Völlig zerrissen steht Götz von Berlichingen (Stephan Szász) auf der Bühne in der Jagsthausener Götzenburg. Kein polternder Raufbold, der mit seiner Eisenhand am liebsten alles kurz und klein schlagen möchte, was sich ihm in den Weg stellt, ist Götz in der Inszenierung von Wolfram Apprich. Ein Sturkopf ist er aber geblieben, der mit seinen alten Werten die Welt verbessern will, auch für sich ganz persönlich und für seine wirtschaftliche und soziale Situation.

Burgfestspiele Jagsthausen. Ein nachdenklicher Götz (Stephan Szász) . Foto: GSCHWÄTZ
Nur werden diese alten Werte in der Welt nicht mehr gebraucht, es herrscht eine Zeitenwende. Ein nachdenklicher Sturkopf ist Götz also, der seine Untaten der Vergangenheit bedenkt und sie so einordnet, dass sie ihm nicht allzu viele Skrupel bereiten müssen. Und einer, der in die Zukunft sieht und merkt, dass er diese Zukunft kaum noch selbst beeinflussen können wird. Der Kaiser hat nicht mehr lange zu leben, die Allianzen für seine Nachfolge werden bereits geschmiedet und da ist für die „letzten Ritter“, Götz und Franz von Sickingen, kein wirklicher Platz mehr im sozialen Gefüge.
Der „Freiheit“ hinterherrennen
Götz lebt für die Freiheit. „Es lebe die Freiheit“, ruft er – das ist sein Ziel. Aber als er sich letztendlich im Namen dieser Freiheit nochmal dem Bauernhaufen anschließt, findet er schnell heraus, dass die Freiheit, die er meint, auch von diesen Bauern nicht erkämpft werden will. Das war sein letztes Aufbäumen. Er resigniert, er fühlt sich gescheitert. Die „Freiheit“, die er meint, gibt es in der Gesellschaft nicht mehr – wenn es sie je gegeben haben sollte.
Er hat kein reales Ziel mehr vor Augen.

Burgfestspiele Jagsthausen. Götz (Stephan Szász) und sein Jugendfreund Weislingen (Dirk Emmert) versöhnen sich. Foto: GSCHWÄTZ
Weislingen (Dirk Emmert), Götzens Freund aus der Kindheit, ist gleichfalls innerlich hin- und hergerissen in einem Wertekonflikt. Da ist die Freundschaft zu Götz, andererseits sein persönlicher sozialer Aufstieg bei den Kaiserlichen und den Bischöflichen in Bamberg. Und so gerät er nach der Versöhnung mit Götz und dem Verlöbnis mit Götzens Schwester unmittelbar wieder in die Fänge der Politik am Hofe – und in die Fänge der schönen Witwe Adelheid (Lina Hoppe). Für die ist Weislingen nur ein Mittel zum Zweck, ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Burgfestspiele Jagsthausen. Weislingen in den Fängen der Ränkeschmiedin Adelheid. Foto: GSCHWÄTZ
Denn wie so vieles in dieser neuartigen Welt ist auch die edle Minne nicht mehr, was sie früher einmal war. Adelheid ist nicht mehr die mittelalterliche Frau, sie ist eine moderne Frau, die ihr eigenes Leben führen will und nicht nur ein Anhängsel eines Mannes sein will. Das bekommen im Stück die Männer zu spüren. Längerfristig glücklich werden sie alle nicht mit ihr, sie sind nur Spielzeug in den Händen der Ränke schmiedenden Furie.
Das rächt sich: Götzens Schwester Maria (Bernadette Hug) wird letztendlich zur Nemesis, zur Göttin des gerechten Zorns, und löst das Problem Adelheid mit althergebrachten Mitteln: Sie ersticht sie – mit dem Dolch, der ähnlich einem Damoklessschwert über fast das ganze Stück hinweg in der Mitte der Bühne steckt und somit zu einem zentralen Motiv der Inszenierung wird. „Macht kaputt, was Euch kaputtmacht“ – Maria lebt dieses Motto.
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Maria nimmt Rache …
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… und ersticht ihre Konkurrentin. Foto: GSCHWÄTZ
Wirkliches Glück mit ihrem Weislingen findet Maria nicht: Weislingen ist zermalmt zwischen den Mühlsteinen der Macht- und der Ränkespiele, er liegt erschöpft am Boden und kann nicht mehr.

Burgfestspiele Jagsthausen. Weislingen und Maria. Foto: GSCHWÄTZ
Nur zwei Konstanten kennt das Stück: Im Leben des Götz ist es die Liebe seiner Frau Elisabeth, die in guten wie in schlechten Zeiten zu ihm hält. Als Gegenfigur zu Adelheid bleibt sie bis zum Ende eine starke Persönlichkeit, die ebenfalls weiß, was sie will. Aber sie hat einen ganz anderen Lebensentwurf als Adelheid. Eine Wandlung ist auch bei Elisabeth sichtbar: Anfangs steht sie hinter ihrem Mann, später stellt sie sich vor ihn – sie wird zu seinem Schutz vor der Welt, entwickelt sich auch zu einer modernen, Verantwortung tragenden, starken Frau, wenn auch ganz anders als Adelheid.
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Götz und seine Frau Elisabeth. Foto: GSCHWÄTZ
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Elisabeth steht zu ihrem Götz. Foto: GSCHWÄTZ
Und in der Welt ist die Konstante die Kirche, die in der Person des Bischofs von Bamberg lächelnd dem Geschehen auf der Bühne zuschaut. Sein Beten sieht immer aus wie ein Händereiben. Die Kirche ändert sich nicht, sie hält sich vordergründig aus den Machtspielen heraus, zieht dafür aber im Hintergrund die Fäden. Es wird wohl Absicht der Regie sein, dass der Schatten des Bischofs wie ein Clown aussieht …

Burgfestspiele Jagsthausen. Die Kirche schaut lächelnd zu. Foto: GSCHWÄTZ
„Die Schwachen werden regieren mit List“, sinniert Götz über die verlorene Zukunft. Und Elisabeth verflucht das Jahrhundert, das ihren Götz verstoßen hat. Mehr bleibt der einst einflußreichen Familie derer von Berlichingen nicht mehr.
Am Ende geht ein resignierter Götz von der Bühne, schweren Schrittes und gebeugten Hauptes. Selbst sein Schatten ist zwiegespalten. Zu sagen hat er weiter nichts mehr.
Burgfestspiele Jagsthausen. Abgang Götz – selbst sein Schatten ist zwiegespalten. Foto: GSCHWÄTZ
Mit diesem Götz ist Regisseur Wolfram Apprich und Eva Hosemann, der künstlerischen Leiterin der Burgfestspiele, ein Coup gelungen. In der Manier der klassischen griechischen Tragödie spielen die Schauspieler in minimalistischer Umgebung und zwingen das Publikum so, sich auf die Szene und die eindrucksvollen Charaktere zu konzentrieren. Es ist einfach nichts vorhanden, was das Publikum ablenken könnte – Mimik und Gestik, die vielmals mehr als die Worte sagen, kommen zur Geltung.
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Wolfram Apprich. Foto: GSCHWÄTZ
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Eva Hosemann. Foto: GSCHWÄTZ
Damals wie heute: Eine Welt im Umbruch
Und doch findet sich der Zuschauer im Stück wieder: Da ist die „Zeitenwende“ des ausgehenden Mittelalters. Nichts bleibt so, wie es war. Scheinbar bewährte Lebenseinstellungen verlieren ihren Sinn.
Das kennen wir aus der heutigen Zeit auch – auch heute spricht man von „Zeitenwende“. Damals war es eine gesellschaftliche Entwicklung, das Bürgertum in den Städten kam als neue ökonomische und gesellschaftliche Macht auf. Die heutige Zeitenwende wird von außen aufgezwungen.
Mehrere Lebensentwürfe in diesen Umbruchszeiten werden dargestellt. Aber egal, ob die Person am Althergebrachten festhalten will oder sich Hals über Kopf in den Trubel der modernen Welt stürzt: Am Ende scheitern sie alle. Am wenigsten erfolglos ist wohl noch die Strategie von Elisabeth: Sie versucht, sich auf ihr kleinstes Lebensumfeld zu konzentrieren, ihre Familie. Aber selbst sie scheitert letztendlich.
Eine Lösung, wie man sich in der Zeitenwende verhalten könnte, gibt uns Apprichs Götz nicht. Götz verabschiedet sich und geht.
Text und Fotos: Matthias Lauterer
Die Fotos entstanden während der Hauptprobe