In der Wochenzeitung DIE ZEIT bin ich über ein Dossier gestolpert, das sich kritisch mit der Kirche in Coronazeiten befasst. Müsste die Kirche nun nicht präsenter sein als je zuvor in diesen schweren Zeiten? Wo aber ist sie?, fragen die Autoren dort.
Ist der Glaube in der Pandemie stärker geworden – oder ist das Gegenteil der Fall?
Wie schaut es bei uns im ländlichen Raum aus? Ich schreibe eine Mail an Dörrenzimmerns Pfarrerin Sabine Focken und frage nach, ob sie Lust und Zeit hätte, darüber zu sprechen. Wie hat sich die Kirche und wie haben sich die Angebote verändert in Coronazeiten? Bei uns auf dem Land im beschaulichen Hohenlohe? Welche Rolle hat die Kirche in der Pandemie? Ist der Glaube stärker geworden – oder ist das Gegenteil der Fall?
Corona kam irgendwie dazwischen
Die Pfarrerin hat lange, blonde Haare und sieht deutlich jünger aus als sie ist. Die 62-Jährige bewohnt das Pfarrhaus in Dörrenzimmern, direkt neben dem Kirchplatz und der Kirche, mitten im Ort. In vier Jahren geht sie in Rente, bis dahin hat die Seelsorgerin aber noch einige Pläne, was sie in den nächsten Jahren angehen und bewegen möchte. Wir sitzen uns gegenüber in ihrem Arbeitszimmer. Zwischen uns ein kleiner Tisch. Hinter ihr und um uns herum viele Bücher in Holzregalen aneinandergereiht über Glaube, Achtsamkeit und das Christentum. Es ist nicht das erste Gespräch, das wir führen, aber wir haben uns lange nicht gesehen. Corona kam irgendwie dazwischen.
Bevor ich die erste Frage zu Ende stellen kann, unterbricht sie mich und meint, sie hat sich auf meine Mail hin viele Gedanken zu dem Thema gemacht und sie habe eine These. Damit möchte sie beginnen.
„Einfache Antworten gibt es in der heutigen Zeit nicht“
„Ich nehme wahr, dass es an einzelnen Stellen eine Sehnsucht gibt, dass sich die Kirche richtig positioniert.“ Auch sie habe in den ersten Wochen der Pandemie im Frühjahr 2020 immer gedacht: „Warum ist unser Bischof nicht lauter, klarer und eindeutiger in seinen Botschaften, vor allen Dingen pro Präsenzgottesdienste.“ Mit der Zeit habe sie gemerkt, dass darin die Sehnsucht nach Unterstützung der eigenen Position durch die Kirchenleitung steht und wahrgenommen: „Die jetzige Zeit ist zu komplex für die eine richtige Antwort.“ Sie verstehe die Sehnsucht nach eindeutigen, klaren Lösungen. „Aber die gibt es nicht.“ Soll die Kirche sich zum Beispiel für das Impfen positionieren oder dagegen? Die unterschiedlichen Menschen werden unterschiedliches wollen.
„wir müssen unglaublich viel Wandel verarbeiten und mitgestalten“
Aber nicht nur in der Pandemie sieht sie die Verunsicherung begründet, sondern auch durch die rasant fortschreitende Digitalisierung, Globalisierung und den Klimawandel. „Wir merken jetzt die große gegenseitige weltweite Abhängigkeit und müssen unglaublich viel Wandel verarbeiten und mitgestalten. Das ist unglaublich komplex. Nicht jeder komme da gleich gut mit.
„Aushalten, dass etwas stirbt“
Welche Rolle hat aber dann die Kirche in einer derartigen Umbruchzeit, wie wir sie aktuell erleben? „Den Mut haben zu hören, nicht vorschnell wissen wollen, für das Miteinander der verschiedenen Positionen werben und dann vor allem dieses: aushalten, dass etwas stirbt und darin auf Gott zu vertrauen. Sterben und Auferstehen gehört in unserer Botschaft doch ganz nah zusammen.“
Die nächsten Sätze klingen für manche, die die Pandemie stark gebeutelt hat, vielleicht wie Hohn, wenn Sabine Focken sagt: „Mit Corona will Gott etwas Gutes für uns. Anhalten. Hinhören. Achtsam sein. Warten, dass ganz neue Türen aufgehen.“
„Diese Ungerechtigkeiten gehen gar nicht“
Ich denke an Krankenschwestern, die in der Pandemie gar keine Zeit haben, zur Ruhe zu kommen, an Wirte, die kurz vor der Pleite standen oder stehen. An die Ungerechtigkeiten, die die Pandemie geschaffen oder deutlicher als sonst abgebildet hat und wodurch die viel beschworene – und de facto auch reale – Spaltung der deutschen Gesellschaft weiter vorangeschritten ist.
Müsse man dann einfach akzeptieren, dass manche in der Pandemie und darüber hinaus ein größeres Päckchen zu tragen haben als andere?, frage ich die Pfarrerin. Da positioniert sie sich jedoch mehr als deutlich: „Diese Ungerechtigkeiten gehen gar nicht. Corona lässt sie wie vieles andere nur deutlicher sichtbar werden. Wenn wir alle mehr anhalten, würden wir das auch ernsthafter sehen.“
„Das Sterben und der Tod lösen Angst und Panik aus“
Was aber auch noch mit hineinspiele in diese Zeit, in der viele sehr dünnhäutig geworden sind, sei das Thema Tod. In Deutschland ein stiefmütterlich behandelter Gedanke, der immer dann nur zugelassen wird, wenn er konkret bei einem nahestehenden Mensch eintritt. „Mit Corona tritt Sterben in den Mittelpunkt. Das löst Angst und Panik aus und ist Dynamit in den Diskussionen, welche Maßnahmen gegen Corona zielführender sind“, sagt Focken.
Einige Bürger:innen hätten ihr berichtet, dass der Glaube für sie viel wichtiger geworden sei. Auch bei den jüngeren habe sich etwas verändert. „Wir haben einen echteren Konfiunterricht. Das macht sehr viel Freude. Jetzt können wir miteinander Kirche sein, Gott suchen und als Hilfe erleben.“
Buch entstanden unter Mitwirkung zahlreicher Menschen in Dörrenzimmern und Stachenhausen
Seit zwei Jahren grassiert die Pandemie in unserem Land. Focken konnte während dieser Zeit eine große Veränderung in der Kirche spüren. Es gäbe mehr Gespräche darüber, was uns trage. Dadurch ist ein Buch entstanden mit dem Titel: „Der Mensch lebet nicht vom Brot allein, sondern“. Viele Einwohner:innen von Dörrenzimmern und Stachenhausen kommen darin vor mit einer Bibelstelle, die ihnen Kraft gibt.

So sieht das Cover des Büchleins aus. Zu sehen ist darauf die evangelische Kilianskirche in Dörrenzimmern. Foto: GSCHWÄTZ

Die Rückseite zeigt das prächtige Innenleben. So sah es früher in der Kilianskirche aus. Foto: GSCHWÄTZ

Diese und viele weitere Bibelstellen wählten die Einwohner:innen aus. Foto: GSCHWÄTZ

Wenn keiner mehr reden möchte – Auch Schweigezeiten aushalten können
Doch der Anfang war nicht leicht, auch für sie nicht. Am Anfang der Pandemie sei jeder wie vom Erdboden verschluckt gewesen, die Menschen hätten sich in ihre Häuser zurückgezogen. Focken musste für sich selbst erst ihre Rolle suchen und finden. „Ich war zunächst intensiv mit dem Kirchengemeinderat im Gespräch. Das hat mir geholfen, auch Schweigezeiten auszuhalten.“
„Ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte“
Was macht eine Pfarrerin aber, wenn sich ihre Gemeindemitglieder erstmal zurückziehen? „Ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte.“ Unsicherheit machte sich in ihr breit. „Denken Die Menschen jetzt, dass ich nichts mehr arbeite oder dass ich es digital nicht hinbringe? Ich kam mir so blöd vor.“ Sabine Focken spricht damit zwar im ersten Moment für sich, aber ganz gewiss auch für viele andere Menschen, die ihre Rolle neu definieren mussten oder eventuell immer noch müssen.
Die Pfarrerin hatte auf einmal weniger Termine, aber stets den inneren Druck: „Mir muss jetzt etwas einfallen.“ Ihr langer Glaubensweg habe ihr dabei geholfen: „Gott hat in allem etwas Gutes mit uns vor. Und ich möchte nun neu rausfinden, was die Menschen in dieser schweren Zeit brauchen.“
Ihre Rolle hat sich seitdem verändert. Bevor sie etwas anbietet, schaut sie erstmal, hört nach, wartet ab, was wer eigentlich gerade braucht. Etwa: Wo kann und muss sie die Konfirmanden abholen, damit diese sich ihr öffnen, sich einbringen.“
Teil des Couchgesprächs lesen Sie hier.
Darin berichtet Sabine Focken von den zahlreichen kreativen Ideen, die die Gemeindemitglieder in Dörrenzimmern und Stachenhausen während der Coronapandemie entwickelt haben.
Text: Dr. Sandra Hartmann