Reinhold Würth: „Schauen Sie hintern Berg und ums Eck“
Am Mittwoch, den 11. Mai 2022, präsentierte die WÜRTH-Gruppe ihre Geschäftszahlen für das Geschäftsjahr 2021 in der alljährlichen Bilanzpressekonferenz (BPK), die auch in diesem Jahr wieder virtuell abgehalten wurde. Im Angesicht von Corona, dem Krieg in der Ukraine und den Problemen in den Lieferketten zitiert Robert Friedmann, Sprecher der Konzernführung, mit „Schauen Sie hintern Berg und ums Eck“ Reinhold Würth.
Rekordzahlen vermeldet
Von einem „Rekord in Umsatz und Ergebnis“ ist die Rede – und die genannten Zahlen sind in der Tat spektakulär:
- Das Betriebsergebnis stieg auf einen neuen Höchstwert von über einer Milliarde Euro (1.270 Millionen Euro, 2020: 775 Millionen Euro).
- Auch der Umsatz von 17,1 Milliarden Euro ist der höchste Umsatz der Unternehmensgeschichte (2020: 14,4 Milliarden Euro).
- Dies entspricht einem Wachstum von 18,4 Prozent, währungsbereinigt sind es 19,0 Prozent.
- Über 4.000 Mitarbeiter wurden weltweit neu eingestellt, davon fasst 1.000 in Deutschland.
Wichtig ist aber, was hinter den Zahlen steckt, sowohl die Geschichte und Geschichten im Jahr 2021 als auch die Vorausschau auf das Jahr 2022.
2021 war eigentlich ein Krisenjahr
Das Jahr 2021 war geprägt von Corona und den Schwierigkeiten auf den weltweiten Beschaffungsmärkten – manche Analysten nennen diese Schwierigkeiten einen Beinah-Zusammenbruch – sowie die ersten Preiserhöhungen. So antwortet Friedmann auf Nachfrage, dass rund 10 Prozent des Umsatzwachstums auf den Preissteigerungseffekt zurückzführen seien, 8 Prozent seien wahres Wachstum.
„Liefer- und Materialengpässe, die schon vor der Ukraine-Krise vorhanden waren, erschweren nach wie vor den Arbeitsalltag im Handwerk. Metalle, Elektronikkomponenten oder Kunststoffe sind schwer erhältlich“, schreibt WÜRTH in der Pressemitteilung zur Bilanzpressekonferenz, und zeigt damit auf, dass sich die Lieferkettenprobleme auf zwei Seiten bemerkbar machen: Einerseits in der Beschaffung, andererseits im Verkauf. Fehlen dem Kunden anderweitige wichtige Komponenten, verschiebt er auch seinen Einkauf bei WÜRTH.
„Wir sind lieferfähig“
Trotz allem hat WÜRTH ein deutliches Plus erwirtschaftet und über eine Viertelmillion neue Kunden hinzugewonnen, der Grund: „Wir sind lieferfähig“. Die Lagerbestände wurden erhöht, was man in der Bilanz sehen kann: Die liquiden Mittel sind gesunken, zugunsten eines erhöhten Warenbestandes. „Verfügbarkeit entscheidet über Erfolg“, sagt Joachim Kaltmaier, in der Konzernführung verantwortlich für die Finanzen. „Vielleicht haben wir etwas besser gemacht als der Wettbewerb“.
Ausblick auf 2022
Eine verläßliche Prognose für das Jahr 2022 will Friedmann nicht geben, denn „Die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie haben sich mit dem Konflikt in der Ukraine und der Corona-Situation in China potenziert.“ Die Entwicklung des Jahres 2021 setzt sich allerdings in den ersten vier Monaten des Jahres 2022 fort. Der Konzern erwirtschaftete „ein Umsatzplus von 18,8 Prozent, währungsbereinigt sind es 17,2 Prozent. Dieses Umsatzwachstum steht auf einer breiten Basis, sowohl in regionaler Hinsicht als auch bezogen auf die Geschäftseinheiten. Die Zahl der Mitarbeitenden stieg um 4,4 Prozent. Das Betriebsergebnis liegt um 11 Prozent über dem Vorjahr“, so die Angaben der WÜRTH-Gruppe. „Diese Entwicklung stimmt uns trotz der weltwirtschaftlichen und -politischen Geschehnisse vorsichtig optimistisch“, sagt Friedmann. „Wir konzentrieren uns darauf, die Herausforderungen wie Verzögerungen in der Lieferkette, Materialengpässe und Preissteigerungen vorauszudenken, um so auch in Zukunft verlässlicher Partner für unsere Kunden zu sein.“
Ein Grund, diesbezüglich optimistisch zu sein liegt, so die WÜRTH-Verantwortlichen, dass der Anteil von Ware, die aus Asien zugekauft wird, nur bei etwa 16 Prozent liegt, der weit überwiegende Anteil wird aus Europa bezogen. Außerdem mache der Umsatz in Russland, Weissrussland und der Ukraine lediglich etwa 25 Millionen Euro aus.
Der Blick in die Zukunft
Die Strategie, wie die WÜRTH-Gruppe ein verlässlicher Partner ihrer Kunden sein will, erläutert Dr. Heiko Roßkamp, Leiter Forschung und Entwicklung der Adolf Würth GmbH & Co. KG. Es kommt nicht häufig vor, dass ein Leiter F&E bei der BKP ausgiebig zu Wort kommt, sicherlich will WÜRTH ein Zeichen setzen, wieviel Wert auf die Entwicklung neuer Produkte und Prozesse gelegt wird. Unter dem Motto „More than a product“ steht daher auch die gesamte Pressekonferenz.
Den Kunden die Arbeit so zu erleichtern, dass sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können
„Ziel von Würth ist, den Kunden die Arbeit so zu erleichtern, dass sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können. Hierfür bieten wir intelligente Produkte sowie clevere Services und Systeme“, sagt Dr. Heiko Roßkamp, Leiter Forschung und Entwicklung der Adolf Würth GmbH & Co. KG. „Ein gutes Beispiel sind unsere zertifizierten Dübel mit passender Bemessungssoftware. Mithilfe dieses digitalen Tools kann der Kunde festlegen, welche und wie viele Dübel oder Anker er setzt. Das spart Zeit und Kosten. Die bestehende Zertifizierung erleichtert den Zugang zu Ausschreibungen.“ In der Digitalisierung sieht WÜRTH noch ein erhebliches Potential: So berichtet Roßkamp von Maschinen, die mit einem auslesbaren Chip ausgestattet sind, mit dem beispielsweise die Überwachung von Prüfzeiträumen ermöglicht wird,. Ein weiteres Beispiel ist das ORSY® System-Regals Sensor: „Das Regal erkennt die Entnahme und bestellt automatisch nach. Am 2. Mai 2022 ging towio, die neue Handwerker-Cloud-Lösung an den Start. Über diese digitale Plattform mit integriertem App-Store kann der Kunde an Laptop oder Handy seine Büroarbeit erledigen. Ob Auftragsbearbeitung, Erstellung von Serviceberichten, Materialbestellung, Fotodokumentation oder Zahlungsabwicklung: Diese einzelnen Module stellt der Kunde über den App-Store nach seinen Bedürfnissen zusammen. Die Verknüpfung zum Onlineshop und zu bereits bestehenden E-Services wie dem Verwaltungstool ORSY®online ermöglicht dem Kunden die Abwicklung aller administrativen Tätigkeiten über ein Tool.“
20 Prozent e-business
Dass die Bestellungen über e-Business inzwischen rund 20 Prozent der Gesamtbestellungen ausmachen und die Tendenz steigend ist, zeigt, dass die Kunden die Digitalisierung annehmen, meint Friedmann: „Wir halten unseren Kunden den Rücken frei und schaffen ihnen Freiräume für ihr Kerngeschäft und andere Themen wie Beratungsgespräche, Kundenakquise oder Personalrekrutierung“, fasst Friedmann die Vorteile zusammen.
Innovationszentrum
Noch mehr Energie in die kundenspezifische Prozeßoptimierung kann WÜRTH stecken, wenn voraussichtlich im September 2022 das Innovationszentrum in Gaisbach eröffnet wird, wo man zusammen mit Kunden und Forschungsinstitutionen gemeinsam die Prozesse der Kunden verstehen und unterstützen will.
Text: Matthias Lauterer

