„In absoluten Ausnahmefällen, wenn es zu Engpässen etwa in Kraftwerken kommen könnte, könnten wir uns vorstellen, auch infizierte Mitarbeiter*innen, die ohne Symptome sind, einzusetzen“
Die Omikron-Variante des Corona-Virus verändert die Sichtweise der Menschen und der Politik. Die Menschen erhoffen sich wegen vermeintlich „milder“ Verläufe eine Rückkehr zu dem, was früher die Normalität war, die Politik schaut eher auf die Zahl der Kranken und in Quarantäne befindlichen Menschen. War für die Politik bei Delta noch der Blick auf die Belastung der Krankenhäuser, insbesondere der Intensivstationen, ausschlaggebend für politische Entscheidungen, schaut man bei Omikron auf weitere Teile der Infrastruktur. Grund ist die Befürchtung, dass durch eine hohe Zahl von Erkrankungen und Quarantänefällen möglicherweise der Betrieb der Infrastruktur nicht mehr gewährleistet sein könnte. Ein Ausfall beispielsweise des Stromnetzes könnte enorme Folgen für jeden Einzelnen, aber auch die Wirtschaft nach sich ziehen.
KRITIS-Infrastruktur
„Die Nationale Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen (KRITIS-Strategie) definiert Kritische Infrastrukturen als Organisationen und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden.“, so formuliert es die Baden-Württembergische Landesregierung. Die Bundesregierung hat folgende Sektoren als „kritische Infrastrukturen“ definiert, diese Sektoren sind daran gebunden, „angemessene organisatorische und technische Vorkehrungen zur Vermeidung von Störungen der Verfügbarkeit, Integrität, Authentizität und Vertraulichkeit ihrer informationstechnischen Systeme, Komponenten oder Prozesse zu treffen, die für die Funktionsfähigkeit der von ihnen betriebenen Kritischen Infrastrukturen maßgeblich sind“:
- Energie: Elektrizität, Gas, Mineralöl, Fernwärme
- Wasser: Öffentliche Wasserversorgung, öffentliche Abwasserbeseitigung
- Ernährung: Ernährungswirtschaft, Lebensmittelhandel
- Informationstechnik und Telekommunikation
- Gesundheit: Medizinische Versorgung, Arzneimittel und Impfstoffe, Labore
- Finanz- und Versicherungswesen: Kreditinstitute, Börsen, Versicherungen, Finanzdienstleister
- Transport und Verkehr: Luftfahrt, Seeschifffahrt, Binnenschifffahrt, Schienenverkehr, Straßenverkehr, Logistik
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ergänzt diese Liste noch um
- Staat und Verwaltung: Regierung und Verwaltung, Parlament, Justizeinrichtungen, Notfall-/Rettungswesen einschließlich Katastrophenschutz sowie
- Medien und Kultur: Rundfunk (Fernsehen und Radio), gedruckte und elektronische Presse, Kulturgut und symbolträchtige Bauwerke.
Reaktion der kritischen Energie-Infrastruktur auf Corona
„Im Rahmen der Vorbereitung auf alle denkbaren Krisenszenarien ziehen wir verschiedene Maßnahmen in Betracht, unter anderem haben wir auch die Möglichkeit einer vorübergehenden Unterbringung von Mitarbeitenden direkt am Standort berücksichtigt (Kasernierung)“, zitiert die „Rheinische Post“ einen Sprecher des Energieversorgers EON. Bisher sei diese Maßnahmen aber noch nicht notwendig gewesen.
Ein Sprecher von PreussenElektra berichtet für das Kernkraftwerk Isar von einem „detaillierten Pandemie-Notfallplan, der verschiedene Maßnahmenstufen beinhaltet. Diese umfassen unter anderem die Reduzierung der Betriebsmannschaft zur Schaffung von Personalreserven, aber auch die Vorhaltung notwendiger Betriebsstoffe, um für einen größeren Zeitraum autark am Standort den Betrieb aufrecht halten zu können.“
Auch die EnBW sieht sich gut für Notfälle gerüstet
Auch bei der EnBW sind Krisenpläne vorbereitet, wie Christof Hafkemeyer, Konzernsprecher, gegenüber GSCHWÄTZ bestätigt: „Seit Beginn der Pandemie haben wir umfassende Krisenpläne für unterschiedliche Phasen der Pandemie entwickelt, die wir immer wieder an die aktuellen Gegebenheiten anpassen.“ Er verweist sogar auf eine Verordnung des Landes Baden-Württemberg, die im Notfall „den Einsatz von Infizierten möglich macht.“ – und tatsächlich ist man auch auf diesen Fall vorbereitet: „In einem Szenario und in absoluten Ausnahmefällen, wenn es zu Engpässen etwa in Kraftwerken oder Leitwarten kommen könnte, könnten wir uns vorstellen, auch infizierte Mitarbeiter*innen, die ohne Symptome sind, einzusetzen.“ Aber, so Hafkemeyer: „Derzeit gibt es aber keine Notwendigkeit, eine solche Maßnahme zu ergreifen. Wir sind zwar auch von den steigenden Corona-Infektionen betroffen, aber bisher greifen die eingeleiteten ersten Stufen unserer Konzepte und die Versorgung unserer Kund*innen war und ist jederzeit sicher und zuverlässig gewährleistet.“
Text: Matthias Lauterer




