Wenn aus Kindern Täter werden
„Er ist kein Monster“, werden Angehörige im Rahmen des Prozesses vor dem Landgericht Heilbronn um den 18-Jährigen aus Forchtenberg, der 12-Jährigen auf dem Supermarktparkplatz in Niedernhall am 11. September 2026 ermordet hat, nicht müde zu betonen. Kein Mensch ist ein Monster. Menschen sind Menschen. Niemand wird als Straftäter geboren. Daher ist es umso wichtiger, der Frage nachzugehen: Was lässt Menschen zu eben solchen werden?
Beide zeigten ein auffälliges Verhalten
Um eines vorneweg zu sagen: Sowohl der 12-Jährige, der ums Leben kam, als auch der 18-Jährige, der ihn überfahren hat, zeigten auf ihre Weise ein auffälliges Verhalten. Bei der Urteilsverkündung lässt der Richter noch einmal den Tag Revue passieren, an dem sich alles verändert. Wie der 12-Jährige an diesem „lauwarmen Sommertag“ in den Ferien morgens noch mit seinem Freund Fische geangelt hat und es zu einem kurzen Streit um eine Dose Mais als Fischfutter kam, die wohl umgefallen sei dabei. Es ging unter anderem um 0,79 Cent, welche die Dose gekostet hat. Auch abends auf dem Supermarktparkplatz ging es unter anderem um Kleingeld, welches der 12-Jährige und sein Freund von dem Beifahrer des 18-Jährigen einforderten. Der Beifahrer des Angeklagten und der 12-Jährige kannten sich. Es war wohl nicht das erste Mal, dass der 12-Jährige Kleingeld von ihm einforderte. Während der 12-Jährige ihn unter anderem mit „Du Downsyndrom“ und „ich f… Deine Mutter“ beleidigte, hielt der Beifahrer laut dem Richter dem 12-Jährigen „du Fettsack“ entgegen. Der 18-jährige spätere Angeklagte und Autofahrer hielt sich dagegen laut allen Beteiligten zurück während dieses vorausgehenden Disputs.
Mobbing kann emotional sehr stark belastend sein, auch wenn das Mobbing schon Jahre zurück liegt
Der Vater des Angeklagten schildert seinen Jungen denn auch als eher zurückhaltend, introvertiert. Er könne zwar auch mal laut werden, an die Decke gehen, ziehe sich aber danach direkt zurück, anstatt noch mehr auf Konfrontation zu gehen. Er berichtet, dass sein Sohn ein aufgrund von Mobbings die Schule gewechselt habe in der dritten Klasse. Ein ehemaliger Klassenkamerad berichtet von weiteren Mobbing-Vorfällen in der fünften Klasse. Der Angeklagte war früher demnach ein Mobbing-Opfer. Unter anderem sei er laut dem Vater wegen seiner Lernschwäche gehänselt worden. Das läge „aber schon Jahre zurück“. Es sei an dieser Stelle gesagt, dass sich Expert:innen alle einig sind, dass Mobbing sich dermaßen in eine Seele einbrennt, dass auch Erwachsene sich noch Jahrzehnte später sehr gut zurückerinnern können, wenn sie in ihrer Schulzeit gemobbt wurden und noch heute dieses Gefühl der Hilflosigkeit erleben, wenn sie sich daran erinnern.
Kann sich ADS tatsächlich „auswachsen“?
Er habe daneben auch ADS gehabt, weswegen er zwei Jahre vor seinem Hauptschulabschluss auch regelmäßig Medikamente (Medikinet) diesbezüglich genommen hat. Daran kann sich zwar der Vater des Angeklagten nicht mehr erinnern, wohl aber der Gutachter, der den 18-Jährigen befragt hat. ADS ist eine Konzentrationsstörung. Kinder, die ADS haben sind in der Regel eher zurückgezogen und introvertiert, können aber auch mal Wutausbrüche haben. dEr Gutachter attestierte dem 18-Jährigen laut dem Vorsitzenden Richter, dass sich das ADS inzwischen „ausgewachsen“ habe bei dem Angeklagten. Ob sich ADS wirklich „auswachsen“ kann? Hierzu gibt es unterschiedliche Meinungen. Die fachlich validierteste Theorie besagt, dass die Betroffenen lediglich lernen, damit besser umzugehen und sich an unsere gesellschaftlichen Normen besser anpassen, je älter sie werden.
In Scheune gezündelt
Bis zum Hauptschulabschluss habe der 18-Jährige aufgrund des ADS eine Lernbegleitung gehabt. Andernfalls hätte er den Hauptschulabschluss laut seinem damaligen Klassenlehrer nicht geschafft.
Der 12-Jährige, der ums Leben kam, war ebenfalls in der Vergangenheit auffällig unterwegs – Ein Polizeibeamter berichtet davon, dass er schon mal mit einem Freund in einer Scheune gezündelt habe. „dumme-Jungen-streiche“ eben, „nichts auffälliges“ oder „nichts besonderes“.
Während der Befragungen von diversen Zeug:innen zu der Psyche der Jungen, zu ihrem sozialen Umfeld, zu dem, wie sie aufgewachsen sind, was sie erlebt haben, warum sie Dinge getan haben, hat man den Eindruck, dass vieles abgetan wird, klein geredet wird, nicht näher hingeschaut wird, weil, ach je, das sind halt Jungs. Aber auch Jungen können verletzt werden. Jahrelanges Mobbing kann zu schweren Depressionen führen. Starke Vernachlässigung im Kindesalter gilt offiziell als kindeswohlgefährdend. Noch einmal: Kinder werden weder als Täter noch als Opfer geboren. Gerade vor Gerichten sollte daher noch viel intensiver darüber gesprochen werden, warum Kinder so handeln wie sie handeln. Das hat Ursachen. Und nur wenn man diesen Ursachen auf den Grund geht, kann man Kinder unterstützen, zukünftig andere Wege zu bestreiten.


