen, das eine signifikant höhere Impfquote hat und wo die ITS noch nicht so ausgelastet sind.

Intensivbettenbelegung zeigt teils ein bedrohliches Bild

Von den sieben Intensivbetten im Krankenhaus Öhringen sind aktuell (Stand 15.11., 16:15, www.intensivregister.de) sechs belegt, davon drei mit COVID-Patienten. Im Kreis Schwäbisch Hall sind fünf  von 44 Betten frei, fünf COVID-Patienten werden intensiv behandelt. Etwas entspannter scheint die Lage im Main-Tauber-Kreis: 12 freie Betten stehen 34 belegten ITS-Betten, davon sieben Covid-Patienten, entgegen. Ganz und gar nicht entspannt ist die Lage in der Stadt Heilbronn:  Alle 37 Intensivbetten sind belegt, davon 12 mit COVID-19-Patienten. Die Krankenhäuser des Landkreises Heilbronn haben nur 2 ITS-behandelte Patienten, von 52 Betten sind sechs verfügbar.

Heilbronner Intensivstationen sind voll

Insgesamt ist die Lage angespannt: Sollte sich beispielsweise in der Nähe von Heilbronn ein Verkehrsunfall mit einem Massenanfall von Verletzten ereignen, müßten die Verletzten über weite Strecken transportiert werden.

In den sozialen Netzwerken ist von (meist anonymen) Beschäftigten im Pflegedienst zu lesen, dass angeblich Patienten von der ITS auf Normalstation verlegt würden, wo das Monitoring naturgemäß nicht so detailliert sein kann wie auf einer Intensivstation.

Ungeimpfte bei den schweren Fällen überrepräsentiert

Die Zahlen des Landes zeigen deutlich das höhere Risiko von Ungeimpften gegenüber Geimpften:

aus dem Lagebericht des LGA vom 11.11.2021

Für die Verstorbenen teilt das Regierungspräsidium auf GSCHWÄTZ-Anfrage folgende Zahlen mit:

„Dem Landesgesundheitsamt wurden mit Meldedatum innerhalb der letzten 28 Tage insgesamt 95.027 COVID-19 Fälle und 251 Fälle, die mit und an COVID-19 verstorben sind, nachdem Infektionsschutzgesetz übermittelt. Der Altersmedian für die verstorbenen COVID-19 Fälle liegt bei 83 Jahren.“ Das bedeutet, daß die Hälfte der Todesfälle Menschen über 83 Jahren waren, die andere Hälfte waren Jüngere.

„77 Verstorbene (30,7 %) hatten Angaben zu einem vollen Impfschutz (Impfdurchbruch*)
135 Verstorbene (53,8 %) sind gar nicht bzw. haben einen unvollständigen Impfschutz.
Für 39 verstorbene Fälle (15,5 %) liegen keine Angaben zum Impfstatus vor. “ [Datenstand: 11.11.2021, 16 Uhr]

Hohenlohekreis meldet Rekordzahl auf Rekordzahl

Auch im Hohenlohekreis werden immer weitere Rekordzahlen gemeldet, sowohl für die täglichen Neuinfektionen als auch für die Inzidenz. Die Inzidenz steigt steil an und lag am 14.11.2021 mit 392,1 knapp unter der 400-er Marke auf absolutem Rekordniveau, Tendenz steil steigend:

Inzidenz im HOK – Abruf 15.11., 17:00 Uhr

Vor ungefähr einem Monat, am 11.10.2021 lag die Inzidenz bei 34,6 – also fast eine Ver-Elf-Fachung innerhalb eines Monats. Das Verdoppelungsintervall liegt damit bei knapp über einer Woche – zu Beginn der Pandemie war man über eine Verdoppelung innerhalb von 5 Wochen noch sehr beunruhigt.

99 neue Infektionen wurden allein am Freitag, 12. November 2021 vermeldet – eine Rekordzahl für Hohenlohe.

Neue Infektionsfälle pro Tag: 99 ist neuer Rekord

Inzwischen zeigt die Corona-Karte des Hohenlohekreises nur noch eine Farbe: Alle Gemeinden sind dunkelrot. Das bedeutet eine Inzidenz jenseits der 200 in allen Kreisgemeinden. Auch das war nie zuvor der Fall.

Alle Gemeinden im dunkelroten Bereich

Text: Matthias Lauterer

 




Größte Kindersportveranstaltung in Baden-Württemberg in Künzelsau

Über 50 Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen, Organisationen und Schulen aus der Region haben sich in der Künzelsauer Stadthalle getroffen:  Der Schwäbische Turnerbund (STB) und der Turngau Hohenlohe haben Konzept, Organisation und Ablauf für das Landeskinderturnfest 2022 in Künzelsau vorgestellt.
Bürgermeister Stefan Neumann begrüßte in der Künzelsauer Stadthalle: „Danke, dass Sie sich einbringen möchten. Beim Landeskinderturnfest im nächsten Jahr erwarten wir Kinder aus dem ganzen Land in unserer Stadt. Um die jungen Sportlerinnen und Sportler sowie die Besucherinnen und Besucher gut betreuen und versorgen zu können, werden viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gebraucht.“

4.000 junge Sportlerinnen und Sportler & 20.000 Gäste

Unter dem Motto „Künzelsau tobt“ werden vom 22. bis 24. Juli 2022 rund 4.000 Kinder und etwa 20.000 Besucherinnen und Besucher bei der größten Kindersportveranstaltung in BadenWürttemberg unter der Regie des STB in Künzelsau erwartet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von sechs bis 15 Jahren
erwarten gemeinsam mit ihren Betreuerinnen und Betreuern drei Tage lang Sport, Spaß und zahlreiche Mitmachangebote sowie das Highlight am Samstagabend, die „Turni-Gala“ im CARMEN WÜRTH FORUM. Übernachtet wird in örtlichen Schulen oder Sporthallen. Damit hat das beliebte Turnfest das Zeug zu einem unvergesslichen Gemeinschaftserlebnis zu werden. „Wer als Kind einmal an einem Landesturnfest dabei war, wird sich gerne und sein Leben lang daran erinnern“, da ist sich die Projektleiterin Veronika Albrecht vom Schwäbischen Turnerbund sicher.

Neben zahlreichen Wettbewerben und Wettkämpfen wird es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Mitmachaktionen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und alle örtlichen Kinder und Jugendlichen geben. Weitere Informationen zum Landeskinderturnfest sind auch unter http://www.landeskinderturnfest.org zu finden.

Hilfe willkommen – Volunteers gesucht

Die Veranstaltung bietet Vereinen und Organisationen eine hervorragende Plattform, um sich den Künzelsauer Kindern und Jugendlichen zu präsentieren. Um den Ablauf und das Programm beim Landeskinderturnfest vielseitig und ansprechend zu gestalten, freut sich der Schwäbische Turnerbund, wenn sich zahlreiche Künzelsauer Vereine und Organisationen sowie die Mitgliedsvereine des Turngau Hohenlohe an der Veranstaltung aktiv beteiligen. Die Mitwirkung kann in Form von Mitmachangeboten und -aktionen, der Bereitstellung von Volunteers und/oder der Bereitstellung von Materialien und Räumlichkeiten erfolgen. Etwa 500 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer werden für vielseitige Aufgaben wie Schulbetreuung, Frühstückszubereitung, Fahr- und Gerätedienste und vieles mehr benötigt. Wer helfen und sich engagieren möchte, kann sich als Volunteer bei Diana Hettinger (diana.hettinger@t-online.de) vom Turngau Hohenlohe melden.

Gemeinsame Pressemitteilung von Stadt Künzelsau und Schwäbischem Turnerbund

Informationsveranstaltung in der Stadthalle. Foto: Stadt Künzelsau

 




„Wir können in zwei Stunden etwa 100 Impfungen verabreichen“

Ab Montag, den 15. November 2021, wird es in der Nobelgusch in Pfedelbach sowie in der Notfallpraxis im ehemaligen Krankenhaus in Künzelsau zwei feste Impfstationen im Hohenlohekreis geben. Das geht aus einer Mitteilung des Landratsamtes des Hohenlohekreises hervor.

Wo vereinbare ich einen Termin?

Organisiert wird das Angebot von Dr. Susanne Bublitz, der Pandemiebeauftragten der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg für den Hohenlohekreis, mit Unterstützung verschiedener Hausärzte aus dem Kreis. Künftig werden in Pfedelbach zunächst montags, mittwochs und donnerstags von 18 bis 20 Uhr und samstags ab 9 Uhr sowie in Künzelsau dienstags und freitags von 18 bis 20 Uhr Impfungen verabreicht.

Möglich sind Erst- und Zweitimpfungen sowie Boosterimpfungen (3. Impfungen). „Wir können in zwei Stunden etwa 100 Impfungen verabreichen“, erklärt Dr. Susanne Bublitz. „Sollte die Nachfrage höher sein, werden wir das Angebot noch aufstocken.“

Termine können unter der zentralen Anmeldestelle www.impfterminmanagement.de/praxis/prx60994bfc19101/registrieren vereinbart werden. Die Impfterminvergabe ist auch auf den Internetseiten www.gemeinschaftspraxis-pfedelbach.de, www.hohenlohekreis.de und www.corona-im-hok.de verlinkt. Impfungen ohne Termin sind zwar möglich, können aber je nach Auslastung der Impfstation mit längerer Wartezeit verbunden sein.

„Wollen diejenigen erreichen, die keinen Hausarzt haben“

„Uns geht es darum, ein niederschwelliges Angebot für die Bürger:innen im Kreis zu machen, vorrangig für die älteren Bürgerinnen und Bürger, die ein höheres Erkrankungsrisiko haben und deren Zweitimpfungen schon länger her sind. Außerdem wollen wir diejenigen erreichen, die keinen Hausarzt haben oder deren Hausarzt nicht über genügend Kapazitäten verfügt“, erklärt Dr. Susanne Bublitz. „Aber natürlich soll jeder geimpft werden können, der sich impfen lassen will.“

Vorerst bis Januar 2021 geplant

Der Betrieb der Impfstationen ist vorerst bis Januar geplant. „Allerdings ist klar, dass wir so lange impfen, wie Bedarf besteht und dies personell möglich ist“, stellt Bublitz klar.

Das Landratsamt Hohenlohekreis unterstützt die Impfstationen, unter anderem durch die Ausstattung der Liegenschaften oder die Finanzierung der Terminkoordinierung. „Obwohl wir als Landkreis offiziell derzeit nicht an der Impfkampagne des Landes beteiligt sind, unterstützen wir die Pandemiebeauftragte natürlich, wo immer es erforderlich ist. Die derzeitigen Infektionszahlen sind dramatisch. Umso wichtiger ist es, dass sich mehr Menschen impfen lassen, um sich und andere vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen“, erklärt Landrat Dr. Matthias Neth, der aber auch an die Bürger:innen appelliert, rücksichtsvoll und umsichtig mit Kontakten umzugehen: „Die Hygiene- und Abstandsregeln sollten immer eingehalten werden. Zum Schutz von Ungeimpften ist auch eine 2G-Regelung bei Veranstaltungen anzuraten.“

Außerdem fordert Neth ein schnelles Gegensteuern der Politik: „Wir brauchen ein auf die aktuelle Lage abgestimmtes Regelwerk von Bund und Land, das der aktuellen Lage Rechnung trägt – und das schnell, sonst steuern wir auf eine Überforderung der Intensivstationen und einen erneuten Lockdown zu.“

 




„In 50 Jahren gibt’s Schnaps“

An einem trüben und kalten Freitagnachmittag im November sitzt die kleine Mila lächelnd auf einer Wiese mitten im Wald bei Kocherstetten und gräbt ein Loch gemeinsam mit ihren Vater Nils. Sie haben einen Spaten mitgebracht und heben damit ein Stück Erde aus. In dieses Loch pflanzen sie ein Elsbeerenbaum, welcher im Herbst rot schimmert und im Frühjahr ähnlich weiße Blüten hat wie ein Kirschbaum. Jetzt ist die Pflanze gerade mal 20 Zentimeter hoch, sie ist eine von rund 15 Bäumchen, die ihren Platz gefunden haben in dem neuen Hochzeitswald der Stadtverwaltung Künzelsau.

Einweihung Hochzeitswald in Kocherstetten. Foto: GSCHWÄTZ

Einweihung Hochzeitswald in Kocherstetten. Foto: GSCHWÄTZ

Stadt plant weitere grüne Aktionen

Für den Hochzeitswald lud die Stadtverwaltung sie Ehepaare ein, die sich in den vergangenen Jahren in Künzelsau haben trauen lassen, einen Baum zu pflanzen. Diese rund 15 Bäume sollen dann einen neuen kleinen Wald ergeben, den man beim Wandern besuchen kann. Die Bäume stellte die Stadt.

“Künzelsau macht einiges für Klima”, meinte der Künzelsauer Bürgermeister Stefan Neumann in seiner Begrüßungsrede. Er versicherte, dass die Stadt mehr grüne Aktionen machen will. Er ging mit den Ehepaaren mit und gab ihnen nach dem Baumpflanzen Sekt, Orangensaft und Bretzeln aus.

Bürgermeister schenkt Sekt aus

Danach verwies er auf den Förster Römer, welcher auch vor Ort war und den Ehepaaren erklärte, was genau sie nun machen sollen. Herr Römer erklärte den Paaren: „Wir pflanzen heute eine bereits heimische Baumart namens Elsbeere, diese wächst schon immer in unserer Region. Ich habe den ausgewählt, weil er in allen Jahreszeiten schön aussieht. Im Frühling hat er helle Blüten wie ein Kirschbaum und im Herbst werden seine Blätter ein schönes Rot“ Er zeigte den Ehepaaren die kleinen Baumsetzlinge die nur knapp 20 Zentimeter groß waren, in den nächsten Jahren sollten sie aber bis zu 10 Meter wachsen. „Außerdem hat die Elsbeere im Herbst kleine Früchte“, erzählte er dabei. Den Zucker der Früchte kann man zu Schnaps verarbeiten. „Das dauert aber ungefähr 50 Jahre, ist dann eher etwas für die goldene Hochzeit“, scherzte er.

Bis zu 10 Meter hoch

Die Ehepaare kamen mit Schaufeln und einige mit ihren Kindern. Sie alle gingen begeistert und motiviert an die Sache. Der Förster hatte zuvor ausgemessen, wo welche Baum hingepflanzt werden soll, damit sich die Bäume nicht in die Quere kommen und keiner gefällt werden muss. Die Plätze waren mit einem meterlangen Holzstock gekennzeichnet. An diesen banden die Paare später Plastikröhre, diese schützten die Bäume, davor, dass die Rehe die neuen Bäume aßen. Bürgermeister Neumann und der Förster Römer verteilten Filzstifte an die Paare, mit denen sie ihren Baum auf der Röhre kennzeichnen konnten.

Einweihung Hochzeitswald in Kocherstetten. Bürgermeister Neumann (rechts) schenkt Sekt aus. Foto: GSCHWÄTZ

Einweihung Hochzeitswald in Kocherstetten. Stadtförster Römer erklärt die Baumpflanzaktion. Foto: GSCHWÄTZ

Hochzeitsfeiern trotz Corona

Unter den Ehepaaren waren Ina und Robin Klaus, die sich seit zweieinhalb Jahren kennen und seit dem 14. April 2021 verheiratet sind. Ihre Hochzeit fand im kleinen Rahmen statt, aufgrund von Corona.  Auf die Frage, ob sie vor haben zu ihrer goldenen Hochzeit einen Schnaps der Elsbeere zu trinken, antwortet Robin scherzhaft: „Nein, ich möchte nicht 50 Jahre verheiratet sein, 49 Jahre und dann wird sie ausgetauscht“ “Wenn er das noch erlebt”, meint Ina keck dazu, bevor sich die beiden lachend sich zu den anderen Paaren gesellen, die bereits mit dem Pflanzen begonnen haben.

Neue Bäume für die kleine Mila

Ein weiteres Ehepaar, Nicole und Nils, waren mit ihren Kind Mila und ihrem Baby Nele mitgebracht. Zu ihrer Hochzeit durften sie nur zu dritt, mit Tochter Mila, da das Ehepaar im April 2020 standesamtlich geheiratet hat und wegen den damaligen Coronaauflagen nur die drei erlaubt waren. Nele war damals noch nicht auf der Welt. Aber sie haben vor, zu ihrem nächsten Jahrestag eine große Feier mit ihren Familien und Freunden zu machen.

Mila jedenfalls hatte sehr viel Spaß an der ganzen Baumpflanzaktion und grinste breit, sie möchte gerne noch mehr Bäume pflanzen. “Dann müssen wir mal schauen, ob im Garten noch Platz ist, Mila”, erwiderte darauf ihr Vater Nils. Die Familie hat vor, ihren Baum, wenn sie Ausflügen machen, zu besuchen und zu schauen, wie er wächst.

Text: Merle Haspel

Einweihung Hochzeitswald in Kocherstetten. Foto: GSCHWÄTZ

Einweihung Hochzeitswald in Kocherstetten. Foto: GSCHWÄTZ

Einweihung Hochzeitswald in Kocherstetten. Foto: GSCHWÄTZ

Einweihung Hochzeitswald in Kocherstetten. Foto: GSCHWÄTZ

 

 




„So etwas ist hirnrissig in der heutigen Zeit“

Der 11.11. ist traditionell Karnevals-, Fasnachts-, Fasnets- oder Faschingsauftakt. Ausgerechnet an diesem Tag tagte der Germeinderat Künzelsau und mußte einen Beschluß fassen, dessen bürokratischer Hintergrund durchaus Anlaß für eine scharfzüngige Büttenrede geben könnte. Beschlossen wurde letztlich die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens zum Bau einer Freiflächenfotovoltaikanlage auf einer Fläche von ungefähr 2 Hektar oberhalb von Nagelsberg.

Ursprünglich deutlich größer geplant

Das Projekt wurde bereits in früheren Sitzungen im Gemeinderat vorgestellt. Ursprünglich sollte der Bebauungsplan eine Fläche von rund 5 Hektar umfassen, auf denen in zwei Bauabschnitten eine Freiflächen-Photovoltaikanlage errichtet werden sollte. Zwei ansässige Landwirte wollten dieses Projekt verwirklichen und hatten eine umfassende Planung vorgelegt – darin enthalten waren unter anderem bereits Angaben über die Bodengüte, zum Umweltschutz und der Artenvielfalt sowie über die Blendfreiheit. Eine Präsentation, wie man sie selten zu Gesicht bekommt, war die einhellige Meinung. Damals war der Gemeinderat von dem Projekt überzeugt, da es alle Kriterien der Stadt Künzelsau für den Bau solcher Anlagen erfüllte: „Wir waren alle unisono, das kommt ja nicht so oft vor bei uns“, erinnert sich Gemeinderätin Verena Löhlein-Ehrler (CDU).

So stellten sich die Antragsteller den ersten Bauabschnitt vor (hinten rechts: Belsenberg). Quelle: Sitzungsunterlage

 

Die Rechnung nicht mit dem Regionalverband gemacht

Einzige Planungshürde war letztlich der Regionalverband, der sich unter bestimmten Voraussetzungen ein Eingriffsrecht vorbehält. Da die geplante Fläche in einem „regionalen Grünzug“ liegt und sich der Regionalverband dort bei Eingriffen, die mehr als 2 Hektar umfassen, in der Verantwortung sieht, kündigte der Regionalverband an, gegen das geplante Projekt zu sein: Schließlich sei es zu groß.

Widersprüchliches Agieren des Regionalverbandes

Nicht zu groß wäre das Projekt beispielsweise, wenn neben der beantragten Fläche bereits eine ähnliche Anlage bestehen würde: Daher, so ließ der Regionalverband schon durchblicken, würde man sich dem Bau einer zweiten großen Solaranlage zwischen Amrichshausen, Steinbach und Ohrenbach wohl nicht verschließen. Auch dieses Gebiet liegt im regionalen Grünzug. Es wäre also theoretisch möglich, den regionalen Grünzug ganz ohne Einbeziehung des Regionalverbandes komplett mit Solaranlagen zu bepflastern – wenn man es nach und nach macht und darauf achtet, immer direkt neben eine bestehende Anlage zu bauen.

Gemeinderäte zeigen Unverständnis

Unverständnis für die Richtlinien des Regionalverbands zeigt Verena Löhlein-Ehrler (CDU): „Ich komme nicht aus der grünen Ecke, aber die Energiewende ist uns politisch vorgegeben, wir haben das umzusetzen. Wenn man uns die Wege dazu so beschneidet, dann ist das merkwürdig“, findet sie.  Sie wohnt in Garnberg, kennt das Gelände gut und weiß: „Das stört dort niemanden“, auch nicht die Natur, denn durch die geplanten Maßnahmen „würde die Biodiversität eher zu- als abnehmen“, ist sie sich sicher.

Der Regionalverband sei weit weg von den Menschen, das fange schon bei der Sprache an:  „Mit einer ‚linearen landschaftsprägenden Infrastruktureinrichtung‘ ist eine Straße gemeint, ich habe das nachgefragt“, berichtet sie und ergänzt: „Ich bin ja Juristin und sowas eigentlich gewöhnt, aber …“ läßt sie den Satz vielsagend ausklingen.

„Ohne Not ausgebremst“

Eine solche Anlage, gebaut von einem lokalen Investor, der auch eine Bürgerbeteiligung ermöglichen will, sei doch ideal und viel sinnvoller als beispielsweise eine Windkraftanlage, die ganz sicher „raumbedeutsam“ sei. Sie sagt: „Wir fühlen uns ohne Not ausgebremst.“

„So etwas ist hirnrissig“

Auch Johannes Rückgauer (UBK) aus Nagelsberg kennt das Projekt und die Projektbeteiligten gut. Er denkt, dass die beiden Landwirte Klaus Kempf und Johannes Braun letztendlich den Rechtsweg vermeiden wollten und daher ihr Projekt angepaßt, das heißt verkleinert, haben. Er findet für seine Beurteilung der Maßgaben des Regionalverbandes deutliche Worte: „So etwas ist hirnrissig in der heutigen Zeit.“  Er befürchtet, dass die Regeln des Regionalverbandes letztendlich große Konzerne bevorzugen könnten, die sich die Zeit und den Aufwand eines Rechtsstreits möglicherweise leisten könnten. Regionale und lokale Gesichtspunkte würden dann vernachlässigt: „Die Bürgerbeteiligung ist natürlich erstmal vom Tisch“, bemängelt er. Rückgauer kann die Regelsetzung durch den Regionalverband nicht nachvollziehen und fragt sich, welcher demokratischen Kontrolle derartige Entscheidungen unterliegen. Er sieht eine „Wertvernichtung und eine Frustration“ bei den Projektbeteiligten und sagt: „Meiner Meinung nach bremst der Regionalverband. So schaffen wir die Klimaziele nie.“

„Nach wie vor euphorisch, dass wir etwas tun, was Sinn macht“

Johannes Braun aus Nagelsberg, einer der beiden Initiatoren der Anlage, macht zu Anfang des Gesprächs einen ernüchterten Eindruck: „So isches halt“, meint er, wenn er feststellt, dass man jetzt nur zwei Drittel der ursprünglich geplanten Strommenge erzeugen könne. Und natürlich kämen durch die Änderung der Pläne jetzt zusätzliche Kosten für die verkleinerte Anlage auf ihn zu. Weitere Kosten entstünden, wenn perspektivisch vielleicht doch eine Erweiterung infrage käme – diese Kosten wären in der ursprünglichen Planung mit zwei Bauabschnitten in einem gemeinsamen Bebauungsplanverfahren nicht entstanden. Auch er empfindet die Handlungsweise des Regionalverbands als „nicht nachvollziehbar“. Im Hinblick auf den Klimaschutz sagt er: „Wenn jemand auf sein absolutes Recht beharrt, dann kommen wir nicht weiter.“ Vom „Amtsschimmel“, der am Werk sei, spricht er, und davon, dass „Besonnenheit und Maß“ fehle: „Natürlich brauchen wir Richtlinien – aber diese müssen auch dazu da sein, dass man sie an den Einzelfall anpasst.“
Seine Stimme wirkt plötzlich gar nicht mehr ernüchtert, sondern tatkräftig, als er  sagt: „Wir sind nach wie vor euphorisch, dass wir etwas tun, was Sinn macht.“

Solaroffensive der Landesregierung

Der damalige Landes-Umweltminister Franz Untersteller (Die Grünen) kündigte Ende 2020 an,  bis zum Jahr 2030 pro Jahr 550 Megawatt installierte Solarleistung aufzubauen, um die installierte Leistung auf 11 Gigawatt zu bringen. Das ist kein allzu ambitioniertes Ziel, wenn man weiß, dass im Jahr 2020 bereits 660 Megawatt neu errichtet wurden.
Untersteller plante für die Solaroffensive fest mit Freiflächenanlagen. Wie die Einschränkungen durch den Regionalverband mit dem Klimaschutzgesetz und der Solaroffensive der Landesregierung in Übereinstimmung zu bringen ist, hat GSCHWÄTZ beim Umweltministerium nachgefragt.

Task Force: Die Politik arbeitet – hat aber noch keine Ergebnisse vorzuweisen

Die Diskrepanz zwischen der Aufgabenstellung der Landesregierung und dem Handeln untergeordneter Behörden, ist der Landesregierung durchaus bekannt. Man hat aus diesem Grund bereits gehandelt: „Die Landesregierung untersucht im Rahmen der vom Ministerrat beschlossenen Task Force zur Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren, wie Hemmnisse für den Ausbau der erneuerbaren Energien beseitigt werden können.“ Die Task Force prüft derzeit unter anderem die Beschleunigung des Ausbaus der erneuerbaren Energien über die Erstellung eines fachlichen Entwicklungsplans, einer Teilfortschreibung oder Fortschreibung des Landesentwicklungsplans sowie die Öffnung von regionalen Grünzügen für Windkraftanlagen und Freiflächen-Photovoltaik.
Auch das Umweltminsterium scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben: Bürgermeister Stefan Neumann berichtet von Gesprächen im Umweltministerium, in denen die Diskrepanz im Handeln der einzelnen Behörden und Verbände von betroffenen Bürgermeistern und Landräten deutlich gemacht wurde. Er hofft, dass in absehbarer Zeit einheitliche und nachvollziehbare Richtlinien angewendet werden.

Johannes Braun sagt dazu: „Wenn man ein Thema priorisiert, dann muss man nicht nur reden, sondern dafür sorgen, dass das Thema auch umgesetzt werden kann. Das einzig Gute ist, dass das jetzt wohl verstanden wurde.“ Die Ergebnisse, die die Task Force erarbeiten wird, helfen ihm für seine Anlage allerdings nicht mehr.

Text: Matthias Lauterer

[Die Verantwortlichen des Regionalverbands haben sich aus Zeitgründen noch nicht zu diesem Thema geäußert]




Vermeintlicher Ölfilm stellt sich als Schmutzfilm auf dem Kocher heraus

Eine Gewässerverunreinigung auf dem Kocher hat am Donnerstag, den 11. November 2021, für einen Großeinsatz der Feuerwehr gesorgt. Am Nachmittag, gegen 16 Uhr, wurde ein Ölfilm auf dem Kocher in Forchtenberg, auf Höhe der Kocherbrücke, gemeldet. Um eine Umweltkatastrophe zu verhindern, wurde vorsorglich eine Ölschlinge zwischen der Brücke und dem Wehr aufgebaut.

Nach weiteren Ermittlungen stellte sich heraus, dass es sich bei dem vermeintlichen Ölfilm um einen Schmutzfilm auf der Wasseroberfläche handelte. Nach weiterer Absuche des Kochers seitens der Feuerwehr konnte keine weitere Verschmutzung festgestellt werden. Die Ermittlungen dauern an.




„Du könntest jetzt irgendwo im Süden Europas gemütlich in irgendeinem schönen Beach Club sitzen“

Die Professorin Anna-Maria Schärer (50) aus Weißbach und der an Multiples Sklerose erkrankte Markus Neugebauer aus Morsbach haben sich in diesem Jahr auf eine besondere Reise begeben. Sie sind unabhängig voneinander auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela gewandert. Schaerer sechs Wochen lang und Neugebauer, der an Multipler Sklerose leidet, ein paar Tage. Mit GSCHWÄTZ-Chefredakteurin Dr. Sandra Hartmann sprachen sie über ihre Erlebnisse, Begegnungen, Tränen zwischendurch und warum sie sich vorstellen können, so eine Tour nochmal zu machen.

Karte vom Jakobsweg in Nordspanien. Anna-Maria Schärer ist fast den ganzen Jaokobsweg gelaufen. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Ich möchte heute mit euch über eure Erfahrungen sprechen und was euch überhaupt auf den Weg gebracht hat. Anna-Maria, ich habe dir die schwierige Aufgabe gestellt, aus den vielen tausenden Fotos deiner Reise ein Bild auszuwählen, was dich besonders berührt oder geprägt hat.

Anna-Maria Schärer: Ich habe tatsächlich etwas gefunden. Das ist das Foto, das ich gleich am Anfang gemacht habe. Und das, denke ich, hat mich die ganze Reise über begleitet.

„Ich wusste nicht, wohin das führt“

GSCHWÄTZ: Das Foto zeigt einen Weg, rechts und links davon Wiese. Man sieht gar nicht, wohin der Weg führt, weil es so neblig ist.

Schärer: Genau richtig. Das beschreibt eigentlich so auch tatsächlich die Reise. Also ich wusste nicht, wohin das führt sowohl emotional als auch geografisch als auch sonst in keiner Weise. Also es war so unbekannt. Es gab immer einen Weg, aber man wusste nicht, wohin er führt.

Startpunkt: Hier beginnt der Jakobsweg. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Du warst sechs Wochen unterwegs und bist fast den gesamten Jakosbweg gelaufen. Bis auf eine verletzungsbedingte Unterbrechung. Was hast du für Erwartungen an diesen Weggehabt?

Keine Erwarten gehabt

Schärer: Ich hatte tatsächlich keine. Das ist auch generell etwas, so gehe ich auch viele Sachen an, vor allem Unbekanntes. Da ist die Enttäuschung einfach auch kleiner, geringer beziehungsweise man vermeidet sie weitgehend, weil man eben nichts weiß. Ich wollte es wirklich einfach erleben. Ich hatte kein bestimmtes Ziel, also ein geografisches ja, aber kein persönliches Ziel. Es gab auch nichts Dramatisches, was ich verarbeiten musste. Ich wollte das einfach tun.

Pilgerausrüstung: Wanderstiefel und Rucksack. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Das heißt, eines Tages bist du aufgewacht und hast gesagt, noch in diesem Jahr mache ich mal diesen Weg.

Schärer: Also, das war vor zirka 15, 16 Jahren. Da habe ich mir überlegt, wie dieser Jakobsweg wohl  ist. Und gedacht, das können wir ja auch mal machen. Da haben alle gelacht, weil ich tatsächlich auch dafür bekannt bin, dass ich auch so faul bin, dass sie so automatisiert Aktivitäten grundsätzlich ablehnen. Also Reisen im Rucksack und überhaupt in Frage stellen. Das ist gar nicht meins. Und deswegen war es eben so verwunderlich. Ich habe mich auch ein bisschen über mich gewundert. Woher kommt das? Wieso muss ich das jetzt tun? Aber ich hatte wirklich einfach das Gefühl, ich muss das tun. Ich habe viele Jahre später dann, als ich mich mehr damit beschäftigt habe, immer mal wieder einen Satz gelesen, in dem drinstand, dass der Jakobsweg angerufen hat, so komisch das auch klingt. Aber so habe ich es tatsächlich erlebt. Ich habe irgendwie in mir gespürt, ich muss das tun, ich muss den gehen und ich muss ihn wirklich vom Anfang, also vom Anfang des Camino Parsec, bis zum Ende gehen.

„Ich dachte, ich habe mich grandios vorbereitet“

GSCHWÄTZ: Hattest du eine spezielle Vorbereitung?

Schärer: Ich habe früher sehr viel Sport gemacht, so dachte ich, das ist überhaupt kein Problem. Dann habe ich überhaupt keinen Sport gemacht. Dann kamen auch diverse Erkrankungen dazu, die mich wirklich sehr, sehr faul gemacht haben. Ich spiele sehr viel Golf und dachte mir, da laufe ich ja noch viel, das wird schon gehen. Ich habe ein bisschen Respekt vor den Pyrenäen und habe dann diesen Sommer und den Lockdown genutzt und habe mich, wie ich dachte, grandios vorbereitet. Das sollte sich dann allerdings als falsch rausstellen. Ich habe meinen Hund geschnappt, bin einfach los. Ich habe angefangen so mit zehn Kilometer, 15 oder 20 Kilometer am Tag. Und das war der Knackpunkt, weil es ging nämlich super. Ich dachte eher, das Problem wird die Wiederholung sein, also das jeden Tag zu machen. Dann habe ich irgendwann gedacht, jetzt mit Rucksack. Ich habe diesen Rucksack beladen mit einem Gewicht, von dem ich dachte, dass es gut wäre für die Reise, das dabeizuhaben. Wie gesagt, ich habe gedacht, das Rätsel wird eben sein, das täglich zu machen. Das kann ich ja nicht üben. Also ich kann ja jetzt hier nicht jeden Tag 20, 25, 30 km laufen. Weder habe ich Zeit und Muße noch irgendwas. Ich kann mich eh nicht vorbereiten, also muss ich jetzt gar nichts mehr machen. Ich bin ganz entspannt im Sommer in den Urlaub gefahren. Und da stand ich dann irgendwann am 16. August am Fuße der Pyrenäen und nach circa anderthalb Stunden dachte ich, das wars. Ich komme gar nicht mehr zurück. Also ich werde hier wahrscheinlich sterben auf dieser Erde. Nach drei Stunden habe ich dann ein Zwischenziel erreicht. Da habe ich dann gehört, dass man das so im Durchschnitt nach circa anderthalb Stunden erreicht. Aber ich brauchte tatsächlich drei Stunden dazu. Und dann hat man mir gesagt, ab jetzt wird es vielleicht leichter. Diese erste Etappe ist der schlimmste Teil der Strecke bei den Pyrenäen. Und jetzt wird es leichter. Und darauf wartete ich dann irgendwie, dass es jetzt leichter wird. Aber war wirklich furchtbar. Deswegen auch dieses Bild. Es war anders.

Waldweg zwischen Finisterre und Muxia. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Markus Neugebauer ist auch hier bei uns. Seid ihr gemeinsam aufgebrochen oder bist du auch alleine los? Markus, du hast MS, also Multiple Sklerose, und hast gesagt, du machst es und du schaffst das auch.

Markus Neugebauer: Es war im Vorhinein schon klar, dass ich das nicht ganz schaffe aufgrund der Krankheit. Wir haben es reduziert auf fünf Tage. Also fünf Tage auf 15 Kilometern. Wir haben sozusagen aus dem Jakobsweg eine Route gemacht. Ich habe aber wirklich auch Menschen mit Rollstuhl gesehen. Ich habe Menschen gesehen mit nur einem Bein, die mich völlig fasziniert haben und die auch eine wahnsinnige Motivation für mich waren.

Man lernt sofort andere Menschen kenn

GSCHWÄTZ: Wie war das, dich selbst zu motivieren oder mit anderen ins Gespräch zu kommen?

Neugebauer: Also man lernt, wenn man es selbst nicht gerade völlig ablehnt, sofort andere Menschen kennen, mit denen man dann auch teilweise läuft. Wobei dieses teilweise laufen für mich jetzt so war, dass ich ungern mit jemandem tatsächlich zusammen gelaufen bin, sondern eher so morgens zusammen gestartet und dann abends oder nachmittags irgendwo angekommen bon. Jeder hat ein eigenes Laufziel. Und da wollte ich mich nicht unter Druck setzen. Jetzt mal ganz salopp ausgedrückt, das nervet alle Beteiligten. Also wenn einer schneller oder mal langsamer läuft oder ein Jahr Pause machen kann. Das bringt einen völlig aus dem Konzept. Etwas so einfaches Mitlaufen.

Hier geht’s lang: Wegweiser auf dem Jakobsweg. Foto: privat

Schärer: Ich habe sehr, sehr schnell, am dritten Tag zwei Damen aus Amerika kennengelernt, mit denen ich unheimlich viel gelaufen bin. Also gelaufen, wie ich es gerade beschrieben habe, aber tatsächlich wirklich aktiv gelaufen bin ich die meiste Zeit alleine. Und über was denkt man denn da so drüber nach? Ist wirklich so eine Reise zu dir selber. Lernt man sich da selber besser kennen? Oder ist es eigentlich eher so ein bisschen Idealisierung dargestellt, wenn man sowas abgeklärt? Ich denke ja. Also das ist jetzt natürlich eine wirklich völlig subjektive Wahrnehmung von mir. Ich persönlich habe es so empfunden. Ich hatte ja keine dramatischen, eigentlich überhaupt keine Erwartungen. Ich wollte das einfach machen. Ich wollte diese Erfahrung machen. Hat das was mit mir gemacht? Meine persönliche Meinung ist, dass sich das Leben nicht ändert auf dem Jakobsweg. Also da passiert was, aber keine Erleuchtung. Ich glaube, dass Leute, die so losgehen, vielleicht auch ein bisschen enttäuscht sind. Mit jedem Tag wird es immer irgendwie emotional, ohne dass ich es jetzt genau in Worte fassen kann, was da passiert. Also es passiert tatsächlich etwas mit einem. Aber ich kann nicht wirklich beschreiben was.

„Ich habe festgestellt, ich denke gar nicht mehr“

Neugebauer: Für mich war das so am Anfang: Ich bin losgelaufen und dann kamen die Gedanken wie, habe ich das jetzt beim Steuerberater abgegeben? Also salopp, habe ich dieses Formular abgegeben? Oder so Alltagsgeschichten wie ist die Waschmaschine ausgeschaltet? Und auf einmal habe ich dann festgestellt, ich denke gar nichts mehr. Der Kopf ist wirklich frei. Meditatives Gehen. Ja, es ist wirklich so. Aber es ist kein bewusster Prozess, sondern man läuft einfach und stellt es fest. Und ja, es bringt einen absolut runter, weil es sehr, sehr reduziert ist. Alles auf den Jakobsweg reduziert im Sinne von schlafen gehen, essen, laufen. Das sind die drei Probleme. Ich habe nicht in den Herbergen übernachtet. Also, dass diese Gemeinschaftsräume mit an die 20, 30 Menschen voll sind. Die letzte ist eine kleine Herberge, aber ansonsten sind auch gerne 50 oder 80 Leute da. Das war für mich die Horrorvorstellung schlechthin.

Schärer: Ich habe es schon nicht mit Jugendherbergen in meiner Jugend gehabt und jetzt schon gar nicht mehr. Also kein wirkliches No-go. Ich habe es tatsächlich mal probiert, wollte das mal erleben und habe dann sofort festgestellt: ganz schön, aber nein. Ich habe immer so übernachtet, dass ich immer ein Einzelzimmer hatte und ein eigenes Bad. Das habe ich vorher gebucht. Nicht weit im Voraus, teilweise wirklich an dem Tag, an dem ich gelaufen bin. Es gibt zahllose Apps, die sehr, sehr komfortabel sind und wo man einfach nur guckt: Wo laufe ich heute los? Wo will ich hinlaufen? Und da sieht man in der App, was ist. Welche Orte gibt es zwischendrin? Wie weit sind die entfernt voneinander? Man weiß zu jedem Zeitpunkt wo man ist. Wie weit habe ich jetzt bis zum nächsten Café? In diesem Ort gibt es dann auch noch eine Herberge, Pension, Gaststätte, Hotel. Muss ich Angst haben, dass ich auf der Wiese schlafen muss? Also das hatte ich wirklich nie.

„Das Pilger-Menü reduziert sich auf Hühnchen mit Pommes“

GSCHWÄTZ: Wie war das mit den Kosten? Wie viel habt ihr ausgegeben?

Schärer: Ich glaube, das günstigste, was ich beobachtet habe, war für 20 Euro. Aber es gibt eigentlich kein Limit. Die meisten kosten 30 Euro. Aber man kann das schon berechnen. Also ich bin bestimmt nicht repräsentativ, weil ich ganz anders gelaufen bin als viele andere, die in den dortigen Herbergen schlafen für im Schnitt zehn oder 15 Euro die Nacht. Ich würde sagen, im Schnitt habe ich bestimmt 40 Euro bezahlt. Das heißt also, da bin ich schon um ein Vielfaches höher und dann noch das Essen dazu.

Neugebauer: Ja, also dieses Pilger-Menü, das es überall gibt, das ist eher schlecht für jemanden, der nicht fragen kann. Das heißt Pirmin Menü und natürlich ist es nicht immer das gleiche, aber letztendlich ist es dann reduziert auf Hühnchen mit Pommes.

Pilgerpause in einer Pilgerunterkunft in Donativo zwischen Finisterre und Muxia. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Hast du nach Alternativen gesucht?

Schärer: Nein, es ist, wie Markus gesagt hat, das Menü. Das wird eigentlich überall angeboten. Meistens sind diese Gaststätte ja in wirklich kleinen Dörfern. Das ist sehr kostengünstig. Das sind irgendwie so elf oder zwölf Euro für drei Gänge mit einer Flasche Wein und Wasser natürlich. Für diesen Preis kann man nichts qualitativ Hochwertiges erwarten und so war es dann eben auch. Es ging wirklich mehr oder weniger um satt werden, also einfach um Kalorien und Energie. Es gab unterschiedliche Dinge, meistens drei oder vier Sachen sogar zur Auswahl. Aber so ziemlich alles war immer mit Pommes. Man braucht auch unterschiedlich viel Energie pro Tag. Denn das ist auch sehr sehr unterschiedlich, das liegt am Tempo. Ich wurde sehr langsam müde, auch weil ich mich dann zwischendurch verletzt habe und einfach nicht schneller gehen konnte. Das heißt also, ich bin im Schnitt zwischen 25 und 30 Kilometer am Tag und sehr, sehr langsam gelaufen zu den sehr heißen Zeiten. Also so 38 Grad war es dann tatsächlich morgens schon. Jedenfalls bin ich dann also auch noch im Dunklen losgelaufen, um dann eben nicht sehr lange Zeit diese Hitze zu haben. Und ich bin dann immer so gelaufen, dass ich am späten Nachmittag schon wieder angekommen bin. Ich bin aber wirklich ausgesprochen langsam gelaufen und ich habe viele Pausen gemacht.

„Auch im Nirgendwo stehen Getränkeautomaten“

GSCHWÄTZ: Bei 38 Grad überlege ich mir grad schon, wie deine Liste aussehen müsste für diesen Rucksack, den man dann da mitnimmt?

Schärer: Also dieser Rucksack war ja gar nicht meiner. Insofern hatte ich wirklich null Erfahrung. Ich wusste aber, da muss ich erst mal beim Rucksack anfangen muss, also ganz bei den Basics. Da muss ich auch tatsächlich verraten, dass ich keine Ahnung habe, worauf man achten muss. Also einfach ein Rucksack. Dann war es so, dass ich im Bekanntenkreis tatsächlich jemanden habe, der sich damit wahnsinnig gut auskennt und der mich sehr, sehr gut beraten hat. Und ich habe dann einen wirklich für mich passenden Rucksack gekauft. Durch zahlreiche YouTube-Videos habe ich auch gesehen, dass er leicht sein muss. Er sollte so circa nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts sein. Bei Frauen sagt man ja so so ungefähr fünf Kilo plus, weil dann ja auch noch die Getränke dazukommen. Sprich da sind ja erst mal die fünf Kilo nicht gerechnet, sondern da kommen noch Kleidung, Badeanzüge und so weiter dazu. Und dann muss man ja immer noch was zu trinken mitnehmen und das sind halt gerne je nach Strecke ein bis zwei Liter hoch oder runter. Oder man muss ständig was kaufen. Es gibt überall Bars und Cafés, Restaurants, Supermärkte, kleine Läden. Auch im Nirgendwo stehen Getränkeautomaten und man kann sich das dann alles ziehen. Rein theoretisch könnte man auch loslaufen morgens ohne was zu trinken, weil nach drei Kilometern spätestens kommt ja schon wieder was.

Gästebuch eines Donativos. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Nimmt man dann auch einen kleinen Verbandskasten mit oder so, falls man verletzt wird? Oder kriegt man das auch überall?

Schaerer: Ich hatte nichts dabei. Bei der Verletzung wusste man zuerst nicht, was es ist. Aber es war dann tatsächlich eine Überreizung der Achillessehne. Dabei hilft auch kein Pflaster. Es waren unheimlich viele Amerikaner auf dem Weg, die haben mich so belächelt. Die hatten Riesen-Rucksäcke dabei, alles mögliche. Und da hab ich auch gedacht, Leute, ihr seid in Europa. Wir sind nicht in der Wüste. Es gibt überall Geschäfte. Aber es gibt tatsächlich Streckenabschnitte, die sogenannte BPK, da kommt dann wirklich lange Kilometer nichts. Ich glaube, auf der längsten Strecke, wo von einem Ort bis zum nächsten tatsächlich gar nichts kommt, das sind knapp 17 Kilometer. Da gibt’s eben keine Apotheke, kein Supermarkt, kein irgendwas. Da bin ich dann auf Hilfe von anderen angewiesen. Also genau das muss man wissen. Aber auf der anderen Seite, was soll ich denn mitnehmen? Also so für alle möglichen Eventualitäten, die vielleicht eventuell auftreten könnten. Und dann sind da na noch 40 Grad da und dann ein Rucksack mit 40 Kilo. Eine Zahnbürste und noch was zum Waschen und etwas Kleidung, das hatte ich noch so dabei. Wobei, auch das habe ich letztendlich nicht gebraucht, weil überall sind diese Waschmaschinen. Da gibt es auch Waschmittel. Ein paar Sachen, die ich am Anfang dabei hatte, habe ich dann auch verschenkt. Oder liegen lassen in der Herberge. Das kann dann sonst jemand mitnehmen. Weil ich dann gemerkt habe, ich brauche es nicht.

GSCHWÄTZ: Wie war das bei dir, Markus?

Neugebauer: Ich habe noch Medikamente zum Beispiel mitnehmen müssen. Es sind relativ viele Medikamente und die Packliste war relativ lang. Man muss auf das Notwendigste reduzieren. Den Rucksack muss man immer mal wieder wiegen. Am Anfang war es noch deutlich zu viel.

„Mir hat es unheimlich gefallen“

GSCHWÄTZ: Ihr habt mit Sicherheit auch einige interessante Persönlichkeiten auf dem Weg getroffen oder Menschen, die euch so ein bisschen was erzählt haben. Oder sind da alle schon so geschlossen und für sich?

Schärer: Ich habe wirklich viele Menschen kennengelernt, dadurch, dass ich am Anfang des Camino losgelaufen bin, bin ich ja sehr lange mit den Menschen gelaufen und habe die interessanterweise auch immer wieder mal getroffen. Obwohl man eigentlich sagen müsste, dass es so viele ohne Handy oder irgendwas gibt, dass man sich jetzt auf einmal wiedersieht. Gefühlt gab es unheimlich viele Amerikaner. Für mich war das die größte Gruppe neben den Spaniern. Und das ist etwas sehr Interessantes. Da sind ja total viele Leute unterwegs und ich habe nie irgendwie Deutsche getroffen. Ein paar Briten, aber ansonsten wirklich alles Amerikaner. Andere haben es ganz anders erlebt. Die waren nur von Deutschen umgeben. Aber letztendlich habe ich drei oder vier Leute getroffen. Dann sitzt man abends mal mit anderen zusammen und redet über den Weg oder was einen hierher gebracht hat. Also ich war in diesen sechs Wochen nur ein einziges Mal alleine. Man ist immer umringt von Menschen. Doch mir hat es ganz gut gefallen. Es bilden sich dann auch Grüppchen mit Leuten, die man drei, vier Mal auf dem Jakobsweg getroffen hat. Also mir hat es unheimlich gefallen. Es gab Gruppen, die haben jeden Tag Lagerfeuer gemacht und mit Gitarre gesungen. Das ist jetzt nicht so meins. Ich bin mehr oder weniger klassisch mit drei, vier Leuten am Tisch gesessen und habe mit denen zusammen Abend gegessen. Über Gott und die Welt uns unterhalten. Wir hatten einfach eine gute Zeit. Abends gegen zehn war es dann auch meistens schon wieder vorbei, weil der nächste Tag beginnt ja schon wieder morgens um sechs oder halb sechs.

Impressionen einer Reise: Sonnenuntergang in Muxia. Foto: privat

GSCHWÄTZ: Und redet man auch darüber, warum man diesen Weg macht oder sind es eher die persönlichen Geschichten?

Schaerer: Das ist unterschiedlich. Also man fragt hier und da, warum sie damit angefangen haben und alle sagen sehr Unterschiedliches. Aber ich habe gemerkt, auf dem Jakobsweg wird das selten in Frage gestellt werden. Man erzählt, was man erzählen möchte. Aber keiner sagt: Wer bist du, wo kommst du her, was machst du beruflich? Wie viel Kinder hast du? Haus, Hypothek, blablabla? Irgendwann ist mir das richtig aufgefallen, weil ich dann zum Beispiel jemand gefragt hatte. Nicht, weil ich gedacht habe, dass ich jetzt schon ein paar Tage mit XY zusammen gelaufen bin, dann sag ja, was macht die da, wo kommt die her? Es ist irrelevant, was sie beruflich macht. Es spielt keine Rolle. Und das ist etwas, was mir unheimlich gut gefallen hat auf dem Jakobsweg, dass man tatsächlich den Menschen kennengelernt hat, ohne diese ganzen Baco.

GSCHWÄTZ: Aber interessiert es eigentlich auch, warum dieser Mensch diesen Weg macht?

Schaerer: Nein, weil ich war so mit mir beschäftigt meistens. Man ist die meiste Zeit mit Überleben beschäftigt. Da ist es ja wichtig, warum jemand anders läuft und was man laufend besser machen kann. Also, Hauptsache ich komme an. Am Anfang ist es nicht leicht bei uns, zu erzählen, dass ich am Anfang gerne alternativ dazu gedacht habe. Ich dache, ja, es ist vorbei. Ich werde hier sterben.

„Ich dachte, es ist vorbei“

GSCHWÄTZ: Wie kam es denn dazu, dass es dann doch sechs Wochen wurden? Was hat dich angetrieben, weiterzumachen?

Schaerer: Wie gesagt, ich habe mich grandios vorbereitet mit Youtube-Videos, Büchern und sonstiger Lektüre. Ich habe dort auch etwas mal gelesen oder gehört. Und zwar, dass jeder Pilger mindestens einmal auf dem Jakobsweg weint. Und ich sagte so im Vorfeld, bitte lass das noch nicht am ersten Tag sein. Danach ist schon okay. Und bei mir war es dann tatsächlich so, dass ich am ersten Tag drei Mal geweint habe. Ich war da auf den Pyrenäen, da war ich wirklich auf der Spitze. Da dachte ich, jetzt ist es einfach vorbei. Da hab ich mich auf einen Stein gesetzt und sozusagen Frieden mit mir geschlossen. Ich konnte nicht mehr. Es ging nicht mehr. Ich habe immer im Hinterkopf gehabt, wenn du nicht mehr kannst, dann dann rufst du ein Taxi oder irgendwas. Aber ich war ja in den Pyrenäen. Streckenweise war er ja der Weg tatsächlich auf der Straße. Bloß da, wo ich dann saß, da war schon stundenlang keine Straße mehr. Dann hab ich irgendwann auf mein Handy geguckt und irgendwann war die Batterie leer. Also ich konnte niemanden anrufen und ich hatte keine Ahnung, wo ich bin. Also hier GPS. Und da dachte ich, so jetzt bleib ich auch hier. Und dann gibt es diese Selbstgespräche. Du kannst niemanden rufen und hast bestimmt seit Stunden niemanden gesehen. Normalerweise sind Horden von Pilger unterwegs, da war aber niemand mehr. Logisch, weil ich so langsam gelaufen bin und alle schon längst vorbeigezogen sind. Und dann ist es so, dass man sich dann aufmacht und sagt: Ja, ich muss, ich muss. Also dann noch mal! Nein, ich habe ein ungutes Gefühl, weil ich gerade mitten im Wald bin. Und ich wollte wirklich ankommen, bevor es dunkel wird. Also das war dann der Zeitpunkt, wo ich auf diesem Stein saß und dachte, dann hast du jetzt auch eine Option, jetzt stirbst du, Kleines. Und dann bin ich halt irgendwie weiter gelaufen. Es sind ja auch überall Wegweiser, die anzeigen, wie weit es bis zum nächsten Ort ist. Und das waren dann noch so sechs Kilometer und ich dachte, das schaffe ich doch. Man läuft einfach weiter, es gibt keine Alternative.

Statue von Ernest Hemingway in seiner Lieblingsbar in Pamplona. Foto: privat

In den Kuhmist gefallen: „Das war einfach furchtbar“

Schaerer: Ich bin dann irgendwann über die Wiesen, also einfach den ausgewiesenen Weg gelaufen. Es hatte auch geregnet und das war einfach furchtbar. Auf jeden Fall bin ich ausgerutscht und in Kuhmist gefallen. Dann wieder ausgerutscht und zurückgeschlittert. Das war das zweite Mal, dass ich geweint habe. Und ich dachte mir, was ist mit dir los? Was stimmt mit dir nicht? Du könntest jetzt irgendwo im Süden Europas schön gemütlich in irgendeinem schönen Beach Club sitzen. Dann bin ich erst mal weiter gelaufen und irgendwann habe ich festgestellt, dass ich mich umziehen muss. Aber da gibt’s ja keine Umkleidekabinen und kein Versteck. Das heißt, man zieht sich einfach mitten auf dem Weg um. Und jetzt muss ich mich umziehen und mich auch waschen. Deswegen war ich übrigens sehr froh, dass ich Getränke dabei hatte. Die habe ich dann nicht zum Trinken genutzt, sondern um mich zu waschen. Na also, Schuhe raus, Socken raus, Hose runter – gewaschen und mit dem Handtuch abtrocknen. Natürlich so mit meinem Rucksack und so. Damit ich im Sauberen sitze. Habe das alles gemacht und war da gerade wieder am Anziehen. Aber es war halt wirklich so, dass ich damit in Unterwäsche und T-Shirt dasaß. Und dann kamen aus dem Nichts Pilger. Alle standen da, grinsten mich an. Da war eine Frau dabei. Die war so ganz begeistert, mich wiederzusehen. Und ich dachte so Mensch, siehst du denn nicht, dass diese Situation völlig irre ist? Lauf einfach weiter. Das Ganze war mir peinlich, weil sie hatte zwei junge Männer dabei. Die haben wiederum sehr gut kapiert, was gerade Sache ist. Und irgendwann sind wir dann auch weitergezogen. Ich bin dann weiter gelaufen und hab die ganze Zeit überlegt, was haben die sich jetzt wohl gedacht, was ich da mache? Diese Geschichte begleitete mich eine Zeitlang (lacht).

„Es war überraschend gut“

GSCHWÄTZ: Aber nach den sechs Wochen ist man dann nicht unheimlich stolz, oder?

Schaerer: Es war dann hinterher schon auch so, dass man gesagt hat, super gemacht. Es gibt ja überall am Weg Zeichen, wo angezeigt wird, wie weit es noch ist bis Santiago. Man fängt an in Santiago mit 790 Kilometern. Wobei ab Rosses, das ist die erste Station in Spanien, da sind es 790 Kilometer und insgesamt sind es über 800. Wenn wenn man dann noch über die Pyrenäen gelaufen ist, dann sind es 300, 200, 150. Und als ich dann wirklich einige hundert Kilometer hatte, da dachte ich: Das ist unglaublich. Also bis jetzt über 600 Kilometer. Das ist unglaublich. Es war eigentlich auch schon überraschend gut, dass ich wirklich immer und immer weiter gelaufen bin, obwohl das gar nicht meine Art zu reisen ist. Ich war so froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Ich habe wirklich das aller Allerwichtigste dabei gehabt. Ebenso wenig braucht man dann zum Leben. Ich sagte, ich habe drei Wochen und drei Wochen, sechs Wochen in drei T-Shirts und zwei unterteilt. Ich hatte eine Wanderhose, die man umbauen kann zu Shorts. Ich hatte noch eine Jacke dabei und Socken. Und alle T-Shirts passten genau dazu. Aber es war völlig egal und das fehlte mir auch nicht. Als wir dann in Santiago angekommen sind und andere Menschen gesehen haben, also nicht Pilger, da dachte ich: Oh, die tragen richtige Kleidung. Die haben richtige Schuhe und da war ich schon so sehr neidisch und wollte auch gerne mal irgendwas tragen, was jetzt nicht nach Rei in der Tube riecht. Ich konnte es irgendwann auch nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Aber wirklich gefehlt hat es mir überhaupt nicht. Es war wichtig, dass wir das gemacht haben, nicht Markus, die zwei Tage auch frei gelaufen. Wer hätte gedacht, dass wir das so hinbekommen?

Pilgerbar in Finisterre. Foto: privat

Neugebauer: Die zwei Tage waren schon ein Ding. Natürlich haben wir uns Zeit genommen. So einen kleinen Einblick zu bekommen genügt, um den Jakobsweg etwas zu erfahren. Das heißt, es könnte auch sein, dass wir noch mal diesen Jakobsweg laufen, vielleicht ein anderes Stück. Das heißt, es bleibt nicht bei diesem einem Mal.

GSCHWÄTZ: Und ich glaube, er ist für alle eine Bereicherung, die euch auf diesem Weg begleiten dürfen oder die euch dort treffen, weil ihr so tolle Persönlichkeiten seid. Und ich möchte nochmal ganz herzlich danken.

Straßenschild kurz vor Muxia. Foto: privat

Skulptur der alljährlichen Stierläufe in Pamplona. Foto: privat

 

Ab und zu hat es auch geregnet. Foto: privat

 

Sonnenuntergang am Cap Finisterre. Foto: privat

Am Ziel: die Kathedrale von Santiago de Compostela. Foto: privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Mann von Anhänger überrollt

Gestern Nachmittag ist es bei Forchtenberg-Muthof zu einem Arbeitsunfall gekommen. Bei Holzarbeiten hat ein Arbeiter wohl vergessen, die Handbremse anzuziehen. Der Mann wurde von dem Anhänger überrollt und dabei tödlich verletzt.

Die Freiwillige Feuerwehr Forchtenberg war bei den Rettungsarbeiten vor Ort.