130 Jahre wurden am Freitag, 03. Juni 2022, im Carmen-Würth-Forum mit einem großen Festkonzert gefeiert: Die Musikschule Künzelsau und der Förderverein der Musikschule feierten jeweils ihren 50. Geburtstag, gleichzeitig wurde der 30. Jahrestag der Städtepartnerschaft von Künzelsau und der ungarischen Stadt Marcali begangen.
Einen Krampf im Magen

Dr. László Sütö, Bürgermeister von Marcali. Foto: GSCHWÄTZ
Dr. Lászlò Sütö, bereits zu Beginn der Partnerschaft und bis heute Bürgermeister von Marcali, berichtet von der ursprünglichen Idee: „Die älteren Ungarn hatten damals noch immer einen Krampf im Magen bei der Annäherung an die Grenze. Wir wollten, dass die Jüngeren in Künzelsau die Sprache und einen anderen Lebensstil kennenlernen.“ Es gebe viele Berührungspunkte, etwa mit der Polizei, der Feuerwehr oder dem Fußball. Aber die Beziehung zur Musikschule sei „die längste und die gehaltvollste“, so Sütö. Er freut sich, dass in diesem Jahr die Sprachferien wieder stattfinden: Ungarische Kinder leben zwei Wochen bei Künzelsauer Gastfamilien und sollen dort ihre Deutschkentnisse vertiefen. Auch die Sprachferien hätten für zahlreiche und langjährige Kontakte zwischen Marcali und Künzelsau geführt.
Marcali 1993: „Das war eine andere Welt“

Jürgen Koch. Foto: GSCHWÄTZ
An das Marcali von vor 30 Jahren kann sich Jürgen Koch, Leiter der Jugendmusikschule Künzelsau, noch gut erinnern: „Das war eine andere Welt“. Er erzählt von einem kleinen rosafarbenen Haus, in dem drei Generationen einträchtig zusammenlebten. Was ihm noch in Erinnerung geblieben ist: „Ich habe selten so eine Gastfreundschaft erlebt“.
„Kooperation ist nicht Konkurrenz“
Koch erzählt von der Entwicklung der Jugendmusikschule: Derzeit seien rund 550 Schüler:innen im Unterricht, manche in mehreren Fächern. Inzwischen habe man mit der Georg-Wagner-Schule, dem Ganerben- und dem Schloßgymnasium beispielhafte Kooperationen aufgebaut: „Kooperation ist nicht Konkurrenz“, sagt Koch. Diese Kooperation geht so weit, dass die Teilnahme an der Bläserklasse in der Realschule gleichwertig mit dem Musikunterricht ist.
„Nur gute oder schlechte Musik“
„Wir unterscheiden nicht mehr nach den Kategorien Klassik, Jazz oder Pop. Es gibt nur gute oder schlechte Musik“, sagt Koch. Deshalb seien in den letzten Jahren immer wieder neue Fächer eingeführt worden, die auch der Entwicklung der modernen Musik folgen.
Viele Erfolge
Rund 60-100 Kinder, so Jürgen Koch, Leiter der Jugendmusikschule, werden pro Jahr in der Jugendmusikschule angemeldet, in 50 Jahren haben also mehrere Tausend Kinder eine musikalische Ausbildung erhalten, einige ehemalige Schüler seien inzwischen erfolgreiche Profimusiker. Viele Erfolge bei Jugend musiziert, bis hin zu Siegertiteln auf Bundesebene, zeigen immer wieder die Qualität der Jugendmusikschule Künzelsau, sagt er nicht ohne sichtbaren Stolz auf die Leistung der Musiklehrer:innen und der Schüler:innen. Und vielleicht – da ist er ganz bescheiden – auch auf seinen eigenen Beitrag.
„Wir haben schon lange das 6€-Ticket“

Jürgen Koch (li.) und Matthias Ankenbrandt. Foto: GSCHWÄTZ
Diese Erfolge müssen im wahrsten Sinne „erkauft“ werden. Musikinstrumente sind teuer. Aus diesem Grund wurde parallel zur Musikschule ein Förderverein gegründet, der unter anderem Musikinstrumente anschafft und sie an Schüler:innen verleiht. Matthias Ankenbrandt, Vorsitzender des Fördervereins: „Das 9€-Ticket haben wir getoppt. Wir haben schon lange das 6€-Ticket“, betont er: Ganze 6€ kostet es pro Monat, ein Musikinstrument für den Unterricht in der Jugendmusikschule zu mieten. „Es soll niemand sagen, dass sein Kind aus finanziellen Gründen keinen Musikunterricht erhalten kann“, ist Ankenbrandt stolz: Der Förderverein bezuschußt seit einiger Zeit auch die Unterrichtskosten, wenn Eltern sich den Unterricht nicht mehr leisten können. Dazu sind natürlich neben den Mitgliedern des Fördervereins auch Spender nötig.
Dank an Spender und die Stadt Künzelsau
Ankenbrandt bedankt sich stellvertretend für alle Spender bei der Albert-Berner-Stiftung, die den Förderverein seit vielen Jahren wohlwollend unterstützt. Und ein Dank gebührt auch der Stadt Künzelsau, die die Infrastruktur zur Verfügung stellt, die Lehrer:innen bezahlt und immer ein offenes Ohr für die Belange der Musikschule hat. Rund 300.000 Euro zahlt die Stadt Künzelsau jährlich für die Musikschule, der Kreis steuert rund 95.000 Euro bei, das Land weitere 130.000 Euro.
„Außerdem machts einfach Spaß“
„Der liebe Gott schickt uns nicht auf die Welt, um ein Instrument zu spielen“, meint Ankenbrandt auf die Frage, warum Musik für die Entwicklung eines Kindes wichtig ist, und Jürgen Koch erläutert, was Musik bewirken kann: von der Förderung der sozialen Kompetenz im Ensemble, der Feinmotorik, Konzentration, Beharrlichkeit, das Zusammenspiel von Rhythmus, Tempo und Dynamik … es will gar kein Ende nehmen. „Das Lernen eines Instruments hilft, die leeren Räume im Gehirn mit Leben zu füllen“ sagt Koch. Und Ankenbrandt findet ein letztes, auch nicht unwichtiges Argument: „Und außerdem macht’s einfach Spaß“.
Konzert beginnt schmissig
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30 Jahre Partnerschaft: Dr. Lászlò Süto und Stefan Neumann beschenken sich gegenseitig. Foto: GSCHWÄTZ
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30 Jahre Partnerschaft: Dr. Lászlò Süto und Stefan Neumann beschenken sich gegenseitig. Foto: GSCHWÄTZ
Das Publikum wird auf das Jubiläumskonzert eingestimmt mit der Ouverture zu Händels Feuerwerksmusik, einer Melodie, die jeder kennt, vorgetragen vom Trompetenensemble der Musikschule. Auf dem Programm stehen aber auch weniger eingängige Komponisten wie Béla Bartok und György Ligeti oder Pat Metheny. Auf der Ebene der „leichten Muse“ geht es von Georges Bizet bis hin zu ABBA oder Taylor Swift.

Percussionensemble unter Patrick Riegler (r.) . Foto: GSCHWÄTZ

Marion Gentges, Justizministerein des Landes und Präsidentin des Landesverbandes der Musikschulen e.V. Foto: GSCHWÄTZ
Marion Gentges, Justizministerin des Landes Baden-Württemberg, war nicht als Ministerin, sondern in anderer Funktion angereist: Als Präsidentin des Landesverbandes der Musikschulen Baden-Württembergs e.V. sprach sie nach der Pause ein Grußwort, in welchem sie hervorhob, wie einzigartig die Verschmelzung von Stadtkapelle und Jugendmusikschule ist. Sie bestärkt Bürgermeister Neumann und die Stadtverwaltung, auf dem bisherigen Weg weiterzugehen.
Zwei Schülerinnen begeistern mit selbstgeschriebenen Werken
Einen einzelnen Höhepunkt gab es nicht – bei der musikalischen Vielfalt kann jeder selbst entscheiden, was am Besten gefallen hat. Sicherlich herausragend waren allerdings die beiden Sängerinnen Uyen Nhi Lee und Julia Wiegel, die beide selbstgeschriebene Songs vortrugen.
Und natürlich muß man die „Kleinen“ erwähnen, die in Tierkostümen verkleidet zusammen mit Chor und Band Auszüge aus dem Kindermusical „Tusihi Pamoja“ vortrugen – die Begeisterung war ihnen anzusehen.
Uyen Nhi Lee. Foto: GSCHWÄTZ

Die „Kleinen“ sind begeistert bei der Sache. Foto: GSCHWÄTZ
Den Abschluß des Konzerts zelebrierten Stadtkapelle und Jugendmusikschule mit einem fulminanten Höhepunkt: Rund 120 Musiker begeisterten unter der Leitung von Stefan Bender das Publikum derart, dass sie nach einer Zugabe stehende Ovationen erhielten.

Die Stadtkapelle erhält den verdienten Applaus. Stefan Bender dankt dem Ensemble und der Solistin Julia Wiegel (Gesang). Foto: GSCHWÄTZ
Text: Matthias Lauterer