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„Die Eidechsen sind gelaufen“

Im Ingelfinger Bürgermeisterwahlkampf kam bei Gesprächen das Thema des Öfteren auf die Umsiedlung der Eidechsen bei der Rebflurneuordnung am Hohen Berg. Obwohl die Flurneuordnung längst beendet ist (GSCHWÄTZ berichtete), scheinen sich die Ingelfinger Bürger:innen noch immer mit dem Thema zu beschäftigen. Interessante Geschichten waren zu hören, beispielsweise von Hubschrauberflügen für die Eidechsen. GSCHWÄTZ hat bei Friedrich Küßner, dem Leiter des Flurneuordnungsamts nachgefragt, was es mit den Hubschrauberflügen auf sich hat und wie es den umgesiedelten Eidechsen heute geht.

Dienstleister für die Land- und Forstwirtschaft

Das Flurneuordnungsamt beschreibt Küßner als einen Dienstleister, insbesondere für die Landwirtschaft. Aufgabe sei es, die Arbeitsbedingungen für die Land- und Forstwirtschaft zu verbessern, beispielsweise durch Bau und Unterhalt von Wegen. „Eine flächendeckende Planung im gesamten Flurneuordnungsgebiet berücksichtigt alle bedeutsamen Belange. Dies sind neben der Neuordnung und Erschließung der Gemarkung beispielsweise Rückhaltebecken, die Sicherung ökologisch wertvoller Flächen, die Neuanlage von Biotopen, aber auch Ortsgestaltung, Straßen, Radwege, Gewässerrenaturierung und vieles mehr“, schreibt das Landratsamt auf seiner Webseite.

„Das Vorkommen der Zauneidechse war vorab nicht bekannt“

Anlage von Querterrassen in Ingelfingen. Foto: LRA Hohenlohekreis

Im Ingelfinger Hohen Berg waren die Weinbauflächen stark zerstückelt, eine moderne maschinelle Arbeitsweise war kaum möglich. Daher entschloß man sich, eine Rebflurneuordnung in Zusammenarbeit mit den Grundstückseigentümern in Angriff zu nehmen, die unterschiedlichste Maßnahmen beinhaltete: Zusammenlegung von Flächen, Anlage von querterrassierten Weinbergen, eine Wasserversorgung der Weinberge – und natürlich die Schaffung von Ausgleichsflächen für seltene Tier- und Pflanzenarten. „Die alten Trockenmauern waren natürlich ein Lebensraum, das mußte ausgeglichen werden.“ Alles war geplant, der erste Spatenstich hatte bereits stattgefunden, Rebflächen waren bereits gerodet – da streckte erstmals eine Zauneidechse ihren Kopf aus einem Loch: „Das Vorkommen der Zauneidechse war vorab nicht bekannt“, sagt Küßner. Ein Baustopp war die Folge.

Ein Jahr mehr Ausfall für die Weingärtner

„Verstimmt“ seien die Grundstückseigner, aber auch die Naturschutzorganisationen gewesen, meint Küßner, sein Lächeln deutet an, dass es vereinzelt wohl mehr als nur eine „Verstimmung“ gegeben haben muß. Verständlich, bedeutete doch der Baustopp für die Weingärtner einen Ausfall von einem weiteren Jahr.

Die Verstimmung kann Susanne Schmetzer vom Weingut Gaufer in Ingelfingen bestätigen: Nicht nur, dass die Ausfallzeit länger als geplant war, auch die Kosten für die Grundeigentümer sollten aufgrund der Artenschutzmaßnahmen deutlich steigen: „Waren anfangs rund 200 Euro pro ar angesetzt, stieg die Summe zwischenzeitlich auf gut 300 Euro.“ Ein deutlicher Brief der Eigentümer an das Land führte dazu, dass das Land die Fördersumme erhöhte: „Das Land hat sein Versprechen gehalten“, so Susanne Schmetzer. Sie sagt aber auch: „In Niedernhall haben sich die Eidechsen in den neuen Weinbergterrassen sofort wieder angesiedelt und fühlen sich wohl.“

Mit dem Büro für Landschaftsarchitektur Laufer wurde einer der anerkannten Reptilienexperten ins Boot genommen – und der hatte die Aufgabe, das Projekt ohne Gefahr für die Eidechsen fortzusetzen. Seine Vorschläge, die zusammen mit den Eigentümern erarbeitet wurden, lauteten, dass erst ein Gelände für die Eidechsen hergerichtet werden soll und die Eidechsen dann aus ihrem alten Lebensraum „vergrämt“ und in den neuen Lebensraum umgesiedelt werden sollten.

Gerade noch rechtzeitig

Steinlinsen als Lebensraum nicht nur für die Zauneidechse. Foto: GSCHWÄTZ

So wurden an einer der steilsten Stellen des Hanges 35 sogenannte „Steinlinsen“ angelegt, dazu jeweils ein Sandplatz zur Eiablage und ein Holzhaufen als Jagdplatz und Versteck. An dieser Stelle kommt der Hubschrauber ins Spiel: Erstens, so Küßner, sei die Zeit schon weit fortgeschritten gewesen und den Weingärtnern drohte ein weiteres Jahr Verzug. Und zweitens sei die Arbeit mit LKWs und Baggern in dieser steilen Hanglage gar nicht oder nur sehr teuer und unter großen Gefahren möglich gewesen. Man habe sich daher entschlossen, die Materialien für die Steinlinsen zielgenau mit einem Hubschrauber anliefern zu lassen. „Das war letztlich deutlich die wirtschaftlichste Lösung gewesen“. Und nein – er kennt die Erzählungen vom Lufttransport der Tiere auch – der Hubschrauber habe wirklich nur Material geliefert, „die Eidechsen sind gelaufen“. Ihr altes Habitat sei mit Folie abgedeckt worden, vorab angebrachte Reptilienzäune hätten die Eidechsen zum neuen Gelände geführt. Gerade noch rechtzeitig, dass die Bepflanzung der Weinberge mit jungen Reben noch möglich war und kein weiteres Ausfalljahr notwendig wurde.

Monitoring

Rotflügelige Ödlandschrecke. Foto: Photographed in the ZSM by Tanja Kothe, CC BY-SA 3.0

Ein 5-jähriges Monitoring des Bestandes schloß sich der Umsiedlung an. In den ersten drei Jahren stieg die Population stark an, danach sank sie wieder ab. Küßner sieht für das Absinken mehrere Gründe: Zwei trockene Jahre seien das gewesen, dazu hätte der Schäfer vielleicht etwas zuviel des Guten getan, vermutet Küßner. Man habe daher nachgesteuert und zusammen mit dem Schäfer Maßnahmen getroffen: Im Eidechsengebiet sollen keine Ziegen mehr grasen und die Gehölze sollen nicht mehr so stark zurückgenommen werden. Die Eidechsen haben damit mehr Verstecke und sind für ihre Freßfeinde, das sind beispielsweise diverse Vogelarten, dazu Marder, Füchse und Igel, aber auch die mit umgesiedelte Schlingnatter, nicht mehr so leicht erkennbar.

Großer Erfolg

Insgesamt hält Küßner die Rebflurbereinigung für einen Erfolg. Der neu geschaffene Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten, er nennt neben der Zauneidechse die rotflügelige Ödlandschrecke und die Weinbergtulpe, schaffe einen neuen und komplexen Lebensraum, von dem auch das Landschaftsbild profitiere. Aber auch die technischen Aspekte der Neuordnung seien sehr gelungen: Die Querterassen schützen vor Abtragung bei Starkregen, lange Weinbergzeilen ermöglichen den Einsatz moderner Maschinen und die Bewässerungsanlage sorgt dafür, dass es auch bei Trockenheit noch einen Ertrag gibt.

Text: Matthias Lauterer




Müllsünder entsorgt Altöl und Restmüll am Waldrand

Immer wieder machen Bürgerinnen und Bürger die Abfallwirtschaft auf illegale Müllablagerungen aufmerksam. Doch was die Mitarbeiter der Abfallwirtschaft Hohenlohekreis dieser Tage am Waldrand nördlich von Büschelhof entdeckten, rief auch die Polizei auf den Plan. Hier hatte ein Umweltsünder den Tatbestand der Ordnungswidrigkeit längst überschritten: Neben Pizzakartons und weiterem Verpackungsmüll stand eine Plastikwanne mit Altöl inmitten der malerischen Natur.

„Der unerlaubte Umgang mit gefährlichen Abfällen ist ein Straftatbestand“, so Daniel Fessler, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn. „Daher arbeiten wir mit der Abfallwirtschaft Hohenlohekreis in Fällen wie diesem Hand in Hand zusammen, um den oder die Verursacher zu finden. Es steht außer Frage, dass er oder sie mit einer Strafanzeige rechnen muss.“ Zeugen werden gebeten, ihre Beobachtungen an den zuständigen Polizeiposten Niedernhall, Telefon 07940 8294, zu melden.

Altöl ist gefährlich für die Umwelt

Ein Tropfen Altöl kann hunderte Liter Trinkwasser unbrauchbar machen, wenn es in den Erdboden oder den Abfluss gelangt. Richtig entsorgt hingegen kann es gereinigt und aufbereitet oder als Brennstoff verwertet werden. „Die Gefahr, die von unsachgemäß entsorgtem Altöl ausgeht, ist allgemein bekannt“, so der Geschäftsführer der Abfallwirtschaft Hohenlohekreis Sebastian Damm. „Es ist mir unbegreiflich, wie Menschen unserer schönen Hohenloher Natur so etwas antun können.“

Altöl kann kostenlos entsorgt werden

Die Kosten für die Entsorgung können kein Motiv für die illegale Ablagerung am Waldrand sein. Denn sie ist für Privatpersonen einfach und kostenlos: Der Handel ist verpflichtet, verbrauchtes Öl in der verkauften Menge kostenfrei zurückzunehmen und ordnungsgemäß zu entsorgen. Die Abfallwirtschaft rät: Geben Sie das Altöl in fest verschlossenen Behältern unter Vorlage der Quittung dort zurück, wo Sie es gekauft haben. Zudem kann Altöl auch bei der zweimal im Jahr stattfindenden Problemstoffsammlung oder ganzjährig bei Entsorgungsfirmen im Kreis abgegeben werden. Die Adressen der Annahmestellen sind dem Abfall-ABC auf der Website der Abfallwirtschaft zu entnehmen.

Mehr Informationen

Weitere Informationen zur korrekten und umweltschonenden Entsorgung von Abfällen aller Art stehen auf der Homepage der Abfallwirtschaft www.abfallwirtschaft-hohenlohekreis.de und in der Abfall-App zur Verfügung. Sie ist immer aktuell und steht in den gängigen App-Stores unter dem Namen „Abfallinfo HOK“ kostenlos zum Download zur Verfügung. Gerne berät auch das Team der Service-Hotline telefonisch unter 07940 18-555 oder per E-Mail an info@abfallwirtschaft-hohenlohekreis.de.

Pressemitteilung AWH




„Sommer in der Stadt“ mit Live-Musik von Rockzylla

Auch im September gibt es noch zwei Mal Live-Musik in Künzelsau. Am Donnerstag, 1. September 2022 von 17 bis 21 Uhr tritt die Band Rockzylla am Oberen Bach auf. Für Essen und Getränke ist gesorgt. Der Eintritt ist frei.

Die Musikerin und Musiker von Rockzylla halten, was ihr Bandname verspricht: Sie sorgen für einen unterhaltsamen Abend mit Pop und Rock.

Sommer in der Stadt an Künzelsaus schönsten Plätzen

Sommer in der Stadt – gut besucht. Foto: GSCHWÄTZ

Platz nehmen, den Sommer und die Stadt genießen – dazu lädt die Stadtverwaltung Künzelsau von Juni bis September schon im dritten Jahr ein. Dabei werden die schönen Plätze in Künzelsau zur Bühne für die Live-Musik-Abende. Zum gemütlichen Verweilen wurden an verschiedenen Stellen Sandflächen geschaffen sowie Liegestühle, Oleander und Palmen aufgestellt. Ziel der Stadtverwaltung war und ist es, die Innenstadt attraktiv und lebendig zu präsentieren. Deshalb organisiert das Kultur- und Veranstaltungsteam der Stadtverwaltung die Termine, engagiert die Live-Bands und übernimmt die Gagen. Damit erhalten die Künzelsauer Gastronomiebetriebe die Möglichkeit, an ihren Standorten die Besuchenden in eigener Regie und Verantwortung mit Essens und Getränke zu bewirten. Die Sommer-in-der-Stadt-Abende wurden in der Corona-Zeit als Unterstützung der Gastronomiebetriebe gestartet. Die Live-Musik-Abend kommen so gut an, dass sie in der
Zwischenzeit dauerhaft in den Künzelsauer Veranstaltungskalender aufgenommen sind.

Noch zwei Abende mit Sommer in der Stadt 2022

01.09.: Oberer Bach; Rockzylla
08.09.: Hauptstraße; Little Miss Martin

Pressemitteilung Stadt Künzelsau




Wespen: Wie verhalte ich mich richtig?

  1. Essen und Trinken abdecken

Möchten Sie im Freien essen, decken Sie das Essen möglichst ab und räumen Reste nach dem Essen schnell weg. Auch Getränke, vor allem mit Zucker oder Bier, sollten nie unbedeckt draußen stehen.

  1. Heftige Bewegungen vermeiden

Versuchen Sie ruhig zu bleiben und Wespen nicht durch Wedeln zu verscheuchen. Ein sanftes Wegschieben mit der flachen Hand oder einem Kissen hilft. Oft gibt die Wespe dann relativ schnell auf.

  1. Ablenkfütterungen anbieten

Bieten Sie den Tieren deutlich abseits vom Tisch etwas Süßes oder Fleischiges an. Das kann dazu führen, dass weniger Tiere zum Tisch fliegen.

  1. Fallobst ständig beseitigen

Fallobst zieht Wespen magisch an. Die Tiere kommen jeden Tag zu den Bäumen zurück, die Früchte abgeworfen haben. Beseitigen Sie deshalb am besten das Fallobst rund um Ihr Haus.

  1. Abstand zum Blumenbeet einhalten

Blühende Blumen wie Goldrute oder Herbstastern locken neben Bienen und Hummeln auch kleinere Insekten an, die wiederum von Wespen als Futter für den Nachwuchs gejagt werden. Ein Abstand zwischen Blumenbeet und Terrasse sorgt dafür, dass Sie ungestört von der Jagd draußen sitzen können.

  1. Insektenschutzgitter an Fenstern und Türen installieren

Insektenschutzgitter an Fenstern und Balkontüren helfen sehr gut dabei, Wespen aus den Innenräumen des Hauses fernzuhalten.

  1. Zugänge am alten Wespennest verschließen

Ein altes Wespennest wird zwar nicht wieder benutzt, dennoch gründen junge Königinnen im nächsten Frühjahr gerne in der Nähe der alten Heimstätte ein neues Nest. Versuchen Sie deshalb, die Ritzen oder andere Zugänge des alten Nestes zu verschließen, bevor im Frühjahr ein neues Volk entsteht.

  1. Tiere und Nest leben lassen

Wespen sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz geschützt. Als wildlebende Tiere dürfen sie nicht mutwillig beunruhigt, gefangen, verletzt oder getötet werden. Auch ihr Nest darf nicht zerstört werden. Außerdem stehen bestimmte Wespenarten unter einem besonderen Schutz, wie zum Beispiel die Hornisse. Eine Befreiung von diesen Verboten ist nur möglich, wenn ein überwiegend öffentliches Interesse besteht oder wenn das Einhalten des Gesetzes zu einer unzumutbaren Belastung im Einzelfall führt. Wespennester dürfen nicht eigenmächtig zerstört werden, sondern müssen von einem Experten entfernt werden. Wenden Sie sich dazu an die Untere Naturschutzbehörde bei ihrem zuständigen Landratsamt, an die örtliche Feuerwehr oder an www.aktion-wespenschutz.de.

In vielen Fällen lässt sich jedoch mit ein wenig Umsicht mit den Wespen leben. Diese sterben im Herbst und danach kann das verlassene Nest entfernt werden.

  1. Gestochen: Was nun?

Wespenstiche führen bei gesunden Menschen – vom Kleinkind bis ins hohe Alter – zu einer etwa zwei Tage lang druckempfindlichen Hautschwellung an der Einstichstelle und einem anfangs ziehenden Schmerz. Langfristige gesundheitliche Schäden sind nicht zu erwarten. Die Beschwerden lassen sich lindern, indem man unmittelbar nach dem Stich Salmiakgeist auf die Stichstelle einmassiert. Auch Zitronensaft, eine halbe Zwiebel oder zerdrückter Spitzwegerich wirken lindernd.

Sollten Sie jedoch Allergien haben, kann es sein, dass Ihr Körper auf die im Gift enthaltenden Eiweißstoffe reagiert. Klären Sie bei bekannten Allergien die Gegenmaßnahmen im Vorfeld mit der Hausärztin bzw. dem Hausarzt ab. Im Notfall kontaktieren Sie den Rettungsdienst unter 112.

Übrigens: Nicht jede Wespenart wird dem Menschen lästig. Dies sind überwiegend nur die Gemeine und die Deutsche Wespe, die bis in den Herbst hinein aktiv sind. Die Feldwespen hingegen gehört nicht zu den lästigsten Wespenarten. Sie sind gerade in diesem Jahr hierzulande unterwegs und haben ihre Nester besonders gerne im häuslichen Umfeld. Man kann diese an den langen Hinterbeinen erkennen und daran, dass sie insgesamt etwas schlanker sind als andere Wespen. Der Vorteil: Feldwespen sind friedlich und an menschlichen Speisen nicht interessiert.

 

Pressemitteilung LRA Hohenlohekreis




Open-Air Kino im Roten Schloss

„Wunderschön“ ist ein Episodenfilm der deutschen Regisseurin und Filmschauspielerin Karoline Herfurth aus dem Jahr 2022. Der Film zeigt mit Humor und Sensibilität in loser Verknüpfung fünf Frauen im Spannungsfeld zwischen angekratztem Selbstbild und vermeintlich notwendiger Selbstoptimierung.

„Eine große Portion Humor und Romantik, ein genauer Blick auf das Leben, mit dem sich Zuschauer identifizieren können und einer positiven lebensbejahenden Botschaft, die man beschwingt aus dem Kino hinaus in die Welt tragen kann.“ (fbw-filmbewertung.com)
TRAILER zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=CTUSWiG8Hfk

Beginn 20:30 Uhr
Vorverkauf 8.50€ pro Person, hier gehts zum Ticketshop
An der Abendkasse 10.00€ pro Person




Angeklagter: „Diese Vorwürfe sind als nichtig anzusehen“

„Ich bin der Jens“, stellt sich der Angeklagte Jens Müller* am Donnerstag, den 25. August 2020, kumpelhaft im Verhandlungssaal 2 des Amtsgerichts Öhringen vor. Ihm wird Vergewaltigung in Forchtenberg vorgeworfen (wir berichteten).

„Ich bin der Jens“

„Ich nenne Sie Herr Müller“, entgegnet die Richterin ernst und nimmt die Personalien des Beschuldigten auf. Jens Müller wurde 1953 in Rumänien geboren und lebt seit 1979 in Deutschland. sei. Auf die Frage nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung antwortet er: „Ich kann Ihnen meinen Lebenslauf vorlesen. Es sind drei Seiten – wir haben ja Zeit.“ Er habe „22 Jahre Schule gemacht“ und besteht darauf, seine Berufserfahrung im Detail auszuführen. Mit seiner beigen Hose, seinem gestreiften Poloshirt und den weißen kurzgeschnittenen Haaren sieht der 69-Jährige aus, wie ein ganz normaler Rentner. So einen, wie man ihn bei einem Senioren-Tanzabend oder beim Bingo-Spielen antreffen könnte. Doch stattdessen wird ihm vorgeworfen, in Forchtenberg in seiner Wohnung in der Nähe des Sägewerks und in seiner Schusterei, Ende der 1990er Jahre zwei jugendliche Mädchen eingesperrt, bedroht, vergewaltigt, geknebelt und geschlagen zu haben. Von 1998 bis 2000 betrieb W. ein Geschäft für Schuhreparaturen in Forchtenberg. Zum Zeitpunkt der vermeintlichen Tat, 1998, war W., aufgrund eines Radunfalls 1981, zu 100% schwerbehindert.

Zu 100 Prozent schwer behindert

Anfangs wirkt der Angeklagte noch selbstbewusst, reißt Witze und redet dazwischen. Nach der ersten Aussage einer der mutmaßlich Geschädigten, Ina Peters, ist der Angeklagte sichtlich in sich zusammengesunken, blickt mit leeren Augen in den Saal.

22 Jahre nach der Vergewaltigung Anklage erhoben

Ina Peters und Marta Wintermann waren Freundinnen. Als Ina Peters Marta Wintermann 2020, 22 Jahre nach der vermeintlichen Vergewaltigung, anruft, um sie davon zu überzeugen, sich der Klage gegen den Jens Müller anzuschließen, protestiert diese. „Sie wollte im Nachgang da nicht mit reingezogen werde und habe Streit mit ihrem Mann gehabt, weil Ina Peters sie deswegen kontaktiert und die Anzeige gestellt hat. Das sollte nicht publik werden“, erzählt Fr. B., die Familienhelferin der Familie von Ina Peters, vor Gericht.

Die Schilderung der Ina Peters nach Polizeiprotokoll ist folgende:

Forchtenberg, 1998. Ein bis zwei Wochen vor den Sommerferien. Die 15-Jährige Zeugin Ina Peters habe Schuhe in der Schusterei des Jens Müller abholen wollen. Auf einmal habe der Angeklagte die Jugendliche gegen ihren Willen umarmt, die Tür geschlossen und sie in einen Nebenraum gedrängt. Dieser sei halb unter der Erde gelegen, es habe somit keine ebenerdigen Fenster gegeben – nur Lichtschächte, durch die spärlich Licht in den engen Raum gedrungen sei. Jens Müller habe Ina Peters auf ein Sofa gedrückt, ihren Wickelrock hochgeschoben und ihr die Unterhose vom Leib gerissen. Er habe die Knöpfe seiner Latzhose geöffnet, seine Unterhose herunter gestriffen und sein Glied in die Scheide der Geschädigten eingeführt. Anschließend habe er seine Vergewaltigung ungeschützt bis zum Samenerguss fortgeführt. Die Geschädigte habe Risse und Blutungen an der Scheide erlitten. Zurück im Verkaufsraum, habe sie es geschafft, den Beschuldigten durch einen Tritt in die Genitalien für einen Moment außer Gefecht zu setzen und ihm die Schlüssel zu entnehmen. Anschließend sei ihr die Flucht durch die Ladentür gelungen.

Die Schilderung der Marta Wintermann nach Polizeiprotokoll ist folgende:

Forchtenberg 1998. Die mutmaßlich Geschädigte ist damals 16 Jahre alt.

Der erste Übergriff: Der damals 45-jährige Jens Müller habe die Familie der Marta Wintermann gekannt und diese Tatsache für seine Zwecke ausgenutzt. Er habe ihr mehrfach gedroht, ihre Familienangehörigen zu vergewaltigen und zu überfahren, um sie dazu zu bewegen, in seine Wohnung zu kommen. S. sei aus Angst, er mache seine Drohungen wahr, auf seine Forderungen eingegangen und sei tatsächlich in seiner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung erschienen. Der Angeklagte habe Marta Wintermann mit den Worten empfangen, dass es „ja toll sei, dass sie zu ihm gekommen sei, da er so niemandem außer ihr weh tun müsse“. In den Räumlichkeiten von Jens Müller sei sie seinem Zugriff schutzlos ausgeliefert gewesen. Er habe sie auf seinem Bett in eine liegende Stellung gezwungen und ihr die Hose heruntergerissen. Anschließend habe er ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihr praktiziert und ihr den Mund mit den Worten zugehalten: „Halt still, dann ist es gleich vorbei.“

Der zweite Übergriff

Der zweite Übergriff: Der Angeklagte habe Marta Wintermann in Forchtenberg abgepasst und sie mit der Drohung in sein Auto gedrängt, dass er „wisse, wo ihre Oma und ihr Opa wohnen.“ Eingeschüchtert sei sie seiner Aufforderung und ihm so in seine Wohnung im Bereich des Sägewerks gefolgt. Dort habe er ihr alle Räume gezeigt und behauptet, „dass sie nun für deren Reinlichkeit zu sorgen habe, da er in Trennung lebe.“ Jens Müller habe sie ins Schlafzimmer gezogen. Es sei ihr unmöglich gewesen, zu fliehen. Er habe sie geschlagen, mit einem Tuch geknebelt und ihr gesagt, „dass sie schreien könne, so viel sie wolle. Tagsüber sei sowieso niemand im Haus.“ Jens Müller habe der Geschädigten die Arme über den Kopf gerissen und ungeschützten Geschlechtsverkeht bis zum Samenerguss mit ihr gehabt. Anschließend habe die 16-Jährige sich waschen müssen. Danach habe er der Geschädigten erlaubt, zu gehen.

Danach habe er der Geschädigten erlaubt, zu gehen

„Diese Vorwürfe sind als nichtig anzusehen“, verteidigt sich der Angeklagte. „Das sprengt den Rahmen eines normal denkenden Menschen. Es stimmt einfach nicht.“

„Ich war ein guter Freund der Familie“

Zum Fall Ina Peters erklärt Jrns Müller: „Ich war ein guter Freund ihrer Mutter und Tante. Ich habe mich gefühlt, als ob ich zu der Familie gehören würde. Ich war wirklich bei der Familie wie daheim, es war wie meine zweite Familie. Mit der Mutter und der Tante hatte ich täglich Kontakt. Ich habe Ina Peters vielleicht in der Ortschaft mal gesehen. Ich weiß nicht, ob sie vielleicht ein oder zwei Mal im Laden drin war. Vielleicht mit der Marta. Da hat die Marta glaube ich etwas abgeholt. Ich weiß es nicht mehr. Sonst habe ich sie nie gesehen. Ich habe ein Problem damit, mir diese Frau überhaupt bildlich vorzustellen.“

„schulmäßig unterstützt“

Marta Wintermann habe der Angeklagte „schulmäßig unterstützt“. Er habe auch Kontakt mit deren Mutter und Tante gehabt. „Die Großeltern habe ich öfters auf dem Weg gesehen. Das sind sehr nette und liebe Menschen. Marta ist öfter in den Laden gekommen. Sie hatte Probleme in der Schule und ich habe ihr bei ihren Matheaufgaben geholfen. Manchmal bat sie mich auch um kleinere Reparaturen. Da ging es dann mal um eine Halskette oder so. Soweit es möglich war, habe ich ihr ständig bei den Schulaufgaben geholfen. Sie war faul oder bequem in der Hinsicht.

Durch Zufall kam es dazu“, erläutert der dreifache Vater Jens Müller.

„Die Mutter war nicht so begabt“

Jens Müller führt weiter aus: „Die Mutter der Maria war nicht so begabt, als dass sie ihrer Tochter bei den Schulaufgaben helfen könnte. Wie ich vorher schon erwähnte: Ich habe ja viele, viele Schuljahre hinter mir. Mit Marta Vati habe ich auch schon gesprochen. Er hat die Marta öfter gesucht. Er war der deutschen Sprache sehr, sehr schlecht mächtig. Manchmal, wenn er sie nicht gefunden hat, dann hat er bei mir gesucht. Sie ist öfter einmal untergetaucht und hat sich versteckt.“

Das Mädchen sollte daraufhin abgeschoben werden

„1999“ sei Marta Wintermann „nach Pakistan abgeschoben“ worden, so Jens Müller. „Sie war sogar mal mit mir zusammen bei der Polizei in Öhringen und hat um Hilfe gebeten. Da hat der Polizeibeamte gesagt: ‚Es tut mir leid, da sind die Sitten so, da können wir nichts machen.‘ Da habe ich gesagt: ‚Halt mal, die ist doch hier geboren‘. Die Oma, die Mutti von ihrem Papa, war dort. Der Papa ist aus Pakistan, die Mutter aus Forchtenberg. Sie sollte dorthin zwangsverheiratet werden. Ein konkreter Auslöser ist mir nicht bekannt. Als Marta noch klein war, wurde ausgehandelt, dass sie mit einem gewissen Alter ihren jetzigen Mann heiraten wird.“ Wie sich im Laufe der Verhandlung ergibt, sei Marta Wintermann nach Pakistan geschickt worden, nachdem der Vater einen an Jens Müller adressierten Liebesbrief bei ihr gefunden habe.

Jens Müller beharrt auf seiner Version der einvernehmlichen Beziehung und des freiwilligen Geschlechtsverkehrs:

Jens Müller beharrt auf seiner Version der einvernehmlichen Beziehung und des freiwilligen Geschlechtsverkehrs: „Ich war nur in kurzer Hose. Dann ist sie gekommen. Sie kam oft vor der Schule wegen Matheaufgaben zu mir Nachhause. Sie hat angefangen mich an den Beinen zu streicheln und dann ist es halt passiert.“

Vor dem Samenerguss abgebrochen

Auf die Frage der Richterin, ob der damals 45-Jährige beim Geschlechtsverkehr mit der Schülerinn verhütet habe, antwortet dieser: „Ich selber habe immer aufgepasst, dass nichts passiert. Vor dem Samenerguss abgebrochen. Ich denke schon, dass das hilft. Ich bin aufgewachsen in einem Land, wo es keine Verhütungsmittel gab, da musste man so verhüten.“

„Ich weiß es nicht mehr“

Der Oberstaatsanwalt hakt weiter nach: „Sie als 45-Jähriger haben erkannt dass die 16-Jährige wohl was von ihnen wollen würde, weil sie mit ihrer Hand zufällig oder absichtlich Ihren Oberschenkel berührt hat? Wer hat also wen ins Schlafzimmer gebracht. Wer ist vorausgelaufen? Sie oder Marta? Und dann? Dann sitzen sie also auf diesem Schlafzimmerbett, die Marta sitzt neben oder vor Ihnen und greift Ihnen zufällig an den Oberschenkel. Wie kam es dann zum Geschlechtsverkehr? Haben Sie die Marta ausgezogen oder hat sie sich selbst ausgezogen? Was hatte denn die Marta an? Hat Sie die Maria zu sich gezogen oder haben Sie sich auf die Marta draufgelegt? Bevor es zum Eindringen kam und nachdem sie ihnen auf den Oberschenkel gegriffen hat, haben sie sich da geküsst? Haben sie sich überhaupt mal geküsst? Gab es auch Zungenküsse?“

„Ich weiß es nicht mehr“, sagt Jens Müller.

„Marta sagte: ‚Ich wurde bedroht. Ich musste das tun, was er wollte sonst würde er meiner Familie etwas antun und auch meinen Freunden’“, zitiert der Staatsanwalt aus der polizeilichen Vernehmung.

„Das ist eine Lüge“, entgegnet Jens Müller.

„Er hat mir die Hose heruntergezogen, sein Geschlechtsteil entblößt und ist dann direkt in mich eingedrungen“

„Den ersten Geschlechtsverkehr beschrieb Marta folgendermaßen“, liest der Staatsanwalt vor: „‚Er hat mich vorher nicht berührt. Er hat mir die Hose heruntergezogen, sein Geschlechtsteil entblößt und ist dann direkt in mich eingedrungen. Ich hatte sehr starke Schmerzen im Unterleib, im Scheidenbereich und auch in den Beinen wegen dem Auseinanderdrücken.’“ Weiter fragt der Jurist: „Beim ersten Geschlechtsverkehr – ist die Marta dann anschließend in die Schule gegangen?“ Jens Müller antwortet: „Normal schon. Ich habe sie nicht die Schule schwänzen lassen. Ja.“

„Er hat mich vin hinten gepackt und am Nacken ins Schlafzimmer gezogen“

„Marta sagt am Tag nach dem Geschlechtsverkehr hätte es einen weiteren Vorfall gegeben. Sie hätten ihr an der Bushaltestelle „aufgelauert“ und ihr gesagt, sie wisse, wo sie hinkommen solle nach der Schule: nämlich in die Werkstatt. Ich zitiere aus dem Vernehmungsprotokoll: ‚Er hat mir dann gesagt dass er weiß, dass meine Schwester noch in der Schule ist und dass er weiß, was sie an diesem Tag anhatte. Er kannte auch die Namen von den Freunden, von denen er wusste, dass sie sie regelmäßig besucht. Ich wusste dann genau, dass ich tun musste, was er sagt, weil er ernst machen würde.’ ‚Er hat mich von hinten gepackt und am Nacken ins Schlafzimmer geschoben. Das heißt, er hat mich an einer Hand am Nacken gepackt und mich mit der anderen Hand ins Schlafzimmer geschoben. Er hat wieder mir und ihm die Hose heruntergezogen. Ich habe dann angefangen zu schreien und er hat mir eine runtergehauen und mir dann meinen Mund mit einem Tuch zugebunden.’“

Vernehmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Die Vernehmung der mutmaßlichen Opfer Ina und Marta findet aufgrund des Opferschutzes unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, da beide Zeuginnen zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt noch minderjährig waren.

Danach wird die Tante von Ina verhört, die behauptet, Ina hätte den Vorfall nur erfunden und nur aus Sicht von Marta berichtet, dass es passiert sei. Sie wisse nichts davon.

Die nächste Zeugin ist die Familienhelferin der Ina, Frau B.. Diese erinnert sich: „Wir hatten ganz normal Besuchskontakt. Wir haben uns über Geschehnisse generell unterhalten und irgendwann sagte sie Ina dann, dass es einen Übergriff auf sie gegeben habe. Sie sagte, dass das in Forchtenberg bei einem Schuhmacher gewesen sei. (…) Ich habe ihr angeboten, mich zu informieren, ob da noch etwas zu machen ist. Sie hat ein paar Tage darüber nachgedacht, ob sie eine Aussage machen will. Dann sind wir zur Polizei gegangen. Details habe ich erst in der Vernehmung richtig gehört.“

Ein ominöser Liebesbrief

Auch die Polizeihauptkommissarin Fr. T., die mit den Ermittlungen in dieser Sache beauftragt war, tätigt eine Aussage: „Ich habe mit Ina telefoniert. Am Telefon war sie sehr aufgewühlt Sie habe jahrelang gebraucht, um die Sache zu verarbeiten. Der ganze Familienfrieden sei damals den Bach runtergegangen. Vom Vater sei sie nach dem Vorfall (mit Jens Müller) nach Pakistan geschickt worden. Sie hat sich schließlich sehr ungern auf die Vernehmung eingelassen.“ Durch Vernehmungen von Zeugen sei Marta erst ins Spiel gebracht worden. „Sie (Marta) konnte zwei Fälle (zwei Missbrauchsfälle) präzise beschreiben. Es sei aber zu weitaus mehr Fällen gekommen. Im direkten Anschluss habe ihre Familie von der Geschichte etwas mitbekommen. Es gab einen ominösen Liebesbrief. Der W. Habe sie gezwungen, den zu verfassen. Der Vater habe den Brief gefunden und sie daraufhin nach Pakistan gebracht. Sie meinte, sie sei gezwungen worden, den zu schreiben. Sie gab aber keine Erklärung, warum der Liebesbrief bei ihr war.“

Zwei Missbrauchsfälle konnte sie präzise beschreiben

Die Richterin geht in ihrer Urteilsbegründung auf diesen Liebesbrief ein: „Wir haben diese Geschichte mit diesem Liebesbrief, was für mich auch irgendwie seltsam ist. Wenn er sie dazu gezwungen hat, den zu schreiben, warum ist dann der Liebesbrief bei Marta und nicht bei Herrn Müller, damit er ihn als Beweismittel in den Händen hat?“

Eine der Zeuginnen ließ sich befragen von der Gutachterin

Schließlich wird die Gutachterin, Fr. D.-H. zur Glaubhaftigkeit der Aussagen der Zeuginnen befragt. „Ich habe beide Zeuginnen angeschrieben. Mit Ina Ist ein Gespräch zustande gekommen.“, erklärt die Diplompsychologin, „Marta war nicht bereit, sich begutachten zu lassen, da das ganze schon sehr lange zurückliege und sie mit der Sache nichts mehr zu tun haben wolle.“ „Grundlage der Begutachtung“ sei „die Frage der Aussagetüchtigkeit, die Frage, wie man diese Zeugenaussage aus aussagepsychologischer Sicht einzuschätzen hat. Außerdem die Frage der Glaubhaftigkeit der Aussagen. Es geht darum, Hypothesen zu generieren, wie man diese Aussage auch anders betrachten kann, als wie von der Zeugin dargestellt.“

Hat sie sich eingebildet, das selbst erlebt zu haben?

Die Gutachterin resümiert: „Nach dem jetzigen Stand kann ich aus aussagepsychologischer Sicht nicht widerlegen, dass Ina etwas gehört hat von Marta und es verarbeitet hat, dadurch, dass sie sich eingebildet hat, das selbst erlebt zu haben. Bei jeder Befragung besteht auch die Gefahr, dass Aussagen verfälscht werden oder auch Aussagefragmente generiert werden. Je länger die Erinnerungen zurückliegen und je verschwommener diese Erinnerungen sind, umso mehr greift das Gedächtnis auch nach Strohhalmen, die angeboten werden. Je länger etwas zurückliegt, umso größeres Irrtumspotential ist in dem, was berichtet wird.

Viele persönliche Schicksalsschläge

Von Ina haben wir zu unterschiedlichen Befragungszeitpunkten unterschiedliche Berichte bekommen. Es ist nicht auszuschließen, dass sie in der Rückschau Quellen verwechselt und berichtete Erlebnisse als selbst erfahren wiedergibt. Es geht hier nicht um die Frage einer willentlichen Falschaussage, sondern es geht um die Frage, dass sie das möglicherweise nicht auseinanderhalten kann und meint, dass das so war. (…) Es lässt sich die Hypothese nicht von der Hand weisen, dass sie schon von Marta zu einem sehr frühen Zeitpunkt berichtet bekommen habe, was sie erlebt habe, und dann, nach vielen persönlichen Schicksalsschlägen, sie zu der Überzeugung gekommen ist, dass sie dieses auch selbst erlebt hat.

Ohne ihr Zutun da reingerutscht

Marta ist sozusagen völlig ohne ihr Zutun und, so wie ich das mitbekommen habe, ohne ihren Willen in das Verfahren hineingerutscht. Auch die Anzeige hat Ina ohne ihr Zutun geschalten. Sie war schon damals, als die Polizei sie befragtet, nicht aussagefreudig. Auch heute hat sie wiederholt geäußert, dass sie am liebsten ihre Ruhe haben will und mit der Sache nichts zu tun haben will. Auf der anderen Seite muss man also sehen, dass sie zwangsweise in diese Situation geraten ist. Wenn sie jetzt gezwungen ist, sich an Dinge zu erinnern, die 20 Jahre zurückliegen, kann man nicht davon ausgehen, dass eine schonungslose Offenheit vorliegt. Aus aussagepsychologischer Sicht sind deshalb subjektive Verfärbungen nicht auszuschließen. Aus aussagepsychologischer Sicht sehe ich keine Handhabe, das, was sie dazu gesagt hat, so dagegenzustellen, dass ich ausschließen kann, dass ihre Aussage durch subjektive Aspekte nicht so verzerrt ist, dass es so ist, wie sie es sehen möchte und heute darstellt. Es geht nicht darum, zu sagen, das stimmt nicht. Nur darum zu sagen, dass die Möglichkeit besteht, dass beide Zeugenaussagen nach dieser langen Zeit subjektiven Verfälschungen unterliegen.“ Im Fall von Marta gehe es darum, dass die „Frage der Freiwilligkeit im Laufe der Jahre anders interpretiert werden könnte. Es heißt nicht, dass es nicht stimmt. Ich kann es nur nicht anders widerlegen.“

Im Zweifel für den Angeklagten

Nach den Schlussplädoyers, die ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, verkündet das Gericht das Urteil: Freispruch. „In dubio pro reo“, wie die Richterin erklärt. „Es ist nicht unsere Aufgabe zu beurteilen, was ist moralisch richtig und korrekt ist, sondern zu beurteilen, ob ein Verhalten strafbar ist, oder nicht. Die Frage, die sich uns stellt, ist also: Was können wir nachweisen? Keiner geht heute hier davon aus, dass Ina oder Marta eine willentliche Falschaussage getätigt haben. Überhaupt gar nicht. Aber es gibt eben auch eine unwillentliche Falschaussage und das können wir nicht widerlegen. (…) Letztlich bleibt heute von dem, was hier heute geschildert wurde, nicht mehr so viel übrig, als dass man eine Verurteilung darauf stützen könnte. Es reicht im Endeffekt nicht aus, um die Nullhypothese zu widerlegen. So sprechen wir den Angeklagten, in dubio pro reo, frei.“

Text: Priscilla Dekorsi

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert




„Unsere Aufgabe ist es nicht, zu beurteilen, was moralisch richtig und korrekt ist, sondern zu beurteilen, ob ein Verhalten strafbar ist, oder nicht“

..Fortsetzung

Am Donnerstag, den 25. August 2022, gab es einen Prozess am Amtsgericht Öhringen gegen Jens Müller*. Die Anklage lautete auf Vergewaltigung.

Neben dem Angeklagten und den beiden mutmaßlichen Opfern, damals 15 und 16 Jahre, sagen die Tante von einem der vermeintlichen Opfer, Ina Peters*, deren Familienhelferin und die Polizeihauptkommissarin aus, die mit dem Fall betraut war. Nach fast neunstündiger Beweisaufnahme bringt die Befragung der psychologischen Gutachterin, die die Verhandlung verfolgt und ein psychologisches Gutachten zur Glaubhaftigkeit der Aussagen der Zeuginnen erstellt hat, eine unerwartete Wendung in den Fall. „Es ergeben sich etliche Unstimmigkeiten im Vergleich zu verschiedenen Aussagezeitpunkten von Ina Peters*.)“, erläutert die Diplompsychologin. „Es ist nicht auszuschließen, dass sie in der Rückschau Quellen verwechselt und berichtete Erlebnisse als selbst erfahren wiedergibt.“ Auch was Marta angehe, sei eine unwillentlich Falschaussage nicht auszuschließen: „Sie ist sozusagen völlig ohne ihr Zutun und, so wie ich das angenommen habe, ohne ihren Willen in das Verfahren hineingerutscht. Auch die Anzeige hat Marta Wintermann* ohne ihr Zutun geschaltet. Sie war schon damals, als die Polizei sie befragt hat, nicht aussagefreudig. Auch heute hat sie wiederholt geäußert, dass sie am liebsten ‚ihre Ruhe haben will‘ und ‚mit der Sache nichts zu tun haben‘ will. Auf der anderen Seite muss man also sehen, dass sie zwangsweise in diese Situation geraten ist. Wenn sie jetzt gezwungen ist, sich an Dinge zu erinnern, die 20 Jahre zurückliegen, kann man nicht davon ausgehen, dass eine schonungslose Offenheit vorliegt. Aus aussagepsychologischer Sicht sind deshalb subjektive Verfärbungen nicht auszuschließen.“

Die Gutachterin betont, dass sie nicht sagen könne, ob unwillentlich eine Falschaussage getätigt worden sei, durch die der Angeklagte der Vergewaltigung beschuldigt worden sei, oder ob die Aussagen der Zeuginnen Ina und Marta der Wahrheit entsprächen. Eine Falschaussage ließe sich allerdings aufgrund von Faktoren, wie der vergangenen Zeit zwischen den angeblichen Vorfällen und den Aussagen, gesundheitlichen und sozialen Komponenten und gedächtnispsychologischen Gesichtspunkten nicht ausschließen.

Schließlich resümiert die Richterin: „Unsere Aufgabe ist es nicht, zu beurteilen, was moralisch richtig und korrekt ist, sondern zu beurteilen, ob ein Verhalten strafbar ist, oder nicht. Die Frage, die sich uns stellt, ist also: „Was können wir nachweisen? Keiner geht hier heute davon aus, dass Ina Peters oder Marta Winternann eine willentliche Falschaussage getätigt haben. Überhaupt gar nicht. Aber es gibt eben auch unwillentlich Falschaussagen und das können wir nicht widerlegen. (…) Letztlich bleibt heute von dem, was hier heute geschildert wurde, nicht mehr so viel übrig, als dass man eine Verurteilung darauf stützen könnte. Es reicht im Endeffekt nicht aus, um die Nullhypothese zu widerlegen. So sprechen wir den Angeklagten, in dubio pro reo, frei.“

Text: Priscilla Dekorsi

*Namen von der Redaktion geändert




Forchtenberg: eingesperrt und brutal vergewaltigt?

Am Donnerstag, den 25. August 2022, hat das Amtsgericht Öhringen einen ganzen Prozesstag angesetzt, um zu klären, ob der 69-jährige Jens Müller* die damals 15- und 16-jährigen Ina Peters* und Marta Wintermann*. Im Jahr 1998 mehrfach vergewaltigt hat.

Der Tatvorwurf ist gravierend: Mindestens drei sexuelle Übergriffe soll der Täter zu Lasten der damals noch jugendlichen Zeuginnen, begangen haben.

Ina Peters, damals 15 Jahre, behauptet, sie sei vom Beschuldigten in dessen Schusterei in Forchtenberg eingesperrt, in einen Nebenraum gestoßen und dort brutal vergewaltigt worden, als sie dort Schuhe abholen wollte.

Die damals 16-jährige Marta Wintermann sei von Jens Müller mehrmals durch Drohungen dazu gedrängt worden, ihm in seine Wohnung in Forchtenberg zu folgen. Dort habe er sie geschlagen, geknebelt und vergewaltigt.

Der mutmaßliche Täter streitet alle Vorwürfe ab. Ina Peters  kenne er nur flüchtig. Mit Marta Wintermann habe er eine einvernehmliche Beziehung geführt.

Im Laufe der stundenlangen Verhandlung kommen immer mehr Details ans Licht.

Fortsetzung folgt.

 

Für Euch vor Ort: unsere GSCHWÄTZ-Reporterin Priscilla Dekorsi

*Namen von der Redaktion geändert




Langfinger unterwegs: Antriebswellen aus Fahrzeugen und Kupferkabel von einer Baustelle gestohlen

Ingelfingen-Stachenhausen: Antriebswellen aus Fahrzeugen gestohlen – Zeugen gesucht

Diebe entwendeten zwischen dem 16. August und dem 19. August 2022 eine Antriebswelle aus mehreren Arbeitsmaschinen in Ingelfingen-Stachenhausen. Innerhalb dieses Zeitraums begaben sich die Unbekannten zu dem Flurstück an der Landesstraße 515, an dem die Geräte gelagert waren und machten sich über diese her. Nachdem die Diebe die Antriebswellen aus den Arbeitsmaschinen ausgebaut hatten, flohen sie mit diesen. Vermutlich nutzten die Täter ein Fahrzeug zum Abtransport des Diebesguts. Der Polizeiposten Niedernhall hat die Ermittlungen aufgenommen und bittet Zeugen der Tat und Personen, die Angaben zu dem Vorfall machen können oder in diesem Bereich eine verdächtige Wahrnehmung gemacht haben, sich unter der Telefonnummer 07940 8290 zu melden.

Forchtenberg-Ernsbach: Unfall verursacht und geflüchtet

Eine bislang unbekannte Person verursachte zwischen Sonntag, 18 Uhr, und Montag
7.30 Uhr, einen Verkehrsunfall in Forchtenberg-Ernsbach und flüchtete im Anschluss. Ein 19-Jähriger stellte seinen 3er BMW am Fahrbahnrand in der Sindringer Straße ab. Als er wieder zum Fahrzeug zurückkam, stellte er fest, dass der PKW beschädigt wurde. Ein Unfallverursacher gab sich nicht zu erkennen.
Das Polizeirevier Künzelsau hat die Ermittlungen zur Unfallflucht aufgenommen und sucht nun Zeugen, welche den Unfall beobachtet haben oder dazu Angaben machen können. Diese werden gebeten sich unter der Telefonnummer 07940 9400 zu melden.

Künzelsau-Gaisbach: Kupferkabel geklaut

Unbekannte entwendeten am späten Samstagabend ein Kupferkabel von einer Baustelle in Künzelsau. Die Täter begaben sich am zwischen 21.20 Uhr und 21.30 Uhr zu der Baustelle in der Maybachstraße. Dort entwendeten die Diebe ein circa
30 Meter langes Kupferkabel. Zeugen des Diebstahls oder Personen, die Angaben zu dem Vorfall machen können oder in diesem Bereich eine verdächtige Wahrnehmung gemacht haben, werden gebeten, sich unter der Telefonnummer 07940 9400 beim Polizeirevier Künzelsau zu melden.

 




Das liegt hauptsächlich daran, das ich in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen bin“

Die Inflation treibt derzeit die Einkäufe in den Supermärkten nach oben. Die Deutsche Markenbutter, früher einmal 39 Cent günstig, kostet mittlerweile mancherorts mehr als eine Biobutter im Hofladen. An den Tankstellen sieht es nicht besser aus. Früher forderten die Grünen, den Sprit für 3 Euro pro Liter zu verkaufen. Heute scheint dies tatsächlich kurz vor der Realität zu stehen. Eine durch Corona ausgelöste Wirtschaftskrise, Klimawandel mit schlechten Ernten und ein parallel dazu tobender Krieg mitten in Europa kommt nun bei den Bürger:innen direkt im Alltag an. Der Herbst und der Winter rücken näher und mit ihnen die nächste Heizperiode mit Gas- und Ölpreisen, die nicht nur manchen im Geldbeutel wehtun, sondern der breiten Masse.

Markus Neugebauer hat sich für GSCHWÄTZ umgehört, wie die Menschen im Hohenlohekreis mit diesen Veränderungen umgehen und hat unter anderem mit Ergotherapeutin Patricia S. aus Unterheimbach gesprochen.

Die 41 – jährige Ergotherapeutin Patricia S. aus Unterheimbach sieht der Inflation relativ entspannt entgegen.

“Das liegt hauptsächlich daran, das ich in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen bin und damit in gewisser Weise schon damit konfrontiert wurde.

„Bei einer sich zuspitzenden Lage würde ich mir zu helfen wissen“, lächelt Sie mich selbstbewusst an. Sie hebt hervor, dass sie kein „Konsummensch“ sie…Sie kauft nur das, was unbedingt notwendig ist.

Auf die Frage, wo Sie selbst eine Preissteigerung gemerkt hat, kommt wie aus der Pistole geschossen: „bei meinem Metzger“. Die 41-Jährige schätzt, dass sie nun zirka 30 Prozent mehr bezahle, als noch vor einem Jahr.

Den Grund für die Preissteigerungen sieht sie in der Coronapandemie: „Die Energiepreise waren schon vor dem Ukraine-Krieg stetig am steigen.“

Auch vertritt sie die Meinung, das viele Unternehmen nicht nur die erhöhten Einkaufspreise an Ihre Kunden weitergeben, sondern die Inflation auch nutzen, um höhere Gewinne zu erwirtschaften.