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Das Geheimnis der Franken im Hohenloher Jagsttal

Im Jahr 1964 begannen in Klepsau im Jagsttal archäologische Grabungen. Man war auf ein merowingisches Gräberfeld aus dem 6. oder 7. Jahrhundert gestoßen und über mehrere Jahre hinweg fanden immer wieder Ausgrabungen statt.

„von hohem Interesse“

„Das Klepsauer Gräberfeld ist archäologisch von hohem Interesse“, sagt Dr. Astrid Wenzel, Kuratorin im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Man könne aus dem Gräberfeld wichtige Erkenntnisse über das Leben in der merowingischen Zeit erfahren, aus der es in unserer Region so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse gibt.

Seit dem 1. Jahrhundert seien vom Taubertal nach Süden vordringend, germanische Besiedlungen nachgewiesen. Einige Kilometer südlich von Klepsau befand sich mit dem Limes die Außengrenze des römischen Reiches, das dann im 5. Jahrhundert zerfiel. Im 6,. und 7. Jahrhundert lebten im Jagsttal Franken, ein germanisches Volk, das sich aus dem Bereich des Niederrheins über die Mittelgebirge hinweg ausgebreitet hatte. Diese Franken waren wohl den Merowingerkönigen, die meist im heutigen Nordfrankreich lebten, untertan, die genauen Herrschaftsverhältnisse in der Region sind größtenteils unbekannt. Namen und Ereignisse in der Region sind nicht überliefert.

Funde aus einer Zeitenwende

Diese Franken im Jagsttal standen an der Schwelle einer neuen Zeit. Die Merowingerkönige in Nordfrankreich waren ab dem Jahr 498 oder 499 Christen, bis ins Jagsttal war das Christentum im 7. Jahrhundert noch nicht wirklich vorgedrungen, der Missionar der Franken, der Heilige Kilian, soll erst um 689 nach Würzburg gekommen sein. Das läßt sich an den Grabstätten erkennen, denn die Gräber waren voll von Grabbeigaben. Bei Männern waren es meist Waffen, bei Frauen Schmuckstücke oder Gebrauchsgegenstände. Spätere christliche Gräber zeigen diese Beigaben nicht mehr. Allerdings findet sich in den Klepsauer Gräbern auch ein Kreuzsymbol: Das Christentum war zwar offenbar im 7. Jahrhundert noch nicht vorherrschend, aber es war bereits an der Jagst angekommen.

Handel war weiterhin möglich

Aus diesen Beigaben können Archäologen und Kunsthistoriker Schlüsse ziehen. Die Funde zeigen beispielsweise, dass es auch trotz des Niedergangs des römischen Reiches und des Verfalls der Straßeninfrastruktur Handelsbeziehung quer über Europa, vom äußersten Westen bis zur Krim gegeben hat: So wurden beispielsweise Bernstein aus dem Baltikum und Edelsteine von der Krim in der Region gefunden. Besonders schön zeigt sich dieser Handel an zwei Vogelfibeln, die in Klepsau gefunden wurden und die Goldschmiedekunst, Edelsteinbearbeitung und Glasherstellung zeigen.

Die doppelköpfige Vogelfibel hat ein goldenes Bodenblech und Perldraht auf dem umgebördelten Rand. Auf der Vorderseite befindet sich goldenes Stegwerk. Die Mittelzelle ist ohne Einlage, in den anderen Zellen liegen flache Almandine auf gewaffelter Goldfolie. In drei Zellen befinden sich grüne Glaseinlagen. [Bad. Landesmuseum]

Sowohl Gold, als auch die Almandine und das Glas kommen an der Jagst nicht vor, auch ist aus der Region kein Zentrum der Goldschmiedekunst bekannt. Die Stücke müssen also von mehreren Orten zu einem Goldschmied gebracht worden sein, der sie bearbeitet hat und von dort ins Jagsttal gekommen sein. Wo genau die Stücke hergestellt wurden, weiß man nicht. Dr. Astrid Wenzel vermutet die Herkunft in „einem der Zentren am Rhein, Speyer, Worms, Mainz, vielleicht Köln“, wohin nicht nur der Wassertransport von Waren möglich war, sondern sich vielleicht auch noch römisches Handwerk erhalten hat. Ein Beleg für den Fernhandel sind auch Münzen, die beispielsweise ostgotischer Herkunft sind.

Die doppelköpfige Vogelfibel hat ein goldenes Bodenblech und Perldraht auf dem umgebördelten Rand. Auf der Vorderseite befindet sich goldenes Stegwerk. In der pilzförmigen Mittelzelle liegt grünes Glas, in den anderen Zellen flache Almandine auf gewaffelter Goldfolie. Um zwei Einfassungen hellgrünes, stark korrodiertes Glas. Das Mittelfeld ist eingetieft und zeigt geperlte Golddrähte auf niedrigen Goldstegen.  [Bad. Landesmuseum]

Woher genau die Almandine aus den beiden Schmuckstücken herkommen, wurde nicht untersucht. Almandine, eine Form des Granats, wurden auch im Odenwald gefunden. Wegener vermutet, dass die Almandine aus den Schmuckstücken weit aus dem Osten kommen, wahrscheinlich von der Krim. Untersuchungen eines geschmückten Schwerts, das allerdings nicht aus Klepsau stammt, haben das ergeben.

Die Rolle der Frau

Aus den Frauengräbern kann man weitere Schlüsse ziehen, da die gefundenen Fibeln regionaltypische Gestaltung aufweisen. So spricht Wenzel davon, dass eine Fibel aus Thüringen kommen dürfte. Möglicherweise waren es Hochzeitsgeschenke oder eine Mitgift, meint sie, denn meist trugen nur verheiratete Frauen derartige wertvolle Accessoires. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass zur damaligen Zeit eine „Patrilokalität“ vorherrschte, dass der Grund also Männern gehörte und dass Frauen aus anderen Sippen auf den Grund ihres Mannes zogen.
Kaum anders als heutige Frauen führten übrigens die fränkischen Frauen aus dem 7.Jahrhundert gerne ein Täschchen mit sich, das an einem schräg über die Schulter befestigten Riemen getragen wurde – und genau wie heute waren in dem Täschchen unter anderem die Schmuckuntensilien. Ein bemerkenswerter Kamm aus Bein mit einem Schutzetui aus demselben Material zeigen das.
Frauen hatten aber, zumindest in den wohlhabenden Familien, eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Zwar gehörte wohl das Land dem Mann – aber die Frau hatte die Schlüsselgewalt. Das zeigt ein seltener Fund: Reste eines metallenen Kästchens, das laut Wegener ein Schlüsselkästchen gewesen sein dürfte.

Soziales Gefüge

Nicht nur wohlhabende Menschen waren in Klepsau beigesetzt. Die eindrucksvollsten und künstlerisch hochwertigsten Funde stammen aus nur wenigen Gräbern, die von Wohlstand zeugen. In den meisten Gräbern wurden allerdings weniger wohlhabende Menschen begraben, sodass man den Unterschied zwischen Arm und Reich nachvollziehen kann: Liegen in den Gräbern der Wohlhabenden künstlerisch gestaltete Fibeln, so findet man das in den ärmeren Gräbern nicht: Fibeln waren wichtige Gebrauchsgegenstände, die weiterverwendet wurden. Man konnte es sich wohl nicht leisten, derartig nützliche Gegenstände einer Toten mit ins Grab zu legen.

Die Funde aus Klepsau liegen heute im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloß. Öffnungszeiten und weitere Informationen unter www.landesmuseum.de.
Überblick über die Funde von Klepsau: „klepsau“ – Digitaler Katalog – Badisches LandesmuseumLiteratur:
Dr. Klaus Eckerle, Neue Funde aus frühmittelalterlichen Adelsgräbern in Klepsau und Hüfingen
Ursula Koch, Das fränkische Gräberfeld von Klepsau im Hohenlohekreis. (= Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg ; Bd. 38 )
(antiquarisch erhältlich)

Schriftliche Überlieferung

Schriftlich ist über die Franken im Jagsttal aus der merowingischen Zeit des 7.Jahrhundert fast nichts bekannt. Das römische Reich, aus dem es Berichte von Reisenden gibt, war zerfallen. Aufgeschriebene Geschichte wird es erst mit der fortlaufenden Christianisierung im 8. Jahrhundert geben, als in den neu gegründeten Zellen und Klöstern beispielsweise Besitzverhältnisse dokumentiert wurden. Aus Nordfrankreich, wo die Merowingerherrscher seit dem 6. Jahrhundert getauft waren und sich eine kirchliche Infrastruktur entwickelt hat, weiss man mehr, da die dortigen Könige ihr Leben von Chronisten aufschreiben ließen. Insofern bleiben den Historikern und Archäologen, die sich mit der Region beschäftigen, nur die erhaltenen Gegenstände der damaligen Zeit und der Vergleich mit den Überlieferungen der Chronisten, die – den merowingischen Herrschern sagt man Blutrünstigkeit nach – sicherlich ganz im Sinne des jeweiligen Königs geschrieben sind. Stoffe aus Flachs oder Leinen, Holz und ähnliche Naturmaterialien sind im Lauf der Jahrhunderte verrottet, steinerne Zeugnisse gibt es wenige. So bleibt nur, aus den Hinterlassenschaften, die man den Verstorbenen mitgab, auf die Lebensweise der damaligen Jagsttäler zu schließen.

Auch wenn man vieles weiß oder ahnt: ein Geheimnis bleibt.

Text: Matthias Lauterer




Schon wieder: Diebe in Ohrenbach

Nachdem bereits vor wenigen Wochen der Einbruch in ein Wohnhaus gemeldet wurde, steht jetzt eine Baustelle, nicht weit entfernt vom ersten Einbruch, im Fokus von Dieben. Die Polizei Heilbronn teilt dazu mit:

Künzelsau-Ohrenbach: Werkzeug gestohlen – Zeugen gesucht

Unbekannte entwendeten in der Nacht auf Dienstag Werkzeuge von einer Baustelle in Künzelsau-Ohrenbach. Der oder die Täter verluden zwischen 16 Uhr am Montag und 9 Uhr am Dienstag mehrere größere Baumaschinen und Geräte auf ein unbekanntes Fahrzeug im Binsenweg. Die Höhe des entstandenen Schadens ist unbekannt. Zeugenhinweise gehen unter der Telefonnummer 07940 9400 an das Polizeirevier Künzelsau.

Pressemitteilung Polizei Heilbronn




Das 9€-Ticket: Ideal für Digitalnomaden

Viele Menschen verbringen heute ihr Büroleben in Coworking-Spaces und nicht mehr an einem festen Arbeitsplatz in einer Firma. Nachteil des Coworking-Konzepts ist für viele Berufsstarter der Preis: Ein paar Hundert Euro monatlich muss man in Ballungszentren schon rechnen für einen Platz im Coworking-Space. Man bekommt dafür gerade mal einen eigenen kleinen Schreibtisch und rund um sich herum befinden sich „kreative Umgebungen mit einer dynamischen Business-Community“. Das ist eine nette Umschreibung für „ewig dieselben Hipsterbärte, die ihre Erfolge lautstark feiern, der Typ gegenüber nervt den ganzen Tag und im Kühlschrank stehen nur seltsame Getränke und ein 6er pack Sushi“.

Vorher: Ein Schreibtisch im CoWorkingSpace.  Screenshot von www.spacesworks.com, einem Anbieter von Coworking Spaces.

Nahverkehrsanbieter bieten erstmals wirklich mobile Büros an

Die Alternative bieten nun die deutschen Nahverkehrsbetreiber: Für offiziell nur 36 Euro im Monat können sich Digitalnomaden in einem Viersitzerabteil des Nahverkehrs einmieten und bequem einrichten und dann im wahrsten Wortsinne mobil arbeiten. Die wirklich selbstbewußten Sparfüchse unter den Digitalnomaden zahlen allerdings selbst zu Stoßzeiten nur 9€ monatlich.

Nachher: Bequemes und mobiles Digital-Leben im Nahverkehrszug. Foto: GSCHWÄTZ

Den eigenen Schrank zur sicheren Aufbewahrung der Habseligkeiten bringt man selber mit, die Aussicht ist abwechslungsreich und inspirierend: sie wechselt zwischen grüner Landschaft und der Rückseite von Industriegebieten. Der größte Vorteil des Angebots dürfte aber sein, dass man bei der Arbeit nicht nur Hipster kennenlernt, sondern einen fast repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft, dass man dem wahren Leben begegnet und sich intensiv mit den Sorgen und Nöten der Mitreisenden beschäftigen kann.

Dieses Angebot ist allerdings nur noch bis Ende August 2022 gültig.

Text: Matthias Lauterer




Der Bau von preiswertem Wohnraum ist gar nicht billig

Dass preiswerter Wohnraum inzwischen ziemlich teuer geworden ist, mußte der Künzelsauer Gemeinderat in seiner Sitzung vom 28. Juni feststellen. Bereits vor rund eine Jahr stellte Wolf Giesecke von der GWG Schwäbisch-Hall ein Konzept für die Bebauung eines städtischen Grundstücks am Hallstattweg vor, das mit „serieller und modularer Bauweise“ preiswerten Wohnraum bieten soll.

Der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V., bei dem die GWG Mitglied ist, hat mit neun Unternehmen eine Rahmenvereinbarung getroffen, um mit standardisierter Bauweise preiswerten Wohnraum erstellen  zu können. Für das geplante Gebäude im Hallstattweg sind unter anderem folgene Ziele vorgegeben:

  • Vorhandenes Grundstück: Fläche ca. 2.800,00 m²
  • Stellplatzanzahl: 1 Stlp. je Wohnung, 6 Stlp. für Sportverein und 10 Stlp. für Bauhof.
  • Fahrradstellplätze in der erforderlichen Anzahl und Größe samt Überdachung
  • Gebäude mit 3 Vollgeschossen und einem zurückgesetzten DG mit Flachdach gemäß B-Plan möglich.
  •  Wohnungsmatrix: ca. 60% – 1 Zimmerwohnungen, ca. 30% – 2 Zimmerwohnungen, ca. 10% – 3 Zimmerwohnungen
  • Wohnungsgrößen: 1 Zimmer bis ca. 45 m² ; 2 Zimmer bis ca. 60 m² ; 3 Zimmer bis ca. 75 m²
  • Ausreichende Anzahl an barrierefrei nutzbaren Wohnungen (1 Geschoss oder übereinander liegende Wohnungen im selben Ausmaß)
  • Zugänge zu allen Wohnungen und Balkonen barrierefrei
  • optimale Ausnutzung des Grundstücks im Hinblick auf Wohnraum und Stellplätze soll erreicht werden.

Keine Familienwohnungen

Ziel der Stadt Künzelsau ist es, dort anfangs Bewohner von städtischen Gebäuden unterzubringen, die in den nächsten Jahren saniert beziehungsweise abgerissen und neu errichtet werden sollen. Aus diesem Grunde sind dort auch keine größeren Wohneinheiten geplant. In einem neu zu errichtenden Gebäude im Egerlandweg sollen dann auch 4-Zimmer-Wohnungen für Familien mit Kindern gebaut werden.

Kalkulation

Eine erste überschlägige Kalkulation geht von Kosten von 7,7 Millionen Euro (incl. Mehrwertsteuer) aus, das sind Baukosten von rund 4.500 €/qm. Nicht inbegriffen sind eventuelle Kosten für eine Solarüberdachung von Parkplätzen. Die Kalkulation geht noch von einer energiesparenden Bauweise nach KfW40 aus.

„Die Förderbedingungen ändern sich oft.“

Bei weiter steigenden Preisen dürfte dieses Ziel zu diesem Preis nicht zu erreichen sein. Wichtig, so Gieseke, sei es aber, die Förderungsmöglichkeiten zu beobachten: „Die Förderungsbedingungen ändern sich oft“.
Bei vollständiger Kreditfinanzierung des Gebäudes geht Christian von Stetten nach einer schnellen überschlägigen Rechnung von einer Miete von mindestens 13€/qm aus.

Abstimmung

Ohne Gegenstimme und bei einer Enthaltung stimmt der Gemeinderat dem Antrag der Verwaltung, die erforderlichen Ausschreibungen vorzunehmen, zu. Es wird vereinbart, dass zur Beurteilung der eingegangenen Vorschläge und Angebote pro Fraktion ein beratendes Mitglied hinzugezogen wird.

Text: Matthias Lauterer

 




Genossenschaftliche Bankenfusion geplatzt

Die geplante Fusion der Raiffeisenbank Hohenloher Land und der VR Bank Heilbronn Schwäbisch-Hall ist geplatzt. Die Vertreterversammlung der Raiba Hohenloher Land stimmte am 06. Juli 2022 der Fusion nicht zu.

Noch vor wenigen Tagen war Andreas Siebert, Vorstand der RaiBa Hohenloher Land, überzeugt vom Gelingen der Fusion  (GSCHWÄTZ berichtete).

„Die Vertreterversammlung ist unser Souverän“

Gegenüber GSCHWÄTZ erklärt Siebert nach der Abstimmung vom 06. Juli 2022: „Unser Vorschlag zur Fusion hat keine Zustimmung gefunden. Die Vertreter haben sich mit einer 2/3-Mehrheit gegen die Fusion ausgesprochen [zur Fusion wären 75% der Stimmen nötig gewesen, Red.].“ Er ist weiterhin davon überzeugt, dass die Fusion für die beteiligten Banken vorteilhaft gewesen wäre, allerdings war den Vertretern:innen offenbar der Zeitraum seit der letzten Fusion noch zu kurz: „Wir haben viel Arbeit hineingesteckt, konnten aber die Vorteile den Vertretern nicht nahebringen. Die Vertreterversammlung ist unser Souverän, wenn die Zeit noch nicht reif ist, dann akzeptieren wir das“, sagt Siebert. Seinen Kunden verspricht er: „Wir bleiben  die Raiffeisenbank Hohenloher Land, wie man uns kennt“.

Text: Matthias Lauterer




6 Millionen Joints aus dem Verkehr „gezogen“

„Betäubungsmittelkriminalität ist Holkriminalität“, sagt Staatsanwalt Müller-Kapteina beim Pressegespräch der Staatsanwaltschaft Heilbronn. Er meint damit, dass es in diesem Bereich der Kriminalität selten zu Strafanzeigen kommt – weder die Lieferanten noch die Käufer werden gegen ihre Geschäftspartner anzeigen, ganz anders als etwa bei Betrugsdelikten (GSCHWÄTZ berichtete).

Trotzdem berichten die verantwortlichen Staatsanwälte von großen Erfolgen in den letzten Jahren, insbesondere beim „Handel in nicht geringer Menge“. Es konnten gleich mehrmals große Mengen von Betäubungsmitteln (Marihuana, Kokain und andere) sichergestellt werden. Wichtiger noch als die Sicherstellung der Drogen war die Verhaftung vieler Personen, die an Logistik und Vertrieb dieser Drogen beteiligt waren: Man konnte nicht nur die Endverkäufer und Konsumenten, sondern auch Hintermänner dingfest machen.

Viele Informationen sind dem EncroChat-Hack zu verdanken

Zu verdanken waren diese Erfolge nicht zuletzt ausländischen Strafverfolgungsbehörden, die es schafften, die Kommunikation der Täter mitzulesen. Es war ihnen gelungen, in die Telefone der Firma „EncroChat“ eine Software einzuschleusen, die die verschlüsselte Kommunikation direkt an die Behörden weiterleitete. Müller-Kapteina bestätigte, dass viele Erkenntnisse über Täter im Heilbronner Raum aus diesen EncroChat-Protokollen erlangt wurde: „Zahlreiche Verfahren beruhen auf Auswertung von Krypto-Kommunikation“.

Die beschlagnahmten Mengen waren größer als erwartet: „Wir wußten, dass in Heilbronn was geht, aber dass es soviel ist, war uns nicht klar“.  Allein 2 Tonnen Marihuana, das entspricht 6 Millionen Joints, konnten innerhalb von 18 Monaten eingezogen werden. Arbeitslos werde er sicher nicht, meint Müller-Kapteina, wenn die Regierung Marihuana legalisieren will, was sie ja versprochen hat. Zum einen werde – das sei abzuwarten – die Logisitk großer Mengen Rauschmittel sicherlich nicht legalisiert und zum anderen werde auch zukünftig Angriffspunkte im Bereich der BTM-Kriminalität geben.

Vermögensabschüpfung

Auch in derartigen Fällen wird das Vermögen der Beschuldigten abgeschöpft. Im Bereich der BTM-Kriminalität fielen den Behörden neben Geldbeträgen auch Luxusuhren und Luxusfahrzeuge in die Hände.

Großverfahren als Herausforderung

Diese großen Verfahren bedeuten eine Herausforderung an die Ermittlungbehörden. Ermittlungen wurden und werden gegen eine Vielzahl von Beschuldigten geführt, oft auch mit Auslandsbezug und sowohl Anklage als auch Verteidigung nutzen „alle Maßnahmen, die die Strafprozeßordnung bietet“. Diese umfangreichen Verfahren blockieren die Ermittlungsarbeit bei der  „Kleinkriminalität“, muss Müller-Kapteina zugestehen.

Langjährige Haftstrafen

Allein vor dem Landgericht Heilbronn wurden 23 Strafverfahren verhandelt, bis zu 13 Jahren Haft wurden verhängt. Viele Angeklagte wurden zu Strafen zwischen drei und sieben Jahren verurteilt. „Häufig ist die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet worden“, teilt Lutz Hils, Pressesprecher des Landgerichts Heilbronn, mit.

Auf diesen sogenannten „Maßregelvollzug“ wird ein weiterer Beitrag eingehen.

Text: Matthias Lauterer

 

 




Künzelsau zeigt Flagge für den Frieden und gegen Atomwaffen

Am 8. Juli 2022 weht vor dem Rathaus in Künzelsau erstmals die Flagge des weltweiten Bündnisses der Mayors for Peace. Der Gemeinderat hat im April 2022 den Beschluss gefasst, dem weltweiten Netzwerk von Städten beizutreten.

„Frieden ist das Fundament für das Leben, wie wir es kennen“, so Bürgermeister Stefan Neumann. „Es ist unvorstellbar für mich, dass etwa unsere Schulen, Kindergärten, Straßen, Häuser durch Kriegshandlungen zerstört werden und wir mit Angst vor Waffengewalt abends einschlafen und morgens aufwachen – wie es den Menschen in der Ukraine und anderen Kriegsgebieten geht. Ich möchte mich persönlich für eine friedvolle Welt einbringen und bin dankbar und froh, dass wir uns in Künzelsau nun auch bei Mayors for Peace gegen Kriege und für Frieden engagieren.“

8170 Städte gehören dem Netzwerk Mayors for Peace an

Bürgermeister Neumann präsentiert die Flagge von Mayors for Peace. Foto: Elke Sturn, Stadt Künzelsau

Mayors for Peace setzt sich vor allem für die Abschaffung von Atomwaffen ein, greift aber auch aktuelle Themen auf, um Wege für ein friedvolles Miteinander zu diskutieren. Mehr als 8.170 Städte gehören dem Netzwerk an, darunter mehr als 830 Städte in Deutschland. Viele dieser Städte zeigen mit der Flaggen-Aktion in diesem Jahr ihre Solidarität mit der Ukraine und setzen sich für eine friedliche Welt ohne Atomwaffen ein.

Die nuklearen Drohgebärden Russlands sind ein Tabubruch.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar dieses Jahres ist die europäische Sicherheitsordnung zerstört worden. Die nuklearen Drohgebärden Russlands sind ein Tabubruch. Die atomare Bedrohung ist so präsent wie lange nicht mehr.

Vor diesem Hintergrund fand in Wien vom 21. bis 23. Juni die erste Vertragsstaatenkonferenz des Atomwaffenverbotsvertrages statt. Der Vertrag war am 22. Januar 2021 in Kraft getreten. Deutschland hat an der UNO-Konferenz als Beobachter teilgenommen. Die Mayors for Peace waren mit zahlreichen Delegierten ebenfalls vertreten. Hibakusha – Überlebende der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – berichteten über die beispiellose humanitäre Katastrophe, die der Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen verursachte.

Kommt es zu neuem nuklearen Rüstungswettlauf?

„Friedensforscher befürchten, dass es zu einem neuen nuklearen Rüstungswettlauf kommt“, so Bürgermeister Stefan Neumann. „Wir als Mayors for Peace Stadt setzen daher gemeinsam mit über 500 Städten in Deutschland am Flaggentag ein deutliches Signal gegen die atomare Aufrüstung und für den Frieden. Wir unterstützen den Atomwaffenverbotsvertrag. Er ist der Weg zu Global Zero – einer Welt ohne Atomwaffen. Die Flagge zu hissen ist in diesem Jahr auch ein Zeichen unserer Solidarität mit der Ukraine.“

Androhung des Einsatzes und Einsatz von Atomwaffen verstoßen gegen das Völkerrecht

Am Flaggentag erinnern die Mayors for Peace an ein Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag vom 8. Juli 1996. Der Gerichtshof stellte fest, dass die Androhung des Einsatzes und der Einsatz von Atomwaffen generell gegen das Völkerrecht verstoßen. Zudem stellte der Gerichtshof fest, dass eine völkerrechtliche Verpflichtung besteht, „in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen und zum Abschluss zu bringen, die zu nuklearer Abrüstung in allen ihren Aspekten unter strikter und wirksamer internationaler Kontrolle führen.“

Wer sind die Mayors for Peace?

Die Organisation Mayors for Peace wurde 1982 durch den Bürgermeister von Hiroshima gegründet. Das weltweite Netzwerk setzt sich vor allem für die Abschaffung von Atomwaffen ein, greift aber auch aktuelle Themen auf, um Wege für ein friedvolles Miteinander zu diskutieren. Mehr als 8.170 Städte gehören dem Netzwerk an, darunter mehr als 830 Städte in Deutschland. Rund 500 Städte in Deutschland beteiligen sich in diesem Jahr am Flaggentag.

Pressemitteilung Stadt Künzelsau




Hoch hinaus

Mit 18 Jahren kniete sich ein kleiner Junge namens Miguel mit einer Tulpe vor die Fachabiturientin hin und fragte, ob sie seinen großen Bruder kennenlernen möchte. Von da an änderte sich ihr Leben. Nikita, die von ihren Eltern nach einem Elton-John-Song benannt wurde, kam mit Manolito zusammen, einem jungen Mann aus einer Zirkusfamilie – und entschied sich, ihr bürgerliches Leben hinter sich zu lassen. Vor kurzem gastierte die Familie Quaiser wieder in Künzelsau. Dr. Sandra Hartmann hat mit Nikita Quaiser über ihr früheres und jetziges Leben gesprochen.

„Mein Mann ist die Kraft und ich bin der Kopf“

„Mein Mann ist die Kraft und ich bin der Kopf“, so fasst die 27-Jährige die Aufgabenverteilung zwischen ihr und ihrem Mann zusammen. Sie ist unter anderem verantwortlich für Werbung, Pressegespräche für die Zeitung und die Finanzen. Der 29-Jährige hat die wilden Tiere des Zirkusses unter sich – allen voran das Löwenpärchen Massai und Manou. Beide präsentieren im Zirkus auch akrobatische Höchstleistungen. Manolito stemmt etwa 12 weiße Stühle allein mit seinem Mund, Nikita zeigt an der Zirkuszeltdecke akrobatische Stunts in einem Reifen, einem so genannten Lyra-Ring. Nikita gibt aber auch unumwunden mit einem Lachen zu: „Akrobatisch war ich anfangs eine Niete.“ Mit Tiernummern, Tauben und Ziegen, fing sie an. Schließlich wurde sie von einem anderen Familienmitglied, Vanessa, in den Kunst der Ring-Akrobatik zwei Wochen lang intensiv eingelernt. Jeden Tag. Mehrere Stunden. Es ist noch nie etwas passiert, wenn sie direkt unter dem Zirkuszelt ohne Netz ihre Figuren in dem Ring zeigt. Wie viel Meter sie vom Erdboden trennen, weiß sie nicht. In den Proben ist sie hochkonzentriert. Aber bei ihrem Auftritt schaltet Nikita ihren Kopf aus und lauscht nur der Musik, die erklingt, wenn sie die Manege betritt.

„Ich wollte nicht an einem Ort leben“

„Beruflich wollte ich immer etwas mit Tourismus und Reisen machen. Ich wollte nicht an einem Ort leben und das habe ich jetzt alles“, sagt sie und strahlt.

Vor zehn Jahren hat alles begonnen. Der Zirkus der Familie Quaiser gastierte in der Stadt, in der sie als 18-Jährige lebte. Sie begleitete am Abend eine Freundin, die sich in einen jungen Mann – Nikitas jetzigem Schwager Ronny – von eben diesem Zirkus verguckt hatte. Dann trat auf einmal ein kleiner Junge auf Nikita zu, kniete sich vor ihr nieder, streckte ihr eine Tulpe entgegen und sagte: „Hallo schöne Frau. Ich habe einen älteren Bruder. Möchtest du den kennenleren?“

„Ich habe einen älteren Bruder. Möchtest du den kennenleren?“

Es war und ist eigentlich nicht üblich, mit einer so genannten „Privaten“ zusammenzukommen. In der Regel finden „die Reisenden“ untereinander ihre Partner. Mit zwei Ausnahmen in der Familie Quaiser: Vor Manolito hat sich auch sein Papa eine Bürgerliche ausgesucht. Der Seniorchef ist heute über 60 Jahre alt und er hat viele Aufgaben an den Junior Manolito abgegeben. Dennoch „wird noch alles von den Seniorchefs abgesegnet“, betont Nikita. Früher hätten diese – die Schwiegereltern von Nikita – viel schwerer arbeiten müssen beim Zirkus, erzählt Nikita. Es gab keine Hilfsmaschinen beim Aufbau und ohnehin waren sie nur zu Dritt gewesen: Das Seniorchef-Ehepaar und die Mutter des Seniorchefs.

Nun besteht die Zirkusfamilie aus 21 Menschen (12 Erwachsene und neun Kinder) sowie 26 Tieren. Das Zirkuszelt ist mittlerweilse doppelt so groß wie früher. Sie haben Hilfsgeräte für den Auf- und Abbau, wie zum Beispiel einen Traktor und einen Radlader. Manolito und Nikita sind ehrgeizig. Es ist die neunte Generation, die derzeit die Geschicke des Zirkusses leitet und es sollen noch viele folgen. Mit ihren 27 Jahren haben sie schon drei Kinder – eine Fußballmanschaft darf es gerne werden, sagt Nikita lachend.

8 Jahre lang in den Vereinigten Staaten gelebt

Nikita wurde am 04. Januar 1995 in Augsburg geboren. Von ihrem leiblichen Vater spricht sie lediglich als „Erzeuger“. Ihre Mutter und er haben sich kennengelernt, als er als Soldat in Deutschland stationiert war. Als er zurückbeordert wurde in die Vereinigten Staaten, ist die Familie mitgezogen. Acht Jahre lang, bis sie zehn Jahre alt war, hat Nikita in Colorada gelebt. Dann haben sich die Eltern getrennt und Nikita ist mit ihrer Mutter und ihren beiden jüngeren Geschwistern zurück nach Deutschland. Der Kontakt zum Vater ist heute mehr als dürftig, obwohl die Mutter immer wieder Mails und Fotos geschickt  habe. „Er weiß, wie er mich erreichen kann“, sagt Nikita nur. „Papa“ ist für sie der Mann, den ihre Mutter in zweiter Ehe geheiratet hat. Damals war sie 14. Ihre Eltern leben heute in Ulm. Ein- bis zweimal im Monat sehen sie sich, wenn der Zirkus in der Nähe von Ulm gastiert. Ansonsten halten sie Kontakt über WhatsApp und Facetime. Dank der sozialen Medien „ist das heute kein Problem mehr““, sagt sie.

Ihre Kinder sollen einmal die Zirkusgeschäfte weiterführen

Am 14. Februar 2018, mit 23 Jahren, hat Nikita ihren Manolito geheiratet. Ihre Kinder Roberta (7), Guiliana (5) und Scarlett (2) sollen einmal die Zirkusgeschäfte weiterführen. Schon jetzt stehen sie teilweise bereits für kleinere Auftritte auf der Bühne. Dennoch müssen auch sie im richtigen Alter sind, in die Schule gehen. Zirkuskinder haben eine so genannte „Stammschule“, die den Überblick über den aktuellen Wissensstand der Kinder hat, Materialien verschickt und schaut, was in anderen Schulen gemacht wurde, wenn sie utnerwegs waren. im Fall Quaiser ist das die Schule in Kocherstetten. Zusätzlich gibt es nachmittags manchmal Unterricht von Zirkuslehrern, entweder direkt vor Ort oder online. Aktuelle betreut sie hier Frau Wagner aus Öhringen.

„Es war und ist die große Liebe“

„Es war und ist die große Liebe“, sagt Nikita mit Blick auf ihren Manolito. Damals, nach der Tulpenaktion, haben sie sich neun Monate lang täglich gesehen – unabhängig davon, wo der Zirkus stationiert war. „Er ist morgens um 05 Uhr aufgestanden, hat seine Arbeit erledigt, um danach zu mir zu kommen.“ Und Nikita? „Ich habe gewusst, dass mein Platz hier im Zirkus ist.“ Einmal habe Manolito fast einen Autounfall gehabt, weil alles zu viel wurde. Dann war es für Nikita klar, wo für sie die Reise hingehen sollte. Sie brach ihr Fachabi ab, hat ihre Sachen gepackt und ist zu Manolito gezogen. Ihre Mama war nicht begeistert. Bauchschmerzen habe diese vor allem wegen des Wechsels von einem regelmäßigen in ein unbestimmtes Leben bereitet. Für Nikita war „das zwar eine Umstellung, aber es hat gepasst. Ich zeige mich gerne in der Manege, mache gerne meine Arbeite und bin sehr tierverrückt“.

„Jeder hat seine Rückzugsmöglichkeiten“

Unter den Familien gibt es auch mal Meinungsverschiedenheiten, aber diese halten, so Nikita, nicht länger als zehn Minuten an. Ihren Zirkuswagen teilt sie sich mit Manolito und ihren Kindern. Er ist aufgeteilt in ein Schlafzimmer, ein Kinderzimmer, einen Wohnbereich und ein Bad. „Jeder hat seine Rückzugsmöglichkeiten. Aber meistens sitzen wir alle zusammen“, mit Musik und Gesang, erzählt sie.

Auch ihre Vierbeiner haben mal Null-Bock-Phasen

Wenn Manolito mit den Löwen auftritt oder probt – und das macht er fast täglich – hat sie keine Angst um ihren Mann. „Man darf niemals Angst haben. Sonst darf man sie nicht halten. Man muss die Tiere lesen und wissen, wie das Tier aufgelegt ist.“ Manchmal gäbe es auch bei Vierbeinern Null-Bock-Phasen. Das Gute: Hinter den Kulissen bringen sie den Tieren viel mehr bei. In der Manege wird dann nur ein Teil abgerufen – so viel, wie das Tier zum Mitmachen an diesem Tag bereit ist.

Prüfungen müssen dafür abgelegt werden. Einmal wöchentlich schaut das örtliche Veterinäramt vorbei. Die Kosten dieser Tierhaltung sind auch nicht zu unterschätzen. Allein das Löwenduo frisst täglich rund 20 Kilo Rindfleisch. Das kostet derzeit rund 17 Euro pro Kilo (340 Euro täglich). Die Inflation macht auch vor der Zirkusfamilie nicht Halt.

Harte Coronajahre mit Auftrittverbot

Auch die Coronajahre waren nicht einfach. Zirkusse durften in dieser Zeit nicht auftreten. So strandete die Familie letzten Endes auf dem Grundstück einer netten Familie in Laßbach am Waldrand. Bauchschmerzen machten sich bei der ansonsten sehr positiv eingestellten Nikita breit, wie es nun weitergehen würde. Die Angst sei da gewesen: Wann hört das Ganze wieder auf? „Die Ungewissheit war das Schlimmste. Da wusste man nicht vor und zurück.“ Irgendwann wsei man fertig mit allen Schönheitsreparaturen und Instandsetzungen und wartete einfach nur noch ab. „Die Zeit zum Überlegen war die schlimmste Zeit gewesen“, erinnert sich Nikita. Es kamen viele Futter- und Kleiderspenden von Anwohner:innen aus dem Hohenlohekreis herein. Das habe sehr geholfen. Zudem haben sie sich vor Supermärkten in der Region positioniert und Nummern aufgeführt, um Geld zu sammeln. Durch die große Not, die sie in dieser Zeit erlebt haben, ist ihr Bedürfnis auch groß, anderen zu helfen, die in Not sind. Insgesamt rund 1.000 Euro Nachlass gab die Familie Quaiser ukrainischen Frauen mit ihren Kindern für eine Vorstellung in ihrem Zirkus in Künzelsau. Der Rest bezuschussten das Landratsamt, das Keltereck und GSCHWÄTZ.

Sehr hilfsbereit

Fast täglich trainieren sie ihre Auftritte. Es soll ja leicht ausschauen für die Zuschauer. Im Winter trainieren sie mehr, weil sie mehr Zeit haben haben und sich auf die neue Saison vorbereiten. Sie hoffen allerdings, dass sie während dieser Zeit in Künzelsau gastieren und einen Winterzirkus präsentieren dürfen.

Vor ihren Auftritten hat Nikita regelmäßig Schmetterlinge im Bauch. Das verfliegt jedoch schnell. Denn „wenn Menschen drin sitzen, die einen anlachen und begeistert sind, ist das einfach ein schönes Gefühl.“

Text: Dr. Sandra Hartmann

 

 

 




Weltklasse-Freestyler zu Gast beim SV Morsbach

Fussballexperten ist sie bekannt, die 50+1-Regel. Diese Regel war aber nicht der Grund, dass der SV Morsbach am Samstag, 02. Juli 2022 seine 50+1-Jahrfeier feierte. Grund dafür ist, wie sollte es anders sein, Corona. Die Feier konnte im letzten Jahr nicht stattfinden.

Den 50. nachgefeiert

Das war für den SV Morsbach aber kein Grund, ganz auf das Fest zu verzichten und so wurde in diesem Jahr „nachgefeiert“.

Besonders freute sich Robert Ziegler, der 1.Vorsitzende des Vereins, darüber, dass er mit Bruno Gässler, Heinz Röser, Lukas Mayer und Friedel Kirchner noch vier der zehn Gründungsmitglieder begrüßen durfte. Ein kurzer Blick in die Vereinsgeschichte zeigt, dass die Mitglieder nach der Gründung im Jahr 1971 sofort aktiv wurden: Bereits im ersten Jahr konnte der Pokalsieg verzeichnet werden, im zweiten Jahr stieg man das erstemal auf. Eine Damenmannschaft ab 1973, der Bau des Sportheims begann 1974. Dazu kamen weitere Sportarten wie Turnen inklusive Tanz, Faustball, Tischtennis und ganz neu eine Mountainbike-Gruppe. In der abgelaufenen Saison konnte man im Fussball gleich zwei Meisterschaften feiern: Sowohl die Reserve als auch die AH schlossen ihre Saison als Gruppenerster ab.  

Nicht nur Sport

Aber nicht nur im Sport ist der Verein engagiert, denn die Theatergruppe spielt jedes Jahr vor ausverkauftem Haus – und die Zuschauer kommen nicht nur aus Morsbach, sondern aus der gesamten Umgebung. 

Ropeskipping-Gruppe des TSV Künzelsau. Foto: GSCHWÄTZ

Allein für das Sportheim brachten die Mitglieder gut 10.000 freiwillige Arbeitsstunden auf, hat Ziegler ausgerechnet. Das ist bis heute die Stärke des Vereins, „der große Zusammenhalt des Vereins und seiner Mitglieder, ohne den
diese Vorhaben nicht hätten umgesetzt werden können“, so Ziegler. „Der Verein als große Familie war und ist immer schon ein Markenkern vom SVM, und macht sein gewisses Flair und vielleicht auch den Unterschied zu anderen Vereinen aus.“ 

Heute hat der Verein 440 Mitglieder, von denen viele auch am Samstagabend gekommen waren. Den offiziellen Teil begleiteten Showeinlagen der SVM-Tanzmäuse, dem Free-Style-Fussball-Duo CBB und Mattu (Chris Bennet Bröker, amtierender Deutscher Meister, und René Mattussek, WM-Dritter 2011) und der Rope-Skipping-Gruppe des TSV Künzelsau, geleitet von Linda Wolf. Besonders begeistert war das Publikum, als CBB und Mattu den Unterschied zwischen Weltklasse und Kreisklasse aufzeigten.

Den gemütlichen Teil begleitete Acoustic Rock Resort (Siggi Blum) musikalisch.

Text: Matthias Lauterer




„Zehn Prozent eines Jahrgangs erscheinen gar nicht auf dem Arbeitsmarkt“

„Guten Tag, ich suche was Neues und habe noch 29 Jahre zu arbeiten“. Mit diesen Worten begrüßt ein Bewerber seine Gesprächspartner eines Unternehmens beim Karrieretag Familienunternehmen, der am 01. Juli 2022 im Carmen-Würth-Forum stattfand.

An diesem Karrieretag hatten rund akkreditierte 600 Bewerber die Möglichkeit, sich bei führenden Familienunternehmen der Region und aus ganz Deutschland vorzustellen. Die Bewerber wurden vorab vom Veranstalter aus rund 1.200 Bewerbungen ausgewählt. Initiiert wird dieser Event von „Der Entrepreneurs Club“, der Stiftung Familienunternehmen und einigen führenden Familienunternehmen. WÜRTH richtete das Event schon zum zweiten mal aus.

Offensive Bewerbungen inzwischen üblich

Derartig offensive Vorstellungen seien heute üblich, bestätigt Björn Hindersin, Personalleiter der Joseph Dresselhaus GmbH & Co. KG. „Der Arbeitsmarkt hat sich gedreht: Nicht der Bewerber präsentiert sich, sondern das Unternehmen“. Er sieht vielfach ein regelrechtes Anspruchsverhalten bei den Bewerbern, manchmal gehe es mehr um Benefits als um die Arbeitsinhalte.

Gesucht werden Talente für alle betrieblichen Bereiche und in allen Qualifikationsstufen. Nicht alle Bewerber können aus dem eigenen Haus kommen, auch wenn die klassische duale Berufsausbildung in kaufmännischen und technischen Berufen und darauf folgend eine innerbetriebliche Weiterentwicklung weiterhin eines der Standbeine für die Talentgewinnung sind.

Hohe Qualität der Bewerber

Eine vor Corona wachsende Wirtschaft und geburtenschwache Jahrgänge tragen zur Knappheit von qualifizierten Kräften bei, dazu kommt, so Ralf Sturm von ebm-papst: „10 Prozent eines Jahrgangs erscheinen gar nicht auf dem Arbeitsmarkt.“ Die Gründe dafür kennt er nicht. Von Hauke Hannig, Pressesprecher von ebm-papst, ist zu erfahren, dass ebm-papst drei große und rund 15 kleinere derartige Messen jährlich besucht. „Bei diesem Karrieretag finden wir eine sehr hohe Qualität vor. 28 Bewerbergespräche wurden bei ebm-papst terminiert – darunter nur fünf Frauen. Das mag aber daran liegen, dass man sich auf technische Stellen fokussiert haben.

Beginn eines Trends? Einige Bewerber kommen aus der Automotive-Industrie

Heike Siegmeth, Personalverantwortliche bei GEMÜ, nutzt alle Kanäle zur Personalgewinnung. Besonders angetan hat es ihr das SpeedDating, das jetzt zum viertenmal durchgeführt wird. „Hier haben wir eine gute Trefferquote“, berichtet sie. Die Punkte, die sie Bewerbern über das Familienunternehmen GEMÜ nennt, sind: GEMÜ arbeite für die Wachstumsbranchen Pharma und Ernährung – das seien positiv besetzte Branchen-, zeige ein stetiges Wachstum, sei innovativ und investitionsfreudig. Ausserdem gebe es persönliche Entwicklungsschancen, allerdings „nicht immer alles für jeden zu jeder gewünschten Zeit“. Ihr ist aufgefallen, dass sich vermehrt Bewerber anbieten, die bisher in der Automotive-Branche unterwegs waren. Den Wandel der Automotive-Branche sieht sie daher als Chance für andere Branchen, aber auch für die Menschen selbst.

Ebenfalls Produkte für die Pharmaindustrie stellt Bausch & Ströbel aus Ilshofen her: „Wenn Sie gegen Corona geimpft sind, dann ist die Chance hoch, dass wir im Herstellungsprozeß für den Impfstoff beteiligt waren“. Auch hier sieht man eine hohe Qualität bei den Bewerbern: „Wir haben rund 15 Gespräche vereinbart, dazu kommen spontane Gespräche“, gesucht werden Mitarbeiter für die Konstruktion, für die Automatisierung und die IT. Gefahren sieht man bei Bausch und Ströbel vor allem durch die Entwicklung der Inflation. „Steuerfreie Einmalzahlungen als Alternative zu Lohnerhöhungen“ könnten ein Mittel sein, wenn die Inflation hauptsächlich von kurzfristigen Effekten getrieben werde. „Die Corona-Prämien waren eine gute Sache.“

Unternehmen geben der Politik Ratschläge zur Abmilderung des Fachkräftemangels

Auf Nachfrage stellt auch Jule Noe, Personalreferentin bei Ziehl-Abegg, fest, dass es vermehrt Bewerber:innen mit Automotive-Hintergrund gibt. „Der Effekt ist spürbar und von dort kommen qualifizierte Fachkräfte.“ Sie sieht in einer Zeit des demografischen Wandels auch die Politik in der Verantwortung: „Das Bildungssystem müsste vermehrt Bildungswege aufweisen“, meint sie und stellt fest, dass das Digitalisierungs-Know-How an den Schulen teils veraltet sei. Ein weiterer Ansatzpunkt, der auch in der Verantwortung der lokalen Politik liegt: „Der Wohnungsmarkt ist begrenzt, die Preise sind entsprechend hoch. Das macht es für Bewerber unattraktiv“ – das ist ein klarer Appell an die Gemeinden, Wohnraum auch für Familien zu schaffen.

Wohnraum für Familien notwendig

Andere Anforderungen an die Politik nennen Sara Müller und Sascha Zillich von Berner: „Die Politik soll sich nicht einseitig auf die Förderung der Studiengänge konzentrieren, sondern auch Ausbildungsberufe und das Ansehen der Ausbildung an sich fördern.“ Außerdem soll die Politik generell die Infrastruktur im ländlichen Raum fördern, dazu gehöre insbesondere schnelles Internet und der Handyempfang, aber auch der Wohnungsbau. „So können wir junge Leute auch hier halten.“
Bei Berner habe man auf diesem Karrieretag keinen engen Fokus gesetzt, man sei in einem Wachstumsprozess und habe einen breiten Bedarf. Rund 30 Gespräche habe man vereinbart. Die Vorteile eines Familienunternehmens auf dem Arbeitsmarkt lägen darin, dass man noch Werte leben kann, die Kollegialität und dass „alle an einem Strang ziehen“. Auch dass kein Quartalsdenken vorherrsche, und man Produkte oder Prozesse aufbauen könne, „die 10 – 15 Jahre Bestand haben“, sei ein Argument. Die Unternehmensstruktur mache es aber auch möglich, in die Millionenstadt Köln zu gehen, explizite Programme dafür gebe es allerdings nicht.

Inflation als Gefahr für die Unternehmen

Robert Schwarz vom Modehaus Röther aus Schwäbisch-Hall formuliert ebenfalls Anforderungen an die Politik: „Die Politik muß die Teuerung eindämmen“ – als Anbieter von nicht lebensnotwendigen Güter merkt er den Effekt der Inflation natürlich unmittelbar. Außerdem sieht er, dass die Rahmenbedingungen, um Mitarbeiter aus dem Ausland zu beschäftigen, zu kompliziert sind. Die Modebranche ist international, „man muß einfach Mitarbeiter aus dem Ausland einbinden“, meint Schwarz.

Veranstalter zeigt sich zufrieden

Veranstalter Stefan Klemm vom Entrepreneurs Club zeigte sich zufrieden: „Wir freuen uns sehr und bedanken uns herzlich, bereits zum zweiten Mal zu Gast bei Würth die Fach- und Führungskräfte von morgen mit den großen Familienunternehmen persönlich zusammenzubringen. Das Arbeitsumfeld hier kommt gerade den Nachwuchstalenten mehr entgegen und der Trend wird sich noch verstärken. Die heute anwesenden Firmen haben weit über 3.000 Stellen offen und es finden heute über 1.000 vorterminierte Einzelinterviews statt“ – es dürften deutlich mehr Gespräche geworden sein.

Text: Matthias Lauterer