Gegen den Kinder- und Jugendarzt Dr. Scheel (GSCHWÄTZ berichtete) aus Steinheim/Murr hat die Staatsanwaltschaft Heilbronn bereits im April 2022 Anklage zum Landgericht Heilbronn erhoben. Ihm wird vorgeworfen, er habe in 554 Fällen „Impfunfähigkeitsbescheinigungen für Kinder und Erwachsene im ganzen Bundesgebiet zur Vorlage bei Behörden ausgestellt, ohne die betroffenen Personen selbst untersucht oder die Angaben zur Krankheitsgeschichte geprüft oder auf sonstige Weise verifiziert zu haben.“ Der Hauptverhandlungstermin liegt noch nicht fest.
Auch Hohenloher Familien im Fokus der Staatsanwaltschaft
Über dieses Verfahren rückten auch einige Familien aus dem Hohenlohekreis in den Fokus der Staatsanwaltschaft: „Spiegelbildlich hierzu hat die Staatsanwaltschaft gegen die (ermittelbaren) Besteller ebenfalls einen Anfangsverdacht wegen Anstiftung zum Ausstellen eines unrichtigen Gesundheitszeugnisses bzw. wegen des Gebrauchs eines unrichtigen Gesundheitszeugnisses (§ 279 StGB) bejaht.“ GSCHWÄTZ berichtete bereits über zwei Fälle aus dem Bereich des Amtsgerichts Künzelsau, in denen die Eltern jeweils nennenswerte Geldsummen zu zahlen haben.
Vorwurf: Atteste ohne Untersuchung ausgestellt
Dr. Scheel hat – so die Staatsanwaltschaft – die Möglichkeit, eine Impfunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten, ggf. auch ohne Vorstellung in der Praxis, vom Beschuldigten auf seinem Internetauftritt ganz offen angeboten. Dieser Text findet sich auf seiner aktuellen Webseite nicht mehr.
„Ein unrichtiges Gesundheitszeugnis liegt aber auch dann vor, wenn der Arzt den Patienten zuvor nicht ordnungsgemäß untersucht hat.“
Das Landgericht Nürnberg-Fürth bestätigt in einer Entscheidung vom 28. Juli 2022: „Damit ist zwar nicht gesagt, dass die mutmaßlich ausgestellten Impfunfähigkeitsbescheinigungen sachlich falsch sein müssen; vielleicht treffen sie nach den dem Arzt schriftlich geschilderten Krankengeschichten sogar zu. Ein unrichtiges Gesundheitszeugnis liegt aber auch dann vor, wenn der Arzt den Patienten – wie hier der Verdacht besteht – zuvor nicht ordnungsgemäß untersucht hat.“
Ein Elternpaar wollte dort die Unrechtmäßigkeit einer Hausdurchsuchung feststellen lassen. Das Gericht hielt die Hausdurchsuchung unter anderem mit dieser Begründung aber für rechtmäßig und angemessen.
Eigene Ansprüche nicht erfüllt?
Auf jeden Fall will die Vorgehensweise, ohne körperliche Untersuchung und gegen Einsendung von 10 Euro eine medizinische Bescheinigung auszustellen, so gar nicht zu dem passen, was Dr. Scheel auf seiner Homepage an Zielen formuliert, etwa „eine naturheilkundlich-ganzheitliche Betreuung ihrer Kinder bei uns zu erreichen“.
Eher Guru als Arzt?

Selbstbild Dr. Scheel. Screenshot www.dr-scheel.de, 09.08.22
Auf älteren Versionen seiner Hompepage, die beispielsweise mittels wayback-machine immer noch abrufbar sind, zeigt Scheel eine Nähe zu allerlei alternativmedizinischen Ansätzen, von durchaus angesehenen Therapien wie Akupunktur bis hin zu esoterischsten Methoden wie Antlitz-Diagnostik, energetisch-geistige Heilung, Rückführungen oder Störfeldsanierungen. Dass er auch Lebensberatung und Motivationstraining als Leistung der Praxis anbietet, passt gut dazu. Man kann ihn eigentlich kaum noch als einen klassischen Arzt bezeichnen, obwohl er das natürlich ist. Eher stellt er sich selbst als einen heilbringenden Guru dar – den Eindruck gewinnt man durch die Fotos von sich, die er veröffentlicht.
Selbst vor numerologischen Deutungen der aktuellen Jahreszahl schreckt er nicht zurück.
Siegertypen
In altbewährter Motivationstrainer-Manier erklärt Scheel alle seine Patienten – er ist Kinder- und Jugendarzt – zu Siegertypen, die in dieser Welt alles erreichen können:

Screenshot dr-scheel.de, Version vom 18.2.2019
Und wenn die Behandlung den Patienten nicht zur Heilung führt, dann liegt es am Patienten, denn

Screenshot dr-scheel.de, Version vom 18.2.2019
dann hat der Patient einfach nicht genug getan. Die Methoden der evidenzbasierten Medizin bezeichnet er als „schlecht“.
Nähe zu Personen aus der Corona-Massnahmengegner-Szene
In früheren Versionen seiner Webseite zeigt Scheel noch 2019 auch eine Nähe zu Menschen, die später Führungsrollen in der Corona-Massnahmen-Gegner-Szene übernehmen sollten, wie zum Beispiel zu Heiko Schrang. Schrang ist ein Anhänger und Verbreiter von Verschwörungstheorien, der tief in der rechts-esoterischen Szene verwurzelt ist und sich, wie zum Beispiel auch Michael Ballweg, von seinen Anhängern Geld schenken läßt. Er nennt es allerdings, anders als Ballweg, „Freiwillige Zuwendung“.

Screenshot www.heikoschrang.de / 05.Aug.2022
In wikipedia wird über Schrang gesagt: „Er relativiert den von Menschen gemachten Klimawandel und wendet sich gegen eine angebliche »Corona-Lüge«. Er vertritt die Auffassung der Reichsbürger, wonach Deutschland kein souveräner Staat, sondern eine Firma sei. Er behauptet, dass die »Geheimorganisation« der Bilderberger die »Flutung Europas mit Flüchtlingen« geplant und gesteuert habe und er erkennt im »Kulturmarxismus« einen »teuflischen Plan« zur Zersetzung der Gesellschaft.“
Sein Verlag, der unter dem Motto „Macht steuert Wissen“ steht, vertreibt seine Bücher, die beispielsweise Titel wie „Die Jahrhundertlüge, die nur Insider kennen (Teil 1 und 2)“ oder „Im Zeichen der Wahrheit“ – schon die Titel verweisen auf esoterische Inhalte.
Mobilisierung der Massen
Die Homepage von Dr. Scheel diente aber nicht nur zur Darstellung seiner Praxis und seiner Heilmethoden, sondern auch zur Mobilisierung seiner Anhänger. Im Rahmen eines Verfahrens, mit dem ihm die Kassenzulassung entzogen werden sollte, rief er zur Unterstützung auf – und erhielt sie auch: Mehrere Tausend Menschen demonstrierten dafür, dass er weiterhin als Kassenarzt arbeiten darf.

Screenshot dr-scheel.de, Version 11.07.2020
Die Mittel, die er verwendet, sind zweifelhaft: So hat er beispielsweise ein Foto einer ZDF-Redakteurin und deren Dienstadresse veröffentlicht. Diese Vorgehensweise, private Daten eines Gegners zu veröffentlichen, nennt man inzwischen Doxxing. Und Doxxing wird heute in sozialen Netzwerken massiv angewendet, um Gegner aus dem Weg zu schaffen oder zumindest mundtot zu machen. Und, Ironie oder nicht: Ausgerechnet bekannte Menschen aus der rechtspopulistischen Szene werfen allen anderen vor, gezielt mittels Doxxing eine „Cancel-Culture“ gegen sie zu betreiben.
Scheel hat bereits „Cancel-Culture“ betrieben, bevor das Wort überhaupt erfunden war. Auch hier entspricht das Handeln nicht den selbst aufgestellten Ansprüchen, denn als ein Zeichen von Frieden, Glück und Liebe wird man dieses Vorgehen sicher nicht bezeichnen können.
Text: Matthias Lauterer