„Wir wollen, dass jeder alles sehen kann“
Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe, in dem beispielsweise die archäologischen Funde aus Klepsau liegen (GSCHWÄTZ berichtete), hat ein ganz besonderes Museumskonzept: „Wir wollen, dass jeder alles sehen kann“, sagt Dr. Alexander Wolny, der als Leitender Explainer insbesondere die Archäologie in Baden betreut, „das ist die Philosophie unseres Museums“. In vielen Museen liegen Funde und Exponate in einem Fundus oder einem Archiv und werden höchstens für eine spezielle Ausstellung hervorgeholt und ausgestellt, in Karlsruhe ist das anders.
Individuelle Präsentation von Ausstellungsstücken
Und so ist Wolny stolz darauf, dass die Museumsstücke inzwischen zum allergrößten Teil digitalisiert sind und im digitalen Katalog, der im Internet unter Digitaler Katalog – Badisches Landesmuseum zu finden ist, zur Verfügung stehen. Und wem die Aufnahmen im digitalen Katalog nicht ausreichen, der kann sich fast alle Stücke, die ihn interessieren, auch anschauen: Anmeldung und Terminvereinbarung genügt, dann werden die Stücke individuell von einem kenntnisreichen Museumsmitarbeiter, einem sogenannten Explainer, präsentiert.
Die Digitalisierung des Museums
Besonders stolz ist Wolny auf eine Art Museumsversuchslabor. „Ab 2025 wird das Gebäude renoviert, da wird uns viel Ausstellungsfläche fehlen“, sagt Wolny, der aus der Not eine Tugend macht und auf einen digitalen Museumsbesuch hinarbeitet. Das Museum forscht also nicht nur an den Museumsstücken, sondern auch am Museum der Zukunft. Das „Pilotprojekt für ein neues Museumserlebnis“ soll ein digitalbasiertes Museumserlebnis möglich machen. Drei Konzepte sind derzeit verwirklicht und warten auf das Feedback der Besucher:
Highlights
An 16 Säulen werden 650.000 Jahre badischer Menschheitsgeschichte, ausgehend vom homo heidelbergensis, anhand einiger charakteristischer Ausstellungsstücke schlaglichthaft dargestellt. Eine Erklärung gibt es an den Säulen nicht – man muß seine Eintrittskarte vorhalten, dann erst erscheinen die Erklärungen. Die Eintrittskarten sind codiert: Erwachsene und Kinder erhalten unterschiedliche Informationen. „Es ist damit auch einfach möglich, die Erklärungen fremdsprachig zu hinterlegen“, meint Wolny.
Expothek
Ebenfalls ganz ohne klassische Erklärtafeln kommt die folgende Expothek aus: Die ausgestellten Stücke können mit einem bereitgestellten handyartigen Gerät gescannt werden, auf dem Bildschirm werden die Erläuterungen aus dem digitalen Katalog dargestellt. Hier bedienen sich die Gestalter allerdings eines kleinen Tricks, denn „genaugenommen werden nicht die Exponate gescannt, sondern der Hintergrund, der ein eindeutiges und maschinell erkennbares Muster aufweist“, grinst Wolny auf die Frage, ob die Software ähnliche Gegenstände so gut unterscheiden kann.
Die Tische in der Mitte laden zum interaktiven Museumsbesuch ein: Spiele für Kinder, Erklärungen für Erwachsene, hier sind der Fantasie der Besucher nur die Grenzen der bisher implementierten Daten und Software gesetzt. „Die Besucher nehmen das an, nicht nur Kinder und junge Leute. Auch Großeltern sitzen da und sind kaum wegzukriegen“, hat Wolny mit diesem Konzept bisher gute Erfahrungen gemacht. Das Beste daran: die virtuellen Objekte können direkt in natura angesehen werden – die Vitrinen und Schubladen sind gut gefüllt.
ExpoLab
Nicht für alle geeignet ist der dritte Raum: Dort kann man mit 3D-Brillen virtuell in die Vergangenheit eintauchen. „Da kann es schon vorkommen, dass jemandem schwindlig wird“. Diesen Menschen stehen „klassische“ Bildschirme zur Verfügung, auf denen sie den Reisen in die Vergangenheit folgen können. „Das ist für Viele gewöhnungsbedürftig“, weiß Wolny, „aber Kinder und Jugendliche lieben den Umgang mit den 3D-Brillen. Die Älteren brauchen etwas Eingewöhnungszeit.“
„Es gibt ständig neue Entwicklungen“
Und was wird für die Umbauzeit realisiert? Das weiß Wolny noch nicht: „Es gibt ständig neue Entwicklungen“ – er will ja nicht 2025 ein Konzept präsentieren, das schon wieder veraltet ist. Außerdem will man das Feedback der Besucher:innen aufnehmen und in die Präsentation einarbeiten. Das Museum arbeitet bei der Entwicklung des digitalen Konzeptes mit Forschungsinstituten zusammen: Beispielsweise mit einem Fraunhofer-Institut, das einen 3D-Scanner entwickelt hat, um archäologische Funde in eine virtuelle 3D-Darstellung zu überführen, sowohl zur Präsentation als auch zur weiteren Forschung. Auch dieser Scanner ist im Publikumsbereich installiert, wer will, kann ein Stück seiner Wahl scannen lassen.
Und für manchen Besucher hat der Scanner sogar eine höhere Anziehungskraft als die archäologischen Funde.
| Das Badische Landesmuseum ist aus Hohenlohe mit der S4 ab Öhringen-Cappel ohne Umsteigen erreichbar. Von der Haltestelle Kronenplatz sind es noch wenige Minuten Fussweg zum Schloss.
Öffnungszeiten, Eintrittspreise und Informationen zu den verschiedenen Angeboten des Museums finden sich auf der Homepage www.landesmuseum.de. |
Text: Matthias Lauterer















